{"id":9774,"date":"2021-06-10T11:07:43","date_gmt":"2021-06-10T09:07:43","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9774"},"modified":"2021-06-10T11:07:44","modified_gmt":"2021-06-10T09:07:44","slug":"kapitalismus-und-cancel-culture","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9774","title":{"rendered":"Kapitalismus und Cancel culture"},"content":{"rendered":"<p><em>Hanns Graaf. <\/em><strong>Seit Monaten besch\u00e4ftigt uns ein \u201eneues\u201c Ph\u00e4nomen: die Cancel culture. Damit ist lt. wikipedia\u00a0<em>\u201eein politisches Schlagwort\u201c<\/em>\u00a0gemeint,\u00a0<em>\u201emit dem \u00fcberm\u00e4\u00dfige Bestrebungen zum Ausschluss von Personen oder Organisationen bezeichnet werden, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen beziehungsweise Handlungen vorgeworfen werden.\u201c<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Es lie\u00dfe sich eine sehr lange Liste mit Beispielen f\u00fcr Cancel culture auff\u00fchren. Hier nur einige wenige. Die ironischen Wortmeldungen von \u00fcber 50 SchauspielerInnen im April 2021 zur Corona-Politik (die nichts mit einer Leugnung von Corona als einer Krankheit zu tun haben) wurden von vielen Medien, Politikern und auch Linken nicht nur kritisiert \u2013 es wurde wiederholt gefordert, dass diese K\u00fcnstlerInnen keine Engagements usw. mehr erhalten. Die ge\u00e4u\u00dferte Kritik an den \u201e50\u201c, z.B. die Behauptung der AfD-N\u00e4he oder der Vorwurf, dass Rechte die Kritik f\u00fcr sich nutzen k\u00f6nnten, ist an sich schon absurd genug. Doch \u2013 und das ist durchaus eine neue Qualit\u00e4t in der bundesdeutschen Medienlandschaft \u2013 hier wird Kritik mit offiziellem Mobbing und der Forderung nach Berufsverboten erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel: Immer wieder gibt Stimmen aus der linken Szene, die fordern, dass die Diskussion von Themen, die unterdr\u00fcckte Gruppen (sexuelle Minderheiten, Schwarze, Fl\u00fcchtlinge usw.) betreffen, nur noch von Betroffenen bzw. deren \u201eVertreterInnen\u201c gef\u00fchrt werden d\u00fcrften, weil andere Menschen deren Probleme nicht \u201everstehen\u201c k\u00f6nnten oder per se \u201ediskriminierend\u201c denken w\u00fcrden. Bei Leuten, die so etwas fordern, handelt es sich meist um Personen, die eine \u201egehobene\u201c Stellung als Intellektuelle oder als Funktion\u00e4rInnen haben oder Teil des offiziellen \u201eEstablishments\u201c sind.<\/p>\n<p>Zum Dauerbrenner ist auch der Antisemitismus-Vorwurf geworden. Wer als \u201eAntisemit\u201c enttarnt wurde, hat sein Recht auf Meinungs\u00e4u\u00dferung verwirkt. Dabei gelten als \u201eantisemitisch\u201c oft auch Alle, die die Politik Israels und den Zionismus kritisieren, sich jedoch gegen Judenfeindlichkeit wenden. Hier zeigt sich, dass Cancel culture nicht selten sogar eine pro-imperialistische Schlagseite, hier die Unterst\u00fctzung Israels, hat.<\/p>\n<p>Ein letztes Beispiel \u2013 in eigener Sache. Aufruhrgebiet hatte 2019 zwei Offene Briefe zu den Themen Klima und Energiewende an linke Menschen und Organisationen geschickt, um eine fundierte, \u00fcber Organisationsgrenzen hinausreichende Diskussion anzuregen. Dabei vertraten wir eine sehr kritische Position zum verbreiteten \u201eKlimaalarmismus\u201c und zur Energiewende \u2013 allerdings von einer marxistischen und antikapitalistischen Position aus. Eine inhaltliche Besch\u00e4ftigung mit unseren Positionen, geschweige denn eine Antwort durch die linke Szene blieb \u2013 erwartungsgem\u00e4\u00df \u2013 aus. Die einzige offizielle \u201eAntwort\u201c kam von der Gruppe ArbeiterInnenmacht (GAM) und bestand darin, uns AfD-N\u00e4he zu unterstellen und andere Linke vor uns zu \u201ewarnen\u201c. Das verweist nicht nur auf die Borniertheit und das Sektierertum der \u201eradikalen Linken\u201c, sondern auch auf deren inhaltliche Unbedarftheit und die analytischen Defizite. Diese Linken waren nicht nur zu keiner Antwort auf oder zu Kritik an unseren Positionen bereit und in der Lage, sie sind sogar unf\u00e4hig, ihre eigene \u201eKlima-Position\u201c (soweit vorhanden) zu argumentieren. So \u201el\u00f6st\u201c man das Problem durch Ignorieren und Verleumden.<\/p>\n<p>Verst\u00e4ndlicherweise schlagen die Wellen zum Thema Cancel culture in den Medien hoch. W\u00e4hrend die eine Seite \u2013 meist \u201elinke\u201c AktivistInnen \u2013 ihre Haltung als gerechtfertigt und als Teil des Kampfes gegen Diskriminierung, gegen Rechts usw. darstellen, lehnt die (politisch eher heterogene) Gegenseite Cancel culture ab, weil sie undemokratisch sei und jede Diskussion und Meinungsfreiheit untergrabe.<\/p>\n<p>Eine fundierte und marxistische Bewertung der Cancel culture und der Debatte darum ist aber nur m\u00f6glich, wenn man \u00fcber den \u201cKampf der Meinungen\u201c hinausgeht und die sozialen Hintergr\u00fcnde und die Situation der Linken betrachtet.<\/p>\n<p><strong>Die \u201eMeinungskultur\u201c im Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Lenin schrieb einmal, dass die herrschende Kultur im Kapitalismus die der Herrschenden sei. Nicht nur der Inhalt der Kultur und der Kommunikation, auch ihre Form und die Art ihrer Verbreitung sind b\u00fcrgerlich. Selbst die kritischsten Beitr\u00e4ge in den Massenmedien stellen fast nie den Kapitalismus als System infrage. Meist geht es um bestimmte Seiten, um bestimmte Folgen des Kapitalismus, selten um dessen sozial-\u00f6konomische Grundlagen, etwa das Privateigentum oder das Lohnarbeitssystem. Allein die Tatsache, dass die meisten Medien sich entweder in Privathand befinden (was auch f\u00fcr die \u201esozialen Medien\u201c zutrifft) oder der Kontrolle b\u00fcrgerlicher Institutionen (Rundfunkr\u00e4te) unterliegen, sichert, dass deren Ausrichtung (meist) systemkonform bleibt. Lange bevor von Cancel culture die Rede war, haben Politik, Staat und b\u00fcrgerliche Medien sie praktiziert. Kapitalismuskritische Stimmen, ja selbst Kritik an bestimmten politischen Vorgehensweisen (Corona, Klima usw.) wird weitgehend eliminiert.<\/p>\n<p>Obwohl die Verbreitung b\u00fcrgerlichen Bewusstseins nicht prim\u00e4r durch Medien, Politik, Bildung usw. erfolgt, sondern sich quasi automatisch aus den b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen selbst ergibt, v.a. aus dem Lohnarbeitssystem, spielt das \u201eHineintragen\u201c b\u00fcrgerlicher Ideologie eine gro\u00dfe Rolle bei der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse, ja mehr noch als fr\u00fcher. Wer das Sagen hat, hat auch die Macht. Diese ideologische Vorherrschaft wird zwar durch alternative Medien und die Linke \u201eabgeschw\u00e4cht\u201c, jedoch nicht \u00fcberwunden. Eine besonders abschreckende und bizarre Form von Cancel culture war der Stalinismus, der nicht nur die Meinungsfreiheit weitgehend unterband, sondern auch die Tr\u00e4ger kritischer Meinungen selbst eliminierte.<\/p>\n<p>Das Bestreben von Unterdr\u00fcckten geht immer dahin, dem b\u00fcrgerlichen Mainstream, dem b\u00fcrgerlichen \u201eDiskurs\u201c etwas entgegenzusetzen \u2013 die Sicht der \u201eDiskriminierten\u201c. Diese legitime, ja notwendige Intention steht meist auch hinter der Cancel culture, die fast immer auch ein Kampf um die Selbstbehauptung von Unterdr\u00fcckten ist. Sie ist \u2013 in einem ganz allgemeinen Sinn \u2013 Teil der linken, anti-kapitalistischen Bewegung. Diese \u201elinke\u201c Cancel culture ist nun aber in mehrfacher Hinsicht trotzdem h\u00f6chst problematisch und konterkariert oft deren eigentliche Intention.<\/p>\n<p><strong>Ausdruck der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Die Linke, die Arbeiterbewegung und auch der \u201eMarxismus\u201c befinden sich seit vielen Jahrzehnten in der Krise. Im Ergebnis dessen stagnieren sie, befinden sich in einer Art Dauerdefensive und haben \u2013 v.a. die radikale Linke und der Marxismus \u2013 sehr wenig Einfluss auf soziale Prozesse und die Bewusstseinsbildung. Parallel dazu fand eine enorme Ausweitung der lohnabh\u00e4ngigen Mittelschicht statt, die eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle in den sozialen Strukturen spielt, etwa in den Bereichen Bildung, Wissenschaft, soziale Dienste, Medien, Verwaltung und Kultur. Auch die Linke und die \u201eoffizielle\u201c Arbeiterbewegung wird von dieser \u201eakademischen\u201c Schicht dominiert. Dieses Milieu, das fast zu 100% das b\u00fcrgerliche Bildungs- und Wissenschaftssystem durchl\u00e4uft und von ihm stark gepr\u00e4gt ist, \u00fcbernimmt nun \u2013 auch mangels einer marxistischen Ideologie- und Wissenschaftskritik \u2013 weitgehend b\u00fcrgerliche Denkweisen. Diese sind in starkem Ma\u00dfe von \u201elinks\u201c-b\u00fcrgerlichen Ideologien gepr\u00e4gt, v.a. dem Poststrukturalismus und tw. der Frankfurter Schule. Diese wiederum sind Reaktionen auf die Niederlagen der Arbeiterbewegung, den Stalinismus und die Stabilisierung des Kapitalismus nach 1945.<\/p>\n<p><strong>Identit\u00e4ts-Linke<\/strong><\/p>\n<p>Gro\u00dfe Teile der Linken (und deren Protagonisten) m\u00fcssen zum links-b\u00fcrgerlichen Mittelschichts-Milieu gerechnet werden und selbst jene \u201etraditionellen\u201c Linken, die sich bewusst auf die Arbeiterklasse beziehen, sind von der Identit\u00e4ts-Ideologie beeinflusst. Sahra Wagenknecht benutzt in ihrem neuen Buch \u201eDie Selbstgerechten\u201c den Begriff \u201eLifestyle-Linke\u201c f\u00fcr das akademische, urbane linksliberale Milieu.<\/p>\n<p>Auch Judith Sevin\u00e7 Basad hat ein Buch \u00fcber Identit\u00e4tspolitik geschrieben: \u201eSch\u00e4m dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und was b\u00f6se ist!\u201c Darin stellt sie dar, dass diese Ideologie schon in den 1990ern an US-Unis entstanden war. Seitdem sind Richtungen wie \u201eGender Studies\u201c, \u201ePostcolonial Studies\u201c, \u201eCultural Studies\u201c, \u201eQueer Studies\u201c u.a. \u00fcberall en vogue. Basad sch\u00e4tzt sie so ein:\u00a0<em>\u201eIm Zentrum\u00a0<\/em>(\u2026)\u00a0<em>steht nicht mehr der Anspruch, aufzuzeigen, wie die Welt ist, sondern wie die Welt zu sein hat.\u00a0<\/em>(Sie)<em>\u00a0haben nichts mehr mit klassischer Wissenschaft zu tun. Vielmehr wurde hier aus einzelnen Bausteinen der Postmoderne eine neue Theorie gebastelt, die dann in Politik und Gesellschaft als absolute Wahrheit gelten soll\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Basad f\u00fchrt ein \u2013 besonders krasses \u2013 Beispiel an:\u00a0<em>\u201eSo behauptet die Geschlechterforscherin Anna-Katharina Me\u00dfmer in ihrer Dissertation, dass der Begriff \u201aGenitalverst\u00fcmmelung\u2018 nur deswegen eine negative Bedeutung habe, weil der Westen zu Kolonialzeiten den Orient als \u201aunzivilisiertes Anderes\u2018 wahrgenommen habe. Der Akt der Verst\u00fcmmelung (\u2026) ist also nicht deshalb grauenhaft, weil er es ist, sondern weil der Westen \u2013 im Glauben, dass seine eigene\u201a \u201amoderne, aufgekl\u00e4rte, heilende Medizin\u2018 die \u00fcberlegene sei \u2013 sie zu einer \u201abarbarischen Tradition\u2018 stigmatisiert habe\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Wichtige Denkmuster dieser Richtung (bei allen Unterschieden ihrer Protagonisten) sind der Zweifel am revolution\u00e4ren Subjekt Proletariat und am Klassenkampf und die Suche nach Ersatz-Subjekten. Anstatt der Ver\u00e4nderung der sozialen Praxis durch Klassenkampf werden dominante Denk- und Sprechweisen, \u201ekulturelle Verhaltensweisen\u201c, die \u201eMatrix\u201c usw. kritisiert. Das ist auch das Credo von Gender-Theoretikern wie Judith Butler. Dagegen ist zun\u00e4chst wenig zu sagen, so lange es nicht dazu f\u00fchrt, dass es anstelle der Praxis tritt \u2013 genau das passiert aber meist. Die poststruktualistischen Theorien behaupten, dass keine objektive Realit\u00e4t existiere, sondern nur ideelle Diskurse. Daher m\u00fcsste auch gesellschaftskritisches Wissen \u201edekonstruiert\u201c werden, zumindest wenn es vorgibt, \u201eobjektiv\u201c zu sein. Hauptangriffsziel dieser Dekonstruktion war und ist \u2013 zumindest indirekt \u2013 der Marxismus und die Marx\u00b4sche materialistische Methode.<\/p>\n<p><strong>Anti-Wissenschaft<\/strong><\/p>\n<p>Die Gender-\u201cTheorie\u201c behauptet, dass die Geschlechter nicht oder nicht prim\u00e4r durch die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau bestimmt w\u00e4ren. Sie w\u00e4ren nicht v.a. biologisch determiniert, sondern durch gesellschaftliche Normierung, durch \u201e\u00dcbereinkunft\u201c von einer \u201eheterosexuellen Matrix\u201c erzeugt. Hier haben wir ein Beispiel daf\u00fcr, dass die Naturwissenschaft und tendenziell jede Wissenschaft missachtet und durch willk\u00fcrliche ideologische Konstrukte ersetzt wird. Die sicher auch vorhandene soziale Determinierung von Geschlechterrollen wird hier absurd und einseitig \u00fcberh\u00f6ht. Sigmund Freud meinte bez\u00fcglich der Methodik in seinen \u201eVorlesungen zur Einf\u00fchrung in die Psychoanalyse\u201c:\u00a0<em>\u201eIm wissenschaftlichen Betrieb ist es sehr beliebt, einen Anteil an der Wahrheit herauszugreifen, ihn an die Stelle des Ganzen zu setzen und nun zu seinen Gunsten das \u00fcbrige, was nicht minder wahr ist, zu bek\u00e4mpfen.\u201c\u00a0<\/em>Typisch f\u00fcr diese Einseitigkeit durch das Ignorieren von Teilen des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes ist auch der \u201eKlimaalarmismus\u201c, der eine besonders krude Form von Cancel culture darstellt.<\/p>\n<p>Kein fortschrittlicher Mensch wird bestreiten, dass Homophobie reaktion\u00e4r ist und dass sexuelle Minderheiten oft einer besonderen Diskriminierung ausgesetzt sind. Fatal wird es aber dann, wenn anstelle des Kampfes gegen reale Unterdr\u00fcckung v.a. ein \u201eKampf\u201c gegen bestimmte Sprachmuster gef\u00fchrt wird (gendern) oder die Situation von tw. sehr kleinen Minderheiten, z.B. von \u201eTransmenschen\u201c, fast zum Schwerpunkt des Kampfes gegen Unterdr\u00fcckung gemacht wird, hingegen etwa Frauen (50% der Menschheit), die \u2013 wenn auch in unterschiedlichem Ma\u00dfe \u2013 systematischer Benachteiligung und Unterdr\u00fcckung unterliegen, als Problem dann fasst an den Rand rutschen (es sei denn, Frau ist schwarz, lesbisch und Fl\u00fcchtling usw.).<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass die Diskriminierung fast immer nur als Diskriminierung spezifischer Gruppen gesehen wird, die national, ethnisch, sexuell usw. definiert sind, jedoch meist nicht (auch) hinsichtlich ihrer sozialen und Klassenlage. Das erm\u00f6glicht selbst b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften, sich problemlos am \u201eGender-Kampf\u201c zu beteiligen, weil dabei die zentralen, systemischen Fragen ausgespart werden und als Alibi dienen, sich selbst als aufgekl\u00e4rt, human, anst\u00e4ndig, demokratisch und was es sonst noch an hochmoralischen Prinzipien gibt, darzustellen. Auch die offizielle \u00dcbernahme gegenderter Sprache zeigt das. Hier ist \u00c4hnliches zu beobachten wie beim \u201eKlimaschutz\u201c, wo alle irdischen Probleme auf das Klima geschoben werden, die meist nichts mit dem Klima, aber mit dem Kapitalismus zu tun haben. Das CO2 wird anstatt der Bourgeoisie zum gro\u00dfen Buhmann, nicht die \u00dcberwindung der kapitalistischen Produktionsweise, sondern deren klimaneutrale Reformierung ist nun die Aufgabe. Dass auch das Gros der Linken den Klima- und Genderwahn mitmacht, ist ein deutliches Zeichen ihrer Degeneration. Statt Klassenpolitik betreibt sie \u201eMilieupolitik\u201c. Damit wird a priori der Prozess der Formierung von Klassenbewusstsein blockiert und die Atomisierung der Klasse in viele Milieus und Identit\u00e4ten bef\u00f6rdert oder verfestigt.<\/p>\n<p><strong>Ideelle Konstruktionen<\/strong><\/p>\n<p>Die Definition einer benachteiligten identit\u00e4ren Gruppe ist oft h\u00f6chst willk\u00fcrlich. Statt sozio\u00f6konomischer Merkmale wie Armut und Ausbeutung r\u00fccken individuelle (Ethnie, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion usw.) in den Fokus. So werden etwa Veganer zuweilen als von der Mehrheit der Fleischessenden unterdr\u00fcckt dargestellt. Daraus wird dann ein Opferstatus abgeleitet und Forderungen (die an sich deshalb nicht unbedingt falsch sein m\u00fcssen) gestellt. Angeh\u00f6rige einer Opfergruppe d\u00fcrfen nicht kritisiert werden. Das wird, um Wagenknecht zu zitieren,\u00a0<em>\u201edamit begr\u00fcndet, dass Mehrheitsmenschen sich per se nicht in das Innenleben und die Weltsicht einer Minderheit hineinversetzen k\u00f6nnen, weil sie lebenslang ganz andere Erfahrungen gemacht haben und daher zwischen ihrer Gef\u00fchlswelt und jener der diversen Minderheiten un\u00fcberwindbare Mauern existieren<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Demnach sei es unm\u00f6glich, das Wesen einer Sache, etwa der Unterdr\u00fcckung von Schwarzen, \u201eobjektiv\u201c zu erkennen und es k\u00e4me nur auf das subjektive Empfinden an. Auch hier also ein deutlicher Hang zu Skeptizismus und Erkenntnis-Leugnung. So wurde es von einigen selbsternannten akademischen Vertretern \u201eder Schwarzen\u201c abgelehnt, dass ein Kolonialismus-Forscher aus Deutschland (ein \u201ealter wei\u00dfer Mann\u201c) sich zum Thema \u00e4u\u00dfern k\u00f6nne. Auch die Kritik an der Religion und den Kirchen als reaktion\u00e4ren, irrationalen Erscheinungen wird von Linken tw. als Angriff auf deren \u201ekulturelle Eigenart\u201c verstanden und daher abgelehnt. Auch deshalb spielt die Religionskritik \u2013 urspr\u00fcnglich ein Grundzug der Arbeiterbewegung und des Marxismus \u2013 kaum noch ein Rolle.<\/p>\n<p>Andererseits werden (vermeintlich) reaktion\u00e4re Positionen nicht mehr (nur) kritisiert, nein, deren Tr\u00e4ger m\u00fcssen aus dem Diskurs \u201eausgeschaltet\u201c werden. Doch zu einer substantiellen Kritik sind die Cancler und Canclerinnen oft nicht f\u00e4hig. Hier gibt es nur noch \u201erechts\u201c und \u201elinks\u201c, die an sich schon unbrauchbare, verschwommene Kategorien darstellen. Rechts ist dann alles, was dem \u2013 von den Mittelschichts-Ideologen definierten \u2013 Gutmenschen-Mainstream widerspricht.<\/p>\n<p>Wenn etwa in der Klimafrage ein Wissenschaftler den Alarmismus bezweifelt, dann werden fast nie dessen wissenschaftliche Positionen und Argumente betrachtet, sondern nur die Tatsache, dass er die \u201eoffizielle\u201c Position kritisiert. Ob dessen Argumente stimmen, ist unerheblich, wichtig dagegen ist, ob Trump, die AfD o.a. \u201eB\u00f6sewichte\u201c eine \u00e4hnliche Auffassung vertreten. Nat\u00fcrlich spielt das f\u00fcr die Wissenschaft gar keine Rolle, aber f\u00fcr die linken Gutmenschen, die fast alle eine sozialwissenschaftlichen Ausbildung haben, aber keine technische oder naturwissenschaftliche, gilt das als zentrales \u201eArgument\u201c. Genauso verh\u00e4lt es sich mit der Betonung des Konsenses in der Klimawissenschaft. Doch 1. gibt es diesen gar nicht und selbst wenn es ihn g\u00e4be, w\u00fcrde das 2. \u00fcber dessen Wahrheitsgehalt nichts aussagen. Neue und bessere Theorien fangen fast immer als Minderheitsmeinung an. Die Falsifizierung ist die Grundlage jeder wissenschaftlichen Entwicklung, gerade diese wird aber abgelehnt.<\/p>\n<p>In der \u201eoffiziellen\u201c Cancel culture spiegelt sich auch die Herrschaft der b\u00fcrgerlichen Ideologie, sprich der kapitalistischen Verwertungs- und Machtinteressen, wider. W\u00e4hrend Marx davon sprach, dass \u201edie Philosophie\u201c im Zuge der Entwicklung der konkreten Wissenschaften aufgehoben w\u00fcrde bzw. im Kommunismus aufgehoben w\u00e4re, offenbart der Sp\u00e4tkapitalismus eher das Gegenteil. Je anachronistischer die Verh\u00e4ltnisse werden, desto mehr ideologische Nebelwerfer werden besch\u00e4ftigt, um die Misere, aber auch jede Alternative zu verdecken und auf Abwege zu f\u00fchren. Die Ideologie, die hinter der Cancel culture steckt, ist eine b\u00fcrgerliche, ein idealistische, die die Wirklichkeit auf den (absurden) Begriff bringt, anstatt die absurde Realit\u00e4t hinter den Begriffen zu zeigen. Die Linksb\u00fcrgerlichen meinen, die Welt zu verbessern, wenn sie die Vorstellungen von dieser \u00e4ndern. Sie wollen die faulen Fr\u00fcchte vom verdorrten Baum holen, anstatt ihn abzus\u00e4gen und einen neuen zu pflanzen.<\/p>\n<p>Idealistische Auffassungen sind auch in der \u201erevolution\u00e4ren\u201c Linken weit verbreitet. Ein Ausdruck davon ist etwa die Parteitheorie Lenins. Er meint, dass das sozialistische Bewusstsein nur von au\u00dfen, durch die Partei, in die Massen getragen werden k\u00f6nne. Das ist zwar m\u00f6glich und sogar notwendig, jedoch f\u00fchrt die \u00dcberbetonung dieses Aspekts bei Lenin dazu, dass die Bewusstseinsbildung nur zur Propagandaaufgabe (der Partei) wird. Alle Stalinisten und \u201elinken\u201c Obskuranten wie Mao, Pol Pot, Kim Il Sung u.a. teilen diese Auffassung. F\u00fcr Marx hingegen, der sehr wohl auch die Notwendigkeit einer Partei sah, ist das Bewusstsein der Klasse prim\u00e4r von den Umst\u00e4nden gepr\u00e4gt. D.h., dass die Ver\u00e4nderung des Bewusstseins auch die \u00c4nderung der Verh\u00e4ltnisse voraussetzt bzw. damit einher geht. Das w\u00fcrde etwa bedeuten, dass schon im Kapitalismus in Ans\u00e4tzen andere Verh\u00e4ltnisse des Lebens, Arbeitens, Wohnens, Lernens usw., also selbstverwaltete und genossenschaftliche Strukturen, erk\u00e4mpft werden m\u00fcssen. Nur unter diesen, in Ans\u00e4tzen \u201efreien\u201c Umst\u00e4nden k\u00f6nnen sich Menschen entwickeln und ver\u00e4ndern, die zur Freiheit bereit und in der Lage sind.<\/p>\n<p>Dass Lenin u.a. bolschewistische, aber auch reformistische Linke das anders sahen und nur die Partei (neben den Gewerkschaften), also eine v.a. politische Struktur, als relevant ansahen, zeigt sich auch an ihrer Ignoranz und Ablehnung gegen\u00fcber selbstverwalteten Strukturen. Es liegt auf der Hand, dass eine Partei- und Bewusstseinsauffassung a la Lenin dem \u201eIdeologisieren\u201c und der \u201eVormundschaft\u201c selbsternannter linker \u201eEliten\u201c T\u00fcr und Tor \u00f6ffnet und damit zugleich den Prozess der Konstituierung des Proletariats (und der Massen) zum Subjekt der Gesellschaft blockieren.<\/p>\n<p><strong>Cancel culture vs. Demokratie<\/strong><\/p>\n<p>Der als Cancel culture bekannte Umgang mit als \u201erechts\u201c, \u201ereaktion\u00e4r\u201c usw. eingesch\u00e4tzten Meinungen ist Ausdruck einer falschen, rein ideologischen Methode, die sich prim\u00e4r auf Begriffe und Meinungen bezieht, anstatt eines materialistischen Herangehens, das von Fakten ausgeht und auf der Analyse der Realit\u00e4t beruht. Die Methode des \u201eEinordnens\u201c von Positionen anhand willk\u00fcrlicher ideologischer Merkmale (z.B. links-rechts), der Ausschluss ungeliebter Meinungen aus der Diskussion, die \u201eBestrafung\u201c von Menschen mit \u201eabweichenden\u201c Positionen, ihr Ausschluss aus Talkshows u.a. Formen der medialen \u00d6ffentlichkeit bis hin zu Forderungen nach Berufsverboten \u2013 all diese Vorgehensweisen blockieren die Debatte und eine sachliche Auseinandersetzung: sie sind undemokratisch. Damit st\u00fctzen sie auch \u2013 wenn auch vielleicht ungewollt \u2013 den medialen b\u00fcrgerlichen Mainstream.<\/p>\n<p>Sie sind zudem Ausdruck einer b\u00fcrgerlichen Form von Kommunikation \u2013 insofern diese zwar die technischen Mittel und die M\u00f6glichkeiten der Kommunikation revolutioniert hat, jedoch die F\u00e4higkeiten und M\u00f6glichkeiten der Gesellschaft, diese Errungenschaften demokratisch und \u201equalitativ\u201c zu nutzen, nicht bewusst entwickelt. Die \u201eSozialen Medien\u201c sind daher z.T. nur ein Raum f\u00fcr das \u201eanarchische\u201c Sich-Austoben von Individuen und f\u00fcr das Zum\u00fcllen der Gesellschaft mit Informationsschrott. Fast jede demokratische \u2013 nicht zu verwechseln mit kommerzieller und staatlicher \u2013 Einflussnahme auf und die Interaktion mit den Sozialen Medien fehlt. Durcheinander-Br\u00fcllen ist keine sinnvolle Kommunikation, auch wenn dabei Jede(r) zu Wort kommen kann.<\/p>\n<p>Cancel culture ist oft mit der Aufforderung verbunden, dass der b\u00fcrgerliche Staat f\u00fcr die Durchsetzung der \u201eReinheit der Kommunikation\u201c sorgen m\u00f6ge. So unterst\u00fctzten auch viele Linke die Vorschl\u00e4ge des fr\u00fcheren SPD-Justizministers Heiko Maas u.a. zur Zensur des Internets, um Hasskommentare zu unterbinden. Nun ist es keine Frage, dass das Internet allen m\u00f6glichen Idiotien und Reaktion\u00e4ren eine Plattform bietet. Doch hilft dagegen eine Zensur kaum, ja diese richtet sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch gegen linke Inhalte. Die per Staats-Zensur angepeilte Verbesserung der Kommunikation im Internet erweist sich also f\u00fcr die Linke eher als Bumerang.<\/p>\n<p>Die Methode der Cancel culture ist keine seri\u00f6se und produktive Form der Auseinandersetzung. Sie dient \u2013 wenn auch vielleicht ungewollt \u2013 den Herrschenden, indem Kritik und ein sachlich-kritischer Dialog ad absurdum gef\u00fchrt werden. Die Alternative besteht darin, dass die Linke (wieder) einer materialistischen Methode folgt und Ph\u00e4nomene auf ihre materiellen bzw. sozialen Ursachen zur\u00fcckf\u00fchrt und sich nicht nur auf Meinungen bezieht, sondern auf die dahinter liegenden Fakten und realen Umst\u00e4nde. Jede Diskussion muss davon ausgehen, dass es keine absoluten Wahrheiten gibt, sondern diese immer relativ sind, dass sie falsifiziert werden k\u00f6nnen und m\u00fcssen. Dieses Vorgehen setzt Diskussion voraus und wird durch Ausgrenzung unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Dazu noch einmal Freud:\u00a0<em>\u201eEs w\u00e4re ein Irrtum zu glauben, dass eine Wissenschaft aus lauter streng bewiesenen Lehrs\u00e4tzen besteht, und ein Unrecht, solches zu fordern. Diese Forderung erhebt nur nur ein autorit\u00e4tss\u00fcchtiges Gem\u00fct, welches das Bed\u00fcrfnis hat, seinen religi\u00f6sen Katechismus durch einen anderen, wenn auch wissenschaftlichen, zu ersetzen. Die Wissenschaft hat in ihrem Katechismus nur wenige apodiktische S\u00e4tze, sonst Behauptungen, die sie bis zu gewissen Stufengraden von Wahrscheinlichkeit gef\u00f6rdert hat. Es ist geradezu ein Zeichen von wissenschaftlicher Denkungsart, wenn man an diesen Ann\u00e4herungen an die Gewissheit sein Gen\u00fcge finden und die konstruktive Arbeit trotz der mangelnden letzten Bekr\u00e4ftigungen fortsetzen kann.\u201c<\/em>\u00a0(ebenda)<\/p>\n<p>Auch \u2013 und gerade \u2013 der Marxismus ist von dieser kritischen Betrachtung nicht ausgenommen \u2013 umso mehr, als er ja Ausdruck sozialer Tendenzen und Ver\u00e4nderungen ist und diese bewusst vorantreiben will. Die Marxsche Methode, die materialistisch, dialektisch und historisch-kritisch war, muss auch auf den Marxismus selbst angewendet werden! Es war gerade Marx, der sich immer gegen eine Kodifizierung seiner Anschauungen zu einem abgeschlossenen \u201cDenkgeb\u00e4ude\u201c gewehrt hat.\u00a0<em>\u201eIch bin kein Marxist\u201c<\/em>, betonte er mehrmals, wohl schon bef\u00fcrchtend, dass die sp\u00e4teren J\u00fcnger des \u201eMarxismus\u201c diesem jede kritische und produktive Substanz austreiben w\u00fcrden. Die Ideen und die Methode von Marx waren so gesehen die ersten Opfer einer Cancel culture. Und ihre Protagonisten waren oft \u2013 Linke, die als \u201eMarxisten\u201c oft Auffassungen vertraten, die mit Marx unvereinbar waren. Die \u201eIdentit\u00e4ts-Linken\u201c sind nur die aktuellsten Spazierg\u00e4nger in der Sackgasse.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/aufruhrgebiet.de\/2021\/05\/kapitalismus-und-cancel-culture\/#more-1753\"><em>aufruhrgebiet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. Juni 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanns Graaf. 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