{"id":9571,"date":"2021-04-28T08:54:42","date_gmt":"2021-04-28T06:54:42","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9571"},"modified":"2021-04-28T08:56:28","modified_gmt":"2021-04-28T06:56:28","slug":"corona-demonstranten-was-sind-das-fuer-leute-und-was-wollen-sie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9571","title":{"rendered":"Corona-Demonstranten. Was sind das f\u00fcr Leute und was wollen sie?"},"content":{"rendered":"<p><em>David Reisinger. <\/em><strong>Linkswende f\u00fchrte 15 Interviews mit Teilnehmer_innen der Corona-Demonstrationen. Erkenntliche Rechtsextreme oder QAnon-Anh\u00e4nger wurden nicht interviewt, was zu einer Verzerrung der Meinungen ins \u201epositive\u201c f\u00fchren<\/strong><!--more--><strong> kann. Die Argumentation des Artikels dreht sich um den nicht faschistischen Teil der Bewegung. Wenn so gewollt, wurden Namen anonymisiert. Eine Erkenntnis der Interviews ist, dass es sich noch nicht um eine Pegida 2.0 Bewegung handelt. Rassismus ist nicht ihr gemeinsamer Nenner, obwohl Neonazis aller Art in den Protesten ein Rekrutierungsfeld sehen. Politikverdrossenheit, Hass auf Medien und \u201ekleinb\u00fcrgerliche\u201c Kapitalismuskritik erinnern punktuell an die Gelbwesten in Frankreich. Jedoch fehlt eine selbstbewusste Arbeiter_innenklasse auf den Corona-Demonstrationen.<\/strong><\/p>\n<p>Samstag, 10. April, etwas \u00fcber 3.000 Menschen versammeln sich im Wiener Schweizergarten zum Protest gegen die Coronapolitik der Bundesregierung. Rechte Fu\u00dfballhooligans neben M\u00fcttern mit Kinderwagen, organisierte Neonazis neben Esoterikern, die in der Sonne Yoga-\u00dcbungen machen, Lokalbesitzer neben Langzeitarbeitslosen. Die Stimmung liegt zwischen Volksfest mit Schlagern, Fu\u00dfball-Fanmeile und Naziaufmarsch. Im Unterschied zu vorherigen Corona Protesten hat die FP\u00d6 nicht offensiv mobilisiert. Keine Redner_innen, keine B\u00fchne und die rechtsextremen Hooligans, welche einen Demonstrationszug wegf\u00fchren wollen, haben M\u00fche die Menge zum losgehen zu motivieren. Viele bleiben mit Bier in der Wiese sitzen.<\/p>\n<p><strong>Rassismus nicht zentral<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten der interviewten Personen zeigten sich gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingspolitik desinteressiert. Weder solidarisch noch ablehnend. So erkl\u00e4rte Torben, ein 35-j\u00e4hriger Angestellter, auf die Frage, ob er die Fluchtbewegungen nach Europa f\u00fcr ein Problem h\u00e4lt: \u201eUm ehrlich zu sein, interessiert mich das \u00fcberhaupt nicht. Wer sich an die Gesetze h\u00e4lt, Steuern zahlt und mich leben l\u00e4sst wie ich will, den lass ich das auch. F\u00fcr Leute, die sich nicht an Gesetze halten, f\u00fcr die gibt es Gef\u00e4ngnisse. Ich versteh die Aufregung um das Thema nicht.\u201c Angst vor einem Bev\u00f6lkerungsaustausch, eine Propagandal\u00fcge der&nbsp;<em>Identit\u00e4ren<\/em>, die besagt, dass die globalen Eliten versuchen w\u00fcrden, die \u00f6sterreichische Bev\u00f6lkerung auszutauschen, hat er nicht.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_Fossballhooligans-bedrohen-linke-journalisten-randbild-c-Presseservice-.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"534\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_Fossballhooligans-bedrohen-linke-journalisten-randbild-c-Presseservice-.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9572\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_Fossballhooligans-bedrohen-linke-journalisten-randbild-c-Presseservice-.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_Fossballhooligans-bedrohen-linke-journalisten-randbild-c-Presseservice--300x200.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_Fossballhooligans-bedrohen-linke-journalisten-randbild-c-Presseservice--768x513.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/figure>\n<p><em>Fu\u00dfballhooligans bedrohen linke Journalist_innen. \u00a9 presse-service.net<\/em><\/p>\n<p>Auch Maria, eine 18-j\u00e4hrige Sch\u00fclerin, kann mit solchen \u201erassistischen L\u00fcgen nichts anfangen. Mein Freund ist Araber und kam selbst erst vor einigen Jahren nach \u00d6sterreich. Er spricht deutsch, macht eine Lehre und respektiert unsere Kultur. Warum sollte jemand damit ein Problem haben? Er hat mich auch schon zu Protesten begleitet und nie schlechte Erfahrungen gemacht.\u201c Nikolai, ein 43-j\u00e4hriger Selbstst\u00e4ndiger, erkl\u00e4rte: \u201eNein, also die Frage ist doch bescheuert. Ich bin hier, um ein Zeichen gegen die Regierungsdiktatur zu setzen, nicht um mich mit Fl\u00fcchtlingen auseinanderzusetzen. Jeder ist hier willkommen, \u00d6sterreicher, T\u00fcrke, Jude, Christ, Moslem, Antifa oder Rechter, darum gehts hier nicht. Wir sind hier, weil wir eingesperrt werden und wir das nicht akzeptieren.\u201c F\u00fcr die vielen Nazis an ihrer Seite scheinen sie blind.<\/p>\n<p><strong>Sie treten nach oben nicht nach unten<\/strong><\/p>\n<p>Der britische Marxist Alex Callinicos stellt in einem aktuellen Artikel \u00fcber die extreme Rechte weltweit fest: \u201eHeute ist das Schl\u00fcsselelement der rechtsextremen Ideologie die Islamophobie. Die Islamophobie erlangte ihre tiefe Verankerung in den westlichen Gesellschaften als Folge des&nbsp;<em>Kriegs gegen den Terro<\/em>r. Die rechtsextreme Version ist eine Radikalisierung der staatlichen und medialen Fokussierung auf Muslime als den \u201ainneren Feind\u2018.\u201c Diese Form des Rassismus spielt auf den Corona-Protesten nur bei den Nazis eine Rolle, nicht bei unseren Interviewpartnern.<\/p>\n<p>Die&nbsp;<em>Israelitische Kultusgemeinde<\/em>&nbsp;verschickte vor Corona-Protesten Sicherheitshinweise an ihre Mitglieder, aus Angst vor antisemitischen \u00dcbergriffen. Neben den klassischen Faschisten beteiligten sich an der Demonstration&nbsp;<em>QAnon<\/em>-Anh\u00e4nger.&nbsp;<em>QAnon<\/em>&nbsp;ist eine antisemitische Verschw\u00f6rungstheorie. Sie behauptet, eine kleine Elite aus Hollywood-Stars, Superreichen und Politikern w\u00fcrde Kinder entf\u00fchren, sie missbrauchen und wolle durch ihr Blut unsterblich werden. Trotzdem ist offener Antisemitismus nicht das zentrale ideologische Merkmal der Proteste. Im ersten Moment richtet sich der Hass der nicht-rechtsextremen Corona-Demonstrant_innen nach oben, nicht nach unten. Politiker, Journalisten, Wissenschaftler das sind die Hauptziele der Kritik.<\/p>\n<p><strong>Misstrauen in die Elite<\/strong><\/p>\n<p>Der deutsche Soziologe Oliver Nachtwey publizierte die Studie&nbsp;<em>Politische Soziologie der Corona-Proteste<\/em>: \u201eDie Bewegung der Querdenker:innen ist vor allem durch eine tiefe Entfremdung von Kerninstitutionen der liberalen Demokratie zu charakterisieren. Der parlamentarischen Politik und den Parteien, der Wissenschaft und den Medien \u2013 allen Institutionen schl\u00e4gt gro\u00dfes Misstrauen entgegen.\u201c<\/p>\n<p>Die Corona-Proteste sind Ausdruck eines tiefen Bruchs zwischen Eliten und gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung. Im Zuge der Finanzkrise von 2008\/2009 wurde deutlich, dass die Demokratie nicht im Sinne der Bev\u00f6lkerung funktioniert. Billionen Euro gab es f\u00fcr die Rettung des globalen Finanzsystems, w\u00e4hrend Abertausende in die Langzeitarbeitslosigkeit geschickt wurden. 2014 fasste Callinicos zusammen: \u201eDas Paradoxe an der gegenw\u00e4rtigen Situation ist, dass das Kapital schwach ist \u2013 aber die radikale Linke ist viel schw\u00e4cher. Oder das Kapital ist \u00f6konomisch schwach, aber politisch viel st\u00e4rker, weniger wegen der ideologischen Verbundenheit der Massen zum System, als wegen der Schw\u00e4che glaubw\u00fcrdiger antikapitalistischer Alternativen\u201c.<\/p>\n<p>Die reformistische Linke zeigt regelm\u00e4\u00dfig, dass sie nicht dazu in der Lage ist, den sozialstaatlich abgefederten Kapitalismus der 50er und 60er Jahre zur\u00fcck zu erk\u00e4mpfen. Die revolution\u00e4re Linke beherrschte durch die Stra\u00dfe die Politik abseits des Parlaments, aber dies gelingt uns prim\u00e4r \u00fcber ideologische Bewegungen: Klima, Antirassismus, Antifaschismus.<\/p>\n<p>Die klassischen Themen des Klassenkampfes \u2013 L\u00f6hne, Betriebsschlie\u00dfungen, Wohnraum usw. \u2013 mobilisierten kaum. Nicht zuletzt, weil die revolution\u00e4re Linke diese Themen ohne Gewerkschaften und Selbstaktivit\u00e4t der Arbeiter_innenklasse nicht glaubw\u00fcrdig anf\u00fchren kann. In \u00d6sterreich findet aktivierender Klassenkampf \u00fcber Streiks so gut wie nicht statt.<\/p>\n<p>Zusammengefasst: Die Tiefe der kapitalistischen Krise beim gleichzeitigen Ausbleiben einer selbstbewussten Antwort der Arbeiter_innenbewegung f\u00fchrt zum Aufbl\u00fchen von obskuren Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Ungerechtigkeiten in der Welt: Verschw\u00f6rungstheorien.<\/p>\n<p><strong>\u00d6konomische \u00c4ngste<\/strong><\/p>\n<p>Diese Politik, Geschenke f\u00fcr Reiche, Sparpakete f\u00fcr die Armen, welche wir von 2008 kennen, wiederholt sich in der Coronakrise. 450 Millionen Euro ist der Regierung die Rettung der&nbsp;<em>Austrian Airlines<\/em>&nbsp;wert. W\u00e4hrend das Management des Konzerns weiter Provisionen einsteckt, werden \u00fcber 1.000 Jobs abgebaut und die L\u00f6hne um \u00fcber 13 Prozent gek\u00fcrzt. F\u00fcr Konzerne und Multimillion\u00e4re stellt die Coronakrise kein Risiko dar, die Superreichen haben ihr Verm\u00f6gen um 50 Prozent gesteigert.<\/p>\n<p>Auch wenn auf Basis von 15 Interviews nicht festzumachen ist, wie entscheidend \u00f6konomische \u00c4ngste f\u00fcr die Demonstrant_innen sind, so spielen sie doch eine Rolle. Die Lokalbesitzerin Sabine erz\u00e4hlt: \u201eMein Caf\u00e9 war nicht gro\u00df. Trotzdem konnte ich meine Familie und zwei Vollzeit-Angestellte \u00fcber Kollektivvertrag bezahlen. Seit \u00fcber 5 Monaten ist jetzt mein Gesch\u00e4ft geschlossen und die Corona-Hilfsgelder kommen zu langsam.\u201c<\/p>\n<p>Thomas, 25, hatte vor der Coronakrise einen Job in der Gastronomie. \u201eIch hab aktuell keine Chance, eine Arbeit zu finden. Ich hab, seit ich 18 bin, durchgehend gearbeitet und wollte nie irgendjemandem auf der Tasche liegen, weder meinen Eltern noch dem Staat. Doch aktuell gibt es f\u00fcr jemanden mit meiner Karriere keine Arbeit und das nur, weil die Regierung meint, sie muss aufgrund eines Virus, der gerade einmal ein Prozent der Infizierten t\u00f6tet, alle einsperren. Menschen sollten die Freiheit haben zu entscheiden, ob sie sich dem Risiko einer Infektion aussetzen wollen oder nicht.\u201c<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_wie-zufrieden-sind-sie-mit-der-POlitik-von-OeVP-Gruene-500-befragte-6.8-april-c-Statista-2021-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"526\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_wie-zufrieden-sind-sie-mit-der-POlitik-von-OeVP-Gruene-500-befragte-6.8-april-c-Statista-2021-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9573\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_wie-zufrieden-sind-sie-mit-der-POlitik-von-OeVP-Gruene-500-befragte-6.8-april-c-Statista-2021-3.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_wie-zufrieden-sind-sie-mit-der-POlitik-von-OeVP-Gruene-500-befragte-6.8-april-c-Statista-2021-3-300x197.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_wie-zufrieden-sind-sie-mit-der-POlitik-von-OeVP-Gruene-500-befragte-6.8-april-c-Statista-2021-3-768x505.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/figure>\n<p><em>Wie zufrieden sind sie mit der Politik von \u00d6VP-Gr\u00fcne. 500 Befragte. \u00a9 Statista 2021<\/em><\/p>\n<p>Auch der 35-j\u00e4hrige Angestellte Torben beklagte: \u201eEs geht ja nur mehr um den Virus, die sozialen Auswirkungen werden totgeschwiegen. Immer mehr Menschen werden arbeitslos und die Regierung ist schuld.\u201c<\/p>\n<p><strong>Nicht gleich links<\/strong><\/p>\n<p>Besitzer_innen von kleinen Caf\u00e9s oder Trafiken werden marxistisch dem Kleinb\u00fcrgertum zugerechnet. Sie haben andere \u00f6konomische Interessen als die Arbeiter_innenklasse. In den Interviews konzentrierte sich die \u00f6konomische Kritik darauf, dass der Staat in die Wirtschaft eingreift. Hier wird die neoliberale Agenda \u00fcbernommen, der freie Markt m\u00fcsse unabh\u00e4ngig von staatlicher Einflussnahme sein. Als Linke kritisieren wir nicht, dass die Regierung Gastronomie und Handel geschlossen hat, sondern fordern die Schlie\u00dfung aller nicht \u00fcberlebensnotwendigen Unternehmen. Ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen wir bei der Kritik an ausbleibenden Sozialhilfen f\u00fcr Menschen , die im Zuge der Krise arbeitslos geworden sind.<\/p>\n<p><strong>Bill Gates<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend innerhalb der extremen Rechten der j\u00fcdische Milliard\u00e4r George Soros als der Inbegriff der m\u00e4chtigen Elite gilt, ist es innerhalb der Corona-Proteste Bill Gates. Markus, ein 33-j\u00e4hriger Trafikant, erkl\u00e4rte: \u201eWir leben doch l\u00e4ngst nicht mehr in einer Demokratie. Politiker treffen sich doch w\u00f6chentlich mit den unterschiedlichen Superreichen. Ich mein, wenn ich mir jemanden wie Bill Gates anschaue, diesen Messias der L\u00fcgenpresse, der zahlt doch auch nur daf\u00fcr, worauf er Lust hat. Ich hab da letztens ein YouTube-Video von Ken Jebsen gesehen, der schl\u00fcsselt auf, dass die WHO ohne den Spenden von Bill Gates schon l\u00e4ngst pleite w\u00e4re. Der macht das doch nicht aus N\u00e4chstenliebe, dann k\u00f6nnte er auch Essen f\u00fcr afrikanische Kinder zahlen. Nein, der tut das mit einem Ziel und wir sollten dar\u00fcber nachdenken, warum er das tut. Aber dar\u00fcber schreiben die Medien nichts, gar nichts. Und wenn man ihnen Leserbriefe schreibt, ignorieren sie das. Oder sagen, du bist Verschw\u00f6rungstheoretiker. Ja und, bin ich halt. Die Massen\u00fcberwachung der Amis war auch eine Verschw\u00f6rungstheorie, bis es Snowden aufgedeckt hat. Solche Menschen, die den Mut haben, sich mit den M\u00e4chtigen anzulegen, koste es, was es wolle, brauchen wir.\u201c<\/p>\n<p>Sabine argumentierte in eine ganz \u00e4hnliche Richtung: \u201eEs ist doch so. Unsere Regierung hat \u00fcberhaupt keine Entscheidungsgewalt. Die macht, was ihr die EU oder die Experten vorgeben. Wie mich dieser Begriff immer aufregt. Die Experten sagen, die Experten meinen. Immer diese omin\u00f6sen Experten und nie erfahren wir, warum sie Experten sind oder wer sie dazu gemacht hat. Aber es ist doch offensichtlich, Experte wirst du, weil du im Interesse der Elite handelst. Es ist doch kein Zufall, dass Bill Gates, Steve Jobs, Mark Zuckerberg und wie die alle hei\u00dfen, ein Verm\u00f6gen in irgendwelche die Wissenschaft f\u00f6rdernden Stiftungen verschleudern. Es gibt diesen Journalisten Ken Jebsen, der ist ein echter Experte. Und ich glaub, der ist auf der richtigen Spur, wenn man sich mit dem Coronavirus besch\u00e4ftigen will.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ken Jebsen<\/strong><\/p>\n<p>Sechs der interviewten Personen wiesen auf Videos von Ken Jebsen hin, um ihren Standpunkt \u201ewissenschaftlich\u201c zu untermauern. Jebsen wurde 2011 vom&nbsp;<em>Rundfunk Berlin Brandenburg<\/em>&nbsp;wegen antisemitischer Aussagen entlassen und betreibt seitdem sein extrem erfolgreiches Portal&nbsp;<em>KenFM<\/em>.<\/p>\n<p>Ken Jebsen propagiert den kleinb\u00fcrgerlichen \u201eAntikapitalismus\u201c, der sich durch seinen Fokus auf Verschw\u00f6rungs\u00adtheorien und die Differenzierung in einen guten, kleinbetrieblichen, heimischen und einen b\u00f6sen, ausl\u00e4ndischen Konzern-Kapita\u00adlismus auszeichnet. Erfolgreich ist er aber nicht zuletzt, weil er stellenweise an linke Themen wie Anti-Krieg, Sozialpolitik und Fl\u00fcchtlingsrechte ankn\u00fcpft. Ausgehend von diesen potenziell linken Standpunkten f\u00fchrt er die Leute nach rechts.<\/p>\n<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_Selbstaendige-ueberrepraesentiert-SELBSTSTAeNDIGE-NICHT-GLEICH-KLEINBUeRGERTUM-c-Nachtwey.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"438\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_Selbstaendige-ueberrepraesentiert-SELBSTSTAeNDIGE-NICHT-GLEICH-KLEINBUeRGERTUM-c-Nachtwey.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9574\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_Selbstaendige-ueberrepraesentiert-SELBSTSTAeNDIGE-NICHT-GLEICH-KLEINBUeRGERTUM-c-Nachtwey.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_Selbstaendige-ueberrepraesentiert-SELBSTSTAeNDIGE-NICHT-GLEICH-KLEINBUeRGERTUM-c-Nachtwey-300x164.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/5_Selbstaendige-ueberrepraesentiert-SELBSTSTAeNDIGE-NICHT-GLEICH-KLEINBUeRGERTUM-c-Nachtwey-768x420.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/figure>\n<p><em>Selbst\u00e4ndige sind auf Corona-Protesten \u00fcberrepr\u00e4sentiert. \u00a9 Dr. Oliver Nachtwey<\/em><\/p>\n<p>Die Nazis perfektionierten diesen kleinb\u00fcrgerlichen \u201eAntikapitalismus\u201c indem sie J\u00fcdinnen und Juden mit dem b\u00f6sen, ausl\u00e4ndischen, \u201eraffenden\u201c Kapital identifizierten. Als Gegenpol setzten sie das gute, deutsche, \u201eschaffende\u201c Kapital. F\u00fcr die Nazis waren J\u00fcdinnen und Juden nicht nur eine minderwertige \u201eRasse\u201c, sondern verantwortlich f\u00fcr alle Schlechtigkeiten von Kapitalismus UND Kommunismus. Darum ist das Treten nach oben gegen die kleine undefinierte Elite der Corona-Demonstrant_innen nicht ganz ungef\u00e4hrlich. Auch wenn sie die Schritte zum Antisemitismus der Nazis noch nicht gemacht haben, ist es m\u00f6glich, dass sich viele dahin entwickeln.<\/p>\n<p><strong>Linke Kapitalismuskritik<\/strong><\/p>\n<p>Kapitalismus ist als System verbrecherisch, aber seine Protagonisten sind austauschbar. Das Handeln der Protagonisten ist von wirtschaftlichen Gesetzen, allem voran der Profitmaximierung bestimmt. Eine moralische Kritik an diesen Protagonisten ist nicht Diskriminierung, wie es uns der liberale Mainstream manchmal einreden will.<\/p>\n<p>Gerade weil Kapitalismus auf Profitmaximierung basiert, sp\u00fclt er die \u00fcbelsten Charaktere nach oben, die Gierigen, die R\u00fccksichtslosen, die Unmenschlichen, und die k\u00f6nnen nur dort oben bleiben, wenn sie diese Eigenschaften kultivieren und zur Spitze treiben. Man nehme nur den VW-Konzern, der aus Rache Leiharbeiter_innen bei MAN k\u00fcndigt. Man muss trotz der richtigen moralischen Kritik im Hinterkopf behalten, dass es sich beim Kapitalismus um ein System handelt, das menschenzerst\u00f6rend ist, nicht um Einzelpersonen. Der Unterschied zwischen&nbsp;<em>Waldviertler<\/em>&nbsp;Schuhen und&nbsp;<em>Nike<\/em>&nbsp;ist nur, dass sie unterschiedliche Gesch\u00e4ftsmodelle verfolgen.<\/p>\n<p><strong>Unterfinanzierung der WHO<\/strong><\/p>\n<p>Nicht alle Verschw\u00f6rungstheorien sind so verr\u00fcckt wie&nbsp;<em>QAnon<\/em>. Staat und Wirtschaft versuchen tats\u00e4chlich Informationen vor uns geheim zu halten, man denke nur an Snowden, das Schreddern von Akten durch die \u00d6VP, die Finanzierung von Klimawandelleugnern durch BP,&nbsp;<em>Shell<\/em>&nbsp;und Co.<\/p>\n<p>Beispielsweise ist es richtig darauf hinzuweisen, dass nur mehr 20% des WHO-Budgets staatlich und die restlichen 80% privat finanziert sind. Nat\u00fcrlich nehmen Gates und Pharmaunternehmen durch ihre Spenden Einfluss auf die WHO. Trotzdem ist es Unsinn hinter dieser versuchten Einflussnahme die gro\u00dfe Weltverschw\u00f6rung zu vermuten. Gerade weil sich die WHO immer wieder als st\u00f6render Faktor f\u00fcr Profitinteressen von Konzernen herausstellt. Von der Forderung nach patentfreien Impfstoffen \u00fcber die Investition in Forschung zur Bek\u00e4mpfung von Krankheiten, welche insbesondere Dritte-Welt -L\u00e4nder treffen (bspw. HIV), immer wieder positioniert sich die WHO gegen die Interessen der globalen Eliten.<\/p>\n<p><strong>Ideologische Diversit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Die Proteste zeichnen sich durch ideologische Unterschiedlichkeit aus. Selbst beim Thema Corona reicht die Palette der Meinungen von offenem Leugnen der Pandemie \u2013 Florian: \u201eDas ist doch alles eine L\u00fcge der Medien, die von Gates finanziert werden, um uns alle zu impfen\u201c \u2013 bis zur Kritik an der \u00dcberdramatisierung der Gef\u00e4hrlichkeit, \u201enicht schlimmer als eine Grippe\u201c. Auch absolut gerechtfertigte Kritik f\u00fchrt auf die Demos. Sabrina, eine 68-j\u00e4hrige Pensionistin, welche lange Zeit an der Rezeption einer Arztpraxis sa\u00df, sagt: \u201eAllgemeinbildung sagt einem, dass sich Viren in geschlossenen R\u00e4umen verbreiten. Aber jetzt bekommt mein Enkel eine Strafe, weil er so vern\u00fcnftig ist, sich am Abend am Karlsplatz und nicht in seiner Wohnung zu treffen. Fr\u00fcher nannte man so etwas Unrechtsstaat und dagegen gilt es zu k\u00e4mpfen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Faschistische Bedrohung<\/strong><\/p>\n<p>Angesprochen auf Neonazis und Faschisten, die sich auf den Demonstrationen versammeln, wurde das Problem entweder geleugnet \u2013 Tobias: \u201eIch sehe hier keine Faschisten. Es sind doch auch Ausl\u00e4nder da und niemand hat ein Problem mit ihnen und sie offensichtlich auch nicht mit uns. Wir alle gemeinsam gegen die Regierung\u201c \u2013 oder verharmlost: Markus: \u201eDas letzte Mal Ausgangssperre war unter den Nazis. Das sind doch die Faschisten, die in der Regierung. Jeder ist hier willkommen, ganz egal woher er kommt oder was seine politische Einstellung ist. Auch die Antifa kann sich gerne zu uns stellen. Denen kann es doch auch nicht recht sein, dass sie abends nichts mehr trinken d\u00fcrfen und ihre Jobs verlieren.\u201c Die Akzeptanz f\u00fcr Faschisten ist das Gef\u00e4hrlichste an diesen Demonstrationen. In einem Land, in dem es ganz normal ist, dass die \u201eindirekte Nachfolgepartei der NSDAP\u201c, die FP\u00d6, zu Talkshows und TV-Interviews eingeladen wird, nicht \u00fcberraschend.<\/p>\n<p><strong>Was tun?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist richtig und wichtig, die faschistischen Elemente der Corona-Proteste blo\u00dfzustellen. Jedoch ist es zu wenig, nur auf Antifaschismus zu setzten. Zunehmende Politikverdrossenheit und die Lust, denen da oben eins auszuwischen, sind Ph\u00e4nomene, die man in den letzten Jahren vermehrt beobachten konnte. Man denke nur an den kometenhaften Aufstieg der&nbsp;<em>5-Sterne Bewegung<\/em>&nbsp;in Italien, das Brexit-Votum in England oder die&nbsp;<em>Gelbwestenbewegung<\/em>&nbsp;in Frankreich. Gerade bei den Gelbwesten war Wut auf alle etablierten Parteien bzw. auf Politik generell ein treibender Faktor der Revolte und auch in ihren Reihen lie\u00dfen sich Verschw\u00f6rungstheorien finden. Ihr Beispiel zeigt auch, dass es keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist, dass Politikverdrossenheit und Hass auf die da oben nach rechts f\u00fchren.<\/p>\n<p>Es kann nicht gelingen, die aktuellen Corona-Proteste nach links zu politisieren: Erstens ist daf\u00fcr die faschistische Beteiligung viel zu hoch, zweitens muss unser zentrales Argument gegen die Ausweitung des Coronavirus ein konsequenterer Lockdown sein. (siehe dazu unser Artikel zum Thema&nbsp;<a href=\"http:\/\/linkswende.org\/zerocovid-fahrt-die-wirtschaft-runter\/\">Zero Covid<\/a>) Trotzdem m\u00fcssen wir uns gegen die von Liberalen ge\u00e4u\u00dferte Vorstellung richten, die Corona-Proteste oder generell die Undiszipliniertheit der Bev\u00f6lkerung w\u00e4re verantwortlich f\u00fcr die entsetzliche Situation in den Intensivstationen. Wer Schuldige f\u00fcr die Katastrophe sucht, der sollte an den T\u00fcren der Regierungen klopfen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/interviews-mit-corona-demonstranten-was-sind-das-fuer-leute-und-was-wollen-sie\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. April 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Reisinger. Linkswende f\u00fchrte 15 Interviews mit Teilnehmer_innen der Corona-Demonstrationen. Erkenntliche Rechtsextreme oder QAnon-Anh\u00e4nger wurden nicht interviewt, was zu einer Verzerrung der Meinungen ins \u201epositive\u201c f\u00fchren<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":9575,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5],"tags":[121,76,84,14,11],"class_list":["post-9571","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","tag-covid-19","tag-neue-rechte","tag-oesterreich","tag-postmodernismus","tag-rassismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9571","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9571"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9571\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9577,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9571\/revisions\/9577"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9575"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9571"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9571"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9571"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}