{"id":9723,"date":"2021-05-31T15:37:02","date_gmt":"2021-05-31T13:37:02","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9723"},"modified":"2021-05-31T15:37:04","modified_gmt":"2021-05-31T13:37:04","slug":"was-ist-faschismus-der-missbrauch-des-f-wortes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9723","title":{"rendered":"Was ist Faschismus? Der Missbrauch des F-Wortes"},"content":{"rendered":"<p><em>Jack Conrad.<\/em> Die liberale und linke Meinung ist teils entsetzt, teils verbl\u00fcfft \u00fcber die wiederholten Wahlerfolge der extremen Rechten: Narendra Modi und die BJP in Indien, Rodrigo Duterte auf den Philippinen, Jair Bolsonaro in Brasilien; auch Russland, Japan, die T\u00fcrkei, Sri Lanka und Israel sind zu nennen. Vor allem aber war und ist da Donald J. Trump. Obwohl er im<!--more--> Wahlm\u00e4nnerkollegium und bei der Volksabstimmung am 3. November 2020 deutlich geschlagen wurde, erhielt er immer noch 74 Millionen Stimmen. Damit \u00fcbertraf er den bisherigen Rekord von Barack Obama um mehr als sieben Millionen und erhielt die meisten Stimmen aller amtierenden Pr\u00e4sidenten \u00fcberhaupt in der Geschichte der USA.<\/p>\n<p>Nicht weniger wichtig ist, dass Trump die Republikanische Partei in einem eisernen Griff hat. Die meisten GOP-W\u00e4hler glauben, oder sagen, dass sie glauben, dass Joe Biden die Pr\u00e4sidentschaftswahlen gestohlen habe. Die meisten GOP-W\u00e4hler wollen, dass die republikanischen Abgeordneten und Senatoren Trumps wirtschaftlicher, sozialer und aussenpolitischer Agenda folgen und nicht umgekehrt. Die meisten GOP-W\u00e4hler wollen, dass Trump erneut kandidiert &#8230; und das ist \u2013 zumindest aus heutiger Sicht \u2013 alles andere als unwahrscheinlich. Wenn Bidens \u00fcberholter Keynesianismus ins Wanken ger\u00e4t, ist es in der Tat durchaus denkbar, dass Trump 2024 gewinnt und der 47ste US-Pr\u00e4sident wird.<\/p>\n<p>Nicht, dass Europa sich als immun gegen die rechtsextreme Ansteckung erwiesen h\u00e4tte. Ganz im Gegenteil. In Polen und Ungarn ist die extreme Rechte an der Regierung. Sowohl <em>Recht und Gerechtigkeit<\/em> als auch <em>Fidesz<\/em> sind illiberal, migrantenfeindlich, antikommunistisch und schwulenfeindlich und tragen mehr als einen Hauch von Antisemitismus in sich. Es gibt betr\u00e4chtliche politische Formationen, die noch weiter rechts stehen. Jobbik, die zweitgr\u00f6sste Partei in der ungarischen Nationalversammlung, zeigt eine deutliche Vorliebe f\u00fcr Mikl\u00f3s Horthy, den Pro-Nazi-Kollaborateur w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs. Jobbik hatte auch enge Beziehungen zu der unbewaffneten \u00abB\u00fcrgerwehr\u00bb, Magyar G\u00e1rda Mozgalom. In Polen errang die Konfederacja \u2013 eine bunte Ansammlung von rechten Libert\u00e4ren, Monarchisten und nationalen Chauvinisten \u2013 bei den Wahlen im Oktober 2019 11 Sitze im Sejm. Es ist fast \u00fcberfl\u00fcssig zu sagen, dass die Konfederacja \u00abchristliche Werte\u00bb hochh\u00e4lt und die sogenannte internationale j\u00fcdische \u00abVerschw\u00f6rung\u00bb gegen Polen anprangert.[1]<\/p>\n<p>Dann gibt es noch Marine Le Pens Rassemblement National, die Freiheitliche Partei \u00d6sterreichs, die Alternative f\u00fcr Deutschland, die D\u00e4nische Volkspartei, die Finnen, die Schwedendemokraten, die Liga in Italien, Vox in Spanien usw. \u2013 sie alle erreichen in den j\u00fcngsten Umfragen etwa 10-30 %.<\/p>\n<p>Wie ist dieses globale Ph\u00e4nomen einzustufen? Dass es sich um ein globales Ph\u00e4nomen ist offensichtlich, wenn auch ein komplexes, gef\u00e4rbt und geformt durch besondere nationale Geschichten, Umst\u00e4nde und Dynamiken.<\/p>\n<p>Trump wird seit langem vorgeworfen, ein Faschist zu sein oder in Richtung Faschismus zu gehen.[2] Das war ganz sicher im Vorfeld der Wahl im November 2020 und nach seinem gescheiterten Selbstputsch vom 6. Januar 2021 zutreffend. Alexandria Ocasio-Cortez warnte, dass mit Trump \u00abder Faschismus vor der T\u00fcr stehe\u00bb[3]; Nick Cohen schlussfolgerte, dass \u00abwenn Trump wie ein Faschist aussieht und sich wie ein Faschist benimmt, dann ist er vielleicht auch einer\u00bb[4]; dann gibt es diejenigen, die lediglich meinen, dass Trump \u00abfaschistische Z\u00fcge\u00bb trage.[5] Der letzte Satz stammt von Daniel Lazare, einem langj\u00e4hrigen revolution\u00e4ren Sozialisten in den USA und regelm\u00e4ssigen Mitarbeiter des Weekly Worker.<\/p>\n<p>Nach Ansicht vieler in der \u00f6konomistischen Linken \u2013 vor allem der Socialist Workers Party und dem, was von ihrer International Socialist Tendency \u00fcbriggeblieben ist, sind dies die 1930er Jahre in \u00abZeitlupe\u00bb.[6] Die Welt steht \u2013 nach dieser Einsch\u00e4tzung \u2013 in einem erneuten Vormarsch des Faschismus. Daher die Kampagne der SWP \u00abStand Up to Racism\u00bb,als Nachfolger von \u00abUnite Against Fascism\u00bb \u2013 eine Volksfront, die von Gewerkschaftsfunktion\u00e4ren, einer Handvoll Labour-Abgeordneter, verschiedenen Radikalen und einem gemischten Haufen religi\u00f6ser W\u00fcrdentr\u00e4ger unterst\u00fctzt wird \u2013 und ihre Standardlinie: \u00abHassverbrechen und rechtsextreme Terroranschl\u00e4ge haben epidemische Ausmasse angenommen, und die rassistische und faschistische Rechte erlebt den gr\u00f6ssten Zuwachs ihrer Unterst\u00fctzung seit den 1930er Jahren\u00bb.[7]<\/p>\n<p>Es stimmt, zu den ideologischen Vorl\u00e4ufern vieler der heutigen rechtsextremen Parteien geh\u00f6ren die \u00abklassischen\u00bb Faschisten der 1920er und 30er Jahre. Dennoch werden Hardcore-Holocaust-Leugner, nicht-staatliche Kampfformationen und reuelose Hitler-Fans oft gemieden, ihnen die kalte Schulter gezeigt oder sogar verboten. Polen hat den Amerikaner Richard Spencer \u2013 ein weisser Rassist und Galionsfigur der alten Rechten \u2013 ausgeschlossen. Marine Le Pen schloss ihren eigenen Vater, Jean-Marie Le Pen, aus, um ein weniger giftiges Image zu pflegen. Viktor Orb\u00e1ns Fidesz-Regierung \u00fcberwachte das Verbot der Magyar G\u00e1rda Mozgalom. Die inzwischen v\u00f6llig marginalisierte UK Independence Party schliesst immer noch ehemalige Mitglieder der British National Party von ihrer eigenen Mitgliedschaft aus.<\/p>\n<p><strong>Einsch\u00e4tzung<\/strong><\/p>\n<p>Meine Absicht in diesem Artikel ist eine sechsfache. Erstens m\u00f6chte ich den politischen Vorteil klarer, enger, historisch verwurzelter Definitionen hervorheben. Zweitens soll gezeigt werden, weshalb das wiederholte Heulen \u00fcber die \u00abfaschistische\u00bb Gefahr und das Umwerben gem\u00e4ssigter konservativer und liberaler Meinungen, um sie dazu zu bringen, sich der \u00abantifaschistischen\u00bb Sache anzuschliessen, zu Selbstgef\u00e4lligkeit f\u00fchrt, Verwirrung stiftet und letztlich selbstzerst\u00f6rerisch ist. Drittens werden die Vorl\u00e4ufer des 19. Jahrhunderts betrachtet. Viertens m\u00f6chte ich den Faschismus in seinen richtigen historischen und sozio\u00f6konomischen Kontext stellen. F\u00fcnftens wird der Faschismus durch das Prisma betrachtet und untersucht, wie er vom b\u00fcrgerlichen Establishment theoretisch bewertet und wegerkl\u00e4rt wird. Sechstens soll auf dieser Grundlage die heutige Situation beurteilt werden.<\/p>\n<p>Der Begriff \u00abFaschismus\u00bb ist seit seiner urspr\u00fcnglichen Pr\u00e4gung (Benito Mussolini \u00fcbernahm die Fasces \u2013 ein B\u00fcndel von St\u00f6cken mit einer Axt in der Mitte, das Symbol der Staatsmacht im alten Rom \u2013 als Emblem seiner Bewegung) allen m\u00f6glichen unterschiedlichen Definitionen unterworfen gewesen. Mussolini gr\u00fcndete die \u00abItalienischen Kampffaschisten\u00bb im M\u00e4rz 1919, als 54 Personen \u2013 demobilisierte Soldaten, ehemalige Kriegsbef\u00fcrworter, Syndikalisten und extreme Sozialchauvinisten \u2013 sich seinem Programm anschlossen. Der Faschismus stand, in den Worten von Il Duce, gegen den Liberalismus, die \u00abersch\u00f6pften Demokratien\u00bb und den \u00abgewaltsam utopischen Geist des Bolschewismus\u00bb.[8]<\/p>\n<p>Heutzutage ist das Wort \u00abFaschismus\u00bb in der Linken jedoch zu wenig mehr als einem politischen Schimpfwort verkommen. Londons Met-Polizei wird regelm\u00e4ssig von \u00fcberdrehten Demonstranten als \u00abfaschistisch\u00bb tituliert; die guerillaistische Linke in der T\u00fcrkei bezeichnet alle Regierungen des Landes seit der Gr\u00fcndung des modernen Staates durch Kemal Atat\u00fcrk im Jahr 1923 als faschistisch; Faschismus wird auch beil\u00e4ufig mit bigotten Vorurteilen, Einschr\u00e4nkungen der b\u00fcrgerlichen Freiheiten und jeder und jedem Ausdruck von nationalem Chauvinismus gleichgesetzt. F\u00fcr viele ist der Faschismus also keine zuk\u00fcnftige Gefahr. Er ist eine Vergangenheit, die die Gegenwart durchdringt.<\/p>\n<p>Das F-Wort bietet den Benutzern sicherlich eine emotionale Katharsis und provoziert eine lohnende, stotternde Reaktion der Zielperson. Doch das hilft kaum, die wahre Natur des Faschismus zu enth\u00fcllen \u2013 nicht zuletzt, wie er historisch entstanden ist und als konterrevolution\u00e4re Waffe in der kapitalistischen Gesellschaft funktioniert. Dies ist keine Frage der Pedanterie oder Semantik. Den Faschismus aus der Geschichte zu scheren, ihn auf wenig mehr als ein Schimpfwort zu reduzieren \u2013 etwas Geh\u00e4ssiges, R\u00fcckschrittliches oder Bedrohliches, ein Objekt der Verachtung \u2013 bedeutet, dass man methodisch nicht zwischen der staatlichen Unterdr\u00fcckung, die der Faschismus in den 1920er, 30er und 40er Jahren auferlegte, einerseits und der konventionellen staatlichen Unterdr\u00fcckung andererseits unterscheiden kann: z.B. die Suspendierung des Habeas Corpus 1794, das Verbot der London Corresponding Society und der regelm\u00e4ssige Einsatz der Yeomanry zur Unterdr\u00fcckung des \u00abJakobinismus\u00bb durch William Pitts Tory-Reaktion; Otto von Bismarcks antisozialistische Gesetze von 1878; Amerikas Jim-Crow-Gesetzgebung des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts, Woodrow Wilsons Anti-Unterwanderungsgesetze von 1918 und die McCarthy-Hexenjagd der 1950er Jahre; die Flut von Anti-Gewerkschaftsgesetzen, die von Margaret Thatchers Regierung eingef\u00fchrt wurden, und ihre Niederschlagung des Grossen Streiks der Bergarbeiter 1984-85.<\/p>\n<p>Unn\u00f6tig zu sagen, dass die Verankerung des Faschismus in der Geschichte eine klare, eindeutige Bedeutung hat und nichts mit irgendeiner Weichheit gegen\u00fcber den Tories von Pitt, einer Vorliebe f\u00fcr Bismarckschs Blut und Eisen, Sympathie f\u00fcr Senator Joe McCarthy, Bewunderung f\u00fcr den t\u00fcrkischen Staat oder Vorliebe f\u00fcr den Thatcherismus usw. zu tun hat. Im Gegenteil, indem das was nicht faschistisch ist als faschistisch etikettiert wird, verwirrt, entwaffnet, verr\u00e4t man die Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>In den sp\u00e4ten 1920er und fr\u00fchen 30er Jahren bestand der \u00aboffizielle Kommunismus\u00bb dogmatisch darauf, alles und jeden, von der Labour-Linken bis zu Ramsay MacDonalds nationaler Regierung und von der deutschen Sozialdemokratie bis zu Franklin D. Roosevelt, unter der sich st\u00e4ndig ausweitenden Rubrik Faschismus oder Tendenzen zum Faschismus zu klassifizieren. Z.B. wurde Roosevelts New Deal von Grossbritanniens f\u00fchrendem kommunistischen politischen Denker \u2013 er hatte, das muss man zugeben, eine beachtliche, wenn auch letztlich unterw\u00fcrfige Intelligenz \u2013 als \u00ab\u00dcbergang zu faschistischen Formen, besonders im wirtschaftlichen und industriellen Bereich\u00bb beschrieben.[9] Der Faschismus wuchs angeblich organisch aus der b\u00fcrgerlichen Demokratie heraus. Nur ein Liberaler \u00abkann akzeptieren, dass es einen Widerspruch zwischen b\u00fcrgerlicher Demokratie und Faschismus gibt\u00bb, so Dmitri Manuilsky \u2013 ein vertrauensw\u00fcrdiges Mitglied des Pr\u00e4sidiums der Komintern \u2013 in seinem Bericht an deren Exekutivkomitee.[10] Stalin brachte den Ansatz auf den Punkt, indem er Sozialdemokratie und Faschismus als \u00abZwillingsbr\u00fcder\u00bb miteinander verband.[11]<\/p>\n<p>Die Theorie der \u00abdritten Periode\u00bb f\u00fchrte dazu, dass die Kommunistische Partei Deutschlands es ablehnte, der \u00absozialfaschistischen\u00bb Sozialdemokratischen Partei ernsthafte Einheitsfrontvorschl\u00e4ge zu machen. Nicht, dass die SDP-Spitzen jemals bereit gewesen w\u00e4ren, ein solches Angebot anzunehmen \u2013 F\u00fchrer wie Rudolf Hilferding, Otto Wels und Arthur Crispien wollten eine \u00abaggressiv antagonistische Linie\u00bb gegen\u00fcber den Kommunisten. Sie bef\u00fcrchteten, dass die Kommunisten kurz davor waren, sie wahltechnisch \u00abauszul\u00f6schen\u00bb.[12] Ihre Entschlossenheit bestand darin, die Weimarer Republik zu verteidigen und die Nazis und die Kommunisten im Rahmen der Verfassung und der Legalit\u00e4t zu bek\u00e4mpfen. Die Berufung auf die Basis h\u00e4tte sich als eine andere Politik erwiesen. Mit anderen Worten: Eine Einheitsfront von unten h\u00e4tte vielleicht einen Kurswechsel von oben erzwungen. Wir werden es nie erfahren. Aber wir wissen, was tats\u00e4chlich geschah.<\/p>\n<p>Obwohl die Stimmen f\u00fcr die Nazis um 4% zur\u00fcckgingen, wurde Adolf Hitler \u2013 angeblich nicht besonders gef\u00e4hrlich \u2013 mit der widerwilligen Hilfe von Pr\u00e4sident Paul von Hindenburg, der Empfehlung des konservativen Kanzlers Franz von Papen, einer Koalition mit der Deutschnationalen Volkspartei und der aktiven Unterst\u00fctzung einer Koalition aus Grossindustrie, Grossfinanz und Grosslandwirtschaft in den Sattel der Macht gehoben \u2013 die Nazis wurden grossz\u00fcgig finanziert.[13] Nach dem Januar 1933 waren sowohl die Kommunistische Partei als auch die Sozialdemokratische Partei dem vernichtenden Nazi-Terror ausgesetzt: Brandbomben, Schl\u00e4ge, Attentate, Verhaftungen und T\u00f6tungen \u00abbei Fluchtversuchen\u00bb. Ein gesetzliches Verbot beider Parteien folgte schnell. Im M\u00e4rz 1933 konnte Hitler ein Erm\u00e4chtigungsgesetz durch den von sozialdemokratischen und kommunistischen Abgeordneten ges\u00e4uberten Reichstag bringen, das ihm faktisch diktatorische Vollmachten gab.<\/p>\n<p>1934-35 \u00abkorrigierte\u00bb Stalins Kommunistische Internationale ihre Analyse des Faschismus \u2013 zun\u00e4chst auf dem 13. Plenum, dann auf dem 7. Georgi Dimitrow lieferte eine neue Formulierung, die von allen \u00aboffiziellen kommunistischen\u00bb Parteien allgemein angenommen wurde. Dimitrow definierte den Faschismus neu als die \u00aboffene, terroristische Diktatur der reaktion\u00e4rsten, chauvinistischsten und imperialistischsten Elemente des Finanzkapitals\u00bb.[14] Seine Heilung war allerdings nicht viel besser als die urspr\u00fcngliche \u00absozialfaschistische\u00bb Krankheit. Faschismus wurde immer noch als ein Auswuchs des Kapitalismus betrachtet. Aber die \u00dcberwindung des Faschismus war v\u00f6llig losgel\u00f6st vom revolution\u00e4ren Klassenkampf gegen den Kapitalismus. Abgesehen davon, dass man die Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie nun absegnete, wurde die T\u00fcr weit offen gehalten f\u00fcr den bevorstehenden Drang zu Volksfronten in jedem Land \u2013 Grossbritannien, Indien, USA, Frankreich, Spanien, Chile usw. Das erlaubte den Kommunisten, sich mit den weniger terroristischen, weniger chauvinistischen und weniger aggressiven Vertretern des Kapitalismus zu verb\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die clevere Idee war, sich auf einfache Arithmetik zu verlassen. Die Kommunisten, Sozialdemokraten und Liberalen ergeben zusammen eine gr\u00f6ssere Gesamtsumme als die Faschisten. Die Volksfront versprach daher gr\u00f6ssere Strassendemonstrationen, eine h\u00f6here Stimmenzahl bei den Parlamentswahlen und mehr Abgeordnete. Danach w\u00fcrde es antifaschistische Koalitionsregierungen und Minister\u00e4mter geben. Breite wurde zur dauernden Heilsformel. Die SWP wandte genau dieselbe Logik mit ihren Projekten der Anti-Nazi-Liga, von Stop the War Coalition, Respect, Unite Against Fascism und Stand Up To Racism an. Aber es ist immer die Rechte, die die programmatischen Grenzen setzt. Weder liberale Bonzen noch britisch-asiatische Gesch\u00e4ftsleute, weder die offizielle Labour-Linke noch die Muslim Association of Britain werden den Kapitalismus bek\u00e4mpfen \u2013, ausser vielleicht rhetorisch und dann ausschliesslich innerhalb der bestehenden Verfassung. Um solche Verb\u00fcndete an Bord zu halten, werden die sozialistischen Prinzipien, Ziele und Erkl\u00e4rungen einer nach der anderen geopfert, bis der Punkt der totalen Vernichtung erreicht ist. Das Ergebnis von Volksfronten ist also nicht gr\u00f6ssere St\u00e4rke, sondern programmatischer Liquidationismus.<\/p>\n<p>Statt dass die Voraussetzung f\u00fcr eine Regierungsbildung der Bruch der bestehenden Verfassung, die politische Macht der Arbeiterklasse und die Abl\u00f6sung des Kapitalismus ist, gibt es antifaschistische, popul\u00e4re, fortschrittliche Koalitionsregierungen, die sich f\u00fcr Reformen innerhalb des bestehenden Gesellschaftssystems einsetzen. Der Sozialismus wird gemeinhin als spalterisches ultralinkes Sektierertum denunziert, bek\u00e4mpft, vor dem gewarnt wird \u2013 das bestenfalls in eine harmlose ferne Zukunft ausgelagert wird.<\/p>\n<p>Aus der Ferne verdammte Trotzki die \u00abvierte Periode\u00bb als einen rasanten Abstieg in nackte Klassenkollaboration. Er stellte die neue Linie der Komintern auf eine Stufe mit dem kl\u00e4glichen Scheitern der Sozialdemokratie angesichts der Herausforderung des innerimperialistischen Krieges im August 1914. In einem Satz: Die Marseillaise ertr\u00e4nkt die Internationale. Die Kommunistische Internationale trete in das \u00absozialpatriotische Lager\u00bb ein, erkl\u00e4rte er.[15] Im Laufe seiner Schriften \u00fcber Deutschland kam Trotzki zu einer Reihe von Schlussfolgerungen, die immer noch h\u00f6chst relevant sind. Der Faschismus ist ein Produkt der kapitalistischen Krise und des kapitalistischen Kontrollverlusts \u00fcber die Gesellschaft. Der Faschismus als Regierungssystem f\u00fchrt zwar zu einer effektiven Entfernung der Bourgeoisie von der politischen \u2013 nicht aber von der wirtschaftlichen \u2013 Macht. Stolzierende Schl\u00e4ger, psychopathische M\u00f6rder und Hetzer \u00fcbernehmen die f\u00fchrenden \u00c4mter des Staates. Es stimmt, dass in Milit\u00e4rdiktaturen liberale und konservative Parteien aufgel\u00f6st oder auf blosse Dekoration reduziert werden k\u00f6nnen. Aber Armeegener\u00e4le sind unverkennbar Mitglieder der herrschenden Klasse. Das Gleiche kann man nicht von Mussolini oder Hitler sagen (wohl aber von Oswald Mosley).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Kapitalistenklasse \u2013 oder zumindest f\u00fcr wichtige Sektoren der Kapitalistenklasse \u2013 ist der Verlust der politischen Macht jedoch ein Preis, den es zu zahlen lohnt. Der Faschismus organisiert, militarisiert und entfesselt eine plebejische Massenkraft \u2013 das wildgewordene Kleinb\u00fcrgertum, das Lumpenproletariat, verbitterte ehemalige Soldaten \u2013, die aufgrund ihres fanatischen ideologischen Engagements bereit ist, f\u00fcr die vollst\u00e4ndige Zerst\u00f6rung des Marxismus \u00abin all seinen Formen und Gestalten\u00bb zu k\u00e4mpfen. Der Faschismus ist daher intern h\u00e4ufig nach dem milit\u00e4rischen Prinzip \u00abBefehl und Gehorsam\u00bb strukturiert. Mussolini ha sempre ragione! (&#8218;Mussolini hat immer Recht&#8216;) skandierten die Schwarzhemden. Nat\u00fcrlich f\u00fchrt der Faschismus seine Mission, \u00abdie Nation zu retten\u00bb, mit der Duldung (manchmal passiv, manchmal aktiv) der etablierten Elite, der Polizei, der Staatsb\u00fcrokratie und des Oberkommandos der Armee aus. Nicht nur die kommunistische Avantgarde wird vernichtet: Die Masse der Arbeiterklasse wird in einem \u00abZustand erzwungener Uneinigkeit\u00bb gehalten.[16]<\/p>\n<p><strong>Vorl\u00e4ufer<\/strong><\/p>\n<p>Die intellektuellen Urspr\u00fcnge des Faschismus liegen zweifelsohne im sp\u00e4ten 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert. Sozialdarwinismus, die Pseudowissenschaft der Rasse, Staatskult, romantische Nationalgeschichte, Antisemitismus und die Verunglimpfung des internationalen Sozialismus und der organisierten Arbeiterklasse waren die dominierenden Ideen der europ\u00e4ischen herrschenden Klassen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Romantische Nationalgeschichte band Massen von Menschen zu Hause an die imaginierte Gemeinschaft des Staates, und der Sozialdarwinismus diente dazu, sie mit der \u00abnat\u00fcrlichen\u00bb, hierarchischen Gesellschaftsordnung zu vers\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Doch obwohl die faschistischen F\u00fchrer und ihre schrillen Publizisten solche herrschenden Ideen freiz\u00fcgig einsetzten, taten sie dies auf eine v\u00f6llig demagogische Weise. Die Absicht war, eine (Konter-)Revolution durchzuf\u00fchren. Den Weg zur Macht freizumachen, hatte immer Vorrang. Jedes ideologische Man\u00f6ver, jede Pose konnte gerechtfertigt werden. Daher gibt es beim Faschismus keine logisch fundierte Argumentation, wie sie bei Aristoteles und Thomas von Aquin, Hegel und Marx zu finden ist. Lesen Sie \u00abMein Kampf\u00bb, Mussolinis \u00abAutobiographie\u00bb oder Mosleys \u00abMein Leben\u00bb. L\u00e4sst man die L\u00fcgen und Halbwahrheiten beiseite, so entpuppten sich die Schriften als banal und voller Widerspr\u00fcche. In der Tat hat kein faschistischer F\u00fchrer jemals etwas von bleibendem Wert geschrieben. Kein Wunder \u2013 die faschistische Ideologie \u00abist st\u00e4ndig im Wandel\u00bb: \u00abJede \u00c4usserung entspringt der unmittelbaren Situation und wird aufgegeben, sobald sich die Situation \u00e4ndert.\u00bb[17] Der Faschismus h\u00e4lt an bestimmten vagen \u00dcberzeugungen fest \u2013 F\u00fchrung, Willenskraft, m\u00e4nnliche Disziplin, nationale Erl\u00f6sung \u2013, aber es gibt keine faschistische Theorie, die die Aussagen systematisch mit der Praxis verbindet. Irrationalismus ist das bestimmende Merkmal.<\/p>\n<p>Im gleichen Masse ist es jedoch \u00fcbertrieben, Marine Le Pen wegen der \u00abfaschistischen Wurzeln\u00bb ihres Vaters als Faschistin zu bezeichnen,[18] Viktor Orb\u00e1ns Regime wegen der D\u00e4monisierung muslimischer Fl\u00fcchtlinge als \u00abweichen Faschismus\u00bb zu bezeichnen,[19] oder zu behaupten, Modis BJP-Regierung in Indien sei wegen der \u00abVerhaftung linker Intellektueller\u00bb und der \u00abUmst\u00fcrzung der Verfassung des Landes\u00bb \u00abfaschistisch\u00bb.[20]<\/p>\n<p>Organisatorisch hat der Faschismus Vorl\u00e4ufer in den antiliberalen und antisozialistischen konterrevolution\u00e4ren Bewegungen der gleichen Periode des sp\u00e4ten 19. bis fr\u00fchen 20. Jahrhunderts. Eine lose Analogie kann auch zwischen der Bewegung von Louis Napoleon Bonaparte und dem Faschismus gezogen werden. Ohne es zu weit zu treiben, tat August Thalheimer \u2013 ein ehemaliger Spitzenf\u00fchrer der Kommunistischen Partei Deutschlands \u2013 genau dies, und zwar mit allgemein lohnenden Ergebnissen.[21] Thalheimer nahm als Ausgangspunkt die tiefen Einsichten, die er in Marx&#8216; Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte und dem B\u00fcrgerkrieg in Frankreich gefunden hatte. Auch Trotzki argumentierte, dass es \u00abein Element des Bonapartismus im Faschismus gibt\u00bb.[22] 1848 wurde die b\u00fcrgerliche Monarchie von Louis Philippe gest\u00fcrzt. Eine popul\u00e4re, von der Arbeiterklasse angef\u00fchrte Revolution stellte die Republik wieder her. Jedoch erwiesen sich weder die Arbeiter noch die Bourgeoisie als stark genug, um ihre Herrschaft zu etablieren. Die Cavaignac-Diktatur konnte Auguste Blanqui verhaften und die Arbeiter unterdr\u00fccken, aber sie konnte keine stabile Ordnung errichten. Es kam zu einem inh\u00e4rent instabilen revolution\u00e4r-konterrevolution\u00e4ren Patt zwischen den beiden Klassen. Unter diesen Umst\u00e4nden traf Charles Louis Napoleon Bonaparte \u2013 ein Neffe des Kaisers Napoleon I. \u2013 auf sein Schicksal.<\/p>\n<p>Dieser Bonaparte versammelte eine amorphe Schicht von verkommenen Elementen \u2013 jene, die die Franzosen la boh\u00e8me nennen. Gest\u00fctzt auf diese unbest\u00e4ndige, aber manipulierbare soziale Basis, konstruierte er geschickt eine grosse Koalition. Vor dem Proletariat und dem Lumpenproletariat bl\u00e4hte er sich mit wohlformulierten revolution\u00e4ren Phrasen auf; die Bauern gewann er mit traditionellen Familienwerten und grossen Versprechungen von neuem nationalem Ruhm. W\u00e4hrenddessen verb\u00fcndete sich dieser Bonaparte im Stillen mit der Hochfinanz. Offensichtlich war CLNB keine \u00abgroteske Mittelm\u00e4ssigkeit\u00bb. Im Dezember 1851 ergriff er mit Hilfe der franz\u00f6sischen Armee in einem Selbstputsch die Macht. Der bonapartistische Staat erhob sich \u00fcber die Gesellschaft. Die b\u00fcrgerliche politische Macht endete, aber die b\u00fcrgerliche wirtschaftliche Macht wurde vor der Bedrohung durch die Arbeiterklasse bewahrt.<\/p>\n<p>Die boulangistische Bewegung war auch so etwas wie eine Vorahnung. General Georges Boulanger war das Modell des Mannes zu Pferde, der vor einer Gesellschaft erschien, die sich nach ihrem Retter sehnte. Als sozialer Demagoge, der von der reaktion\u00e4ren Rechten gesteuert wurde, konnte er jedoch die Arbeiterklasse ansprechen. In den sp\u00e4ten 1880er Jahren erlangte er eine fl\u00fcchtige Ber\u00fchmtheit. Indem er schrillen Nationalismus mit Massenagitation gegen parlamentarische Korruption vermischte, erlagen einflussreiche Mitglieder der Franz\u00f6sischen Arbeiterpartei \u2013 darunter auch Marx&#8216; Schwiegersohn Paul Lafargue \u2013 der Illusion, dass der boulangistische Dritte Weg eine \u00abechte Massenbewegung\u00bb darstellte, die, wenn sie gef\u00f6rdert w\u00fcrde, einen sozialistischen Charakter entwickeln k\u00f6nnte. Wie so viele ungeduldige Linke versuchte Lafargue, mit einer fremden Flut zu schwimmen. \u2026 Friedrich Engels seinerseits wollte das nicht hinnehmen. Er forderte die franz\u00f6sischen Genossen auf, \u00abunter ihrer eigenen Flagge zu k\u00e4mpfen\u00bb &#8211; sowohl gegen das b\u00fcrgerliche politische Establishment als auch gegen die Boulangisten.[23]<\/p>\n<p>Die 1899 gegr\u00fcndete Action Fran\u00e7aise ist mit gutem Grund als \u00abThese\u00bb des Faschismus bezeichnet worden (Ernst Nolte).[24] Sie verband Antisemitismus mit Nationalismus und dynastischem Royalismus. Von zentraler Bedeutung ist jedoch die erste \u00abHemdenbewegung\u00bb, d. h. die rechten Kampfgruppen. Die &#8218;Camelots du Roi&#8216; begannen als Strassengang der Action Fran\u00e7aise und wurden 1917 zu einer ausgewachsenen konterrevolution\u00e4ren Massenmiliz.<\/p>\n<p>Im Februar 1934 war sie Teil eines royalistisch-faschistischen Blocks \u2013 bewaffnet mit Revolvern, Kn\u00fcppeln und Rasiermessern \u2013, der das Parlamentsgeb\u00e4ude in Paris st\u00fcrmte und \u00abden l\u00e4chelnden, etwas senilen\u00bb Gaston Doumergue als Premierminister an die Macht brachte.[25] Unterst\u00fctzt vom Grosskapital, darunter Tycoons wie Ernest Mercier, der Direktor eines Elektro- und \u00d6lkonzerns, riefen die Kampfgruppen das Ende der Republik und \u00abFrankreich f\u00fcr die Franzosen\u00bb aus.<\/p>\n<p>Die 1905 gegr\u00fcndete Union des russischen Volkes mobilisierte ebenfalls deklassierte Elemente zu Kampfgruppen \u2013 unterst\u00fctzt von der zaristischen Beamtenschaft. Mit dem Ruf von Nikolaus II. auf den Lippen und der Inauguration von Gottes Reich auf Erden im Herzen, starteten die Schwarzen Hundertschaften b\u00f6sartige Pogrome gegen streikende Arbeiter, Revolution\u00e4re und Juden \u2013 \u00abSchlagt die Juden, rettet Russland\u00bb lautete ihre ber\u00fchmte Losung. Sie wollten Juden \u00abermutigen\u00bb, \u00abnach Pal\u00e4stina auszuwandern\u00bb.[26]<\/p>\n<p><strong>Wendepunkt<\/strong><\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg markierte einen epochalen Wendepunkt. Der Kapitalismus verwandelt sich in einen staatsmonopolistischen Kapitalismus. Das Wertgesetz, die Konkurrenz und andere wesentliche Gesetze gehen unter und k\u00f6nnen nur durch organisatorische Massnahmen wie staatliche Intervention und R\u00fcstungswirtschaft aufrechterhalten werden. Die Marktkr\u00e4fte werden teilweise entmystifiziert. Sie werden als politisch entlarvt. Der Sozialismus steht unmittelbar bevor. Wenn es sein muss, z\u00f6gert das kollektive Kapital den \u00dcbergang hinaus, indem es die Staatsmacht \u00fcber die unmittelbaren Interessen des Profits stellt.<\/p>\n<p>Das offizielle Europa, besonders in den besiegten L\u00e4ndern, ging aus dem Chaos des Ersten Weltkriegs gr\u00fcndlich diskreditiert, geschw\u00e4cht und von inneren Spaltungen zerrissen hervor. Unserer Klasse bot sich eine noch nie dagewesene historische Chance. Der Bolschewismus f\u00fchrte den Weg brillant an. Tragischerweise erwiesen sich die Organisationen der Arbeiterklasse anderswo entweder als unzureichend oder wichen erb\u00e4rmlich vor der Aufgabe zur\u00fcck und versuchten, sich mit dem Kapitalismus zu vers\u00f6hnen. Die b\u00fcrgerliche Gesellschaft war ersch\u00f6pft und chronisch gespalten, aber der Arbeiterklasse fehlte die notwendige F\u00fchrung, um den endg\u00fcltigen, revolution\u00e4ren Schlag zu f\u00fchren. Unter diesen Bedingungen bricht der Faschismus als konterrevolution\u00e4re Bewegung aus.<\/p>\n<p>Nach dem Ersten Weltkrieg brachte praktisch jedes Land in Europa eine Reihe von faschistischen Gruppen und Gr\u00fcppchen hervor. Sie waren anfangs v\u00f6llig marginal. Mussolini erhielt bei den Wahlen 1919 nicht einen einzigen Abgeordneten. Die vornehme Gesellschaft blickte mit kaum verhohlener Verachtung auf sie herab. Hitler wurde als Spinner abgetan. Doch der ungel\u00f6ste Klassenkampf und die wiederholten Wirtschaftskrisen f\u00fchrten in eine tiefe Zerrissenheit. Die b\u00f6sartige Aura des Faschismus verschwand. Mussolinis Schwarzhemden und Hitlers Braunhemden erschienen vor der herrschenden Klasse als Retter &#8230; wenn auch nicht auf einem Pferd.<\/p>\n<p>Mussolini \u00fcbernahm 1922 auf Einladung von K\u00f6nig Viktor Emanuel III. die Macht \u2013 mit aktiver Ermutigung des Grosskapitals und unter Zusicherung der wohlwollenden Neutralit\u00e4t der Armee. Der ber\u00fchmte \u00abMarsch auf Rom\u00bb war reines Theater. Mussolini wusste im Voraus, dass das Establishment ihm einen Heldenempfang bereiten w\u00fcrde. Ein Jahrzehnt sp\u00e4ter, nach dem B\u00f6rsenkrach von 1929, bildete Hitler seine Koalitionsregierung mit der konservativen Rechten.<\/p>\n<p>Es \u00fcberrascht nicht, dass die erste Reaktion der Marxisten etwas verwirrt war. Auf dem 4. Kongress der Kommunistischen Internationale 1922 \u2013 dem letzten, an dem Lenin teilnahm \u2013 wurde der Sieg des Faschismus in Italien zum Teil auf die Unf\u00e4higkeit der Kommunisten zur\u00fcckgef\u00fchrt, die revolution\u00e4re Situation positiv zu l\u00f6sen; in dieser revolution\u00e4ren Situation kam es 1919 immerhin zu einer weit verbreiteten Beschlagnahme von Fabriken und Land durch Arbeiter und arme Bauern. \u00abIn erster Linie\u00bb war der Faschismus \u00abeine Waffe\u00bb in den \u00abH\u00e4nden der Grossgrundbesitzer\u00bb, so das Argument. Italien befand sich vermutlich r\u00fcckw\u00e4rts auf einer Evolutionsleiter vom Kapitalismus zum Feudalismus. Die Bourgeoisie entging in diesem plumpen Schema der Schuld. Es hiess, sie seien entsetzt \u00fcber Mussolinis \u00abschwarzen Bolschewismus\u00bb. Entscheidend ist jedoch, dass die Komintern sich nicht mit der Tatsache abfand, dass die Arbeiterklasse mit dem Triumph des Faschismus eine strategische Niederlage erlitten hatte. Der Faschismus k\u00f6nne sich nicht lange halten. Ein erneuter Aufstand der Arbeiterklasse sei unausweichlich \u2013 und zwar sehr bald.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich stimulierte der faschistische Erfolg in Italien, zusammen mit dem anhaltenden Griff einer tiefen sozio\u00f6konomischen Krise, das Wachstum anderer faschistischer Bewegungen. Es gab zwangsl\u00e4ufig blosse Nachahmungen \u2013 z. B. die 1923 gegr\u00fcndete Rum\u00e4nische Faschistische Partei und George Valois&#8216; Le Faisceau von 1924. Der Faschismus ist jedoch im Grunde eine national-chauvinistische Bewegung. So gewinnt er eine Massenbasis \u2013 wie dies von Clara Zetkin und Karl Radek betont wurde. Daher war die allgemeine Tendenz, aggressiv die Merkmale, Vorurteile und Antagonismen des eigenen Nationalismus zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>So war Hitlers Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei kein Klon von Mussolinis Faschismus. Dasselbe gilt f\u00fcr die \u00f6sterreichische Heimwehr, Ungarns Pfeilkreuz, Spaniens Falangisten, die ABC und die Falanga in Polen sowie das Croix de Feu und die Solidarit\u00e9 Fran\u00e7aise.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich schuf die deutsche milit\u00e4rische Eroberung eines Grossteils Kontinentaleuropas nach 1939 nicht nur eine Menge verr\u00e4terischer Kollaborateure, sondern auch eine Verlockung zur Nazifizierung unter den faschistischen Gruppen. Nur in Polen widerstanden die einheimischen Faschisten f\u00fcr einige Zeit. Im Allgemeinen aber erhoben die Deutschen ihre faschistischen Mitdenker nicht zu regierenden Satrapen. Sie zogen es vor, sie zu einzugemeinden. Viele dienten dann an der Ostfront bei milit\u00e4rischen Einheiten wie der Waffen-SS.<\/p>\n<p>Manchmal wurde ein formloser Antikapitalismus propagiert. Gregor Strassers Fl\u00fcgel der NSDAP tr\u00e4umte von einer R\u00fcckkehr zu vormonopolistischen Verh\u00e4ltnissen und einer Art feudalem Nationalsozialismus. Es gen\u00fcgt zu sagen, dass die organisierte Arbeiterklasse \u2013 Gewerkschaften und linke politische Parteien \u2013 zusammen mit den Ideen des Marxismus und des internationalen Sozialismus der wahre Feind waren, nicht das Kapital.<\/p>\n<p>Nachdem der Faschismus die Macht erlangt hat, ist er gezwungen, seine Massenbasis zu z\u00fcgeln oder sogar zum Schweigen zu bringen. Das Kapital hat keine Vorliebe f\u00fcr freiberufliche Armeen. Die Schwarzhemden wurden daher von Mussolini in den Staat eingegliedert. Hitler massakrierte seine Braunhemden. Gregor Strasser wurde in der Nacht der langen Messer am 30. Juni 1934 ermordet. Der Faschismus wird dadurch b\u00fcrokratisiert und wird zu dem, was Trotzki \u00abBonapartismus faschistischen Ursprungs\u00bb nennt.<\/p>\n<p><strong>Wegerkl\u00e4ren<\/strong><\/p>\n<p>Es \u00fcberrascht nicht, dass der Faschismus, sobald er von den obskuren R\u00e4ndern ins Zentrum der Grossmachtpolitik und der Weltkonflikte ger\u00fcckt war, erkl\u00e4rt werden musste \u2013 und zwar dringend. Eine breite Palette von Theorien wurde produziert \u2013 die meisten davon sind zutiefst fehlerhaft und verdienen es, von vornherein abgetan zu werden.<\/p>\n<p>Christliche Apologeten sehen den Faschismus als direkte Folge der S\u00e4kularisierung. Indem die Menschheit Gott ablehnt, wird sie vom B\u00f6sen heimgesucht. Das Gegenmittel ist offensichtlich \u2013 das Kreuz aufnehmen und die Religion wiederherstellen. Konservative Aristokraten malen den Faschismus als eine Revolte der unreifen Massen, der gemeinen Herde, die von den Zw\u00e4ngen und Verantwortlichkeiten einer ordentlich geordneten Agrargesellschaft befreit wurden. Verzweifelt sehnen sie sich nach den Tagen, in denen sie die nat\u00fcrliche Klasse der Herrschaft darstellten.<\/p>\n<p>Liberal orientierte Evolutionsbiologen f\u00fchren den Faschismus auf den Aggressions- und Rudelinstinkt zur\u00fcck, der angeblich durch die Bedingungen im afrikanischen Pal\u00e4olithikum vor etwa 1,5 Millionen Jahren fest in das m\u00e4nnliche Gehirn verdrahtet wurde \u2013 eine Sichtweise, die von einigen radikalen Feministinnen geteilt wird.<\/p>\n<p>Psychologen haben versucht, den Aufstieg des Faschismus entweder auf der Ebene einer Massenpsychose oder in den verdrehten Pers\u00f6nlichkeiten seiner F\u00fchrer zu verorten. Wilhelm Reich argumentierte, dass die Menschheit \u00abbiologisch krank\u00bb sei und sich selbst befreien sollte, indem sie die sexuelle Unterdr\u00fcckung ablegt.[27] Die meisten Freudianer waren aber damit nicht einverstanden. Sie bestanden auf v\u00f6llig spekulativen klinischen Untersuchungen der F\u00fchrer des Faschismus \u2013 Mussolini, aber vor allem Hitler. Raymond de Saussure glaubte, dass Hitler einen starken \u00d6dipuskomplex aufwies und seine sexuellen Energien kanalisieren musste, um seine Impotenz vor der \u00d6ffentlichkeit zu verbergen: Das Deutsche Reich war ein Penisersatz. Dies ein offensichtlicher Bl\u00f6dsinn und Unfug.<\/p>\n<p>Ein insgesamt aufschlussreicherer, halb-marxistischer, psychologischer Ansatz findet sich in Erich Fromms Flucht aus der Freiheit (1941). Fromm versuchte zu verstehen, wie Millionen von Deutschen in den Bann Hitlers gerieten. Er macht die kapitalistische Entfremdung und die Reduzierung des menschlichen Subjekts auf ein blosses R\u00e4dchen im Produktionsprozess verantwortlich. Der Faschismus antwortet auf das Bed\u00fcrfnis in der menschlichen Seele nach einem Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit. Die Tatsache, dass sich die Arbeiterklasse in Deutschland nie mit dem Nationalsozialismus vers\u00f6hnt hat, scheint der These zu widersprechen. Schlimmer noch, Fromm kann keine effektive L\u00f6sung anbieten, keinen Ausweg aus dem Dilemma. Er postuliert lediglich eine demokratisch-sozialistische Gesellschaft.<\/p>\n<p>Theodor Adorno, unter anderem Teil der sogenannten Frankfurter Schule, behauptete, die \u00abautorit\u00e4re Pers\u00f6nlichkeit\u00bb entdeckt zu haben, die in Deutschland offenbar in allen Schichten verbreitet war. Dies war Bestandteil einer allgemeinen Theorie der Zeit. Der Liberalismus war im Verfall begriffen. Kapitalismus und Massenkultur brachten eine \u00fcbergreifende totalit\u00e4re Gesellschaft hervor. Die Sowjetunion war im Grunde nicht anders. Herbert Marcuse glaubte, dass der Faschismus das fast unvermeidliche Ergebnis des Monopolkapitalismus sei \u2013 eine Ansicht, die er sp\u00e4ter modifizierte, indem er behauptete, dass der westliche Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg zwar immer noch eine demokratische \u00e4ussere H\u00fclle aufrechterhielt, die Tendenz aber zu einer grauen Konformit\u00e4t und vollst\u00e4ndigen Unterordnung der Pers\u00f6nlichkeit unter die Bed\u00fcrfnisse des Kapitals vorantrieb: d.h. zu einer totalit\u00e4ren Gesellschaft. Radikale der Neuen Linken in den USA der 1960er Jahre prangerten schadenfroh das \u00abfaschistische Amerika\u00bb an!<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlichkeiten des Establishments wie Hannah Arendt und Zbigniew Brzezinski \u00fcbernahmen bereitwillig diese Totalitarismustheorie. Ihr grosser Vorzug lag in der Tatsache, dass sie Nazismus und Stalinismus direkt miteinander verband. Sie gaben der Theorie jedoch eine nicht allzu subtile Wendung, indem sie den Kapitalismus vom Totalitarismus trennten. In dieser rechten Version der Totalitarismustheorie wird der Kapitalismus definitionsgem\u00e4ss mit Freiheit, Demokratie, Wahlfreiheit und pers\u00f6nlicher Freiheit gleichgesetzt. Dass der Kapitalismus unter Mussolini und Hitler florierte, wird schuldbewusst ignoriert.<\/p>\n<p>Wie der Leser wissen wird, propagiert die b\u00fcrgerliche Mainstream-Gesellschaft diese intellektuell unfruchtbare Erkl\u00e4rung des Faschismus mittlerweile \u00fcber die elektronischen und Printmedien und in Schulen und Hochschulen. Was als linke Kritik an den bestehenden Verh\u00e4ltnissen begann, wurde von der Rechten gr\u00fcndlich kolonisiert und in ihr Gegenteil verkehrt.<\/p>\n<p>Die Zusammenf\u00fchrung von Faschismus und b\u00fcrokratischem Sozialismus zu einem einzigen Ph\u00e4nomen passte hervorragend zu den Bed\u00fcrfnissen des Kalten Krieges. Der Kapitalismus wurde von aller Schuld freigesprochen und die Sowjetunion wurde zum Schuldigen gemacht. In den H\u00e4nden von Karl Popper wurde der Totalitarismus wahrhaft \u00fcberhistorisch. Sparta, Ch&#8217;in China, das Reich des Diokletian und Calvins Genf fallen nat\u00fcrlich unter diese Rubrik, ebenso wie Nazideutschland und die Sowjetunion. Platon, Hegel, Marx und Nietzsche bilden eine totalit\u00e4re Ideenkette, die sich von der periodischen Ausmerzung der Heloten bis zu den Gaskammern erstreckt.<\/p>\n<p>Eine solche Philosophie war f\u00fcr das kapitalistische System, vor allem in Europa, \u00fcberlebenswichtig. Der Faschismus wurde nicht nur von den Armeen der Sowjetunion, der USA und Grossbritanniens besiegt: Es gab radikale Partisanenbewegungen und Volksaufst\u00e4nde im ganzen Deutschen Reich, in Jugoslawien, Griechenland, Albanien, Italien, der Tschechoslowakei, Polen, Frankreich, usw. Auch die Kapitalistenklasse war zutiefst kompromittiert. Fast ausnahmslos kollaborierte die Bourgeoisie mit dem Faschismus, oft mit grosser Begeisterung. Zum Beispiel begr\u00fcsste sie in Frankreich die deutsche Invasion. Seit 1936 hatte die Arbeiterklasse grosse Gewinne auf Kosten des Kapitals gemacht. Die Kr\u00e4fte der Linken waren gef\u00fcrchtet und gehasst, konnten aber von der Oberschicht nicht zerschlagen werden \u2013 die deutschen Nazis w\u00fcrden diese Aufgabe aber \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Die Situation in anderen L\u00e4ndern war im Wesentlichen die gleiche. Daher war das b\u00fcrgerliche Europa nach 1945 gezwungen, sich neu zu erfinden. Die faschistische Vergangenheit musste verleugnet und in eine andere verwandelt werden. Der Zweite Weltkrieg wurde zu seiner besten Stunde, ein Kreuzzug f\u00fcr die Freiheit. Das Motiv war, die Juden zu retten, nicht das britische Weltreich. Daher die Totalitarismustheorie, die Holocaust-Industrie und die antirassistischen, antifaschistischen Erkl\u00e4rungen der Unesco \u2013 wie die Erkl\u00e4rung zur Rasse vom Juli 1950, die die \u00abEthik der universellen Br\u00fcderlichkeit\u00bb wissenschaftlich untermauerte und die Warnung, dass \u00abMenschen und Nationen gleichermassen\u00bb \u00aberkranken\u00bb k\u00f6nnen.[28]<\/p>\n<p>Donald Trump, Marine Le Pen, Viktor Orb\u00e1n und Nigel Farage sind reaktion\u00e4re Rebellen gegen die sorgf\u00e4ltig konstruierte Konsensideologie der Nachkriegszeit. Das b\u00fcrgerliche Mainstream-Establishment reagiert mit solcher Feindseligkeit, weil ihr kruder Chauvinismus, ihre Ablehnung des liberalen Multikulturalismus, ihre D\u00e4monisierung von Migranten usw. die kapitalistische Gesellschaft an ihre sch\u00e4ndliche Vergangenheit vor 1945 erinnert. Nur wenige Historiker des Establishments oder andere bezahlte \u00dcberzeugungst\u00e4ter wagen es, daran zu erinnern, wie die b\u00fcrgerliche Mainstream-Meinung Sozialdarwinismus, Rassentheorie, Antisemitismus und eine brutale Arroganz gegen\u00fcber kolonisierten V\u00f6lkern f\u00f6rderte. Und wie diese Ideen von der Kanzel gesegnet und mit Polizeikn\u00fcppeln und Armee-Bajonetten durchgesetzt wurden.<\/p>\n<p>Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir weder eine revolution\u00e4re noch eine konterrevolution\u00e4re Situation. Es gibt keine Bedrohung durch die Arbeiterklasse, keine aufsteigende Arbeiterbewegung. Traurigerweise existiert die Arbeiterklasse als wenig mehr als eine Sklavenklasse. Ja, Le Pen, Salvini, Orb\u00e1n, Farage haben eindeutige Sympathien f\u00fcr Faschisten und haben faschistische Bewunderer, Verb\u00fcndete und Ausreisser. Aber \u2013 nun ja, zumindest im Moment \u2013 liegt ihr politischer Fokus fest im Rahmen des Parlaments und des Wahlkampfes. Faschistische Kampfformationen werden nicht rekrutiert, trainiert \u2013 geschweige denn entfesselt. Morgen kann sich das nat\u00fcrlich alles \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Eine notwendige Nebenbemerkung. Die 1920er und 30er Jahre zeigen, dass der Faschismus nicht nur von der extremen Rechten kommt. Mussolini begann auf der \u00e4ussersten Linken. Er war Herausgeber der Zeitung \u00abAvanti\u00bb der Sozialistischen Partei. In Grossbritannien diente Oswald Mosley als Labour-Minister \u2013 einer der ersten Rekruten f\u00fcr seine Neue Partei war AJ Cook, der ber\u00fchmte Bergarbeiterf\u00fchrer. J\u00f3zef Pi\u0142sudski machte einen \u00e4hnlichen Weg: Er ging vom polnischen Linksnationalismus hin zur Durchf\u00fchrung seines Putsches \u00abRevolution ohne revolution\u00e4re Konsequenzen\u00bb.[29] Heute haben wir \u00e4hnliche Kandidaten in den vielen und verschiedenen Schattierungen von Blue Labour, der ehemaligen Revolution\u00e4ren Kommunistischen Partei\/Spiked und der sozialimperialistischen Alliance for Workers&#8216; Liberty.<\/p>\n<p>Was Trump betrifft, so hat er in der Tat am 6. Januar faschistische Banden mobilisiert, angefeuert und angeleitet. Nicht, dass wir ihn als Faschisten einstufen sollten. Nein, er war ein aufstrebender Bonaparte, der bereit war, Amerikas drittklassigen faschistischen Kampfformationen zu schmeicheln, sie zu f\u00f6rdern und zu benutzen. Keiner der Anf\u00fchrer der \u00abProud Boys\u00bb, der \u00abThree Percenters\u00bb oder der \u00abOath Takers\u00bb war im Begriff, am 6. Januar an die Macht zu kommen. Nein, bei der Erst\u00fcrmung des Kapitols ging es darum, dass Donald Trump US-Pr\u00e4sident bleibt, vermutlich durch die Verh\u00e4ngung des Ausnahmezustands und die Bereitschaft der Armee, der Polizei, des Geheimstaats, der Massenmedien und des Grosskapitals, ihn zu unterst\u00fctzen. Dies war bislang immer ein unwahrscheinliches Szenario.<\/p>\n<p>In Amerika nimmt der Bonapartismus nat\u00fcrlich eine streng amerikanische Form an. Donald Trump ist ein egoistischer ehemaliger Reality-TV-Showman, ein multinationaler Prime-Site-Immobilien-Dealer, ein blaubl\u00fctiger Rothals, der seine Millionen Anh\u00e4nger und Milliarden Dollar in einem selbstdarstellerischen Kulturkrieg gegen die politische Korrektheit, die Rechte der Schwarzen und den Me-too-Feminismus einsetzt &#8230; wie bereits erw\u00e4hnt, ist die Bedrohung durch die Arbeiterklasse bemerkenswert abwesend. Es gibt keine linke Massenpartei, keine l\u00e4hmende Streikwelle, keine Gefahr, dass der Klassenkampf ausser Kontrolle ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Vieles ist jedoch in der \u00dcbertragung auf US-amerikanische Verh\u00e4ltnisse verloren gegangen. Obwohl er zu den Absolventen der New Yorker Milit\u00e4rakademie geh\u00f6rt, ist Trump kein Napoleon. W\u00e4hrend Napoleon ein milit\u00e4risches Genie war und 60 (immer noch viel beachtete) Schlachten schlug, entging Trump f\u00fcnfmal der Einberufung zum Vietnamkrieg \u2013 einmal unter Berufung auf schlechte F\u00fcsse, viermal unter Berufung auf ein College-Studium. Doch durch schiere Chuzpe und eine fast instinktive F\u00e4higkeit, popul\u00e4re \u00c4ngste und Missst\u00e4nde zu artikulieren und einfache L\u00f6sungen anzubieten, wurde Trump zum ungekr\u00f6nten Kaiser der GOP und zum Retter-Helden, der von einem ganzen Teil der US-W\u00e4hlerschaft verehrt wird. Ob Mar-a-Lago nun sein Elba oder sein St. Helena sein wird, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p>So oder so, was Trump 2016 und 2020 aufgezogen hat, wird sich mit Bidens Pr\u00e4sidentschaft nicht verfl\u00fcchtigen. Es gibt eine tiefe Entt\u00e4uschung \u00fcber die alte Ordnung. F\u00fcr Millionen hat sich der amerikanische Traum l\u00e4ngst in einen amerikanischen Albtraum verwandelt: niedrige L\u00f6hne, gedr\u00fcckte Mittelklasse-Einkommen, Studentenschulden, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Drogensucht, Verzweiflung und Angst<\/p>\n<p>Turning and turning in the widening gyre<\/p>\n<p>The falcon cannot hear the falconer;<\/p>\n<p>Things fall apart; the centre cannot hold;<\/p>\n<p>Mere anarchy is loosed upon the world,<\/p>\n<p>The blood-dimmed tide is loosed, and everywhere<\/p>\n<p>The ceremony of innocence is drowned.<\/p>\n<p>[Drehend und wendend im sich ausweitenden Wirbel<\/p>\n<p>Der Falke kann den Falkner nicht h\u00f6ren;<\/p>\n<p>Die Dinge fallen auseinander; das Zentrum kann nicht halten;<\/p>\n<p>Reine Anarchie wird auf die Welt losgelassen,<\/p>\n<p>Die blutgetr\u00fcbte Flut wird losgelassen, und \u00fcberall<\/p>\n<p>Wird die Zeremonie der Unschuld ertr\u00e4nkt.]<\/p>\n<p>WB Yeats The second coming (1919)<\/p>\n<p>Die Politik der Mitte \u2013 Joe Biden, Emmanuel Marcon und Angela Merkel \u2013 sieht sich st\u00e4ndig angegriffen, herabgesetzt, unterminiert. Hinzu kommen der postcovidische Wirtschaftsboom, der schnell in Stagnation umschl\u00e4gt, die Gefahr, dass Stellvertreterkriege zu Grossmachtkriegen werden, und das vorhersehbare Versagen, die Gefahr eines unkontrollierten Klimawandels anzugehen, und die Wahl, vor der die Menschheit steht, k\u00f6nnte nicht klarer sein: Sozialismus oder Barbarei.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnfzehn Thesen<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Neben verst\u00fcmmelter populistischer Propaganda, die Ausl\u00e4nder, korrupte Politiker des Establishments, Migranten, Kommunisten, gierige Kapitalisten, religi\u00f6se, ethnische und andere Minderheiten usw. verunglimpft, geht der Faschismus mit physischer Gewalt vor allem gegen die organisierte Arbeiterklasse vor.<\/li>\n<li>Faschistische Gruppen, Bewegungen und Parteien bilden vom Staat getrennte konterrevolution\u00e4re Kampftrupps \u2013 das ist das wesentliche und bestimmende Merkmal des Faschismus, ein Merkmal, das ihn von anderen Formen der Konterrevolution unterscheidet.<\/li>\n<li>Der Faschismus handelt objektiv im Interesse der Kapitalistenklasse. Faschistische Organisationen werden oft von Teilen des Staates und der Monopolbourgeoisie manipuliert, finanziert und geleitet.<\/li>\n<li>Der Faschismus w\u00e4chst zu massenhaften Ausmassen heran, wenn die kapitalistische Gesellschaft tief in der Krise steckt, aber der Arbeiterklasse die notwendige Organisation, Entschlossenheit oder F\u00fchrung fehlt, um den endg\u00fcltigen revolution\u00e4ren Schlag zu f\u00fchren.<\/li>\n<li>Der Faschismus bahnt sich seinen eigenen Weg. Doch einmal an der Macht, durchlaufen faschistische Parteien und Kampfformationen unweigerlich einen Prozess der B\u00fcrokratisierung. Die oberen Schichten verschmelzen mit der herrschenden Klasse. Die unteren Elemente werden einfach in den Staatsapparat eingegliedert oder, wenn das nicht gelingt, gnadenlos zerschlagen.<\/li>\n<li>Unter den gegenw\u00e4rtigen Umst\u00e4nden in Grossbritannien gibt es keine unmittelbare Gefahr einer faschistischen Massenbewegung, geschweige denn, dass eine solche Bewegung an die Macht gelangen k\u00f6nnte. Es gibt keine revolution\u00e4re Situation.<\/li>\n<li>Es ist wichtig, zwischen individuellen Faschisten und faschistischen Organisationen zu unterscheiden. Menschen m\u00f6gen offen oder privat Nazideutschland, Mussolinis Italien oder Oswald Mosleys Schwarzhemden bewundern und\/oder ihnen nacheifern wollen. Aber was eine faschistische Organisation ausmacht, ist die Absicht oder die Realit\u00e4t, konterrevolution\u00e4re Kampfformationen zu bilden.<\/li>\n<li>Die Theorie, den Faschismus \u00abim Keime\u00bb zu t\u00f6ten, ist v\u00f6llig illusorisch. Wenn es um die extreme Rechte geht, ist sie ein Ablenkungsman\u00f6ver und hat entweder zur linken Sinnlosigkeit von Kampftgruppen oder zum Sumpf des Volksfrontismus gef\u00fchrt.<\/li>\n<li>Die extreme Rechte mit Gewalt zu zerst\u00f6ren und zu versuchen, sie durch Terror zum Schweigen zu bringen, ist offenkundig gescheitert. Dito Volksfronten, die die Linke organisatorisch und politisch mit dem b\u00fcrgerlichen Establishment verbinden.<\/li>\n<li>Im Gegensatz zu Sozialdemokraten und Anarchisten betrachten Kommunisten keine Taktik als eine Frage des Prinzips. Z.B. Parlamentarismus oder Antiparlamentarismus. In der Tat, wenn es um Taktik geht, ist das einzige Prinzip, das wir anerkennen, dass nichts automatisch eingeschlossen und nichts automatisch ausgeschlossen wird.<\/li>\n<li>Taktiken, die eingesetzt werden, um Organisationen wie der British National Party, der National Front, Britain First, Ukip usw. zu begegnen, m\u00fcssen konkret sein. Deshalb m\u00fcssen sie flexibel sein und sich st\u00e4ndig \u00e4ndern.<\/li>\n<li>Wir halten die Taktik, Gegner nicht zu Wort kommen zu lassen, f\u00fcr v\u00f6llig legitim. Dito Zwang und Gewalt. Gegen faschistische Kampfformationen ist es absolut richtig, sich zu wehren, mit allen notwendigen Mitteln.<\/li>\n<li>Mit dem gleichen Mass sind friedliche Taktiken, Debatte und \u00dcberzeugungsarbeit auch unter anderen Umst\u00e4nden legitim. Wir streben keine \u00abzivilisierte\u00bb Beziehung mit der extremen Rechten an (oder mit den b\u00fcrgerlichen Mainstream-Parteien, was das betrifft). Aber Kommunisten sind entschlossen, der extremen Rechten das zu nehmen, was sie an popul\u00e4rer Basis besitzen k\u00f6nnte. Das bedeutet in erster Linie einen Kampf um die Herzen und K\u00f6pfe. Nicht, dass wir diejenigen, die BNP, NF, Britain First, Ukip oder die Brexit-Partei w\u00e4hlen, als unsere \u00abnat\u00fcrliche\u00bb W\u00e4hlerschaft betrachten.<\/li>\n<li>Zu jeder Zeit erkennen wir an, dass es der kapitalistische Staat und die kapitalistische Klasse ist, die unser Hauptfeind ist. Es ist das Versagen, das Nichtfunktionieren des untergehenden Kapitalismus, das der extremen Rechten sowohl Munition als auch Nahrung gibt.<\/li>\n<li>Kommunisten sind Verfechter der Demokratie und der Redefreiheit. Wir sind gegen staatliche Verbote von politischen Parteien, auch von offen faschistischen Parteien. Staatliche Einschr\u00e4nkungen dessen, was in der politischen Debatte gesagt werden kann und was nicht, m\u00fcssen ebenfalls energisch bek\u00e4mpft werden. Solche Verbote oder Einschr\u00e4nkungen w\u00fcrden unweigerlich in erster Linie den fortgeschrittenen Teil der Arbeiterklasse treffen. Freie Meinungs\u00e4usserung und weitestgehende Demokratie bieten die besten Bedingungen f\u00fcr das Wachsen und Gedeihen des Marxismus und f\u00fcr die Formierung der Arbeiterklasse zu einer k\u00fcnftigen herrschenden Klasse.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Fussnoten <\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"http:\/\/aljazeera.com\/indepth\/features\/normalisation-politics-poland-191114084421715.html\">com\/indepth\/features\/normalisation-politics-poland-191114084421715.html<\/a><\/li>\n<li>See T Snyder\u00a0<em>The road to unfreedom<\/em>London 2018; CR Sunstein (ed)\u00a0<em>Can it happen here?<\/em>\u00a0Cambridge Mass 2018; M Albright\u00a0<em>Fascism: a warning<\/em>\u00a0New York 2018; J Stanley\u00a0<em>How fascism works<\/em>\u00a0New York 2018.<\/li>\n<li>Quoted in\u00a0<em>The Independent<\/em>October 6 2020.<\/li>\n<li><em>The Guardian<\/em>January 16 2021.<\/li>\n<li>D Lazare, \u2018Assault on democracy\u2019\u00a0<em>Weekly Worker<\/em>May 20 2021.<\/li>\n<li>A phrase that I think originates with the SWP\u2019s founder, Tony Cliff. He is quoted as saying that \u201cobserving Europe in the 1990s is like watching a film of the 1930s in slow motion\u201d (A Callinicos, \u2018Crisis and class struggles in Europe today\u2019\u00a0<em>International Socialism<\/em>summer 1994, p39).<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.standuptoracism.org.uk\/international-conference-against-racism-and-fascism\">standuptoracism.org.uk\/international-conference-against-racism-and-fascism<\/a>.<\/li>\n<li>B Mussolini\u00a0<em>My autobiography<\/em>London nd, p65.<\/li>\n<li>R Palme Dutt\u00a0<em>Fascism and the social revolution<\/em>London 1934, p251.<\/li>\n<li>Quoted in M Kitchen\u00a0<em>Fascism<\/em>London 1983, p5.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Social_fascism\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Social_fascism<\/a><\/li>\n<li>D Harsch\u00a0<em>German social democracy and the rise of Nazism<\/em>Chapel Hill NC 1993, p219.<\/li>\n<li>See D Guerin\u00a0<em>Fascism and big business<\/em>New York 1973.<\/li>\n<li>G Dimitrov\u00a0<em>The working class against fascism<\/em>London 1935, p10.<\/li>\n<li>L Trotsky\u00a0<em>Writings 1935-36<\/em>New York 1977, p129.<\/li>\n<li>L Trotsky\u00a0<em>The struggle against fascism in Germany<\/em>New York 1971, p144.<\/li>\n<li>F Neumann\u00a0<em>Behemoth<\/em>London 1942, pp39-40.<\/li>\n<li>J Orr, \u2018The many faces of Marine Le Pen\u2019\u00a0<em>International Socialism<\/em><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/vox.com\/policy-and-politics\/2018\/9\/13\/17823488\/hungary-democracy-authoritarianism-trump\">http:\/\/vox.com\/policy-and-politics\/2018\/9\/13\/17823488\/hungary-democracy-authoritarianism-trump<\/a><\/li>\n<li>Arandhati Roy interview: <a href=\"http:\/\/dw.com\/en\/arundhati-roy-were-up-against-a-fascist-regime-in-india\/a-45332070\">http:\/\/dw.com\/en\/arundhati-roy-were-up-against-a-fascist-regime-in-india\/a-45332070<\/a><\/li>\n<li>See M Kitchen\u00a0<em>Fascism<\/em>London 1983, pp71-75.<\/li>\n<li>L Trotsky\u00a0<em>The struggle against fascism in Germany<\/em>New York 1971, p444.<\/li>\n<li>K Marx and F Engels\u00a0<em>CW<\/em>London 2001, p197.<a href=\"https:\/\/weeklyworker.co.uk\/worker\/1349\/misusing-the-f-word\/#fnref23\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li>\n<li>E Nolte\u00a0<em>The three faces of fascism<\/em>London 1965.<\/li>\n<li>W Shirer\u00a0<em>The collapse of the Third Republic<\/em>London 1970, p254.<\/li>\n<li>SD Shenfield\u00a0<em>Russian fascism: traditions, tendencies, movements<\/em>Armonk NY 2001, p32.<\/li>\n<li>W Reich\u00a0<em>The mass psychology of fascism<\/em>New York 1946, p273.<\/li>\n<li>Unesco, Paris, 1952.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/web.archive.org\/web\/20080503141011\/http:\/encyklopedia.pwn.pl\/haslo.php?id=3957301\">http:\/\/web.archive.org\/web\/20080503141011\/http:\/\/encyklopedia.pwn.pl\/haslo.php?id=3957301<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/weeklyworker.co.uk\/worker\/1349\/misusing-the-f-word\/\"><em>weeklyworker.co.uk&#8230;<\/em><\/a><em> vom 31. Mai 2021; \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jack Conrad. 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