{"id":9628,"date":"2021-05-07T15:06:09","date_gmt":"2021-05-07T13:06:09","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9628"},"modified":"2021-05-07T15:06:10","modified_gmt":"2021-05-07T13:06:10","slug":"jerusalemer-deklaration-zu-antisemitismus-und-die-juedische-linke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9628","title":{"rendered":"Jerusalemer Deklaration zu Antisemitismus und die j\u00fcdische Linke"},"content":{"rendered":"<p>\u201c\u2026\u00a0<a href=\"https:\/\/jerusalemdeclaration.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/JDA-deutsch-final.ok_.pdf\"><em>Die JDA<\/em><\/a><em>\u00a0ist eine Reaktion auf die vielfach umstrittene Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (Internationale Allianz zum Gedenken an den Holocaust; IHRA). Diese Definition wurde die letzten Jahre vielfach<\/em><!--more--><em> instrumentalisiert, um jegliche Kritik an der israelischen Besatzungspolitik und Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t zu delegitimieren und kriminalisieren. Deshalb lehnen auch weite Teile der j\u00fcdischen Linken, sowohl in Israel als auch in der Diaspora, die IHRA-Definition ab. Die JDA ist eine Antwort auf diese zunehmende Instrumentalisierung des Kampfes gegen Antisemitismus von rechts. Sie arbeitet explizit heraus, wann Kritik an der Lage in Israel-Pal\u00e4stina antisemitisch ist und wann nicht. Zum Beispiel sagt sie explizit, dass Antizionismus und Antisemitismus nicht dasselbe sind und auch der Aufruf zu Boykott, Divestment und Sanktionen (BDS) nicht per se antisemitisch ist. Das ist ein wichtiger Schritt sowohl im Kampf gegen Antisemitismus als auch zur Dekriminalisierung von Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t. (\u2026) Das Problem an der IHRA-Definition ist, dass sie viel zu vage ist und sich daher leicht instrumentalisieren l\u00e4sst. Die JDA ist viel pr\u00e4ziser und weist auch darauf hin, dass der Kontext einer Aussage zentral ist<\/em>\u2026\u201d Aus dem\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/05\/05\/jerusalemer-deklaration-zu-antisemitismus\/\">Interview \u201cJerusalemer Deklaration zu Antisemitismus\u201d mit Isabel Frey, am 5. Mai 2021 bei der ArbeiterInnenmacht<\/a>, siehe zwei weitere Beitr\u00e4ge dazu:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Nur in Deutschland: J\u00fcdisches Leben soll in Deutschland florieren. Dabei werden echte j\u00fcdische Werte permanent angegriffen \u2013 und zwar von denen, die Juden angeblich besch\u00fctzen wollen<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p><em>\u201c\u2026 Es ist kein Tabu, Israel zu lieben, es erfordert in Deutschland keinen Mut, seine Unterst\u00fctzung oder Solidarit\u00e4t mit diesem Land zu erkl\u00e4ren, oder zu verk\u00fcnden, wie sehr man die Sonne, das Meer und die sch\u00f6nen Menschen dort liebt. (\u2026) Tritt aber ein real-life Jew mit anderer Meinung in diese Konstellation, wird er oder sie nicht etwa als willkommene Stimme begr\u00fc\u00dft, sondern zunehmend diffamiert. Es sind die Deutschen, die erstaunlich schnell daran sind, J\u00fcdinnen*Juden in die N\u00e4he von Antisemitismus zu r\u00fccken, wenn sie eine verst\u00e4ndlicherweise andere Position zu j\u00fcdischen Themen haben. (\u2026) Nun ist es aber so, dass ich viele J\u00fcdinnen*Juden kenne, die Israel nicht lieben und sogar die Boykottbewegung BDS unterst\u00fctzen, die in deutschen Medien selten ohne das Beiwort \u201cantisemitisch\u201d auftaucht. (\u2026) Die Schim\u00e4re des \u201cimportierten Antisemitismus\u201d ist ein willkommener Vorwand, um sublimierten Rassismus auszuleben. Menschen aus Einwandererfamilien gerade aus dem arabischen und afrikanischen Raum und muslimische und muslimisch gelesene Menschen m\u00fcssen in Deutschland immer erst einmal beweisen, dass sie keine Antisemit*innen sind, und gelten ansonsten als Gef\u00e4hrder*innen. Ihre eigene historische Erfahrung hat in deutscher Erinnerungskultur keinen Platz. (\u2026) Es gibt Antisemitismus, der sich in Hass auf Israel als j\u00fcdischen Staat, als j\u00fcdisches Projekt, als Manifestation j\u00fcdischer Macht statt Ohnmacht entl\u00e4dt, Israel zum Ersatzobjekt macht. Und es gibt Kritik an Israel, w\u00fctende und unfaire sogar, die strukturellen, seit der Nation-State Bill auch gesetzlich verankerten Rassismus gegen Pal\u00e4stinenser*innen im Land selbst, brutale Besatzungspolitik im Westjordanland und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Erwiderungen auf pal\u00e4stinensische Gewalt im Blick hat. Dagegen kann man protestieren. Wer sich an diesem Protest st\u00f6\u00dft, ihn als israelbezogenen Antisemitismus markiert, soll bitte erst einmal darlegen, ob er die protestierten Verh\u00e4ltnisse \u00fcberhaupt als protestierenswert erachtet. (\u2026) Mein Leben als Jude wird von dieser Kritik jedenfalls nicht bedroht, das Leben von Israelis ebenfalls nicht. (\u2026) Was bedroht mein Leben als Jude? Incelnazis wie in Halle und Hanau, Polizeinazis wie vom NSU 2.0, Bundeswehrnazis wie im Hannibal-Netzwerk, Querdenker-Nazis mit gelben \u201cUngeimpft\u201d-Sternen und Waffen. Antisemitismus t\u00f6tet. Gerade deswegen ist es wichtig, genau zu sagen, was eigentlich Antisemitismus ist und was nicht. (\u2026) Aber ich bin hier und, noch einmal boruch hashem, nicht allein. Langsam entstehen Allianzen: migrantisch-j\u00fcdisch, j\u00fcdisch-pal\u00e4stinensisch, interreligi\u00f6s, Black-Jewish, Migrantifa. Diese Allianzen und B\u00fcndnisse sind nicht einfach nur Marketingpose oder Hashtag, sie sind \u00fcberlebensnotwendig. Sie entstehen durch offenen, auch schmerzhaften Dialog, damit wir eine gemeinsame Sprache finden. Wir verteidigen uns, wir unterst\u00fctzen uns, wir h\u00f6ren unseren Geschichten zu und schreiben zusammen eine neue. Wir wissen, wer unsere Feind*innen sind\u2026\u201d<\/em>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2021-04\/judentum-antisemitismus-deutschland-israel-bds-fabian-wolff-essay\/komplettansicht\">Essay von Fabian Wolff vom 2. Mai 2021 in der Zeit online<\/a><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Falsche Freunde, falsche Feinde. Die \u201eJerusalemer Erkl\u00e4rung zum Antisemitismus\u201c will die Debatte entgiften. Judenhass und Kritik an Israel sollen pr\u00e4ziser unterschieden werden.<br \/>\n<\/strong>\u201c<em>Rund 200 Wis\u00adsen\u00adschaft\u00adle\u00adr*in\u00adnen aus aller Welt\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/diak.org\/2021\/03\/25\/the-jerusalem-declaration-on-antisemitism\/\"><em>haben die \u201eJerusalem Declaration on Antisemitism\u201c unterzeichnet<\/em><\/a><em>. Die meisten sind Juden, die ihr Leben der Erforschung j\u00fcdischer Geschichte, des Antisemitismus oder des Holocaust gewidmet haben.\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.tachles.ch\/artikel\/international\/antisemitismus-neu-und-klar-definiert\"><em>Und die ein wachsendes Unbehagen miteinander verbindet, das auch mich veranlasst hat, zu unterschreiben<\/em><\/a><em>. Der Kampf gegen Antisemitismus ist gekidnappt worden, von politischen Interessen, die mit der Verteidigung j\u00fcdischen Lebens und j\u00fcdischer Kultur, mit der Verteidigung j\u00fcdischer Selbstbestimmung wenig zu tun haben. Wir leben in einer Welt, in der sich ein autorit\u00e4rer Nationalist wie Victor Orb\u00e1n, der seine Macht nicht zuletzt einer antisemitischen Kampagne verdankt, als Freund Israels deklarieren kann. (\u2026) In diesem Sinne hat auch \u201eK\u00f6nig Bibis\u201c Thronfolger Jair Netanjahu letztes Jahr gemeinsam mit der AfD das Ende der \u201eglobalistischen EU\u201c und ein \u201echristliches Europa\u201c gefordert. Die Welt, in der wir heute gegen Antisemitismus k\u00e4mpfen, ist komplizierter geworden. (\u2026) Doch wenn deutsche Politiker heute von Antisemitismus reden, dann gibt es fast nur ein Thema: BDS, die pal\u00e4stinensische Boykottbewegung. Der Streit dar\u00fcber hat verschiedene Dimensionen. Es geht darum, ob wir Europa, ob wir Deutschland als offene Gesellschaften begreifen, in denen wir ethnisch, kulturell und religi\u00f6s verschieden sein m\u00f6gen, aber unter Einhaltung gemeinsamer Regeln zusammenleben, oder ob wir Identit\u00e4ten und Territorien homogen definieren und damit die Katstrophe des Nationalismus fortschreiben. Dazu geh\u00f6rt dann eben auch: die Juden auf \u201eihr\u201c Territorium zu verweisen. Zugleich geht es um einen schmerzlichen innerj\u00fcdischen Streit: K\u00f6nnen wir nach Auschwitz in der Diaspora noch \u2013 oder endlich \u2013 selbstbewusst und selbstbestimmt leben? Oder m\u00fcssen wir nach dem nationalen Wahn des 20. Jahrhundert uns alle in einem \u201esicheren Hafen\u201c verschanzen, der sich wom\u00f6glich in ein selbstgew\u00e4hltes Ghetto verwandelt, nur diesmal hinter selbstgebauten Mauern? Und schlie\u00dflich tritt immer deutlicher ein innerisraelischer Streit vor Augen, der dar\u00fcber gef\u00fchrt wird, ob dieses Land eine ethnisch-religi\u00f6s exklusive Burg sein soll, auf die sich Juden zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen, oder ob das Land von \u201efremder Besatzung befreit\u201c werden soll, wie es BDS fordert. Oder ob daraus ein gemeinsamer Staat seiner j\u00fcdischen und nichtj\u00fcdischen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger werden kann, der zu dem finden muss, was diese Menschen miteinander teilen k\u00f6nnen, aber nicht auf dem basieren kann, was sie voneinander trennt<\/em>\u2026\u201d\u00a0<a href=\"https:\/\/taz.de\/Jerusalemer-Erklaerung-zum-Antisemitismus\/!5758139\/\">Gastkommentar von Hanno Loewy vom 29.3.2021 in der taz online<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Siehe dazu im LabourNet:<\/strong><\/p>\n<p>Am 24. Juli 2015:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/internationales\/israel\/politik-israel\/ja-israel-hat-de-facto-ein-apartheidsystem\/\">\u201cJa, Israel hat de facto ein Apartheidsystem\u201d<\/a><\/p>\n<ul>\n<li>Unsere Dossiers von 2014:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/?p=62450\">Gegen den Krieg wird auch in Israel mobilisiert<\/a>sowie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/internationales\/israel\/politik-israel\/krieg-gegen-die-bevolkerung-gazas-stoppen\/\">Krieg gegen die Bev\u00f6lkerung Gazas stoppen<\/a><\/li>\n<li>Vom 21. Juli 2014:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/internationales\/israel\/politik-israel\/ein-dialog-mit-der-hamas-ist-moglich-aber-alle-reden-nur-von-krieg-ein-interview-mit-moshe-maoz\/\">\u201cEin Dialog mit der Hamas ist m\u00f6glich, aber alle reden nur von Krieg\u201d \u2013 Ein Interview mit Moshe Maoz<\/a><\/li>\n<li>Vom 03. Juni 2014:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/internationales\/israel\/friedensbewegung\/interview-mit-zeev-sternhell-apartheid-gibt-es-in-israel-bereits\/\">Interview mit Zeev Sternhell: \u201cApartheid gibt es in Israel bereits\u201d<\/a><\/li>\n<li>und weitere\u2026 sowie unsere Rubrik Internationales \u00bb\u00a0<a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/category\/internationales\/palaestina\/\">Pal\u00e4stinensische Gebiete \u2013 Westbank und Gaza<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.labournet.de\/internationales\/israel\/soziale_konflikte-israel\/jerusalemer-deklaration-zu-antisemitismus-und-ihre-folgen-fuer-die-kritik-an-der-politik-israels\/\"><em>labournet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. Mai 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201c\u2026\u00a0Die JDA\u00a0ist eine Reaktion auf die vielfach umstrittene Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (Internationale Allianz zum Gedenken an den Holocaust; IHRA). 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