{"id":9639,"date":"2021-05-10T10:43:09","date_gmt":"2021-05-10T08:43:09","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9639"},"modified":"2021-05-10T10:43:10","modified_gmt":"2021-05-10T08:43:10","slug":"die-zapatistas-heute-vorbild-einer-sozialistischen-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9639","title":{"rendered":"Die Zapatistas heute \u2013 Vorbild einer sozialistischen Gesellschaft?"},"content":{"rendered":"<p><em>Finn Sch\u00fcttler. <\/em><strong>Der Aufstand der\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/die-erben-von-zapata-und-villa-die-fortsetzung-der-mexikanischen-revolution\/\"><strong>EZLN<\/strong><\/a><strong>\u00a0(Ej\u00e9rcito Zapatista de Liberaci\u00f3n Nacional) und die darauf folgenden Konflikte mit dem mexikanischen Staat sorgten im Jahre 1994 auch international f\u00fcr Schlagzeilen.\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/die-erben-von-zapata-und-villa-die-fortsetzung-der-mexikanischen-revolution\/\"><strong>Weltweit, aber vor allem innerhalb Mexikos<\/strong><\/a><strong>, gab<\/strong><!--more--> <strong>es sehr viel Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung f\u00fcr die gr\u00f6\u00dftenteils von Ureinwohnern gef\u00fchrte Organisation, welche sich gegen die kapitalistische und koloniale Ausbeutung der indigenen Territorien und f\u00fcr Selbstverwaltung sowie eine soziale und basisdemokratische Gesellschaft einsetzte.<\/strong><\/p>\n<p>Doch nach Abklingen der aktiven Kampfhandlungen verlor die internationale Gemeinschaft immer mehr das Interesse, heutzutage h\u00f6rt man h\u00f6chstens in linken Kreisen noch gelegentlich etwas von den nach dem Anf\u00fchrer der Mexikanischen Revolution, Emiliano Zapata, benannten Zapatistas. Trotzdem, oder gerade deswegen, lohnt es sehr, sich mit der aktuellen Situation und den Strukturen in den von den Zapatistas verwalteten autonomen Gebieten auseinanderzusetzen. Denn an ihrem Beispiel kann man Utopien entwerfen, welche das Bild einer gerechteren und demokratischeren Gesellschaft zeichnen.<\/p>\n<p><strong>Geschichtliche Hintergr\u00fcnde<\/strong><\/p>\n<p>Die Ej\u00e9rcito Zapatista de Liberaci\u00f3n Nacional, zu Deutsch \u201eZapatistische Armee der Nationalen Befreiung\u201c, gr\u00fcndete sich bereits im Jahre 1983 als Antwort auf die jahrhundertelange Marginalisierung und Diskriminierung von indigenen Bev\u00f6lkerungsgruppen und die sich immer weiter intensivierende neoliberale Ausbeutung indigener Gebiete. Mit der Zeit gewann sie mehr und mehr Unterst\u00fctzung innerhalb der Bev\u00f6lkerung des s\u00fcdlichen Bundesstaates Chiapas in Mexiko, in welchem Armut und Perspektivlosigkeit weit verbreitet waren.\u00a0Im Jahre 1991 wurde dann Artikel 27 der Verfassung der Mexikanischen Revolution, welcher besagte, dass indigenes Land nicht vom Staat verkauft oder privatisiert werden darf, aufgehoben. Kurz darauf beschloss die Regierung das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA, welches drohte, den mexikanischen Markt mit billigen Importen aus den USA zu \u00fcberschwemmen und somit die Lebensgrundlage der Ureinwohner, welche oftmals in der Landwirtschaft besch\u00e4ftigt waren, zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Diese beiden Ereignisse waren die haupts\u00e4chlichen Ausl\u00f6ser daf\u00fcr, dass sich die EZLN entschied, Ausbeutung und Enteignungen nicht l\u00e4nger widerstandslos hinzunehmen. Am 1. Januar 1994, dem Tag des Inkrafttretens des Freihandelsabkommens, erkl\u00e4rten die Zapatistas dem mexikanischen Staat den Krieg und besetzten die Rath\u00e4user bedeutender St\u00e4dte Chiapas, befreiten indigene Gefangene und leisteten sich Gefechte mit Milit\u00e4r und Polizei. Diese hatten jedoch oftmals die \u00dcbermacht und konnten die Aufst\u00e4ndischen nach einigen Tagen wieder in die l\u00e4ndlicheren Gebiete und den Dschungel zur\u00fcckdr\u00e4ngen. Nach nur zw\u00f6lf Tagen wurde am 12. Januar 1994 ein Waffenstillstand vereinbart, rund 300 Personen mussten in dieser Zeit ihr Leben lassen. Es begannen Verhandlungen zu einem Friedensabkommen, welche jedoch erst im Februar 1996 mit den Abkommen von San Andr\u00e9s ein Ergebnis hervorbrachten. Durch diese Abkommen sollten theoretisch indigene Rechte und Selbstbestimmung gesichert werden, in der Praxis hielt sich die mexikanische Regierung aber nicht an die vereinbarten Punkte und hat diese bis heute nicht umgesetzt. \u00dcber die Jahre gab es daher immer wieder kleinere Auseinandersetzungen zwischen dem mexikanischen Milit\u00e4r oder rechten, paramilit\u00e4rischen Gruppierungen und den Zapatistas, heutzutage ist die Sicherheitslage nichtsdestotrotz ziemlich stabil.<\/p>\n<p><strong>Politische Strukturen der autonomen Gebiete<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn die mexikanische Regierung die zapatistischen Territorien und ihre Selbstverwaltung bis heute nicht anerkennt, k\u00f6nnen die Zapatistas ein Gebiet von rund 24.403 Quadratkilometern mit ungef\u00e4hr 363.583 Einwohnern (2018) f\u00fcr sich beanspruchen. In diesem wird eine anti-hierarchische und basisdemokratische Gesellschaft aufgebaut, welche auf kollektivem Eigentum und der Befreiung der Frau basiert. Auf politischer Ebene organisieren sich die Zapatistas f\u00f6deralistisch: Unterstes Glied der politischen Strukturen sind die Volksversammlungen der einzelnen Gemeinden, in welchen die Allgemeinheit betreffende Angelegenheiten sowie pers\u00f6nliche Anliegen einzelner Bewohner diskutiert und basisdemokratisch Beschl\u00fcsse gefasst werden. Jede Person ab dem Alter von zw\u00f6lf Jahren ist stimmberechtigt und kann sich in die demokratischen Prozesse einbringen. Diese unterschiedlichen Volksversammlungen schlie\u00dfen sich zu autonomen Kommunen zusammen, welche nach den gleichen Prinzipien funktionieren und sich wiederum zu Regionen f\u00f6derieren. Es gibt f\u00fcnf dieser Regionen, auch \u201eCaracoles\u201c, w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt \u201eSchneckenh\u00e4user\u201c genannt, welche gr\u00f6\u00dftenteils unabh\u00e4ngig voneinander agieren und durch die \u201eJuntas der Guten Regierung\u201c verwaltet werden. Diese stellen das oberste Regierungsorgan der zapatistischen Gebiete dar und setzen sich aus den in den einzelnen autonomen Kommunen f\u00fcr drei Jahre gew\u00e4hlten Vertretern zusammen. Im Gegensatz zu dem in westlichen Staaten vorherrschendem Verst\u00e4ndnis von Demokratie k\u00f6nnen diese Vertreter, wenn sie einmal gew\u00e4hlt sind, jedoch nicht einfach tun und lassen, was sie wollen: Sie sind direkt von ihrer Basis abh\u00e4ngig und unterliegen dem Prinzip des gehorchenden Regierens. Das bedeutet, dass wer intransparent oder nicht im Sinne der Kommune handelt, zu jeder Zeit wieder abgew\u00e4hlt werden kann, ganz nach dem Prinzip \u201e<em>Aqu\u00ed manda el Pueblo y el Gobierno Obedece<\/em>\u201c, zu Deutsch \u201eHier befiehlt das Volk und die Regierung gehorcht\u201c. Dar\u00fcber hinaus rotieren alle Amtstr\u00e4ger regelm\u00e4\u00dfig und tauschen ihre Zust\u00e4ndigkeitsgebiete aus, damit niemand zu lange eine gewisse Machtposition inne hat und alle auf den unterschiedlichen Gebieten Kompetenzen erwerben, um somit einen m\u00f6glichst produktiven Austausch untereinander zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p><strong>Der Aufbau einer demokratischen Wirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Die Etablierung basisdemokratischer Prinzipien bleibt jedoch nicht auf die politischen Strukturen der autonomen Gebiete beschr\u00e4nkt. Das Privateigentum an Produktionsmitteln wurde abgeschafft und s\u00e4mtliches Land in kollektives Eigentum \u00fcberf\u00fchrt. Die Wirtschaft setzt sich aus unterschiedlichen Kooperativen zusammen, welche ihre Produktion demokratisch organisieren und keine hierarchischen Strukturen zulassen. Somit kann gew\u00e4hrleistet werden, dass jeder \u00fcber die Ertr\u00e4ge seiner Arbeit verf\u00fcgen kann und diese sich nicht von einer externen Person angeeignet werden. Dabei wird vor allem f\u00fcr die eigene Bev\u00f6lkerung und den mexikanischen Markt produziert, es werden jedoch auch Waren im Wert von rund 44 Millionen Dollar j\u00e4hrlich ins Ausland exportiert. Den durch zapatistische Kooperativen produzierten Kaffee kann man auch in Deutschland erwerben.<\/p>\n<p><strong>Gesellschaftliche Errungenschaften<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber den Aufbau einer progressiven Gesellschaft hinaus konnte die zapatistische Selbstverwaltung aber auch im Alltag der Menschen viele positive Ver\u00e4nderungen bewirken. So f\u00fchren die Zapatistas Hunderte von Schulen, in welchen den Sch\u00fclern demokratische Bildung erm\u00f6glicht wird. Dies bedeutet konkret, dass die Sch\u00fcler eine Basisausbildung erhalten und daraufhin den Unterricht in den Schulen selbst mitorganisieren sowie Inhalte des Lehrplans mitbestimmen k\u00f6nnen. Dabei steht es vor allem im Vordergrund, den Sch\u00fclern Pluralismus, Kollektivismus und Respekt vor der eigenen Kultur und Tradition zu vermitteln, die in der westlichen Welt normalisierte Bewertung von Leistungen durch Noten existiert nicht. Durch diese Ma\u00dfnahmen konnte das Bildungsniveau erh\u00f6ht und die Analphabetenrate gesenkt werden. Dar\u00fcber hinaus wurde ein universelles Gesundheitssystem aufgebaut, in welchem alle Patienten gratis behandelt und in vielen Bereichen, wie zum Beispiel Impfungen von Kindern oder der medizinischen Versorgung von Schwangeren, bessere Ergebnisse erzielt werden als in Gebieten, die durch den mexikanischen Staat verwaltet werden. Nur f\u00fcr die Medizinkosten muss selbst aufgekommen werden.<\/p>\n<p>Weitere Bereiche, in denen viele Projekte gestartet und Fortschritte erreicht wurden, sind die \u00d6kologie und die Emanzipation der Frau. Durch ein Verbot chemischer D\u00fcngemittel und Pestizide soll die Umwelt gesch\u00fctzt werden. Durch das Aufforsten von W\u00e4ldern und vermehrten T\u00e4tigkeiten von Imkern, welche die Bienenpopulationen wieder steigern sollen, werden die lokalen \u00d6kosysteme gest\u00e4rkt. Frauen haben die gleichen Rechte wie M\u00e4nner, bekleiden wichtige Positionen, und es wird viel f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung \u00fcber Sexismus, Diskriminierung und Frauenfeindlichkeit getan sowie den Frauen Selbstverteidigung beigebracht. Sollte es trotzdem zu \u00dcbergriffen oder Missbrauch kommen, gibt es f\u00fcr die T\u00e4ter empfindliche Strafen.<\/p>\n<p><strong>Ein Vorbild f\u00fcr die ganze Welt<\/strong><\/p>\n<p>In den von den Zapatistas kontrollierten Gebieten wird aufgezeigt, dass eine bessere und gerechtere Gesellschaft existieren kann. Durch die basisdemokratischen Strukturen und die kollektiven Eigentumsverh\u00e4ltnisse wird das Mitbestimmungsrecht aller Menschen gesichert und ein menschenw\u00fcrdiges Leben f\u00fcr alle m\u00f6glich gemacht. In einem Land, das in den letzten Jahren vor allem durch die Gewalt und Kriminalit\u00e4t in Zusammenhang mit den Drogenkriegen sowie grausame Femizide international auf sich aufmerksam gemacht hat, gibt es Regionen, in denen Frauen ein selbstbestimmtes Leben, gr\u00f6\u00dftenteils frei von Gewalt f\u00fchren k\u00f6nnen und die Drogenkartelle keinen Einfluss haben. Am Beispiel der Zapatistas k\u00f6nnen wir aufzeigen, wie eine zuk\u00fcnftige Gesellschaft, in der Solidarit\u00e4t und Kooperation anstelle von Hass und Konkurrenz vorherrschende Werte sind, aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/die-zapatistas-heute-vorbild-einer-sozialistischen-gesellschaft\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. Mai 2021<\/em><\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Finn Sch\u00fcttler. 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