{"id":9742,"date":"2021-06-04T11:05:09","date_gmt":"2021-06-04T09:05:09","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9742"},"modified":"2021-06-04T11:05:11","modified_gmt":"2021-06-04T09:05:11","slug":"zionismus-es-geht-um-siedlerkolonialismus-und-apartheid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9742","title":{"rendered":"Zionismus: Es geht um Siedlerkolonialismus und Apartheid"},"content":{"rendered":"<p><em>Marik Ratoun. <\/em>Viel l\u00e4uft schief in der hiesigen Diskussion \u00fcber die aktuellen Entwicklungen in Pal\u00e4stina-Israel: In den letzten Wochen hat das hochger\u00fcstete israelische Milit\u00e4r in Gaza gezielt dichtbev\u00f6lkerte Wohnviertel bombardiert, kritische Infrastruktur zerst\u00f6rt (darunter das einzige Corona Testzentrum in Gaza, Mediengeb\u00e4ude, Schulen, Stra\u00dfen, die zu Krankenh\u00e4usern f\u00fchrten etc.) und 219 Menschen, darunter<!--more--> 63 Kinder, ermordet. In deutschen Medien \u2013 zwischen linken und b\u00fcrgerlichen Medien waren hier oft kaum Unterschiede zu verzeichnen \u2013 standen allerdings nicht diese Kriegsverbrechen im Vordergrund, sondern der Raketenbeschuss des bewaffneten Arms der Hamas auf israelische St\u00e4dte, bei dem 28 Menschen ums Leben gekommen sind. Daneben waren antisemitische Geschehnisse vor Synagogen Thema sowie die vielen Demonstrationen gegen die koloniale Gewalt in Pal\u00e4stina am Tag der Nakba (15.05). Gezielt wurden die fortschrittlichen Demonstrationen, deren Organisator*innen sich zuvor eindeutig von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.palaestinaspricht.de\/news\/statement-antisemitismus\">Antisemitismus und Faschismus distanziert hatten<\/a>, unter die antisemitischen Geschehnisse subsumiert.<\/p>\n<p>Was wir in der deutschen Berichterstattung und den apologetischen Reflexen der meisten b\u00fcrgerlichen Politiker*innen beobachten k\u00f6nnen, ist eine Weigerung die Realit\u00e4t der Apartheid und der siedlerkolonialen Gewalt in Pal\u00e4stina-Israel anzuerkennen. Die bedingungslose \u201eSolidarit\u00e4t mit Israel\u201c scheint ein verzweifeltes Aufb\u00e4umen zu sein gegen diese Realit\u00e4t und gegen den fortschreitenden Wandel im weltweiten Blick auf die Situation, der sich verschiebt. \u00dcberall hat es gro\u00dfe Demonstrationen in Solidarit\u00e4t mit den Pal\u00e4stinenser*innen gegeben. In Berlin\u00a0<a href=\"https:\/\/www.palaestinaspricht.de\/news\/nakba2021\">waren mehr als 15.000 auf der Stra\u00dfe<\/a>, in London waren es gar 180.000 Menschen. Und sogar in den US-amerikanischen Leitmedien kamen Aktivist*innen zu Wort, die vor laufender Kamera sagen k\u00f6nnen, was ist. So erkl\u00e4rte der pal\u00e4stinensische Aktivist Mohammed El-Kurd bei einem Interview beim MSNBC am 11. Mai \u00fcber die Entwicklungen im Jerusalemer Stadtviertel Sheikh Jarrah: \u201eDas ist ethnische S\u00e4uberung\u201c. Ein MSNBC Kolumnist analysierte: \u201eWir m\u00fcssen in der Lage sein zu sagen, dass Israels Behandlung der Pal\u00e4stinenser Apartheid ist. Punkt.\u201c Dies war bei den fr\u00fcheren Gewaltausbr\u00fcchen unvorstellbar. Auch einige Politiker*innen der demokratischen Partei verurteilten die israelischen Angriffe weit sch\u00e4rfer, als es bisher toleriert wurde. Diese Sag- und H\u00f6rbarkeit pal\u00e4stinensischer antikolonaler Perspektiven ist eine Folge der jahrelangen Organisierung pal\u00e4stinensischer und solidarischer j\u00fcdischer Aktivist*innen in den USA.<\/p>\n<p>In Deutschland sind wir scheinbar noch weit entfernt, einen derartigen Wandel in der allgemeinen und linken Berichterstattung zu sp\u00fcren. Der Verlust der \u00dcberzeugungskraft des israelischen Regierungsnarrativs, wonach Israel sich stets angemessen gegen Angriffe von au\u00dfen selbst verteidige und \u201ebeide Seiten an der Eskalation schuld seien\u201c ist nach wie vor dominant.<\/p>\n<p>Deshalb sollten wir daran arbeiten, dass sich das \u00e4ndert. Gerade aus linksradikaler Sicht ist es unsere Aufgabe, die Analyse der Pal\u00e4stinenser*innen popul\u00e4r zu machen und nach au\u00dfen zu tragen. Denn sie haben vor allem in Deutschland keine gro\u00dfen Lobbyorganisationen oder kraftvollen politischen Kan\u00e4le, die ihre Sicht auf die Dinge h\u00f6rbar machen k\u00f6nnten. Aber sie haben die Bewegung, sie haben uns. Umso wichtiger ist es, dass wir ihre Stimmen verst\u00e4rken und unterst\u00fctzen: Es ist Zeit, dass wir beginnen, das anhaltende Schweigen der deutschen Linken im Angesicht der mehr als 70 Jahre andauernden Unterdr\u00fcckung der Pal\u00e4stinenser*innen zu beenden. Es ist Zeit, dass wir uns eine kritische und sachkundige Analyse und Beschreibung von den Entwicklungen in Pal\u00e4stina-Israel aneignen, statt unt\u00e4tig im Paradigma der \u201ebeiden Streith\u00e4hne aus Nahost\u201c und der \u201eSelbstverteidigung Israels\u201c zu verharren. Die W\u00f6rter, die wir benutzen, um die Entwicklungen zu beschreiben, haben in diesem Befreiungskampf eine herausgehobene Stellung: Weil die Pal\u00e4stinenser*innen sich angesichts der israelischen Gegenmacht nicht selbst befreien k\u00f6nnen, appellieren sie an die Welt, sie nicht im Stich zu lassen. Und hierzu geh\u00f6rt auch, sich vehement gegen die fabrizierte Verteidigung der andauernden Kolonisierung pal\u00e4stinensischen Lands zu stellen.<\/p>\n<p>Nicht erst der Bericht von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/report\/2021\/04\/27\/threshold-crossed\/israeli-authorities-and-crimes-apartheid-and-persecution\">Human-Rights-Watch\u00a0vom\u00a027. April 2021<\/a>\u00a0hat gezeigt, dass es in Pal\u00e4stina-Israel nicht einfach um ein bisschen Diskriminierung, sondern glasklare Apartheid, d.h. strukturelle ethnische Separation, geht. Seit Jahrzehnten sprechen pal\u00e4stinensische Aktivist*innen im Angesicht von Mauern, Checkpoints, ethnischer S\u00e4uberung und Vertreibung, rassistischen Gesetzesregimes (f\u00fcr Pal\u00e4stinenser*innen in Israel gilt israelisches Zivilrecht, f\u00fcr Pal\u00e4stinenser*innen unter Besatzung Milit\u00e4rrecht) und der Einkreisung der arabischen St\u00e4dte in der Westbank von Apartheid, ohne jedoch Geh\u00f6r zu finden. Genauso ist inzwischen den meisten progressiven Kreisen (au\u00dferhalb von Deutschland und \u00d6sterreich) klar, dass die Natur des Konflikts keine religi\u00f6se, sondern eine siedlerkoloniale ist. Die Pogrome gegen Pal\u00e4stinenser*innen innerhalb von Israel durch zionistische Siedler*innen, mit R\u00fcckendeckung der Polizei, die regelm\u00e4\u00dfigen Angriffskriege auf Gaza, die Milit\u00e4rgewalt in der Westbank, all das ist Teil der siedlerkolonialen Gewalt. Diese Gewalt hat die Funktion, den Zugriff auf Land und Territorium f\u00fcr die Siedlergesellschaft zu erm\u00f6glichen, indem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/14623520601056240\">das Land von der indigenen Bev\u00f6lkerung zur Siedlergesellschaft \u00fcbergeht<\/a>\u00a0(\u201eethnische S\u00e4uberung\u201c).<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich wird es Zeit, dass wir die Tragweite der letzten Wochen f\u00fcr die pal\u00e4stinensische Befreiungsbewegung anerkennen. Sowohl die pal\u00e4stinensischen Fraktionen als auch die Israelis und internationale Beobachter*innen waren vor allem \u00fcberrascht von einem Aspekt: der Einheit der Pal\u00e4stinenser*innen. Auch nach mehr als 100 Jahren \u201eteile und herrsche\u201c und nach jahrelanger politischer Separation demonstrierten Menschen in Gaza f\u00fcr Sheikh Jarrah (Jerusalem) und Menschen in Haifa f\u00fcr Gaza. Die Pal\u00e4stinenser*innen organisierten Demonstrationen unabh\u00e4ngig von den korrupten politischen Eliten und riefen zu einem massiven Generalstreik im ganzen historischen Pal\u00e4stina am 18.05 auf.<\/p>\n<p>Diese Proteste, die vereinzelt und wom\u00f6glich verfr\u00fcht als \u201eIntifada der Einheit\u201c beschrieben werden, sind eine historische Z\u00e4sur. Die neue Generation der Pal\u00e4stinenser*innen, die nur die Stagnation seit Oslo und die brutale Zerschlagung der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft w\u00e4hrend der zweiten Intifada kennt, diese Generation, die nur das regelm\u00e4\u00dfige vernichtende Bombardement von Gaza und die zerst\u00f6rten Fl\u00fcchtlingslager kennt, beginnt sich vom Jordan bis zum Mittelmeer zu erheben gegen ihre koloniale Unterdr\u00fcckung und f\u00fcr die Dekolonisierung in Pal\u00e4stina-Israel zu k\u00e4mpfen. Und wir sollten uns endlich konsequent an ihre Seite stellen. Denn wie der ber\u00fchmte pal\u00e4stinensische Schriftsteller und Revolution\u00e4r Ghassan Kanafani einmal gesagt hat: \u201cDie pal\u00e4stinensische Sache ist nicht nur eine Sache f\u00fcr Pal\u00e4stinenser, sondern eine Sache f\u00fcr jeden Revolution\u00e4r, wo immer er sich befindet, als Sache der ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten Massen in unserer Zeit.\u201d<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2021\/05\/30\/das-narrativ-verschieben-es-geht-um-siedlerkolonialismus-und-apartheid\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. Juni 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marik Ratoun. 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