{"id":9779,"date":"2021-06-14T09:50:28","date_gmt":"2021-06-14T07:50:28","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9779"},"modified":"2021-06-14T09:50:29","modified_gmt":"2021-06-14T07:50:29","slug":"wagenknecht-wer-im-stich-laesst-seinesgleichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9779","title":{"rendered":"Wagenknecht: Wer im Stich l\u00e4sst seinesgleichen"},"content":{"rendered":"<p><em>Adrian Paukstat. <\/em>Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch beschrieb vor gut zwanzig Jahren die politischen Gesellschaften Mitteleuropas und Nordamerikas als \u201ePostdemokratien\u201c. Dieser Begriff beschrieb f\u00fcr ihn den demokratischen Verfall eines politischen Gemeinwesens, in dem Politik zur kulturindustriellen, \u00fcber PR-Strategen und Massenmedien vermittelten Manipulation degeneriert, die nur noch<!--more--> Scheinalternativen bietet, die aber allesamt der gleichf\u00f6rmigen Verwaltung sogenannter \u201eSachzw\u00e4nge\u201c entsprechen. Innerhalb dieser spezifisch neoliberalen Herrschaftsform spielt, so Crouch: \u201eDie Mehrheit der B\u00fcrger [\u2026] eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt.\u201c<\/p>\n<p>Diesen Zust\u00e4nden entspricht ein spezifisches Bewusstsein beim Personal der politischen Apparate. In der Wahrnehmung des postdemokratischen Berufspolitikers f\u00e4llt Politik schlechthin mit dieser spezifischen Form der Massenmanipulation zusammen. Politisches Handeln \u2013 das Hannah Arendt einst emphatisch als das gemeinsame Schaffen des Neuen mit anderen im politischen Raum verstand \u2013 degeneriert zu einer Art soziographisch informierter Sozialtechnologie, die rational-mechanisch ermittelt, welche Werbephrasen, mit welcher statistischen Wahrscheinlichkeit welche Reaktionen hervorrufen, um dann die dergestalt ermittelten Sprechblasen auf Plakate zu drucken.<\/p>\n<p>Sahra Wagenknechts neuester Einwurf in die innerlinke Strategiedebatte muss in erster Linie vor dem Hintergrund dieser Gegenwartsdiagnose gelesen werden. Denn bei allem Bohei um die privilegierten Akademikerkinder die \u201auns\u2018 mit \u201aihren\u2018 Sprachverregelungen traktieren, den Nationalstaat abschaffen und mit \u201ebizarren\u201c homo-, bi-, trans- und weissderteufelwasf\u00fcr-sexuellen Anerkennungsforderungen nerven, bleibt ein \u2013 durchaus privilegierter \u2013 Klassenstandpunkt n\u00e4mlich eigent\u00fcmlich unterreflektiert: der von Wagenknecht selbst.<\/p>\n<p>Das Politikverst\u00e4ndnis das ihrem Buch zugrunde liegt, ist das des prototypischen postdemokratischen Berufspolitikers. Aus nachgerade jedem Satz springt einem das Kalk\u00fcl entgegen, mit den richtigen Phrasen die richtigen Ressentiments beim Wahlvolk zu triggern, um letzteres zur Stimmabgabe in seinem Sinne zu bewegen. Auffallend daher auch die ausufernd soziographische und wahl-statistische Natur der Argumentation in Wagenknechts Buch und der Debatten dar\u00fcber in den sozialen Medien, in der das \u201eW\u00e4hler gewinnen\u201c, Wagenknechts \u201eBeliebtheit\u201c und die diversen kulturindustriellen Manipulationsstrategien die dies impliziert, stets zum Todschlagargument gegen\u00fcber allem Inhaltlichen mutieren.<\/p>\n<p>Selten in der Geschichte der Linken wurde politische Mobilisierung als dermassen plumpe Aufforderung einer implizit als passiv vorgestellten Masse an sogenannten \u201eeinfachen Leuten\u201c nach dem Mund zu reden, verstanden, wie Wagenknecht es offensichtlich im Sinne hat. Schon der, gewiss aller \u201alinksliberalen\u2018 Umtriebe g\u00e4nzlich unverd\u00e4chtige, Vladimir Lenin war der Meinung, dass das spontane Bewusstsein des Proletariats nur zum reformistischen Trade-Unionismus reiche und es ist schwerlich vorstellbar, dass historische Emanzipationsforderungen die heute zum klassischen Kanon linker Traditionspflege geh\u00f6ren, wie beispielswiese das Frauenrechtwahlrecht aus dem spontanen Bewusstsein der Kohlekumpels und Metallarbeiter gleichsam emergiert w\u00e4ren, h\u00e4tten nicht ein paar privilegierte Intellektuelle ihnen diese bizarren Minderheitenforderungen als ihre ureigenen Interessen nahegelegt. Ganz im Gegenteil, die ersten Gewerkschaften und Arbeitervereine sprachen sich gegen das Frauenwahlrecht aus, erst unter dem Einfluss der Schriften Bebels und Engels \u00e4nderte sich dies in den 1880er Jahren.<\/p>\n<p>Der Punkt hierbei ist nicht, eine Art Philosophenk\u00f6nigtum der Linksintellektuellen zu rechtfertigen oder neue Avantgardetheorien zu spinnen, sondern ganz einfach die Tatsache, dass sich revolution\u00e4res (oder auch nur halbwegs progressives) Bewusstsein, wo auch immer es entstand, stets in einem dialektischen Prozess der wechselseitigen Durchdringung von Intellektuellen und subalternen Klassen gebildet hat. Das bedeutet vor allem: In Auseinandersetzung mit dem Anderen. Wagenknechts Argument zielt jedoch darauf ab, diese Auseinandersetzung gerade zu unterbinden, die linke Intelligenzija durchgehend als Feindbild aufzubauen, und sich stattdessen illusion\u00e4ren Unmittelbarkeitsvorstellungen \u00fcber das was den \u201ekleinen Mann wirklich bewegt\u201c hinzugeben. Was hier nach dem Muster kulturindustrieller Manipulation, die in gleicher Weise von sich selbst glaubt, den Massen doch nur zu geben was diese verlangten, produziert wird, ist nicht mehr als das kollektive Kochen im eigenen Saft. Die Rede vom \u201eDie Leute da abholen wo sie stehen\u201c hat durchaus ihre Berechtigung, nur w\u00fcrde letzteres implizieren dann auch irgendwo mit Ihnen hinzugehen. Wagenknecht m\u00f6chte sich nur dazustellen und stehenbleiben. Dementsprechend fehlt in ihrem Buch, das sich phasenweise liest, als h\u00e4tte die Autorin einen Katalog plumper Ressentiments buchst\u00e4blich abgearbeitet, kein platter Allgemeinplatz, solange er nur niedrige Instinkte evoziert. Von den hysterischen Weibern, mit denen man jetzt nicht mehr flirten darf, bis zu den Studenten die erstmal arbeiten gehen sollen.<\/p>\n<p>Auseinandersetzung hingegen w\u00fcrde zuvorderst bedeuten, zu reflektieren, dass Intellektuelle und subalternen Klassen in einer \u00e4hnlichen Beziehung zueinander stehen, wie Kant dies einst \u00fcber Anschauung und Begriff formuliert hat: Die reine subalterne Repressions- und Herrschaftserfahrung ist ebenso blind, wie die reinen Begriffe der Intelligenzija leer sind. Da wo die Linke erfolgreiche Strategien sozialer Hegemonie entwickelt hat, tat sie dies stets in einer Form, in der sich diese Milieus (und damit Anschauung und Begriff) organisch durchdrungen. Die kommunistischen Bewegungen Italiens und Frankreichs entwickelten ihre Hegemonien, weil sich der Kollege am Band bei Peugeot oder Fiat und Jean-Paul Sartre oder Pier Paolo Pasolini gleichermassen als Teil einer k\u00e4mpfenden Bewegung verstanden. \u00dcberall wo diese K\u00e4mpfe zu Erfolgen f\u00fchrten, bestand einer ihrer unabdingbaren Teile im Beitrag der Tr\u00e4umer, Denker, Dichter, der wurzellosen Kosmopoliten und Handlungsreisenden der Weltrevolution. Es waren stets konservative Spaltungskampagnen die diese B\u00fcndnisse, im Rekurs auf wahlweise antiintellektuelle, katholische, oder nationalistische Ressentiments aufbrachen. Und zwar in nicht un\u00e4hnlicher Weise wie auch Wagenknecht gegen die linken Akademiker giftet.<\/p>\n<p>Grossartigstes Beispiele f\u00fcr eine solche Synthese ist die von Wagenknecht selbst verh\u00f6hnte Revolte 1968, die in Frankreich immerhin dazu f\u00fchrte, dass ein B\u00fcndnis aus Studierenden und Arbeitern Charles de Gaulle aus dem Land gejagt und die herrschende Klasse dazu gebracht hatte, den Streikenden eine Erh\u00f6hung des Mindestlohns um 35% anzubieten. Ausgangspunkt des Pariser Mai war \u00fcbrigens zun\u00e4chst die \u2013 im besten Sinne \u201elifestyle-linke\u201c \u2013 Forderung der Studenten nach \u201eungehindertem Zugang zu den M\u00e4dchen-Wohnheimen\u201c. Am Anfang standen also ganz und gar keinen \u201asozial-linken\u2018 Bed\u00fcrfnisse und am Ende zwar nicht die erhoffte Revolution, aber dennoch pr\u00e4zedenzlose Errungenschaften franz\u00f6sischer Arbeitsk\u00e4mpfe. List der Vernunft, h\u00e4tte Hegel gesagt.<\/p>\n<p>Nachgerade frech wird es, wenn Wagenknecht erfolgreiche Beispiele linker Sammlungsbewegungen als Kronzeugen f\u00fcr sich selbst aufruft. Hat schon die Strategie Labours unter Jeremy Corbyn rein Garnichts mit dem was Wagenknecht propagiert gemein, wird der Vergleich vollends absurd, wenn sie ausgerechnet Bernie Sanders als Stellvertreter des progressiven Fl\u00fcgels der Demokraten heranzitiert. Haben doch Sanders, Ocasio-Cortez und die anderen amerikanischen Sozialist*innen ihre seit den Tagen Roosevelts pr\u00e4zedenzlosen politischen Siege f\u00fcr die Linke \u2013 wie die zuletzt durchgesetzte Erh\u00f6hung des Mindestlohns auf 15 Dollar \u2013 aus Basis einer Strategie eingefahren, die in nahezu allen Punkten das diametrale Gegenteil von dem ist, was Wagenknecht vorschl\u00e4gt. \u201eDefund the Police!\u201c, statt mehr Polizei, \u201eAbolish ICE!\u201c (das Exekutivorgan der Einwanderungsbeh\u00f6rde) statt nationale Wohlstandsverwahrung. In einem Satz: Solidarit\u00e4t von unten statt Entsolidarisierung. Trump selbst, f\u00fcr Wagenknecht lebender Beleg f\u00fcr die Konsequenzen laxer linker Migrationspolitik, hat den Demokraten krachende Niederlagen aufgrund dieser Forderungen prophezeit. Das Gegenteil war der Fall, Trump ist Geschichte und beide Kammern des Kongresses sind, auch und vor allem dank Wahlsiegen progressiver Demokrat*innen in demokratischer Hand. Breite, solidarische B\u00fcndnisse von unten sind m\u00f6glich und wirksam. Vielleicht auch deswegen, weil eine ihrer Galionsfiguren, Alexandria Ocasio-Cortez, ihre \u201eBeliebtheit\u201c, nicht aus einem von PR-Spezialisten produzierten Personenkult bezieht, sondern der Tatsache, dass sie, eine ehemalige Kellnerin aus der Bronx, im besten Sinne \u201eTochter ihrer Klasse\u201c ist.<\/p>\n<p>Auch die migrationspolitischen Punkte scheinen mehr Nebelkerze als ernstgemeintes Argument. Die plumpe Identifikation: Neoliberalismus = Grenz\u00f6ffnung, provoziert die Frage warum dann Thatcher und Reagan eigentlich nicht den Nationalstaat abgeschafft haben? Historisch entspricht dem Kapitalismus auch und gerade in seiner neoliberalen Form n\u00e4mlich weder kategorische \u00d6ffnung noch Schliessung der Grenzen, sondern eher das was Michel Foucault eine Gouvernementalisierung der Migration nennen w\u00fcrde: Erratische und willk\u00fcrlich-rassistische Regulationsmechanismen wurden schrittweise durch ein sich an den Verwertungsimperativen des Kapitals ausrichtendes flexibles \u201eManagement\u201c ersetzt. Kategorisches Grenz\u00f6ffnen ist nicht, war noch nie und wird niemals im Interesse des Staats als ideellen Gesamtkapitalisten sein, bestenfalls zeitweise im Interesse sehr spezifischer Kapitalfraktionen.<\/p>\n<p>Worauf Wagenknecht hier sehr viel eher abzuzielen scheint, ist, bei Wahrung des b\u00fcrgerlichen Tonfalls, unter der Hand die Anschlussf\u00e4higkeit an Verschw\u00f6rungsideologien a la \u201eGrosser Austausch\u201c zu sondieren. Zusammen mit den kategorischen verbalen Angriffen auf Gefl\u00fcchteteninitiativen wird so die Scheinalternative zwischen realpolitisch-vern\u00fcnftiger Migrationspolitik einerseits, und den Wolkenkuckucksheimen der linksliberalen Gutmenschen andererseits konstruiert. Gerade so als ginge es bei Moria und dem Massengrab Mittelmeer um irgendwelche Utopien universeller Bewegungsfreiheit, statt um das nackte zivilisatorische Minimum. Wagenknecht schafft es hierbei rhetorisch geschickt, tats\u00e4chliche Baustellen linker Migrationspolitik, mit Fragen akuter Nothilfe zu vermengen, was es ihr erlaubt das undifferenzierte Gesamturteil \u201eGrenzen dicht!\u201c zu treffen. Denn weder die Notwendigkeit gezielterer Hilfe vor Ort, noch eine andere Entwicklungshilfepolitik, noch die Beendigung des gezielte Abwerbens von Fachkr\u00e4ften aus Osteuropa, k\u00f6nnten kurzfristig etwas an der unmittelbaren Notwendigkeit sicherer Fluchtwege \u00e4ndern. Bezeichnenderweise wird das Grenzregime der EU (alles andere als ein Shangri-La der Bewegungsfreiheit) oder die schmutzigen Deals mit Erdogan und den libyschen Banden mit keiner Silbe erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Eines ist richtig: Gefl\u00fcchteten die Grenzen zu \u00f6ffnen ist kein emanzipatorisches Ziel an sich, sondern prek\u00e4rer Notbehelf in einer Weltgesellschaft die Gefl\u00fcchtete hervorbringt. Brain-Drain ist ein reales Problem (gerade emanzipatorische Projekte wie Rojava k\u00f6nnen ein Lied davon singen) und das aggressive Abwerben von Fachkr\u00e4ften in Osteuropa, ein tats\u00e4chlich stiefm\u00fctterlich behandeltes Thema in der Linken. Daran muss auch so mancher erinnert werden, der zur Romantisierung von Migration neigt \u2013 wobei die grosse Mehrheit derjenigen die tats\u00e4chlich on the ground in diese K\u00e4mpfe involviert sind, diese Neigungen sicher deutlich weniger entwickeln.<\/p>\n<p>So verh\u00e4lt es sich mit dieser Kritik, wie mit nahezu allen anderen Kritikpunkten an der eigenen politischen Bewegung. Das viele Richtige das manche der Wagenknechtschen Kritiken enthalten, schl\u00e4gt schon durch die Form in der es vorgetragen wird, ins Falsche um. Die Kritik folgt stets dem gleichen Muster: Ein ums andere Mal, wird ein Widerspruch durchaus analytisch pr\u00e4zise identifiziert, nur um diesen dann auf platteste Art und Weise zu einer Seite hin aufzul\u00f6sen. Feministische, postkoloniale oder rassismuskritische Diskurse k\u00f6nnen dazu beitragen, Klassenunterschiede zu verwischen und der herrschenden Klasse einen regenbogenfarbenen Anstrich zu verpassen? Ok, dann weg damit. Dieses Muster wird Kapitel f\u00fcr Kapitel, Bewegung f\u00fcr Bewegung stur durchdekliniert, bis man beim kleinsten gemeinsamen Nenner gelandet ist: Der kleine deutsche Mann, dessen Befindlichkeiten \u00e4hnlich absolut gesetzt werden, wie in anderen Kreisen das Sakrileg als Weisse*r Dreadlocks zu tragen.<\/p>\n<p>Es liegt in der Natur der Sache, dass jede der kritisierten Bewegungen ihre blinden Punkte hat: Migrantische K\u00e4mpfe sind nicht notwendigerweise Arbeitsk\u00e4mpfe, Anerkennungs- nicht notwendigerweise Umverteilungsforderungen. Schlechtesten falls kann eines gegen das andere ausgespielt werden. Und Wagenknecht macht genau das. Solidarische Kritik w\u00fcrde darauf reagieren, indem sie versucht die Widerspr\u00fcche zwischen diesen zu vermitteln, statt im Schielen auf Wahlergebnisse forcierte Entsolidarisierung zu betreiben. Genau hier befindet sich die Achillessehne der Argumentation Wagenknechts. Die alles verbindende Grundthese, n\u00e4mlich dass diese K\u00e4mpfe nicht widerspr\u00fcchliche Bez\u00fcge aufeinander aufweisen, sondern schlechterdings unvereinbar w\u00e4ren, verstellt den Blick f\u00fcr progressive Potenziale. Ein Beispiel hierf\u00fcr w\u00e4re das Thema politischer Islam. Antwort hierauf m\u00fcsste die St\u00e4rkung von Strukturen progressiver migrantischer Selbstorganisation sein, die in Form vor allem der t\u00fcrkischen Linken und der kurdischen Bewegung eine lange Tradition in Deutschland haben und an vielen Orten buchst\u00e4blich die einzigen lebensweltlich fest verankerten Gegenkulturen zum islamistischen Milieu in migrantischen Gesellschaften darstellen. Nicht nur werden diese Strukturen nicht unterst\u00fctzt, sie werden aktiv kriminalisiert. F\u00fcr diese Potenziale muss allerdings blind bleiben, wer die Problematik ausschliesslich in Kategorien von deutscher Mehrheitsgesellschaft und muslimischer Minderheit betrachtet.<\/p>\n<p>Hier schliesst sich der Kreis am Ausgangspunkt des basalen Politikverst\u00e4ndnisses. Denn die Vermittlungen dieser Widerspr\u00fcche sind kein frommer Wunsch. Faktisch werden sie jeden Tag vollzogen, auf der Strasse, in den Betrieben, an den Universit\u00e4ten. Und zwar von denjenigen die tats\u00e4chlich an der Basis in diese K\u00e4mpfen involviert sind, anstatt durch Talkshows zu tingeln. Ob Verdi und Fridays for Future gemeinsame Streikaktionen organisieren, linke Thinktanks sich Konzepte f\u00fcr eine sozial-\u00f6kologische Wende \u00fcberlegen, Black Lives Matter und Gewerkschaften die potenziale anti-rassistischer Sozialpolitik ausloten, oder sich im Zuge des Terroranschlags von Hanau \u00fcberall in Deutschland Migrantifa-Strukturen bilden, die zu bemerkenswerten Sammlungsbewegungen f\u00fcr eine neue Generation t\u00fcrkischer, kurdischer, arabischer und j\u00fcdischer Genoss*innen wurden.<\/p>\n<p>Die neoliberale Gesellschaft parzelliert, vereinzelt, vereinsamt die politischen Subjekte. Und ja, auch manch popul\u00e4re Schwundform Foucaultscher Theoreme mag daran ihren Anteil haben. Wagenknecht stellt allerdings diesen \u201eIdentit\u00e4tspolitiken\u201c, lediglich ihre eigene an die Seite. Die Bedeutung von Solidarit\u00e4t w\u00e4re es, diese zu \u00fcberwinden. Diese kann nur von unten geschaffen werden. Demokratie braucht in der Tat einen Demos, ein \u201eWir\u201c, wie es sich im \u201eWe, the people\u201c der amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung artikuliert. Nicht zuf\u00e4llig beginnt wohl auch der Gesellschaftsvertrag von Rojava, ebenso wie die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung Vietnams mit diesen Worten. Von oben zusammengehalten werden aber kann dieser Demos nur durch Manipulation und Appell ans Ressentiment. Von unten entsteht er in den emanzipatorischen Bez\u00fcgen der Bewegungen und politische Subjekte aufeinander, die niemals konfliktfrei sein k\u00f6nnen, eben weil ihre Beziehungen aus den K\u00e4mpfen selbst erwachsen. Eine solche, nennen wir sie \u2013 auch der augenzwinkernden Provokation halber \u2013 in Anlehnung an Derrida, \u201ekommende\u201c Gemeinschaft, entsteht nicht in Anrufung essentialistischer Identit\u00e4ten, sondern in den politischen Handlungen, buchst\u00e4blich in den K\u00e4mpfen selbst. Ihr Inhalt ist nicht passive Identifikation mit dem Gegebenen und als gemeinsam Vorgestellten, sondern Wette auf die Zukunft im Medium des politischen Kampfes. So k\u00f6nnte Gerhard, der bei Opel am Band steht und die genderqueere TransaktivistX vielleicht feststellen, dass ihre jeweiligen Forderungen und Bed\u00fcrfnisse nur sehr, sehr wenig mit der Lebenswelt des jeweils anderen zu tun haben, aber, dass sie das auch nicht m\u00fcssen. Es gen\u00fcgt das Versprechen f\u00fcr den jeweils anderen zu k\u00e4mpfen, wenn er f\u00fcr einen selbst k\u00e4mpft. Diese Gemeinschaft ist nicht im pr\u00e4sentischen Sinne einfach vorhanden, sie wird aber pr\u00e4figuriert in den sie begr\u00fcndenden K\u00e4mpfen. Sie wird autonom geschaffen, nicht heteronom verordnet. Darin best\u00fcnde im emanzipatorisch-politischen Sinne der eigentliche Gehalt der ber\u00fchmten Worte eines grossen Philosophen, \u00fcber den Wagenknecht vor sehr langer Zeit einmal ihre Magisterarbeit schrieb und an den man sie vielleicht erinnern sollte: \u201eSie anerkennen sich als gegenseitig sich anerkennend.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2021\/06\/11\/wagenknecht-wer-im-stich-laesst-seinesgleichen\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Juni 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Adrian Paukstat. Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch beschrieb vor gut zwanzig Jahren die politischen Gesellschaften Mitteleuropas und Nordamerikas als \u201ePostdemokratien\u201c. 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