{"id":9735,"date":"2021-06-02T15:57:18","date_gmt":"2021-06-02T13:57:18","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9735"},"modified":"2021-06-02T15:57:19","modified_gmt":"2021-06-02T13:57:19","slug":"finanzialisierung-des-wohnungsmarktes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9735","title":{"rendered":"Finanzialisierung des Wohnungsmarktes"},"content":{"rendered":"<p><em>Veronika Schulz. <\/em>Rasante Preissteigerungen am Wohnungsmarkt, stetig wachsende Gewinne privater Immobilienkonzerne, satte Renditen f\u00fcr deren Aktion\u00e4rInnen \u2013 seit \u00fcber einem Jahrzehnt wird auch in Deutschland verst\u00e4rkt mit der Ware und Kapitalanlage Wohnen spekuliert. F\u00fcr Millionen MieterInnen bedeutet dieses Monopoly durch steigende Mieten bei stagnierendem oder gar sinkendem<!--more--> Lohnniveau ein Armutsrisiko. Auch Luxussanierung, gezieltes Rausekeln mit Hilfe verschleppter Instandhaltung (\u201eEntmietung\u201c) und schlussendlich Zwangsr\u00e4umung bei Mietschulden, oftmals in die Obdachlosigkeit, sind probate Mittel, um durch die Neuvermietung der auf diese Weise frei gewordenen Wohnungen h\u00f6here Einnahmen zu erzielen.<\/p>\n<p>Wie es \u00fcberhaupt dazu kam, dass Wohnungen als Anlageobjekte f\u00fcr das Finanzkapital in den Fokus r\u00fcckten, welche politischen Entscheidungen dies nicht nur beg\u00fcnstigt, sondern erst in diesem Ausma\u00df erm\u00f6glicht haben und warum von einer \u201eFinanzialisierung\u201c des Wohnungsmarktes gesprochen werden muss, wollen wir hier kurz nachzeichnen.<\/p>\n<p><strong>\u201eSozialer\u201c Wohnungsbau = bezahlbares Wohnen f\u00fcr alle?<\/strong><\/p>\n<p>Westdeutschland, soziale Marktwirtschaft, Wohlstand f\u00fcr alle \u2013 glaubt man diesem Dogma, muss auch bezahlbares Wohnen f\u00fcr alle ausdr\u00fccklich erw\u00fcnschtes Staatsziel und s\u00fc\u00dfe Realit\u00e4t gewesen sein. Auch in der aktuell angespannten Situation auf dem Mietwohnungsmarkt ist die Forderung nach \u201emehr\u201c und \u201eschneller\u201c gebauten Sozialwohnungen allgegenw\u00e4rtig, auch von Linkspartei und der Interventionistischen Linken (IL). Der \u201esoziale\u201c Wohnungsbau war jedoch f\u00fcr die ArbeiterInnenklasse zu keiner Zeit eine Errungenschaft auf Dauer.<\/p>\n<p>Ab den 1950er Jahren wurden zehn Millionen Sozialwohnungen, u.\u00a0a. auch als Dienstwohnungen f\u00fcr Besch\u00e4ftigte im \u00f6ffentlichen Dienst sowie von Staatsbetrieben wie Post und Bahn, gebaut. Auch Unternehmen setzten zu dieser Zeit auf Werkswohnungen. In beiden F\u00e4llen, beim Bau von Sozial- wie auch Werkswohnungen, subventionierte der Staat entweder direkt oder durch Verzicht auf Steuereinnahmen indirekt diese Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Der Bundesgerichtshof hat mehr als einmal geurteilt, dass Immobilienunternehmen eine zeitlich unbegrenzte Sozialbindung selbst bei Vergabe von Krediten oder Bauland durch die \u00f6ffentliche Hand nicht verpflichtend auferlegt werden darf. Tempor\u00e4re Sozialbindung erm\u00f6glicht f\u00fcr die massenhaft aus selbiger fallenden Wohnungen erst die enormen Anschlussmietpreissteigerungen. Allein zwischen 2016 und 2018 sind pro Jahr knapp 85.000 Wohnungen aus der Preis- und Belegungsbindung gefallen. Alle 6 Minuten wird also eine Wohnung dem \u201efreien Markt\u201c \u00fcberlassen. In M\u00fcnchen sind nicht einmal mehr 10\u00a0% der Wohnungen Sozialwohnungen, in Berlin 13\u00a0%. Der Anteil der Personen bzw. Haushalte mit Anspruch auf einen Berechtigungsschein f\u00fcr Sozialwohnungen (WBS) liegt in beiden St\u00e4dten bei um die 50\u00a0%. Der sogenannte \u201esoziale\u201c Wohnungsbau erwies sich bisher also nicht als L\u00f6sung auf dem Weg zu ausreichendem und bezahlbarem Wohnraum.<\/p>\n<p><strong>Subvention von Eigentum durch die Hintert\u00fcr<\/strong><\/p>\n<p>Gerade im Bereich der Bau- und Wohnungswirtschaft greift der Staat durch eine Vielzahl an Steuerverg\u00fcnstigungen, Abschreibungsm\u00f6glichkeiten und Finanzhilfen massiv in das Wirtschaftsgeschehen ein \u2013 aus dieser Sicht kann also keine Rede vom \u201efreien Markt\u201c sein, der der Immobilienlobby bei Mieterh\u00f6hungen sonst so heilig ist. Im Jahr 2018 wurde die Immobilienwirtschaft direkt oder indirekt mit etwa 25 Mrd. Euro subventioniert. Abgesehen von der Agrarindustrie ist kaum ein Wirtschaftsbereich derma\u00dfen stark bezuschusst.<\/p>\n<p>Somit spielt der Staat auch beim Bau sogenannter \u201efrei finanzierter\u201c Wohnungen eine nicht unerhebliche Rolle. Immobilienfirmen leihen sich f\u00fcr Boden und Bau zun\u00e4chst Geld bei Banken. Durch Vermietung verdienen die Firmen als Eigent\u00fcmerinnen, zahlen Steuern an den Staat und bedienen zudem die Kredite bei den Banken. Im Gegenzug zur Verschuldung der Firmen gew\u00e4hrt der Staat Steuererleichterungen und Abschreibungsm\u00f6glichkeiten und verzichtet somit auf Einnahmen, was auf lange Sicht zugunsten dieser aufgeht, die Banken verdienen allemal gut daran. Zwischen 1980 und 2014 flossen auf diese Weise knapp 100 Mrd. Euro in den Wohnungsbau, davon 80\u00a0% f\u00fcr die Bildung von Wohneigentum! Privateigentum wird somit auf Kosten von SteuerzahlerInnen und MieterInnen aufgebaut.<\/p>\n<p><strong>Von der Liberalisierung des Wohnungsmarktes \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Betrachten wir die Situation in den Gebieten der ehemaligen DDR, so waren diese nach der Wiedervereinigung in besonderem Ma\u00dfe von Mietpreissteigerungen betroffen.<\/p>\n<p>In den 1990er Jahren wurden in der DDR mehr als 1,2 Millionen bzw. ein Drittel der ehemals kommunalen oder genossenschaftlichen Wohnungen privatisiert. Das entsprach 20\u00a0% des gesamten ostdeutschen Wohnungsbestandes (1). Die DDR hatte seit ihrem Bestehen die Mietpreise auf den Stand von 1936 eingefroren. Die durchschnittliche Mietbelastung lag bei nur drei Prozent des Einkommens. Die Restauration kapitalistischer Eigentumsverh\u00e4ltnisse ebnete den Weg f\u00fcr die Aufhebung der existierenden Mietpreisfestsetzung. Anschlie\u00dfend sorgten politisch verordnete Mietsteigerungen um durchschnittlich (!) 600\u00a0% daf\u00fcr, dass im Osten fortan Mieten auf Westniveau erzielt werden konnten (w\u00e4hrend die L\u00f6hne nie so weit angeglichen wurden). An diesem Beispiel werden die historische Tragweite der vollzogenen Verm\u00f6gensumverteilung und gewisserma\u00dfen auch eine Enteignung der Ostdeutschen deutlich (2).<\/p>\n<p>F\u00fcr private InvestorInnen bedeutete dieser g\u00e4nzlich neu zu erschlie\u00dfende Markt paradiesische Zust\u00e4nde f\u00fcr ihre Kapitalanlagen. In der Folge kauften sich in den 1990er Jahren Kapitalbeteiligungsgesellschaften (Private Equity Funds) in gro\u00dfem Stil besonders auf dem ostdeutschen Wohnungsmarkt ein.<\/p>\n<p>Bereits im Laufe der gesamtwirtschaftlichen Welle von Privatisierung und Liberalisierung in den Jahrzehnten seit 1980 \u00fcberlie\u00df der deutsche Staat auch im Westen den Wohnungsbau dem Kapitalmarkt und privaten InvestorInnen. Bundesweit wurde 1990 die Wohnungsgemeinn\u00fctzigkeit ersatzlos abgeschafft und 2001 die Wohnungsbauf\u00f6rderung faktisch beendet. Hinzu kam die allgemeine Deregulierung der Finanzm\u00e4rkte, in deren Zug die Koalition aus SPD und Gr\u00fcnen unter Kanzler Schr\u00f6der zu Beginn des Jahrtausends den Wohnungsmarkt generell f\u00fcr Hedgefonds \u00f6ffnete. Auch die gesetzlichen Grundlagen sowie Zust\u00e4ndigkeiten wurden in dieser Phase neu geregelt. Bei der F\u00f6deralismusreform von 2006 wurde die Wohnraumf\u00f6rderung den L\u00e4ndern \u00fcbertragen, wodurch eine vollst\u00e4ndige Unterwerfung der Mieten unter Marktmechanismen erfolgte, denn die bisher geltenden Kostenmieten f\u00fcr Sozialwohnungen waren durch Bundesrecht und \u2013gesetzgebung festgelegt, was durch die Neuregelung der Zust\u00e4ndigkeit ausgehebelt wurde. Auch die Mieten f\u00fcr Sozialwohnungen orientieren sich seitdem an den \u00f6rtlichen Mietspiegeln und somit Marktmieten f\u00fcr Neubauten, was regelm\u00e4\u00dfige Erh\u00f6hungen zul\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>\u00a0\u2026 zur Finanzialisierung<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff \u201eFinanzialisierung\u201c beschreibt einerseits den Trend zunehmender privater Finanzanlagen im Immobiliensektor, andererseits auch den verst\u00e4rkten Einfluss des Finanzsektors und seiner Erwartungen auf die Wohnungswirtschaft (3).<\/p>\n<p>Dadurch, dass dauerhaft mehr Wohnungen aus der Sozialbindung fallen, als neue gebaut werden, wird aktuell ein gro\u00dfe Anteil an Wohnungen \u00fcber den \u201efreien Markt\u201c angeboten und vermietet. Ein weiterer wichtiger Faktor f\u00fcr die Finanzialisierung des Wohnungsmarktes sind die historisch niedrigen Zinsen, mit denen die Zentralbanken (sowohl die amerikanische Federal Reserve als auch die Europ\u00e4ische Zentralbank) billiges Geld bereitstellen.<\/p>\n<p>Diese Ausgangssituation beg\u00fcnstigt den Renditeboom auch auf dem deutschen Immobilien- und Mietmarkt, den wir seit knapp zehn Jahren erleben. Dabei ist bemerkenswert, dass er hierzulande erst einsetzte und richtig Fahrt aufnahm, als die Immobilienpreise in anderen L\u00e4ndern fast ins Bodenlose fielen. Die globale Wirtschaftskrise ab 2007\/2008 ist Folge der Banken- und Finanzkrise, die durch das Platzen der Blase auf dem spekulativ aufgebl\u00e4hten US-Immobilienmarkt losgetreten wurde. Die zus\u00e4tzlichen Kapitalstr\u00f6me, die seither in den deutschen Wohnungsmarkt flie\u00dfen, sind u. a. das Ergebnis mangelnder Renditesteigerungsm\u00f6glichkeiten durch Investitionen im produzierenden Sektor infolge der \u00dcberakkumulation von Kapital. Angesichts stagnierender Profitraten in Industrie und Gewerbe wird auf sichere Verzinsung und Rentengewinne gesetzt. In diesem Zusammenhang ist wieder vermehrt die Rede von \u201eBetongold\u201c, also Immobilien als \u201esicherer\u201c Investitionsm\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p>Die oben erw\u00e4hnte Niedrigzinspolitik der Zentralbanken ist zwar ebenfalls eine Reaktion auf die Wirtschaftskrise, f\u00f6rdert ihrerseits aber erst die verst\u00e4rkten Finanzanlagen im hiesigen Immobilienbereich. Die Systemkrise bildet also den spezifischen Hintergrund f\u00fcr die aberwitzig gestiegenen Immobilienpreise und Mieten.<\/p>\n<p><strong>Finanzindustrielle Wohnungskonzerne statt Wohnungsbaugesellschaften<\/strong><\/p>\n<p>Bei Investitionen in Immobilien geht es also vorrangig um die Konstruktion global konkurrenzf\u00e4higer Finanzanlageprodukte. Diese bilden das Kerngesch\u00e4ft der neuen finanzindustriellen Wohnungskonzerne wie Vonovia SE, Deutsche Wohnen SE, TAG Immobilien AG oder LEG Immobilien AG. Neben individueller, privater Kleinvermietung, selbst genutztem Wohneigentum sowie staatlichen, genossenschaftlichen und gemeinn\u00fctzigen WohnungsversorgerInnen bilden die genannten \u201egro\u00dfen Vier\u201c (\u201eBig 4\u201c) eines der vier Hauptsegmente des deutschen Wohnungsmarkts.<\/p>\n<p>Es handelt sich bei ihnen nicht um klassische Wohnungsbaugesellschaften. Vielmehr bilden diese neu entstandenen finanzindustriellen Konzerne eine Sonderform privater Wohnungsbauunternehmen, weil bei ihnen die Kalk\u00fcle der Konstruktion und Vermarktung von Finanzanlageprodukten die wohnungswirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten dominieren. Heute geh\u00f6ren ihnen in Deutschland etwa 1,2 Millionen Wohnungen, davon sind rund 750.000 im Besitz der \u201eBig 4\u201c. Sie weisen markante \u00dcberschneidungen im Hinblick auf ihre gr\u00f6\u00dften Aktion\u00e4rInnen (z.\u00a0B. BlackRock) auf und sind zudem intern stark verflochten.<\/p>\n<p>Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der vier Konzerne ist ihre strategische Ausrichtung auf die untere und mittlere Preiskategorie und deren \u201eModernisierung\u201c, also Investitionen in den Bestand: \u201eKredite werden nicht mehr aufgenommen und gew\u00e4hrt, um Finanzierungsl\u00fccken bei der Produktion oder Erneuerung von Wohnungen zu schlie\u00dfen. Vielmehr werden Wohnungen erworben, um diese mit Zinsen und Dividenden ,belasten\u2019 zu k\u00f6nnen. Ziel ist nicht mehr die Tilgung der auf den Wohnungen lastenden Kredite, sondern die Bedienung einer im Grunde endlosen Reihe von Schulden durch das Immobilienverm\u00f6gen. Diese Schulden bestehen nur noch zum Teil bei externen Banken, sondern \u00fcberwiegend aus Anleihen und Verbriefungen, die von dem Immobilienkonzern selbst als Wertpapiere ausgegeben werden.\u201c (4)<\/p>\n<p>Dieses Vorgehen kann als betr\u00fcgerische, ja r\u00e4uberische Formation bezeichnet werden. Die finanzindustrielle Unterwerfung hat die sofortige, teilweise nur kurzfristige Erzielung eines \u201eCashflow\u201c zur systemisch zwanghaften Voraussetzung: Mietsteigerungen (\u201eModernisierung\u201c, Verdr\u00e4ngung von AltmieterInnen, Wohnungsaufteilung, Nachverdichtung), Kostensenkung (Auslagerung und Zentralisierung des Geb\u00e4udemanagements sowie Aufbau eigener Instandhaltungsflotten zum Minimaltarif), Standardisierung der Wohnungsverwaltung (z.\u00a0B. \u00fcber anonyme Callcenter), transnationale Expansion, freilich nicht zu vergessen Zusammenarbeit mit dem Staatsapparat in Form von Lobbyismus sind ihre dabei angewandten, teils drastischen Mittel.<\/p>\n<p><strong>Spekulation den Boden entziehen<\/strong><\/p>\n<p>Dass es dementsprechend nicht vorrangig um langfristige Verwertung von Wohnungsbaukapital in Form von Neubau, sondern um schnelle Rendite und Profit geht, l\u00e4sst sich leicht durch Zahlen belegen. In Deutschland beruhten 2016 nur 32,4\u00a0% der Wohnungsbauaktivit\u00e4ten auf Neubauten, fast doppelt so viele auf sogenannten Bestandsleistungen. Ein Viertel aller Immobilientransaktionen erfolgte in den sieben gr\u00f6\u00dften deutschen St\u00e4dten (Berlin, Hamburg, M\u00fcnchen, K\u00f6ln, Frankfurt, Stuttgart, D\u00fcsseldorf). Dabei wohnen dort nur 12\u00a0% der deutschen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Doch nicht nur in den Metropolen, auch in deren \u201eSpeckg\u00fcrteln\u201c versch\u00e4rft sich die Situation. Zus\u00e4tzlich zu den Mieten f\u00fcr Wohnungen in den Vorst\u00e4dten haben auch die Bodenpreise massiv angezogen. Seit 2009 bleibt der Quotient aus Kauf- zu Bodenpreis weitgehend konstant. Da die Anzahl der Transaktionen nahezu unver\u00e4ndert blieb, steigen die Baulandpreise in derselben Geschwindigkeit wie die der Gesamtimmobilien. Die Preiszuw\u00e4chse bei Eigenheim- und Mehrfamilienh\u00e4userbaupl\u00e4tzen sind exorbitant.<\/p>\n<p>Um dies zu unterbinden, bedarf es einer offensiven Bodenpolitik, die Bauland in kommunaler Hand bel\u00e4sst und nur zu bestimmten Konditionen verpachtet. Selbst das Bundesverfassungsgericht hat in dieser Frage schon 1967 geurteilt, dass das Allgemeinwohl h\u00f6her zu gewichten ist als das Eigentumsrecht an Grundst\u00fccken: \u201eDie Tatsache, dass der Grund und Boden unvermehrbar und unentbehrlich ist, verbietet es, seine Nutzung dem un\u00fcbersehbaren Spiel der Kr\u00e4fte und dem Belieben des Einzelnen vollst\u00e4ndig zu \u00fcberlassen. Eine gerechte Rechts- und Gesellschaftsordnung zwingt vielmehr dazu, die Interessen der Allgemeinheit in weit st\u00e4rkerem Ma\u00dfe zur Geltung zu bringen als bei anderen Verm\u00f6gensg\u00fctern.\u201c<\/p>\n<p><strong>Kampfperspektive<\/strong><\/p>\n<p>B\u00fcrgerliche Wohnungs- und Bodenreformpolitik richtet sich allenfalls gegen \u201espekulative Ausw\u00fcchse\u201c, also nicht gegen das private Grund- und Immobilieneigentum an sich. Unions-Parteien, FDP und AfD springen den ProfiteurInnen der Wohnungsmisere bei und fordern noch mehr Privatisierung und einen noch \u201efreieren\u201c Markt. Die SPD \u201ebremst\u201c mit leeren Worten und halbherzigen Ma\u00dfnahmen, die wie die unwirksame Mietpreisbremse noch zus\u00e4tzlich verw\u00e4ssert werden.<\/p>\n<p>Wie aber das j\u00fcngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Berliner Mietendeckel ebenfalls zeigt, d\u00fcrfen wir nicht auf eine institutionell bzw. juristisch verordnete Umkehr in all diesen Fragen hoffen. Der Umgang von Verwaltungen und Gerichten mit Volksentscheiden und B\u00fcrgerbegehren hat in der Vergangenheit gezeigt, dass die Privatisierungspolitik der vergangenen Jahrzehnte und somit das Dogma eines selbstregelnden Marktes nicht auf dem Rechtsweg abgeschafft und zur\u00fcckgenommen werden k\u00f6nnen, da dieser Rechtsweg durch den b\u00fcrgerlichen Staat f\u00fchrt, der dem Privateigentum verpflichtet ist.<\/p>\n<p>Vielmehr brauchen wir eine Bewegung, die den MieterInnenkampf als Klassenkampf versteht. Und das bedeutet nicht nur die entsch\u00e4digungslose Enteignung gro\u00dfer Immobilienkonzerne. Es bedeutet in letzter Konsequenz, den Kapitalismus \u00fcberhaupt als Wurzel exzessiver Profite und Spekulation zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p><strong>Quellenangaben<\/strong><\/p>\n<p>(1) Vgl. Wohnungsregulierung zwischen Staatsregulierung und Marktwirtschaft, in: Institut f\u00fcr sozial-\u00f6kologische Wirtschaftsforschung e.V. (isw): Report Nr. 116\/117 (2018), S. 13<\/p>\n<p>(2) Gesellschaft zum Schutz der Menschenrechte 1999: Weissbuch. Enteignung der Ostdeutschen. Unfrieden in Deutschland; Dahn, Daniela 1994: Wir bleiben hier oder Wem geh\u00f6rt der Osten? Vom Kampf um die H\u00e4user und Wohnungen in den neuen Bundesl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>(3) Vgl. Internationale Investoren und b\u00f6rsennotierte Anleger auf dem Wohnungsmarkt, in: Institut f\u00fcr sozial-\u00f6kologische Wirtschaftsforschung e.V. (isw): Report Nr. 116\/117 (2018), S. 25<\/p>\n<p>(4) Unger, Knut: Mieterh\u00f6hungsmaschinen. Zur Finanzialisierung und Industrialisierung der unternehmerischen Wohnungswirtschaft, in: PROKLA 191, 48. Jahrgang, Nr. 2, Juni 2018, S. 211.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/05\/28\/finanzialisierung-des-wohnungsmarktes\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. Juni 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Veronika Schulz. 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