{"id":9660,"date":"2021-05-17T15:25:10","date_gmt":"2021-05-17T13:25:10","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9660"},"modified":"2021-05-17T15:25:39","modified_gmt":"2021-05-17T13:25:39","slug":"anti-krisen-bewegung-von-links-aufbauen-eine-linke-antwort-auf-zerocovid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9660","title":{"rendered":"Anti-Krisen-Bewegung von links aufbauen! \u2013 Eine linke Antwort auf #ZeroCovid"},"content":{"rendered":"<p>Mitte M\u00e4rz 2020 verh\u00e4ngte die Bundesregierung zum ersten Mal einen gesamtdeutschen Lockdown. Seitdem bestimmt das staatliche Krisenmanagement unser Leben unter den Bedingungen einer Pandemie und einer Wirtschaftskrise.<!--more--><\/p>\n<p>Im April 2020 traten wir als #NichtaufunseremR\u00fccken das erste Mal \u00f6ffentlich in Erscheinung. Mit den Initiativen \u201eWir zahlen nicht\u201c und \u201eWer hat der gibt\u201c entstanden im Juni und September weitere B\u00fcndnisse und Strukturen, um aktiv gegen die Krisenfolgen vorzugehen.<\/p>\n<p>Anfang Januar 2021 ging mit \u201e#ZeroCovid\u201c eine Petition online, die innerhalb der antikapitalistischen und breiteren Linken eine kontroverse Debatte um die richtige Strategie in Krisen-Zeiten losgetreten hat. W\u00e4hrend die \u201e#ZeroCovid\u201c-Kampagne politisch in die falsche Richtung geht, ist die Strategiedebatte erfreulich und unbedingt notwendig!<\/p>\n<p>Um zu einem Kl\u00e4rungsprozess beizutragen, m\u00f6chten wir deshalb einige Thesen f\u00fcr eine linke Anti-Krisen-Strategie entwickeln.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Corona- und Wirtschaftskrise zusammendenken<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wenn wir \u00fcber eine linke Anti-Krisen-Strategie nachdenken, bedarf es einer gemeinsamen Analyse der Situation. Auch wenn es unglaublich viele Einzelfragen gibt, m\u00fcssen wir zu Beginn von einem einheitlichen Gesamtbild ausgehen:<\/p>\n<p>Wir erleben bereits seit 2018\/2019 eine weltweite Wirtschaftskrise. Dabei handelt es sich um eine \u00dcberproduktionskrise, wie sie der Kapitalismus gesetzm\u00e4\u00dfig und regelm\u00e4\u00dfig ca. alle 5 Jahre hervorbringt. Die aktuelle \u00dcberproduktionskrise hat die Besonderheit, dass sie mit einer Reihe sehr grundlegender Ver\u00e4nderungen in der Organisation der kapitalistischen Produktion zusammenf\u00e4llt und diese beschleunigt. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel\u00a0\u00a0die Digitalisierung weiter Teile der Produktion, die breite Einf\u00fchrung von Methoden der k\u00fcnstlichen Intelligenz und die sogenannte Dekarbonisierung, d.h. der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Diese Entwicklungen werden die Arbeits- und Lebensbedingungen von gro\u00dfen Teilen der Arbeiter:innenklasse auf Jahre hin stark ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Im Jahr 2020 brach die Corona-Pandemie inmitten der \u00dcberproduktionskrise aus. Dies\u00a0f\u00fchrte dazu, dass deren Auswirkungen massiv versch\u00e4rft wurden, zum Beispiel\u00a0durch die Lockdowns in zahlreichen L\u00e4ndern und die Unterbrechung internationaler Produktionsketten.<\/p>\n<p>Das bedeutet: Nicht Corona hat die Wirtschaftskrise ausgel\u00f6st, wie es mitunter dargestellt wird, sondern die staatlichen Reaktionen auf die Pandemie haben die vorher bestehende Wirtschaftskrise massiv versch\u00e4rft und vertieft. N\u00e4heres hierzu ist in unserem\u00a0<a href=\"https:\/\/nichtaufunseremruecken.noblogs.org\/wirtschaftskrise-nichtaufunseremruecken\/\">Positionspapier zur Wirtschaftskrise<\/a>\u00a0zu finden.<\/p>\n<p>Diese Entwicklungen treten wiederum zusammen mit einer\u00a0sich\u00a0seit langem\u00a0\u00a0zuspitzenden\u00a0Umweltkrise sowie einer massiven internationalen Migrationsbewegung auf. Die kapitalistischen Staaten sind also mit einer\u00a0multiplen\u00a0Krisensituation konfrontiert \u2013 und wir auch.<\/p>\n<p>Weltweite Wirtschaftskrisen sind Phasen, in denen sich die internationalen Spannungen zwischen den imperialistischen Staaten versch\u00e4rfen. Das zeigt sich aktuell unter anderem\u00a0\u00a0darin, dass es keine nennenswerten Bem\u00fchungen um eine internationale Kooperation gegen Wirtschaftskrise und Pandemie gibt, wie es 2008\/2009 wenigstens noch zum Teil der Fall war. Heute k\u00e4mpft jeder Staat ganz offen f\u00fcr sich allein, was sich in den folgenden Punkten bemerkbar macht:<\/p>\n<p>In jedem kapitalistischen Staat lagen in der Pandemie die Optionen einer konsequenten Abschottung nach au\u00dfen zumindest auf dem Tisch. Einige Staaten haben sie umgesetzt, wie zum Beispiel Australien oder Neuseeland; andere wie Deutschland haben sie bisher nicht umgesetzt \u2013 aus Angst vor weiteren wirtschaftlichen Sch\u00e4den. Dass Deutschland sich aber solidarischer gegen\u00fcber anderen Staaten in dieser Pandemie verh\u00e4lt, w\u00e4re ein fataler Trugschluss. Die gemeinsame Beschaffung von Impfstoff in der EU hat es nur gegeben, weil Deutschland weite Teile der EU als Einflusszone betrachtet, die zentral f\u00fcr seine Machtstellung im imperialistischen Weltsystem ist.<\/p>\n<p>Nach innen stellen sich alle kapitalistischen Staaten\u00a0einerseits\u00a0die Aufgabe, das uners\u00e4ttliche Profitstreben der Unternehmen m\u00f6glichst nicht einzuschr\u00e4nken. Andererseits soll verhindert werden, dass die Pandemie vollkommen au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t. Dieser Balanceakt musste notwendigerweise scheitern und \u00fcberdies tiefe\u00a0Br\u00fcche\u00a0in der Gesellschaft mit sich bringen.<\/p>\n<p>Nicht nur die Wirtschaftskrise soll, wie jede kapitalistische Krise, auf den R\u00fccken der Arbeiter:innen abgew\u00e4lzt werden, indem Rettungspakete f\u00fcr Gro\u00dfkonzerne in Milliardenh\u00f6he vergeben werden, sondern auch die Corona-Krise. Der kapitalistische Umgang mit der Pandemie hat den b\u00fcrgerlichen Demokratien in Europa gewisserma\u00dfen ihre Maske vom Gesicht gerissen. Statt \u201efreien B\u00fcrger:innen\u201c mit berechtigten Interessen wurden die allermeisten Menschen auf das reduziert, was sie aus der Sicht des Kapitals sind: N\u00e4mlich Arbeitskr\u00e4fte.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Die Frage richtig stellen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ausgehend von dieser Gesamtsituation sollten wir uns als Linke auf die Fragestellung \u201eWas ist denn euer Plan zur L\u00f6sung der Pandemie?\u201c gar nicht erst einlassen. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir dar\u00fcber philosophieren, wie die Pandemie-Bew\u00e4ltigung in einer sozialistischen Gesellschaft aussehen w\u00fcrde. Doch da wir nicht kurz vor einer Revolution stehen, muss aktuell jede Krisenl\u00f6sung innerhalb der Logik des Systems verbleiben, welches uns das Elend\u00a0erst eingebrockt hat.<\/p>\n<p>Ein Versuch von links, die Krise unter den jetzigen Machtverh\u00e4ltnissen zu l\u00f6sen, muss zwangsl\u00e4ufig dazu f\u00fchren, reformistische Forderungen zu stellen \u2013 und zwar an die einzige reale Macht zu stellen, die diese gro\u00dfe Aufgabe heute umsetzen kann: N\u00e4mlich den b\u00fcrgerlichen Staat, der doch gerade verantwortlich f\u00fcr das Desaster ist!<\/p>\n<p>Es ist ja gerade dieser Staat, der durch jahrzehntelange Sparprogramme in Altenheimen und Krankenh\u00e4usern Zust\u00e4nde geschaffen hat, die in Pandemiezeiten bedeuten, dass nicht alle intensivmedizinisch versorgt werden k\u00f6nnen (und ableistische Rangfolgen bei der Versorgung von Menschen angewendet werden); es ist gerade dieser Staat, der sich den gro\u00dfen Pharmakonzernen bei der Impfstoffproduktion auf Gedeih und Verderb ausgeliefert hat. Als Arbeiter:innen haben wir von einem b\u00fcrgerlichen Staat, wie Deutschland es ist, nichts zu erhoffen und wir erwarten von ihm keine L\u00f6sung f\u00fcr unsere Probleme.<\/p>\n<p>Mit der #ZeroCovid-Petition ist man gerade aufgrund der falschen Fragestellung in die Falle des Reformismus getappt. So fordert die Petition vom kapitalistischen Staat einen kurzen, schmerzhaften, aber daf\u00fcr \u201esolidarischen\u201c Lockdown: Kontakte zwischen allen reduzieren, alles schlie\u00dfen, insbesondere die Betriebe; besonders Betroffene unterst\u00fctzen; das Gesundheitssystem st\u00fctzen und ausbauen; Patente aushebeln; die Reichen zur Kasse bitten. Auf den ersten Blick mag die eine oder andere Forderung von #ZeroCovid sich antikapitalistisch anh\u00f6ren. Die Ausrichtung der Initiative, einen \u201eharten Lockdown\u201c zu fordern, bedeutet aber in letzter Konsequenz, nach der starken Hand des imperialistischen Staates zu rufen und diesen damit zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Faktisch wird damit unter \u201elinken\u201c Vorzeichen der Ausnahmezustand gerechtfertigt oder sogar ausdr\u00fccklich eingefordert: Denn wer sonst als Polizei und Bundeswehr soll die Einschr\u00e4nkung der Bewegungsfreiheit und Kontaktverbote durchsetzen? Die Regierungen werden die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, um den Sicherheits- und Repressionsstaat in der Pandemie noch weiter auszubauen: Kontakt- oder sogar Ausgangssperren f\u00fcr die gesamte Bev\u00f6lkerung unter Strafandrohung; faktische Aufhebung des Versammlungsrechts; sowie stark ausgeweitete \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen, um dies durchzusetzen. Den Vorgeschmack auf solch ein m\u00f6gliches Szenario erleben wir bereits seit Monaten mit der Einschr\u00e4nkung unserer Rechte und Freiheiten.<\/p>\n<p>Dieser Staat wird aufgrund des internationalen Konkurrenzkampfs niemals von \u201eoben\u201c die Betriebe\u00a0schlie\u00dfen. Ebenso wenig wird er uns die Freiheitsrechte zur\u00fcckgeben, die er uns im Falle eines angeblich \u201esolidarischen Shutdowns\u201c nehmen wird, da er schon seit Jahren auf deren Abbau hinarbeitet.<\/p>\n<p>Unter den Bedingungen der globalisierten Produktion l\u00e4uft eine ZeroCovid-Strategie \u2013 gerade bei einem Land wie Deutschland \u2013 auf Grenzkontrollen hinaus. Ob an den deutschen oder europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen, w\u00fcrde dies in jedem Fall jeglichem Prinzip internationaler Solidarit\u00e4t widersprechen: Angenommen der Staat w\u00fcrde es mit einem wochen- oder monatelangen harten Lockdown\u00a0\u2013\u00a0der zum Beispiel\u00a0in Wuhan \u00fcber drei Monate dauerte, tats\u00e4chlich schaffen, Corona in Deutschland und Europa zu besiegen. In Afrika und den Kriegs- und Krisengebieten im Mittleren Osten w\u00fcrde die Pandemie unabh\u00e4ngig davon weiter toben. Und dann? Sollen wir uns dann bei Frontex freiwillig melden, um die Einreise von m\u00f6glicherweise infizierten Menschen zu verhindern?<\/p>\n<p>Anstatt unseren eigenen \u201ePlan\u201c f\u00fcr eine L\u00f6sung der Pandemie vorzulegen und uns damit der Logik dieses Systems zu ergeben, sollten wir als Linke mit einer anderen Frage an die aktuelle Situation herangehen. N\u00e4mlich: Was sind aktuell die unmittelbaren N\u00f6te der verschiedensten Teile unserer Klasse? Was sind die daraus resultierenden Forderungen? Wie k\u00f6nnen wir in den K\u00e4mpfen um diese Forderungen eine Gegenmacht in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens aufbauen, sodass die Arbeiter:innenklasse zu einer realen politischen Macht wird?<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Eine Strategie muss eine maximale Kampfeinheit erm\u00f6glichen \u2013 ohne unsere Klassenposition aufzugeben!<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Um eine reale Gegenmacht der Arbeiter:innen zu schaffen, m\u00fcssen wir versuchen, uns in der Komplexit\u00e4t der Probleme unserer Klasse und anderer Schichten zurechtzufinden. Denn das kapitalistische staatliche Krisenmanagement der Corona- und Wirtschaftskrise betrifft verschiedene Menschen ganz unterschiedlich:<\/p>\n<ul>\n<li>Zum einen haben wir\u00a0<strong>unterbesch\u00e4ftigte Arbeiter:innen<\/strong>,\u00a0die auf Kurzarbeit sind oder entlassen werden und Angst vor Armut und Hartz IV haben.<\/li>\n<li>Daneben gibt es aber auch\u00a0<strong>Arbeiter:innen, die dem Virus weiterhin besonders ausgesetzt sind<\/strong>, weil sie im direkten Menschenkontakt ihre Gesundheit aufs Spiel setzen und manchmal noch mehr arbeiten m\u00fcssen \u2013 wie zum Beispiel die Kolleg:innen in Krankenh\u00e4usern, in Superm\u00e4rkten, Paketboten und Lagerarbeiter:innen, Fleischfabrikarbeiter:innen, LKW-Fahrer:innen und Erzieher:innen.<\/li>\n<li><strong>Kleine Gewerbetreibende<\/strong>\u2013 insbesondere in der Gastronomie, im Friseurhandwerk oder der Kultur \u2013 sind mit einem faktischen Berufsverbot belegt und stehen vor dem wirtschaftlichen Ruin.<\/li>\n<li><strong>Mieter:innen<\/strong>sind zum einen \u2013 gerade wenn sie ihre Jobs verloren haben \u2013\u00a0 mit dem Problem konfrontiert, ihre Miete nicht mehr zahlen zu k\u00f6nnen. Zum anderen m\u00fcssen sie oft in viel zu kleinen Wohnungen leben \u2013 wo der Lagerkoller vorprogrammiert und das Infektionsrisiko besonders hoch ist.<\/li>\n<li><strong>Sch\u00fcler:innen<\/strong>wird das Recht auf Bildung genommen, sie vereinsamen zu Hause, w\u00e4hrend der Staat nicht in der Lage ist, digitale Endger\u00e4te bereitzustellen oder Luftfilteranlagen in Klassenr\u00e4umen aufzubauen. Im Lockdown steigt auch die Gewalt gegen Kinder an, f\u00fcr die die Schule ein Zufluchtsort ist.<\/li>\n<li><strong>Rentner:innen und Menschen mit Vorerkrankungen und Behinderungen<\/strong>gelten zwar als Risikogruppen und m\u00fcssen in der staatlichen Propaganda als Grund f\u00fcr massive\u00a0 Grundrechtseinschr\u00e4nkungen herhalten. Wie egal sie aber tats\u00e4chlich f\u00fcr die Politik sind, kommt unter anderem im Impfchaos zum Ausdruck oder darin, dass Menschen \u00fcber Monate von jedem Kontakt mit Angeh\u00f6rigen abgeschnitten werden.<\/li>\n<li><strong>Frauen<\/strong>wird nach wie vor ein Gro\u00dfteil der anfallenden unbezahlten Reproduktionsarbeit \u2013 also der Haus- und Sorgearbeit, der Kindererziehung usw. zugewiesen; all das wird unter den momentanen Bedingungen zu einer enormen zus\u00e4tzlichen Belastung. Die patriarchale Gewalt im Lockdown steigt massiv an (und kann aufgrund des gro\u00dfen Mangels an Pl\u00e4tzen in Notunterk\u00fcnften nicht aufgefangen werden.)<\/li>\n<li><strong>LGBTI+<\/strong>Menschen sind im Lockdown besonders betroffen \u2013 sei es zum Beispiel durch die steigende patriarchale Gewalt im Lockdown, dem Schlie\u00dfen von Zufluchtsorten wie Bars und Vereinen, der fehlenden Zug\u00e4nglichkeit f\u00fcr LGBTI+ zu Notunterk\u00fcnften oder dem Aussetzen \/ Aufschieben von medizinischer Versorgung wie Hormontherapien oder geschlechtsangleichenden OPs f\u00fcr trans Personen.<\/li>\n<li><strong>Obdachlose<\/strong>sind in Unterk\u00fcnften dem Virus verst\u00e4rkt ausgesetzt, und m\u00fcssen zus\u00e4tzlich aufgrund des Lockdowns mit weniger Geld auskommen, da das Sammeln von Pfandflaschen oder das Bitten um Spenden kaum eintr\u00e4glich ist.<\/li>\n<li><strong>Menschen mit psychischen Erkrankungen<\/strong>erleben die soziale Isolation oftmals als noch belastender \u2013 f\u00fcr sie dringend notwendige Hilfsangebote wie Selbsthilfegruppen, Therapien und Klinikaufenthalte werden ab- oder unterbrochen.<\/li>\n<li>Die\u00a0<strong>Gefl\u00fcchteten<\/strong>werden lediglich als m\u00f6glicher Ansteckungsfaktor betrachtet. Die Bearbeitung von Asylantr\u00e4gen ist fast auf null herunter gefahren worden und auch die Lager in Deutschland wurden faktisch in Gef\u00e4ngnisse verwandelt, sobald auch nur eine einzige Infektion festgestellt wurde.<\/li>\n<li>Auch die\u00a0<strong>Gefangenen<\/strong>sind einerseits dem Virus besonders ausgesetzt. Anderseits werden Freizeitangebote und Arbeitsm\u00f6glichkeiten oftmals komplett gestrichen. Der ohnehin schon geringe Kontakt nach au\u00dfen und zwischen den Gefangenen wird nochmal versch\u00e4rft und die sowieso schon prek\u00e4re Gesundheitsversorgung im Gef\u00e4ngnis spitzt sich zu.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wir erleben eine komplexe Situation, in welcher der kapitalistische Lockdown, welcher das Virus halbherzig bek\u00e4mpft, unserer Klasse scheinbar widersprechende Interessen aufdr\u00e4ngt. Damit sollen wir aufeinander gehetzt werden, statt uns zu vereinen und unsere Wut dorthin zu richten, wo sie hingeh\u00f6rt: Nach oben.<\/p>\n<p>Beispiele daf\u00fcr sind Fragen wie die folgenden: Sollen wir die Schulen schlie\u00dfen und zuschauen, wie die patriarchale Gewalt explodiert? Wollen wir uns tats\u00e4chlich Neuseeland mit seiner strikten Einreisepolitik und seinen harten Ausgangssperren zum Vorbild nehmen? Wer sagt dann den Gefl\u00fcchteten auf Lesbos oder in Bosnien-Herzegowina, dass sie nun noch l\u00e4nger in Lagern ausharren m\u00fcssen? Wer macht den alleinerziehenden M\u00fcttern verst\u00e4ndlich, dass sie ihre drei Kinder leider ohne Kita bei Laune halten m\u00fcssen, bis die Inzidenz bei null ist?<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen unbedingt verhindern, dass wir uns als Klasse gegenseitig die Schuld am Infektionsgeschehen geben. Stattdessen muss unsere Bewegung die Interessen aller von Pandemie und Krise getroffener Teile unserer Klasse ber\u00fccksichtigen. Das geht nur, wenn wir unsere allgemeinen und langfristigen Interessen als Ausgangspunkt nehmen.\u00a0Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen wir f\u00fcr jedes Kampffeld differenzierte Forderungen und K\u00e4mpfe entwickeln, welche die Gesamtinteressen im Blick behalten.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Die Profiteure benennen und zur Verantwortung ziehen!<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Gegensatz zu unseren durch die letzten Monate in jeder Hinsicht enorm strapazierten Mitmenschen gibt es eine kleine Schicht, die bisher keinerlei Verantwortung f\u00fcr die \u00dcberwindung der Pandemie \u00fcbernimmt: Die Kapitalist:innenklasse. Wo sie es scheinbar tun, dient dies lediglich der Aufrechterhaltung der Produktion in ihrem eigenen Bereich.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Privatleben der meisten Menschen in diesem Land auf den engsten Familienkreis und den heimischen Fernseher beschr\u00e4nkt wird, stand die Schlie\u00dfung aller nicht lebensnotwendigen Gro\u00dfbetriebe nie ernsthaft zur Debatte. Zu diesem Schritt konnte man sich lediglich in der Gastronomie, im Gastgewerbe und in Teilen des Einzelhandels durchringen.<\/p>\n<p>Die Schlie\u00dfung von Gro\u00dfbetrieben ist notwendig, um die Infektionszahlen m\u00f6glichst schnell zu senken. Einen \u201esolidarischen Shutdown\u201c kann es im Kapitalismus jedoch nicht geben. Besonders die \u00dcberproduktionskrisen m\u00fcnden in die Zerst\u00f6rung kleinerer Betriebe und von Millionen Existenzen zugunsten der Gro\u00dfkonzerne. Lediglich zeitweilige Zugest\u00e4ndnisse k\u00f6nnen von uns erk\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p>Wenn man also einen Lockdown der Wirtschaft durchsetzen will, so muss dies mit klaren Forderungen und konkreten K\u00e4mpfen verbunden sein. Beispielsweise die volle Weiterzahlung der L\u00f6hne aller Arbeiter:innen durch das Kapital, das Verbot von Entlassungen und das Verbot von Zwangsr\u00e4umungen.<\/p>\n<p>Es geht darum, daf\u00fcr einzutreten, dass das Kapital die Krise bezahlt und nicht noch subventioniert wird.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong> Die Ver\u00e4nderung sind wir! Klassenkampf statt autorit\u00e4ren Ma\u00dfnahmen von oben!<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir nun erfolgreich konkrete K\u00e4mpfe mit diffenzierten Forderungen in den verschiedenen Bereichen entwickeln, unter dem gemeinsamen Banner, dass das Kapital die Krise bezahlen soll?<\/p>\n<p>Unserer Auffassung nach sind daf\u00fcr mehr als eine Petition oder auch nur einzelne Stra\u00dfenproteste notwendig. Zentrales Element einer linken Anti-Krisen-Strategie muss die systematische Arbeit in den verschiedenen Betrieben, Stadtteilen, unter Arbeitslosen, unter Frauen, LGBTI+, Migrant:innen, in Behinderten-Werkst\u00e4tten, Schulen und Universit\u00e4ten sein. Diese Arbeit bedeutet, bei den allt\u00e4glichen N\u00f6ten und Sorgen unserer Klasse anzusetzen, selbstst\u00e4ndige Organisationen zu schaffen und uns mit anderen Kr\u00e4ften zusammenzuschlie\u00dfen, um gemeinsam unsere Forderungen durchzusetzen. Ziel muss es sein, die K\u00e4mpfe in den einzelnen Bereichen zu einem gemeinsamen Kampf zusammenzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Dabei werden sich viele unserer Forderungen auch an den Staat richten. Jedoch gehen wir an ihn nicht als Bittsteller heran, sondern mit dem Ziel, ihn durch Druck von unten dazu zu zwingen, uns Zugest\u00e4ndnisse zu machen \u2013 Zugest\u00e4ndnisse, die er nur mit R\u00fccksicht auf den Erhalt des Gesamtsystems und mit dem Ziel der Abschw\u00e4chung unserer Proteste machen wird.<\/p>\n<p>Dabei m\u00fcssen wir in jedem Fall auf solche Forderungen verzichten, welche der Aufr\u00fcstungsstrategie des Staates in die H\u00e4nde spielen, wie etwa der Einsatz der Tracing-App oder der Einsatz tausender Bundeswehrsoldat:innen in Alten- und Pflegeheimen und Gesundheits\u00e4mtern. Und wir m\u00fcssen die scheinbar unpolitischen Verwaltungsma\u00dfnahmen st\u00e4rker in den Blick nehmen, vom digitalen Impfpass und digitaler Patientenakte bis hin zu den Pl\u00e4nen der Bargeldabschaffung und Einf\u00fchrung eines digitalen Euros, deren gemeinsamer Nenner in der verst\u00e4rkten \u00dcberwachung der Bev\u00f6lkerung durch Belohnung-\/Bestrafungssysteme im Sinne der Kapitalverwertung liegt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir f\u00fcr den Schutz unserer Gesundheit anstatt der Profite k\u00e4mpfen, d\u00fcrfen wir nicht vergessen, dass der Staat im Schatten der Pandemie in seiner strategischen Aush\u00f6hlung unserer demokratischen- und Freiheitsrechte voranschreitet. Dies zeigt sich beispielsweise in der \u00dcberpr\u00fcfung von Privatwohnungen, ob dort die Kontaktbeschr\u00e4nkungen eingehalten werden, oder in den Einschr\u00e4nkungen der Versammlungsfreiheit.<\/p>\n<p>Es ist eben der \u201edemokratische Rechtsstaat\u201c \u2013 auf den sich\u00a0zum Beispiel\u00a0\u00a0die ZeroCovid-Kampagne bezieht \u2013 der all dies vorantreibt. Unsere Grundrechte m\u00fcssen wir uns im Kampf gegen den kapitalistischen Staat selbst nehmen. Trotzdem ist es wichtig, auch f\u00fcr die formale Aufhebung der massiven Eingriffe in unser Privatleben zu k\u00e4mpfen, ebenso wie f\u00fcr unser Versammlungsrecht und gegen den Ausbau der staatlichen \u00dcberwachung. Wir d\u00fcrfen es nicht den Rechten und Faschist:innen \u00fcberlassen, sich als Schutzmacht der demokratischen Rechte aufzuspielen!<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li><strong> Unsere Vision: Vorw\u00e4rts \u00fcber den Kapitalismus hinaus!<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Krisen-Zeiten sind Zeiten, in denen die Widerspr\u00fcche des Systems besonders offen zu Tage treten \u2013 was dazu f\u00fchrt, dass immer mehr Menschen das System als Ganzes in Frage stellen. Noch nie ist es so klar gewesen wie in der aktuellen Pandemie, dass das kapitalistische System nicht in der Lage ist, auch nur die elementarsten Interessen der breiten Bev\u00f6lkerungsmassen zum Beispiel\u00a0nach Gesundheit zu gew\u00e4hrleisten. Diese Situation m\u00fcssen wir nutzen, um unsere Vision einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus bekannt zu machen!<\/p>\n<p>Das Desaster rund um die Impfstoffproduktion und die ungerechte internationale Verteilung, die ebenfalls die Pandemie verl\u00e4ngert, zeigt eindringlich, wie sehr wir eine vergesellschaftete (Pharma)industrie ben\u00f6tigen. Der augenf\u00e4llige Widerspruch, dass massiv ins Privatleben eingegriffen wird, w\u00e4hrend die Profitwirtschaft weiterl\u00e4uft, zeigt, dass dieses Wirtschaftssystem nicht den Menschen, den Tieren und der Natur\u00a0dient. Die aktuellen und kommenden Entlassungswellen und Schlie\u00dfungen ganzer Unternehmen werden die Frage auf die Tagesordnung setzen: Wem sollen die Fabriken eigentlich geh\u00f6ren?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir unseren Kampf vorerst auf Deutschland begrenzt f\u00fchren, muss unsere Perspektive internationalistisch \u2013 und zwar \u00fcber Europa hinaus \u2013 sein. Nicht nur die Pandemie kann letztlich nur weltweit besiegt werden, was\u00a0zum Beispiel\u00a0Debatten \u00fcber Virus-Mutationen aus S\u00fcdafrika zeigen. Auch erfolgreiche K\u00e4mpfe gegen internationale Monopole oder breit aufgestellte Mietkonzerne ben\u00f6tigen eine internationale Koordinierung, um zu verhindern, dass die Lasten einfach auf unseren\u00a0Klassengeschwistern\u00a0in Nachbarl\u00e4ndern oder auf Kontinenten abgew\u00e4lzt werden.<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li><strong> Aktionseinheiten im Kampf f\u00fcr unsere gemeinsamen Forderungen schaffen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Als\u00a0#NichtaufunseremR\u00fccken-B\u00fcndnis lehnen wir sozialpartnerschaftliche und staatstragende \u201eKrisenl\u00f6sungen\u201c ab. Auf dieser Grundlage beteiligen wir uns an Aktionsb\u00fcndnissen f\u00fcr K\u00e4mpfe um konkrete und berechtigte Forderungen.<\/p>\n<p>Aus diesem Grunde wollen wir auch bei verschiedenen politischen Ans\u00e4tzen taktisch zusammenarbeiten, um folgende Forderungen durchzusetzen:<\/p>\n<ul>\n<li>Schlie\u00dfung aller nicht lebensnotwendigen Betriebe w\u00e4hrend eines Lockdowns \u2013 statt noch weiterer Einschr\u00e4nkungen im Alltag! Gefahrenzulage f\u00fcr die, die noch arbeiten m\u00fcssen!<\/li>\n<li>Konzernfinanziertes Kurzarbeitsgeld von 100% f\u00fcr die volle Zeit der Schlie\u00dfungen!<\/li>\n<li>Kapitalfinanzierte unb\u00fcrokratische Soforthilfe f\u00fcr kleine Gewerbetreibende!<\/li>\n<li>Wir zahlen nicht f\u00fcr eure Krise: Schluss mit Geschenken an Gro\u00dfkonzerne!<\/li>\n<li>Freigabe aller Impf-Patente!<\/li>\n<li>#LeaveNoOneBehind! Dezentrale Unterbringung von Wohnungslosen und Gefl\u00fcchteten! Keine R\u00e4umungen von Besetzungen!<\/li>\n<li>Sofortiger Mietenstopp f\u00fcr die Zeit der Pandemie! Keine Zwangsr\u00e4umungen und K\u00fcndigungen!<\/li>\n<li>Ausbau von Frauen- und LGBTI+ Beratungsstellen sowie sicheren Unterk\u00fcnften mit geschultem und gut bezahltem Personal!<\/li>\n<li>Kein Ausschluss aufgrund von Behinderung, Alter, Vorerkrankungen oder anderen Merkmalen von lebensrettenden Behandlungsm\u00f6glichkeiten!<\/li>\n<li>Digitale Ausstattung und sichere Schulen jetzt! Reduzierung der Semesterbeitr\u00e4ge an Universit\u00e4ten!<\/li>\n<li>\u00dcbernahme der Azubis nach Abschluss der Ausbildung!<\/li>\n<li>Nein zu Einschnitten in das Versammlungsgesetz und dem weiteren Ausbau des \u00dcberwachungsstaats\u00a0unter dem Vorwand der Pandemiebek\u00e4mpfung.\u00a0Kein Einsatz der Bundeswehr im\u00a0Innern!<\/li>\n<\/ul>\n<p>In diesen und weiteren Bereichen halten wir es f\u00fcr w\u00fcnschenswert, dass es zu einer Zusammenarbeit von verschiedenen Protestbewegungen gegen die multiplen Krisen kommt, von \u201eWer hat der gibt\u201c oder ZeroCovid, bis hin zu gewerkschaftlichen Akteur:innen und zur Umwelt- und Tierschutzbewegung.<\/p>\n<p>Auch wenn wir \u00fcber den richtigen Weg raus aus der Krise des Kapitalismus streiten \u2013 lasst uns gemeinsam f\u00fcr eine breite Anti-Krisen-Bewegung von links f\u00fcr die Verteidigung der Interessen der Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten k\u00e4mpfen!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/nichtaufunseremruecken.noblogs.org\/post\/2021\/03\/14\/wie-gelingt-es-eine-anti-krisen-bewegung-von-links-aufzubauen\/\"><em>nichtaufunseremruecken.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. Mai 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitte M\u00e4rz 2020 verh\u00e4ngte die Bundesregierung zum ersten Mal einen gesamtdeutschen Lockdown. Seitdem bestimmt das staatliche Krisenmanagement unser Leben unter den Bedingungen einer Pandemie und einer Wirtschaftskrise.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":9661,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5,3],"tags":[25,121,39,44,84,4,17],"class_list":["post-9660","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-kampagnen","category-schweiz","tag-arbeiterbewegung","tag-covid-19","tag-deutschland","tag-gesundheitswesen","tag-oesterreich","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9660","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9660"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9660\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9663,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9660\/revisions\/9663"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9661"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}