{"id":9716,"date":"2021-05-28T11:09:40","date_gmt":"2021-05-28T09:09:40","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9716"},"modified":"2021-05-28T11:09:42","modified_gmt":"2021-05-28T09:09:42","slug":"die-wahren-kosten-des-kapitalistischen-reichtums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9716","title":{"rendered":"Die wahren Kosten des kapitalistischen Reichtums"},"content":{"rendered":"<p><em>Norbert Trenkle. <\/em><strong>Zum Mythos, der Kapitalismus sei aufgrund seiner unglaublichen Effizienz und Produktivit\u00e4t allen anderen Gesellschaftsformen \u00fcberlegen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Der Ma\u00dfstab des Reichtums<\/strong><\/p>\n<p>Einer der ewigen Mythen \u00fcber den Kapitalismus erz\u00e4hlt, er sei aufgrund seiner unglaublichen Effizienz und Produktivit\u00e4t allen anderen Gesellschaftsformen \u00fcberlegen. Doch dieser Mythos verleugnet nicht nur die ungeheure Gewaltsamkeit, mit der die kapitalistische Produktionsweise historisch durchgesetzt wurde, sondern verdr\u00e4ngt auch, dass ihre angebliche Effizienz vor allem darauf beruht, alle negativen Effekte auf verschiedene Weise zu externalisieren und damit systematisch die wirklichen Kosten f\u00fcr Natur und Gesellschaft auszublenden.<\/p>\n<p>Dabei handelt es sich nicht um ein \u00e4u\u00dferliches Merkmal, das durch irgendwelche technischen oder politischen Ma\u00dfnahmen behoben werden k\u00f6nnte; vielmehr geh\u00f6rt die Externalisierungslogik zum innersten Wesen der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise. Wenn sie nun zunehmend wahrgenommen und zum Gegenstand der Kritik gemacht wird, dann vor allem deshalb, weil sie mit der globalen Durchsetzung des Kapitalismus an ihre Grenzen st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Es gibt kein vermeintliches &#8222;Au\u00dfen&#8220; mehr, auf das die Kosten noch abgew\u00e4lzt werden k\u00f6nnten. Das Verdr\u00e4ngte kehrt vielmehr mit aller Macht zur\u00fcck und stellt auch in den Gewinnerregionen des Weltmarkts nicht nur die Grundlagen der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise, sondern mit ihr auch die menschlichen Lebensgrundlagen insgesamt in Frage.<\/p>\n<p>Um zu verstehen, was diese Externalisierungslogik und die ihr innewohnende zerst\u00f6rerische Gewalt ausmacht, m\u00fcssen wir uns zun\u00e4chst vor Augen f\u00fchren, was die kapitalistische Form der Reichtumsproduktion in ihrem Wesen ausmacht. Wie kommt es, dass sie sich einerseits absolut setzen und \u00fcber die gesamte Welt ausdehnen kann und gleichzeitig ein &#8222;Au\u00dfen&#8220; ihrer selbst herstellt, auf dessen Kosten sie prozessiert?<\/p>\n<p>Im \u00f6kologischen und wachstumskritischen Diskurs seit den 1970er-Jahren wird immer wieder auf einen Aspekt hingewiesen, der diesen Zusammenhang erhellen kann: Der kapitalistische Begriff des Reichtums ist extrem eng und exklusiv gefasst.<\/p>\n<p>In der kapitalistischen Gesellschaft gilt als Reichtum nur, was sich in Waren- und Geldeinheiten ausdr\u00fccken l\u00e4sst. Paradigmatisch hierf\u00fcr ist die zentrale volkswirtschaftliche Ma\u00dfzahl, das Brutto-Inlandsprodukt (BIP), die den monet\u00e4ren Wert aller im Inland hergestellten G\u00fcter und Dienstleistungen abz\u00fcglich der Vorleistungen wiedergibt (Lepenies 2013, S. 15).<\/p>\n<p>Die Kritik an dieser Messung des Reichtums zielt zun\u00e4chst ganz grunds\u00e4tzlich auf die Tatsache, dass sie per Definition alle nicht-monet\u00e4ren Aktivit\u00e4ten und Aspekte ausschlie\u00dft. Das gilt in besonderem Ma\u00dfe f\u00fcr alle nicht-entlohnten T\u00e4tigkeiten in der privaten Sph\u00e4re, wie die Hausarbeit und alle Care-T\u00e4tigkeiten, die gem\u00e4\u00df der vorherrschenden geschlechtlichen Arbeitsteilung \u00fcberwiegend den Frauen zugewiesen werden.<\/p>\n<p>Ebenso ausgeschlossen aus der Reichtumsdefinition sind aber auch alle sogenannten ehrenamtlichen und freiwilligen T\u00e4tigkeiten in Vereinen, kulturellen, sozialen und politischen Organisationen sowie jede Art der nachbarschaftlichen oder freundschaftlichen Hilfe.<\/p>\n<p>Des Weiteren wird angef\u00fchrt, dass die BIP-Ma\u00dfzahl alle qualitativen und nicht-quantifizierbaren Aspekte des gesellschaftlichen Reichtums unber\u00fccksichtigt l\u00e4sst, obwohl diese doch f\u00fcr das gesellschaftliche Leben und das individuelle Wohlbefinden eine zentrale Rolle spielen.<\/p>\n<p>So gebe das BIP beispielsweise keine Auskunft dar\u00fcber, welche Lebensqualit\u00e4t die St\u00e4dte und Landschaften in einem Land bieten, ob die Menschen friedlich zusammenleben und befriedigende soziale Beziehungen haben, welchem Leistungsdruck sie ausgesetzt sind etc. Dementsprechend\u00a0<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/bruttoinlandsprodukt-ein-mysterium.1310.de.html?dram:article_id=194402\">scherzte der sp\u00e4ter ermordete Robert Kennedy<\/a>\u00a0bereits 1968:<\/p>\n<p><em>\u00bbDas Bruttoinlandsprodukt misst alles, au\u00dfer dem, was das Leben lebenswert macht.<\/em><\/p>\n<p>Hinzu kommt noch der besonders absurde Effekt, dass bei einer Messung des Reichtums in Geldgr\u00f6\u00dfen sogar das Verursachen von Sch\u00e4den und menschlichem Leid sich statistisch als eine Mehrung des gesellschaftlichen Reichtums ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Ein Autounfall, bei dem Menschen verletzt werden, erscheint als eine Steigerung des BIP, weil die besch\u00e4digten Autos entweder repariert oder ersetzt werden m\u00fcssen und die Behandlung der Verletzten dem Krankenhaus und den Pharmaunternehmen zus\u00e4tzliche Einnahmen beschert; ein Chemieunfall, der den Boden oder einen Fluss verseucht, dr\u00fcckt sich ebenfalls in einem statistischen Plus aus, weil Firmen und Arbeitskr\u00e4fte f\u00fcr die Beseitigung der Sch\u00e4den bezahlt werden und so ein Einkommen erzielen, das anderenfalls nicht angefallen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Diese Kritik am BIP als dem Ma\u00dfstab des gesellschaftlichen Reichtums wird in den meisten F\u00e4llen dahingehend aufgel\u00f6st, indem ein neuer, erweiterter Indikator eingefordert wird. So entwickelten die \u00d6konomen Herman Daly und John Cobb bereits im Jahr 1989 den\u00a0<em>Regional\/Index of Sustainable Economic Welfare\/Well-Being (ISEW)<\/em>\u00a0der auch soziale und \u00f6kologische Aspekte ber\u00fccksichtigen und in monet\u00e4re Gr\u00f6\u00dfen umrechnen soll (Exner\/Lauck\/Kulterer 2008, S. 99 ff.; Jackson 2012).<\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage erarbeitete 20 Jahre sp\u00e4ter eine Arbeitsgruppe um Hans Diefenbacher im Auftrag des Umweltbundesamtes den sogenannten\u00a0<em>Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI)<\/em>\u00a0(Diefenbacher\/Zieschank 2011), der einer \u00e4hnlichen Systematik folgt und Wohlfahrt versteht &#8222;als die Gesamtheit der materiellen und der immateriellen Komponenten von &#8218;Wohlstand&#8216; und &#8218;Wohlergehen&#8216;, die aus dem verf\u00fcgbaren Reichtum eines Landes an wirtschaftlichem Kapital, nat\u00fcrlichem Kapital und sozialem Kapital erhalten werden&#8220;. (zit. in Raith 2016).<\/p>\n<p>Daneben gibt es aber noch viele andere Ans\u00e4tze, unter denen der bekannteste wahrscheinlich das &#8222;Bruttosozialgl\u00fcck&#8220; ist, das im Jahr 2010 als offizieller Ma\u00dfstab f\u00fcr den gesellschaftlichen Reichtum im K\u00f6nigreich Bhutan eingef\u00fchrt worden ist. Und sogar die OECD hat auf Anregung einer internationalen Kommission einen sogenannten\u00a0<a href=\"http:\/\/www.oecdbetterlifeindex.org\/\">Better Life Index<\/a>\u00a0eingef\u00fchrt, der eine bessere Messung des Wohlstands erm\u00f6glichen soll.<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-wahren-Kosten-des-kapitalistischen-Reichtums-6050797.html?view=fussnoten#f_1\"><strong>1<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong>Die Form kapitalistischer Reichtumsproduktion<\/strong><\/p>\n<p>Das Grundproblem aller dieser Ans\u00e4tze besteht jedoch darin, dass sie genau am falschen Ende ansetzen. Implizit oder explizit unterstellen sie, dass die Verengung des gesellschaftlichen Reichtums auf Geldeinkommen wesentlich auf einen falschen statistischen Ma\u00dfstab zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, an dem sich Politik und Gesellschaft orientieren.<\/p>\n<p>Die Gesellschaft ist demnach einerseits reicher, als sie es selbst wei\u00df, weil sie allerlei Wohlstands-Faktoren im BIP nicht ber\u00fccksichtigt, und andererseits \u00e4rmer, als sie es sich vorgaukelt, weil sie die diversen Sch\u00e4den und Negativeffekte der modernen Produktionsweise ausblendet.<\/p>\n<p>Mit einem neuen Indikator, der alle diese Elemente ad\u00e4quat ber\u00fccksichtigt, soll dann die Orientierungsmarke f\u00fcr eine Politik geschaffen werden, die einer erweiterten Vorstellung von gesellschaftlichem Wohlstand folgt. Diese Kritik am BIP steht jedoch auf dem Kopf.<\/p>\n<p>Wenn seit dem Aufkommen der kapitalistischen Produktionsweise als gesellschaftlicher Reichtum nur gilt, was sich monet\u00e4r ausdr\u00fccken l\u00e4sst, dann liegt das nicht an einer falschen Vorstellung von Wohlstand, die sich in einem verengten statistischen Indikator ausdr\u00fcckt und an der sich die Politik orientieren w\u00fcrde, sondern an der zugrundeliegenden historisch-spezifischen Form der Reichtumsproduktion.<\/p>\n<p>Das BIP ist als Ma\u00dfstab dieser Form insofern durchaus ad\u00e4quat, als es den reduktionistischen Charakter dieser Form der Reichtumsproduktion in gewisser Weise (wenn auch verzerrt) widerspiegelt. Diesen Ma\u00dfstab zu kritisieren ist so, als w\u00fcrde man den \u00dcberbringer der schlechten Nachricht f\u00fcr deren Inhalt verantwortlich machen. Erforderlich ist kein neuer Ma\u00dfstab f\u00fcr den gesellschaftlichen Reichtum, sondern eine Aufhebung der Reichtumsform, die diesen Ma\u00dfstab hervorgebracht hat und die sich in ihm ausdr\u00fcckt. Um diese These zu begr\u00fcnden, soll zun\u00e4chst noch genauer untersucht werden, was das Wesen dieser Reichtumsform ausmacht.<\/p>\n<p>Wenn der Reichtum in der kapitalistischen Gesellschaft in Geldeinheiten gemessen wird, dann verweist das zun\u00e4chst nur darauf, dass dieser hier immer in der Form von Waren produziert wird. Die Ware aber ist, wie Marx schon zu Beginn seines Hauptwerks, Das Kapital, feststellt, ein sehr merkw\u00fcrdiges Ding (MEW 23, S. 87). Sie wird privat produziert, jedoch nicht f\u00fcr den privaten Gebrauch, sondern als gesellschaftliches Produkt, als Ding f\u00fcr einen anonymen gesellschaftlichen Zusammenhang; ihre Gesellschaftlichkeit wird also paradoxerweise in Form der Privatheit hergestellt.<\/p>\n<p>Dieser Widerspruch dr\u00fcckt sich darin aus, dass sie in zwei Seiten zerf\u00e4llt: den Gebrauchswert und den Tauschwert. Der Gebrauchswert bezeichnet den konkreten Nutzen einer Ware, also etwa die Tatsache, dass ich mich auf einem Fahrrad fortbewegen oder dass ich eine Hose anziehen kann; der Tauschwert hingegen abstrahiert von diesem konkreten Nutzen und bringt alle Waren auf einen gemeinsamen Nenner, der sich im Geld ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Den jeweiligen Produzenten (egal ob wir nun von einer Person, einem kleinen Unternehmen oder einem gro\u00dfen Konzern sprechen) interessiert der Gebrauchswert nicht oder jedenfalls nur insoweit, als eine Ware irgendeinen Nutzen f\u00fcr irgendjemanden haben muss, damit sie verkauft werden kann. Warum der K\u00e4ufer oder die K\u00e4uferin letztlich die Ware haben will und welchen Nutzen er oder sie ihr zuschreibt, muss den Produzenten nicht interessieren.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt ebenso wie die Produktion in den Bereich des Privaten; in diesem Fall sind es private Interessen und Bed\u00fcrfnisse, die ganz im Belieben des K\u00e4ufers oder der K\u00e4uferin liegen; ob sie mit dem Fahrrad jeden Tag herumf\u00e4hrt oder es dekorativ in ihrem Wohnzimmer aufh\u00e4ngt, ob er die Hose beim G\u00e4rtnern anzieht oder beim Gang ins Theater, das kann dem Produzenten der Ware gleichg\u00fcltig sein.<\/p>\n<p>Was diesen einzig und allein interessiert, ist der Tauschwert, genauer gesagt, der im Tauschwert dargestellte Wert der Ware.<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-wahren-Kosten-des-kapitalistischen-Reichtums-6050797.html?view=fussnoten#f_2\"><strong>2<\/strong><\/a>\u00a0Hat er den Kaufpreis erhalten, ist die Sache f\u00fcr ihn abgeschlossen. Mit dem Geld h\u00e4lt er nun den allgemeinen Repr\u00e4sentanten gesellschaftlichen Reichtums in der Hand, denn mit dem Geld kann er alles kaufen.<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-wahren-Kosten-des-kapitalistischen-Reichtums-6050797.html?view=fussnoten#f_3\"><strong>3<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Dieser Allgemeinheitscharakter des Tauschwerts bzw. des Werts beruht ganz offensichtlich gerade auf seiner Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber jedem besonderen Inhalt, also darauf, dass er von allen konkreten, qualitativen Eigenschaften der Waren abstrahiert und sie allesamt darauf reduziert, Ausdruck einer bestimmten abstrakten Quantit\u00e4t zu sein.<\/p>\n<p>Es handelt sich, mit anderen Worten, um eine ganz spezifische Form des Reichtums: um abstrakten Reichtum. Diese Reichtumsform aber bildet das Zentrum, um das die gesamte kapitalistische Produktionsweise kreist. Denn so wie der Wert der einzige Grund ist, weshalb die Produzenten auf privat-gesellschaftliche Weise Waren produzieren, ist er auch der Motor, der den gesamten Kreislauf der gesellschaftlichen Warenproduktion in Gang h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Was die kapitalistische Produktionsweise antreibt, ist der endlose Zwang, den abstrakten Reichtum zu vermehren, oder, einfacher ausgedr\u00fcckt, der Zwang, aus Geld mehr Geld zu machen. In diesem Sinne ist der abstrakte Reichtum eine selbstbez\u00fcgliche Form des Reichtums, ein Reichtum, dessen Zweck in ihm selbst liegt (Postone 2003, S. 280-286) und der deshalb die gesamte Welt zum \u00e4u\u00dferlichen Material seiner Selbstzweckbewegung degradiert.<\/p>\n<p>Ich werde noch darauf zur\u00fcckkommen, m\u00f6chte aber zun\u00e4chst noch einmal genauer auf den grundlegenden Widerspruch eingehen, der darin liegt, dass die Gesellschaftlichkeit auf private Weise hergestellt wird.<\/p>\n<p>Dem landl\u00e4ufigen Denken erscheint dieser Widerspruch zumeist als vollkommen unproblematisch, er f\u00e4llt ihm gar nicht erst auf. Denn es geh\u00f6rt zu den Grund\u00fcberzeugungen des b\u00fcrgerlichen Alltagsverstandes, dass der Mensch seinem Wesen nach ein vereinzelter Einzelner ist, der darauf gepolt ist, seine eigenen, privaten Interessen zu verfolgen und nur dann auch etwas f\u00fcr die Anderen tut, wenn er daraus einen pers\u00f6nlichen Vorteil zieht.<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-wahren-Kosten-des-kapitalistischen-Reichtums-6050797.html?view=fussnoten#f_4\"><strong>4<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Zu diesem Menschenbild geh\u00f6rt konsequenterweise auch die Vorstellung, dass &#8222;der Mensch&#8220; sich immer nur \u00fcber den Tausch gesellschaftlich bet\u00e4tige. Gesellschaft hat demnach dort begonnen, wo der J\u00e4ger anfing, \u00fcber den eigenen Bedarf hinaus Wild zu jagen, um dieses dann beispielsweise gegen ein Paar Schuhe einzutauschen, und auch alle anderen Mitglieder der Gesellschaft sich auf wenige Produkte spezialisierten, um diese auf den Markt zu tragen. Komplexe, arbeitsteilige Gesellschaften k\u00f6nnen dieser Sichtweise zufolge gar nicht anders organisiert sein als in Form allgemeiner Warenproduktion, wobei die Koordination der Aktivit\u00e4ten &#8222;nat\u00fcrlicherweise&#8220; \u00fcber den Marktmechanismus erfolgen muss.<\/p>\n<p>Nun ist zwar das Menschenbild des\u00a0<em>homo oeconomicus<\/em>\u00a0in den letzten Jahrzehnten vielfach in die Kritik geraten<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-wahren-Kosten-des-kapitalistischen-Reichtums-6050797.html?view=fussnoten#f_5\"><strong>5<\/strong><\/a>, doch diese Kritik greift in der Regel zu kurz. So wird zu Recht darauf verwiesen, dass der Mensch selbst unter kapitalistischen Bedingungen keinesfalls nur einem \u00f6konomisch-rationalen Nutzenkalk\u00fcl folgt, sondern sein Handeln von vielf\u00e4ltigen emotionalen, sinnlichen und sozialen Bed\u00fcrfnissen und Motivationen bestimmt wird.<\/p>\n<p>Doch bei alledem wird oft \u00fcbersehen, dass die Figur des\u00a0<em>homo oeconomicus<\/em>\u00a0sehr wohl einen Wahrheitskern besitzt, insofern sie n\u00e4mlich auf ein grundlegendes Strukturelement der kapitalistischen Gesellschaft verweist. Nat\u00fcrlich ist es ein l\u00e4cherliches, von der Geschichts- und Kulturwissenschaft vielfach widerlegtes, M\u00e4rchen, dass die grundlegende Kulturleistung in der Erfindung des Tausches und des Geldes bestehe.<\/p>\n<p>Es ist l\u00e4ngst bekannt, dass die Menschen in allen vorkapitalistischen Gemeinwesen prim\u00e4r gemeinschaftlich und natural-wirtschaftlich produzierten. Die materielle Produktion war stets in vielf\u00e4ltiger Weise in das Gemeinwesen eingebettet und wurde durch allerlei kulturelle und religi\u00f6se Regeln, durch Traditionen und pers\u00f6nliche Herrschaftsverh\u00e4ltnisse geregelt. Eine eigene, herausgel\u00f6ste Sph\u00e4re der \u00d6konomie entsteht erst mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise (Polanyi 1995; Bierwirth 2013, S. 12-14).<\/p>\n<p>Das ist aber gleichbedeutend mit der Herausl\u00f6sung der Menschen aus den traditionellen Gemeinwesen, genauer gesagt: mit der Zerst\u00f6rung dieser Gemeinwesen und der Freisetzung der Menschen als vereinzelter Einzelner, die fortan prim\u00e4r nur noch f\u00fcr ihr eigenes Wohlergehen und Vorankommen verantwortlich sind. Die Figur des\u00a0<em>homo oeconomicus<\/em>\u00a0wird ja nicht zuf\u00e4llig in dieser historischen Umbruchphase \u00fcberhaupt erst erfunden;<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-wahren-Kosten-des-kapitalistischen-Reichtums-6050797.html?view=fussnoten#f_6\"><strong>6<\/strong><\/a>\u00a0sie reflektiert diesen Prozess der Vereinzelung auf ideologische Weise, indem sie ihn zur &#8222;Natur des Menschen&#8220; erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Marx hat diesen Prozess im\u00a0<em>Kapital<\/em>\u00a0vor allem im Hinblick auf die Herausbildung des &#8222;doppelt freien Lohnarbeiters&#8220; analysiert. Gemeint ist der Mensch, der einerseits freier Eigent\u00fcmer seines Arbeitsverm\u00f6gens ist (im Unterschied zum Sklaven oder Leibeigenen) und der anderseits dazu gezwungen ist, eben dieses Arbeitsverm\u00f6gen an das Kapital zu verkaufen, weil er &#8222;frei&#8220; von Produktionsmitteln ist, also keine M\u00f6glichkeit hat, seine Existenzmittel &#8211; d.h. das, was er zum Leben braucht &#8211; selbst zu produzieren (MEW 23, S. 181 ff.). Das ist zweifellos richtig, aber die Herausl\u00f6sung der Menschen aus den traditionellen Gemeinwesen hat noch weitergehende Implikationen.<\/p>\n<p>Die Aufspaltung der Gesellschaft in lauter vereinzelte Einzelne, die alle ihre partikularen Interessen gegeneinander verfolgen und auf diese paradoxe und widerspr\u00fcchliche Weise erst ihren gesellschaftlichen Zusammenhang konstituieren, stellt die grundlegende Matrix der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft dar (Trenkle 2019; Bierwirth 2019). Oder, wie Marx es ausdr\u00fcckt: &#8222;Die wechselseitige und allseitige Abh\u00e4ngigkeit der gegeneinander gleichg\u00fcltigen Individuen bildet ihren gesellschaftlichen Zusammenhang&#8220; (MEW 42, S. 92).<\/p>\n<p>Darin ist aber nicht nur die Warenproduktion als Form der Reichtumsproduktion angelegt, sondern auch die Notwendigkeit des Staates als des ausgelagerten Gewaltapparats, der die auseinanderstrebende Dynamik der partikularen Interessen irgendwie im Zaum h\u00e4lt und verhindert, dass sie den gesellschaftlichen Zusammenhang sprengt. Mit anderen Worten: Die Aufspaltung des sozialen Zusammenhangs in vereinzelte Einzelne ist der logische und historische Ausgangspunkt, von dem aus sich die gesamte Struktur der kapitalistischen Gesellschaft und die ihr zugeh\u00f6rige, historisch-spezifische Form der Reichtumsproduktion erschlie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Diese Form aber stellt eine ungeheure Verengung dessen dar, was als gesellschaftlicher Reichtum anerkannt wird; und das hat erhebliche Konsequenzen f\u00fcr die Gesellschaft und das gesellschaftliche Naturverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p><strong>Die Abspaltung der nicht-warenf\u00f6rmigen T\u00e4tigkeiten<\/strong><\/p>\n<p>Wenn oben gesagt wurde, dass die Einzelnen sich \u00fcber Waren miteinander in Beziehung setzen, dann hei\u00dft das zun\u00e4chst nichts anderes, als dass sie nicht direkt miteinander in Beziehung treten, sondern \u00fcber den Umweg von Dingen. Diese Dinge aber sind ihre privaten Arbeitsprodukte. Betrachten wir dies nun von der Seite des individuellen Handelns her, dann zeigt sich, dass die vereinzelten Einzelnen ihre gesellschaftliche Beziehung dar\u00fcber herstellen, dass sie arbeiten, genauer gesagt, dass sie private Arbeit in gesellschaftlicher Form verrichten.<\/p>\n<p>Sie vermitteln sich also untereinander \u00fcber die Arbeit und stellen auf diese Weise ihren gesellschaftlichen Zusammenhang her (Postone 2003, S. 229 ff.). Diese Tatsache erscheint dem b\u00fcrgerlichen Denken als v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich, denn ihm zufolge hat der Mensch seine Zugeh\u00f6rigkeit zur Gesellschaft immer schon \u00fcber die Arbeit hergestellt.<\/p>\n<p>Doch dabei handelt es sich lediglich um eine R\u00fcckprojektion der b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnisse in die Vergangenheit. Tats\u00e4chlich zwingt erst die radikale Vereinzelung die Individuen dazu, ihre Gesellschaftlichkeit herzustellen, indem sie ihre privaten Arbeitsprodukte (Waren) miteinander in Beziehung setzen, sich also \u00fcber die Arbeit vermitteln. In den fr\u00fcheren Gemeinwesen waren produktive T\u00e4tigkeiten in die vorausgesetzten Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und kulturellen Bez\u00fcge eingebettet; sie waren Teil des sozio-kulturellen Gesamtzusammenhangs und wurden gem\u00e4\u00df den darin vorherrschenden Hierarchien und Traditionen zugewiesen.<\/p>\n<p>In der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft m\u00fcssen die Einzelnen hingegen ihre gesellschaftliche Zugeh\u00f6rigkeit tagt\u00e4glich neu herstellen, indem sie arbeiten<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-wahren-Kosten-des-kapitalistischen-Reichtums-6050797.html?view=fussnoten#f_7\"><strong>7<\/strong><\/a>, indem sie also Waren herstellen oder indem sie ihre Arbeitskraft verkaufen, also einen Teil ihrer selbst in ein Warending verwandeln. Nur soweit sie das tun, sind sie gesellschaftlich vollg\u00fcltig anerkannt und haben Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum.<\/p>\n<p>Damit wird aber bereits auf einer ganz grundlegenden Ebene eine Aufspaltung und Hierarchisierung der gesellschaftlichen Handlungs- und T\u00e4tigkeitsbez\u00fcge vollzogen. Alle T\u00e4tigkeiten, die keine Waren produzieren, sind gesellschaftlich bestenfalls zweitrangig, weil sie nicht die, f\u00fcr diese Gesellschaft spezifische, gesellschaftliche Vermittlung zwischen den vereinzelten Einzelnen herstellen. Das betrifft neben dem ganzen Spektrum der gemeinn\u00fctzigen, ehrenamtlichen und sonstigen freiwilligen T\u00e4tigkeiten in erster Linie die Haushalts- und Sorget\u00e4tigkeiten, die abgespalten und strukturell den Frauen zugewiesen werden (Scholz 1992).<\/p>\n<p>Zwar sind diese T\u00e4tigkeiten zweifellos f\u00fcr die Aufrechterhaltung des Lebens und f\u00fcr das Funktionieren des sozialen Zusammenhangs unentbehrlich und somit auch notwendige Voraussetzung f\u00fcr die Produktion abstrakten Reichtums; doch gehen sie nicht direkt in diese ein, eben weil sie nicht die Warenform annehmen, sondern in der Sph\u00e4re der abgetrennten Privatheit verbleiben. Als solche aber stellen sie gewisserma\u00dfen eine kostenlose Zugabe dar, die als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt und einverleibt wird.<\/p>\n<p>Insbesondere betrifft das die in der marxistisch-feministischen Literatur vielfach thematisierte Reproduktion der Arbeitskraft, die keineswegs nur durch den Lohn gew\u00e4hrleistet wird, wie es die traditionell-marxistische Theorie in der Regel unterstellt. Richtig ist zwar, dass mit dem Lohn der Wert der Ware Arbeitskraft insofern abgegolten wird, als er die Kosten der Konsumg\u00fcter abdeckt (oder jedenfalls abdecken sollte), die der oder die Arbeitende zur Existenzsicherung ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Doch das bezieht sich nur auf die Waren, also auf die Dinge aus der Welt des abstrakten Reichtums. Stillschweigend vorausgesetzt wird dabei aber immer schon, dass zus\u00e4tzlich im &#8222;Hintergrund&#8220; eine Vielzahl von T\u00e4tigkeiten verrichtet wird, die keinen Warencharakter annehmen aber mindestens ebenso lebensnotwendig sind.<\/p>\n<p>Dabei geht es nicht nur um die praktischen Dinge im Haushalt wie Kochen und Putzen sowie um das ganze Spektrum der Sorget\u00e4tigkeiten, sondern auch um das Ausleben emotionaler und sinnlicher Bed\u00fcrfnisse, die in der instrumentellen, funktionalistischen und konkurrenzgetriebenen Sph\u00e4re der Arbeit keinen Raum haben und deshalb gewisserma\u00dfen in die Sph\u00e4re der Privatheit (meist Kleinfamilie oder Paarbeziehung) ausgelagert werden (Scholz 1992; Trenkle 2007; Habermann 2008).<\/p>\n<p>Die kapitalistische Reichtumsproduktion beruht also immer schon konstitutiv auf der Externalisierung eines ganzen Spektrums lebensnotwendiger T\u00e4tigkeiten, die keine Warenform annehmen, aber gerade deshalb kostenlos angeeignet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>An dieser grundlegenden Form der Externalisierung haben auch die K\u00e4mpfe der Frauenbewegung nur wenig \u00e4ndern k\u00f6nnen; denn zwar haben sich die Frauen gegen den oft erbitterten Widerstand der M\u00e4nner den Zugang in die meisten Berufe und Arbeitsbereiche erk\u00e4mpft und gleichzeitig die klassisch-b\u00fcrgerlichen Geschlechtsidentit\u00e4ten ins Wanken gebracht.<\/p>\n<p>Doch zum einen erweisen sich diese Identit\u00e4ten als erstaunlich stabil, wie sich insbesondere unter Krisenbedingungen zeigt; so mussten beispielsweise w\u00e4hrend der Corona-Pandemie wieder die Frauen einen Gro\u00dfteil der Last tragen, nicht nur, weil sie in den Pflegeberufen stark vertreten sind, sondern auch weil sie immer noch gro\u00dfenteils f\u00fcr die Haushalts- und Care-T\u00e4tigkeiten zust\u00e4ndig gemacht werden und obendrein noch der vermehrten h\u00e4uslichen Gewalt durch M\u00e4nner ausgesetzt waren.<\/p>\n<p>Zum anderen bedeutet aber auch eine Ver\u00e4nderung der h\u00e4uslichen Arbeitsteilung und eine vermehrte Berufst\u00e4tigkeit von Frauen keinesfalls, dass damit die grundlegende Aufspaltung des gesellschaftlichen T\u00e4tigkeitsraums aufgehoben w\u00e4re. Selbst wenn alle M\u00e4nner einen gleichen Teil der Haus- und Sorgearbeit \u00fcbern\u00e4hmen, \u00e4nderte das nichts daran, dass diese T\u00e4tigkeiten kostenlos in die Produktion des abstrakten Reichtums eingehen.<\/p>\n<p>Denn die Aufspaltung des gesellschaftlichen T\u00e4tigkeitsraums ist ein Strukturprinzip der kapitalistischen Reichtumsproduktion, das nur zusammen mit dieser aufgehoben werden kann. Solange das nicht der Fall ist, nimmt die Externalisierung immer nur andere Gestalten an.<\/p>\n<p>So erfolgt beispielsweise die tendenzielle Aufl\u00f6sung des bin\u00e4ren Geschlechtermodells in den kapitalistischen Kernl\u00e4ndern h\u00e4ufig auf Kosten von weiblichen Arbeitskr\u00e4ften aus \u00e4rmeren L\u00e4ndern, die gegen meist niedrige Bezahlung und unter schlechten Bedingungen die Haus- und Pflegearbeiten in den Haushalten der oberen Mittelschicht und Oberschicht \u00fcbernehmen. Das k\u00f6nnen sie aber nur tun, weil gleichzeitig bei ihnen zuhause sich andere, weibliche Familienangeh\u00f6rige um den Haushalt, die Kinder und hilfsbed\u00fcrftige Angeh\u00f6rige k\u00fcmmern. Die Ausbeutung der unbezahlten, nicht-warenf\u00f6rmigen T\u00e4tigkeiten im Dienste des abstrakten Reichtums wird also hier nur r\u00e4umlich und personell verlagert.<\/p>\n<p>Christa Wichterich spricht in diesem Zusammenhang sehr treffend von einem Modell des globalen Sorge-Extraktivismus (Wichterich 2013 und 2016).<\/p>\n<p><strong>Natur ohne Wert<\/strong><\/p>\n<p>Wie schon ausgef\u00fchrt, beruht die Externalisierungslogik auf der Herausl\u00f6sung der kapitalistischen Reichtumsproduktion aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang. Wenn hier von Externalisierung die Rede ist, dann meint das also nicht, die Auslagerung von &#8222;Kosten&#8220; an ein pr\u00e4existentes &#8222;Au\u00dfen&#8220;; vielmehr wird dieses Au\u00dfen erst durch die konsequente Verengung der Kategorie gesellschaftlichen Reichtums \u00fcberhaupt erst geschaffen. Es existiert daher nur aufgrund der historisch-spezifischen Enge und Borniertheit der abstrakten Reichtumsproduktion, die sich selbst absolut setzt und damit zugleich alle anderen Formen gesellschaftlichen T\u00e4tigseins degradiert, um sich diese dann aber zugleich blindlings einzuverleiben.<\/p>\n<p>Aus dieser Borniertheit der abstrakten Reichtumsform erkl\u00e4rt sich auch ihr destruktives Verh\u00e4ltnis zu den nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen. Gesellschaftliche Produktion beruht immer auf nat\u00fcrlichen Voraussetzungen, die sie vorfindet und die sie zugleich ver\u00e4ndert. Das gilt selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr die kapitalistische Form der Produktion.<\/p>\n<p>In jede Ware geht Naturstoff ein, sei es in der Gestalt von Rohstoffen, Energie und anderen Ressourcen oder einfach insofern, als jede Produktionsst\u00e4tte auf einem St\u00fcck Boden steht und die Vorprodukte ebenso wie die Waren irgendwie \u00fcber die Erdoberfl\u00e4che transportiert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Doch das betrifft nur die stofflich-konkrete Seite der Ware, also ihren Gebrauchswert; hingegen bleibt die abstrakt-gesellschaftliche Seite, also der im Tauschwert dargestellte Wert, vollkommen unber\u00fchrt davon. Das mag zun\u00e4chst verwundern, erkl\u00e4rt sich aber, wenn wir uns noch einmal genauer anschauen, was dieser merkw\u00fcrdigen Abstraktion &#8222;Wert&#8220; zugrunde liegt, was also ihren Inhalt ausmacht.<\/p>\n<p>Oben wurde nur gesagt, dass der Tauschwert von allen stofflich-konkreten Eigenschaften der Waren absieht, sich also gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber den unterschiedlichen Gebrauchswerten verh\u00e4lt und in diesem Sinne eine Abstraktion darstellt. Aber das ist noch unterbestimmt. Was genau macht den gemeinsamen Inhalt all dieser qualitativ verschiedenen Waren aus, der es erlaubt, sie auf einen gemeinsamen Nenner zu reduzieren?<\/p>\n<p>Die Antwort ergibt sich, wenn wir uns daran erinnern, dass die Ware das Produkt isolierter Privatarbeit ist. Als solche ist sie nicht nur die &#8222;Elementarform des gesellschaftlichen Reichtums\u201f in der kapitalistischen Gesellschaft (MEW 23, S. 49)<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-wahren-Kosten-des-kapitalistischen-Reichtums-6050797.html?view=fussnoten#f_8\"><strong>8<\/strong><\/a>, sondern erf\u00fcllt, wie bereits ausgef\u00fchrt, auch die Funktion der gesellschaftlichen Vermittlung. Die vereinzelten Einzelnen sind gezwungen, ihren gesellschaftlichen Zusammenhang dar\u00fcber herzustellen, dass sie arbeiten, genauer gesagt, indem sie ihre Privatarbeiten, dargestellt in den Arbeitsprodukten, miteinander in Beziehung setzen.<\/p>\n<p>Der gemeinsame, allgemeine Inhalt aller Waren ist daher die historisch-spezifische Form gesellschaftlicher Beziehung, die sie repr\u00e4sentieren, n\u00e4mlich die Arbeit in ihrer Funktion als gesellschaftlicher Vermittlungst\u00e4tigkeit. Nur weil es diesen gemeinsamen Inhalt gibt, lassen sich die Waren auf einen gemeinsamen, abstrakten Nenner bringen.<\/p>\n<p>Der Wert der Waren, der abstrakte Reichtum, ist also nichts anderes als die verdinglichte Darstellung der f\u00fcr den Kapitalismus grundlegenden gesellschaftlichen Beziehungsform; er ist die Darstellung von &#8222;abstrakter Arbeit\u201f, von Arbeit, die jedem bestimmten konkret-sinnlichen Inhalt gegen\u00fcber gleichg\u00fcltig ist, weil sie auf ihre Funktion als gesellschaftliche Vermittlungst\u00e4tigkeit reduziert wird.<\/p>\n<p>Das alles klingt verr\u00fcckt und das ist es im Grunde auch. Aber die Verr\u00fccktheit liegt in den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen selbst, denn in der kapitalistischen Gesellschaft stehen die Dinge auf dem Kopf. Die Menschen verf\u00fcgen nicht bewusst \u00fcber ihre gesellschaftlichen Beziehungen, sondern werden von diesen Beziehungen beherrscht. Im Wert verselbstst\u00e4ndigt sich die Arbeit der isolierten Privatproduzenten diesen gegen\u00fcber und gewinnt eine ungeheure Eigendynamik, die der Gesellschaft ihren Rhythmus und ihre Logik aufzwingt.<\/p>\n<p>Der Zweck der Produktion ist ganz unmittelbar der Wert selbst. Produziert wird, um aus einer bestimmten Summe Wert noch mehr Wert zu machen oder anders gesagt, um abstrakten Reichtum zu akkumulieren. Auf diese Weise setzt sich der abstrakte Reichtum absolut und wird zur alles beherrschenden Macht in der Gesellschaft. Das ist es, was Marx den Fetischismus der Warenproduktion nennt (MEW 23, S. 85.ff.).<\/p>\n<p>Wir hatten oben schon gesehen, dass diese Reduktion des gesellschaftlichen Reichtums auf die Verausgabung von warenproduzierender Arbeit den strukturellen Grund f\u00fcr das Unsichtbarmachen und die Abwertung der Care-T\u00e4tigkeiten ausmacht, die strukturell den Frauen zugewiesen wurden und daher &#8222;weiblich&#8220; eingeschrieben sind. Sie gelten als &#8222;wertlos\u201f, weil sie eben keinen &#8222;Wert\u201f im Sinne des abstrakten Reichtums repr\u00e4sentieren. Vor diesem Hintergrund erkl\u00e4rt sich aber auch, wieso nat\u00fcrliche Ressourcen keinen Wert und damit auch keinen abstrakten Reichtum darstellen, obwohl sie zugleich die unentbehrliche Voraussetzung und Grundlage jeder Warenproduktion sind.<\/p>\n<p>Als Naturerbe bilden sie zwar einen wichtigen Teil des stofflichen Reichtums, \u00fcber den die Menschheit verf\u00fcgt, fallen aber aus der Welt des abstrakten Reichtums heraus, denn sie werden zwar durch Arbeit umgeformt, sind aber selbst nicht das Produkt von Arbeit. Diese Feststellung ist historisch-spezifisch zu verstehen. Sie trifft ausschlie\u00dflich auf die kapitalistische Gesellschaft zu. Denn diese ist, wie erl\u00e4utert, die einzige Gesellschaft, in der die Reichtumsproduktion in eine stoffliche und eine abstrakte Seite auseinanderf\u00e4llt und in der als gesellschaftlicher Reichtum nur g\u00fcltig ist, was als abstrakte Arbeit sich im Wert darstellt.<\/p>\n<p>Es geht mir also nicht darum zu behaupten, dass nat\u00fcrliche Ressourcen prinzipiell und immer aus der Bestimmung des gesellschaftlichen Reichtums herausfallen; vielmehr will ich zeigen, dass dies nur unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise der Fall ist.<\/p>\n<p>Und dieses Herausfallen ist keine Frage falscher gesellschaftlicher oder politischer Entscheidungen oder verkehrter statistischer Indikatoren und erst recht keine Frage der pers\u00f6nlichen Einstellung, sondern ist grunds\u00e4tzlich in der historisch-spezifischen Form der Reichtumsproduktion angelegt. Das ist der tiefere Grund, weshalb die nat\u00fcrlichen Ressourcen unter den Bedingungen der kapitalistischen Reichtumsproduktion so r\u00fccksichtslos ausgebeutet und verschlissen werden. Da sie nicht der Welt des Werts angeh\u00f6ren, sondern als deren &#8222;Au\u00dfen&#8220; gelten, erscheinen sie als kostenlose Zugabe der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion, die solange genutzt wird, wie sie eben zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>Dass damit auf l\u00e4ngere Sicht nicht nur die Voraussetzungen der Warenproduktion untergraben werden, sondern auch die menschlichen Lebensgrundlagen als solche, ist im Universum der abstrakten Reichtumsproduktion nicht abbildbar und findet daher auch keine Ber\u00fccksichtigung.<\/p>\n<p>Auszug aus dem Text: Verdr\u00e4ngte Kosten. Die Externalisierungslogik der kapitalistischen Reichtumsproduktion und deren Aufhebung. In: Ernst Lohoff\/ Norbert Trenkle (Hrsg.): Shutdown. Klima, Corona und der notwendige Ausstieg aus dem Kapitalismus. M\u00fcnster 2020.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Brand, Ulrich\/ Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. M\u00fcnchen: Oekom Verlag<\/p>\n<p>Bierwirth, Julian (2013): Gegenst\u00e4ndlicher Schein.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.krisis.org\/2013\/julian-bierwirth-gegenstaendlicher-schein\/\">Zur Gesellschaftlichkeit von Zweckrationalit\u00e4t und Ich-Identit\u00e4t<\/a>. Krisis 3\/ 2013.<\/p>\n<p>Bierwirth, Julian (2019):\u00a0<a href=\"https:\/\/www.krisis.org\/2019\/die-geburt-des-ich-krisis-12019\/\">Die Geburt des Ich. Aspekte von Identit\u00e4t und Individualit\u00e4t<\/a>. Krisis 1\/2019.<\/p>\n<p>Diefenbacher, Hans\/ Zieschank, Roland (2011): Woran sich Wohlstand wirklich messen l\u00e4sst. Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt. M\u00fcnchen: oekom verlag<\/p>\n<p>Exner, Andreas\/ Lauck, Christian\/ Kulterer, Konstantin (2008): Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern. Wien: Ueberreuter<\/p>\n<p>Haller, Christian (2012): Menschenbild und Wirtschaft: Eine philosophische Kritik und Erweiterung des homo oeconomicus. Marburg: Tectum Verlag<\/p>\n<p>Habermann, Friederike (2008): Der homo oeconomicus und das Andere. Hegemonie, Identit\u00e4t und Emanzipation. Baden Baden: Nomos<\/p>\n<p>Jackson, Tim (2012):\u00a0<a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/environment\/beyond_gdp\/download\/factsheets\/bgdp-ve-isew.pdf\">The Regional Index of Sustainable Economic Well-Being (R-ISEW)<\/a>.<\/p>\n<p>Lepenies, Philipp (2013): Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts. Berlin: Suhrkamp Verlag<\/p>\n<p>Lessenich, Stephan (2018): Neben uns die Sintflut. Wie wir auf Kosten anderer leben. M\u00fcnchen: Piper<\/p>\n<p>Lohoff, Ernst (2017):\u00a0<a href=\"https:\/\/www.krisis.org\/2017\/zwei-buecher-zwei-standpunkte\/\">Zwei B\u00fccher &#8211; zwei Standpunkte. Zur Diskussion um Die gro\u00dfe Entwertung und Geld ohne Wert<\/a>\u00a0Lohoff, Ernst (2018):\u00a0<a href=\"https:\/\/www.krisis.org\/2018\/krisis218\/\">Die allgemeine Ware und ihre Mysterien<\/a>. Krisis 2\/2018.<\/p>\n<p>MEW 23 = Marx, Karl: Das Kapital, Band 1. In: Marx-Engels-Werke Band 23, Berlin : Dietz Verlag, 1983<\/p>\n<p>MEW 42 = Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der politischen \u00d6konomie. In: Marx-Engels-Werke Band 42, Berlin : Dietz Verlag, 1983<\/p>\n<p>O\u2018Neill, Dan (2016): Bruttoinlandsprodukt. In: D\u2019Alisa, Giacomo\/ Demaria, Federico\/ Kallis, Giorgos (Hrsg.): Degrowth. Handbuch f\u00fcr eine neue \u00c4ra. M\u00fcnchen: Oekom Verlag, S. 85-89<\/p>\n<p>Polanyi, Karl (1995 [1944]): The Great Transformation. Frankfurt am Main: Suhrkamp<\/p>\n<p>Postone, Moishe (2003): Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. 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Das Projekt Kritische Wissenschaft. (Jahreszahl fehlt) Hamburg, S. 54-71.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-wahren-Kosten-des-kapitalistischen-Reichtums-6050797.html?seite=all\"><em>Telepolis&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. Mai 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Norbert Trenkle. 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