{"id":967,"date":"2016-02-04T19:59:33","date_gmt":"2016-02-04T17:59:33","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=967"},"modified":"2018-01-19T19:36:37","modified_gmt":"2018-01-19T17:36:37","slug":"ellen-meiksins-wood-1942-2016-die-verteidigung-der-klassenanalyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=967","title":{"rendered":"Ellen Meiksins Wood (1942\u20132016): Die Verteidigung der Klassenanalyse"},"content":{"rendered":"<p><em>Vivek Chibber*.<\/em> Nach langem Kampf gegen den Krebs ist die marxistische Historikerin Ellen Meiksins Wood am 14. Januar gestorben.<!--more-->Wood war eine Denkerin von au\u00dferordentlichem Format, die mit gro\u00dfer Kompetenz \u00fcber das antike Griechenland, das politische Denken der fr\u00fchen Moderne, die zeitgen\u00f6ssische politische Theorie, den Marxismus und die Struktur und Entwicklung des modernen Kapitalismus schrieb.<\/p>\n<p>Was jedoch noch bedeutender war: Sie geh\u00f6rte zu den wenigen aus der Neuen Linken, die in ihrem Engagement f\u00fcr sozialistische Politik nie nachlie\u00dfen. Mit ihrem 1986 erschienenen Buch <em>The Retreat from Class<\/em> wurde sie zu einer der herausragendsten linken Intellektuellen. Dieses Buch war eine der ersten und sicher \u00fcberzeugendsten Kritiken des gerade in der Neuen Linken entstehenden postmarxistischen Milieus. Intellektuell bot Woods Buch eine erfrischende Verteidigung des historischen Materialismus gegen die postmarxistischen Kritiker; politisch k\u00fcndigte es Woods Tadel einer Generation an, die sich, nach kurzem Lieb\u00e4ugeln mit sozialistischer Politik, heftig gegen diese wandte.<\/p>\n<p>Bei ihrer Verteidigung der Klassenanalyse bestand Wood darauf, dass sie empirischer Forschung unterworfen wird. Auf dieser Grundlage z\u00f6gerte sie nie, sich auch mit den Historikern anzulegen, die ihr am n\u00e4chsten standen.<\/p>\n<p>In <em>Peasant-Citizen and State<\/em> (1989) setzt sie sich mit Geoffrey de Ste. Croix (1910\u20132000) auseinander, einem der vielleicht gr\u00f6\u00dften Althistoriker und sicher ihr bekanntester marxistischer Vertreter. Ste. Croix hatte in seinem Werk <em>The Class Struggle in the Ancient Greek World<\/em> die Sklavenarbeit als die Hauptquelle des Mehrprodukts im antiken Griechenland und Rom ausgemacht. Wood pflichtete Ste. Croix bei, was die Bedeutung der Sklavenarbeit in der Antike betraf, war aber der Auffassung, dass er ihren Stellenwert f\u00fcr die Produktion des Mehrprodukts drastisch \u00fcbertrieben hatte. Wood untermauerte ihre Argumentation durch eine sorgf\u00e4ltige Untersuchung der Prim\u00e4rquellen, wobei sie nicht nur Ste. Croix widersprach, sondern auch eine der \u00fcberzeugendsten materialistischen Analysen der Struktur der griechischen Demokratie lieferte.<\/p>\n<p>Kaum mehr als ein Jahrzehnt sp\u00e4ter nahm sie sich Robert Brenner vor, ihren langj\u00e4hrigen Freund und Genossen. Es ging um die Urspr\u00fcnge des modernen Kapitalismus. W\u00e4hrend Wood stark von Brenners Argumentation \u00fcber die Urspr\u00fcnge des Kapitalismus in England beeinflusst war, beharrte sie jedoch darauf, dass seine Analyse des Aufstiegs des Kapitalismus in den Niederlanden sowohl empirisch fragw\u00fcrdig als auch analytisch fehlerhaft sei. Erneut war ihre Argumentation gekennzeichnet durch eine sorgf\u00e4ltige, mit rasiermesserscharfer Pr\u00e4zision durchgef\u00fchrte Untersuchung der Fakten. Ihre Kritik bleibt eine der wichtigsten Auseinandersetzungen mit Brenners einflussreicher Arbeit.<\/p>\n<p>Ellen Meiksins Wood ist vielleicht am besten bekannt durch ihre Rolle bei der Entwicklung des \u00abpolitischen Marxismus\u00bb. So wurde eine Argumentation \u00fcber den Ursprung und die Struktur des Kapitalismus bezeichnet, die gr\u00f6\u00dftenteils auf das Werk des Historikers Robert Brenner zur\u00fcckgeht. F\u00fcr Brenner und andere Vertreter dieser Richtung ist der Kapitalismus eine besondere Konstellation gesellschaftlicher Eigentumsverh\u00e4ltnisse, die nur der modernen \u00c4ra zu eigen sind und alle Akteure im Wirtschaftssystem in eine Abh\u00e4ngigkeit vom Markt zwingt. W\u00e4hrend in allen fr\u00fcheren Epochen die Produktion an der Subsistenz orientiert war, ist der Kapitalismus das erste Wirtschaftssystem, das die Produzenten zwingt, auf dem Markt zu verkaufen und daher in Wettbewerb zueinander zu treten, um zu \u00fcberleben. F\u00fcr Wood hat dies zwei entscheidende Konsequenzen:<\/p>\n<p><em>Erstens<\/em> ist der Kapitalismus das erste Wirtschaftssystem, in dem der Markt eine zentrale Rolle spielt. M\u00e4rkte gibt es seit Jahrtausenden, aber unsere Epoche ist die erste, in der sie tats\u00e4chlich die Produktion und den Austausch regeln und daher eine gesellschaftliche Arbeitsteilung hervorbringen. Dies ist nicht auf nat\u00fcrliche Weise zustande gekommen. Es gibt keine den M\u00e4rkten inh\u00e4rente Tendenz, sich bis zu dem Punkt vorzuschieben, an dem sie die vorkapitalistischen Formen der Produktion ersetzen. Sie mussten geschaffen werden, indem den Bauern das Land gewaltsam entrissen wurde.<\/p>\n<p><em>Zweitens<\/em> ist Profitmaximierung etwas, das den Produzenten aufgezwungen wird, wenn sie \u00fcberleben wollen. Unternehmen machen keinen Profit, weil sie gierig sind \u2013 sie tun dies, weil sie vom Markt vertrieben werden, wenn sie es nicht tun.<\/p>\n<p>Der Markt ist deshalb nicht eine Institution, die auf der gl\u00fccklichen Aus\u00fcbung eines unternehmerischen Geistes beruht, sondern vor allem eine Zwangseinrichtung, die nicht nur die Lohnabh\u00e4ngigen beherrscht, sondern auch die Kapitalisten. Dies hat eine klare politische Konsequenz. Solange die Produktion auf Marktkonkurrenz beruht, kann der Antagonismus zwischen Arbeitern und Unternehmern nicht beseitigt werden. Solange Unternehmer nur \u00fcberleben k\u00f6nnen, indem sie in Konkurrenzk\u00e4mpfen siegen, m\u00fcssen sie sich r\u00fccksichtslos darauf konzentrieren, die Kosten zu minimieren. Das bedeutet, dass die Unternehmer als Teil ihrer \u00dcberlebensstrategie st\u00e4ndig die Arbeitsl\u00f6hne und sonstigen Zuwendungen an die Besch\u00e4ftigten einschr\u00e4nken m\u00fcssen. Der Markt treibt die Kapitalisten st\u00e4ndig in die Konfrontation zu den eigenen Belegschaften.<\/p>\n<p>Woods Schlussfolgerung daraus lautet: Solange die kapitalistischen Eigentumsverh\u00e4ltnisse bestehen, wird der Klassenkampf eine zentrale Achse der Auseinandersetzung sein.<\/p>\n<p>In den Jahren nach dem Erscheinen von <em>The Retreat from Class<\/em> ver\u00f6ffentlichte Wood Dutzende Essays, in denen sie diese Argumentationsweise vertiefte und zeigte, wie die politische Theorie das Spezifische am Kapitalismus nur zu ihrem Schaden ignorieren kann.<\/p>\n<p>In ihren letzten Jahren begann Wood eine au\u00dferordentlich ambitionierte Analyse der Entwicklung des politischen Denkens, von der Antike bis zur Moderne. Sie war bestrebt, die zentralen Denker jeder Epoche in ihren gesellschaftlichen, besonders ihren klassenm\u00e4\u00dfigen, Kontext zu stellen und aufzuzeigen, wie ihre Hauptthemen und Hauptargumente mit den zentralen Entwicklungen ihrer Zeit verkn\u00fcpft sind. Damit versuchte sie, die politischen Ideologien jeder Epoche in die ihnen zugrundeliegende Klassenstruktur einzubetten.<\/p>\n<p>Wood hatte zwei B\u00e4nde dieser Serie vollendet, sie umfassen die Zeit vom antiken Griechenland bis zur Aufkl\u00e4rung. Ein dritter Band, der bis in die Gegenwart reichen sollte, war in Vorbereitung und wird nun nicht mehr vollendet werden.<\/p>\n<p>Ellen Meiksins Wood war nicht nur eine fantastisch begabte Theoretikerin \u2013 vielleicht die brillanteste ihrer Generation \u2013, sie hielt in der zweifellos schwierigsten Periode f\u00fcr die Linke seit ihrer Entstehung auch moralisch und politisch die Stellung. Sie zeigte vielen von uns, was es bedeutet, eine engagierte Intellektuelle zu sein: Dass es m\u00f6glich ist, eine moralische Haltung mit analytischer Sch\u00e4rfe zu verbinden; leidenschaftlich zu sein und gleichzeitig mit k\u00fchler Aufmerksamkeit f\u00fcr Details zu arbeiten; tief verwurzelt zu sein in einer Bewegung und das eigene unabh\u00e4ngige Urteil zu bewahren.<\/p>\n<p><em>* Der Beitrag erschien urspr\u00fcnglich auf der Webseite des linken US-Magazins Jacobin (<\/em><a href=\"http:\/\/www.jacobinmag.com\/\"><em>www.jacobinmag.com<\/em><\/a><em>).<\/em><\/p>\n<p><em>Von Ellen Meiksins Wood erschienen in der SoZ:<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 \u00abWas ist die \u2039postmoderne\u203a Tagesordnung?\u00bb, SoZ Bibliothek, Beilage zur SoZ, Nr.13, 27.6.1996, S.2\u20135<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 \u00abDer Ursprung des Kapitalismus. Ellen Meiksins Wood \u00fcber die Naturalisierung des historischen Blicks\u00bb, SoZ, Nr.12, Dezember 2002, S.24<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 \u00abUnbegrenzter Krieg. Die neue Ideologie des Krieges aus historischer Sicht\u00bb, Sozialistische Hefte, Nr.3, Februar 2003, S.3\u201310<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 \u00abDie R\u00fcckgewinnung der Geschichte. Zum Tode von Christopher Hill\u00bb, SoZ, Nr.7, Juli 2003, S.24<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 \u00abKapitalismus und soziale Rechte\u00bb, SoZ+, Nr.2, September 2010, S.33\u201338<\/em><\/p>\n<p><em>Ellen Meiksins Woods Hauptwerke:<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 The Retreat from Class: A New \u2018True\u2019 Socialism. London: Verso, 1986<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Peasant-Citizen and Slave. The Foundations of Athenian Democracy. <\/em><em>London, New York: Verso, 1988<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Citizens to Lords. A Social History of Western Political Thought from Antiquity to the Middle Ages. <\/em><em>London, New York: Verso, 2008<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Demokratie contra Kapitalismus. Beitr\u00e4ge zur Erneuerung des historischen Materialismus. K\u00f6ln: Neuer ISP Verlag, 2010<\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche. Hamburg: Laika, 2015<\/em><\/p>\n<p><em>Ellen Meiksins Woods Demokratie contra Kapitalismus \u2013 Beitr\u00e4ge zur Erneuerung des historischen Materialismus (304 S.) kann auf der Webseite des Neuen ISP Verlags kostenlos als PDF-Datei heruntergeladen werden:<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.neuerispverlag.de\/vergriffen.php\"><em>http:\/\/www.neuerispverlag.de\/vergriffen.php<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: Soz Nr. 02\/2016<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vivek Chibber*. Nach langem Kampf gegen den Krebs ist die marxistische Historikerin Ellen Meiksins Wood am 14. 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