{"id":9786,"date":"2021-06-14T15:41:28","date_gmt":"2021-06-14T13:41:28","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9786"},"modified":"2021-06-14T15:41:30","modified_gmt":"2021-06-14T13:41:30","slug":"hueterinnen-des-widerstands-mamas-der-ersten-reihe-in-kolumbien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9786","title":{"rendered":"H\u00fcterinnen des Widerstands: &#8222;Mamas der Ersten Reihe&#8220; in Kolumbien"},"content":{"rendered":"<p><em>Gerardo Szalkowicz. <\/em>Bis vor wenigen Wochen waren sie die typischen Allrounderinnen, die den Tag damit verbrachten, h\u00e4usliche Pflichten zu erledigen, zwischen prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen zu pendeln, ihre Kinder alleine aufzuziehen, jonglierend den Kraftakt zu stemmen, keinen Hunger zu leiden. Anonyme Frauen. M\u00fctter, Jugendliche, Haushaltsvorsteherinnen, Arme. K\u00e4mpferische Mamas. Hunderte<!--more--> wie sie, die in den dicht besiedelten Vierteln im S\u00fcdwesten Bogot\u00e1s leben, Tausende, die auf kolumbianischem Boden leben, Millionen, die Lateinamerika bev\u00f6lkern. Doch der soziale Aufstand hat sie auf die Stra\u00dfen gebracht und sie \u00fcbertragen jene umfangreiche Erfahrung in der (unbezahlten) Sorgearbeit nach au\u00dfen, verwandelten sie in kollektive Identit\u00e4t: Heute sind sie die &#8222;Mamas der Ersten Reihe&#8220; (Mam\u00e1s de la Primera L\u00ednea).<\/p>\n<p>Johanna ist 36 Jahre alt, hat eine zw\u00f6lfj\u00e4hrige Tochter und einen vierj\u00e4hrigen Sohn. Im Telefoninterview erz\u00e4hlt sie uns die Entstehungsgeschichte der Gruppe: &#8222;Wir sind ganz gew\u00f6hnliche Frauen, wir alle sind Oberh\u00e4upter der Familie und haben uns bei den Mobilisierungen kennengelernt. Da wir Frauen den Angriffen der Polizei, den Vergewaltigungen, besonders stark ausgesetzt sind, fingen wir an, als Gruppe unterwegs zu sein, uns umeinander zu k\u00fcmmern, aufeinander aufzupassen und andere junge Frauen auf ihrem Heimweg zu begleiten. Eines Tages schlug ich den anderen vor, ein paar Pappschilder anzufertigen, die eben sagen, dass wir Mamas sind, als etwas Symbolisches, und so entstand die Idee, eine Gruppe zu gr\u00fcnden. Wir sind sorgende M\u00fctter, Schwestern, Nachbarinnen, wie sind keine Vandalinnen, wir sind M\u00fctter, die auf die Stra\u00dfe gehen, um das Leben zu verteidigen und die jungen Leute zu verteidigen, die friedlich demonstrieren und Widerstand leisten.&#8220;<\/p>\n<p>Im dicht besiedelten Stadtbezirk Kennedy liegt die Station Portal de Las Americ\u00e1s, eine der Endstationen des TransMilenio, des \u00f6ffentlichen Nahverkehrssystems in Bogot\u00e1. Der riesige Platz wurde zu einem der Epizentren der Proteste, die am 28. April begannen, zuerst gegen die Steuerreform und danach gegen das gesamte Regierungssystem Uribe. Und so wie der Plaza Baquedano w\u00e4hrend des chilenischen Aufstands zum Platz der W\u00fcrde umbenannt wurde, spiegeln die Plakate heute den Puls des Aufbegehrens wieder und zeigen den neuen Stationsnamen: Portal des Widerstands.<\/p>\n<p>Dort war es, wo sich sich kennenlernten und entschieden, unter Einsatz ihrer K\u00f6rper an vorderster Front zu k\u00e4mpfen. Hierf\u00fcr ben\u00f6tigten sie ein zentrales Element, den Schild, der dabei hilft, dem Beschuss durch die Polizei gegenzuhalten und den \u00fcbrigen Demonstrierenden die M\u00f6glichkeit zum R\u00fcckzug zu geben. Sie suchten in den M\u00fcllcontainern, fanden aber nichts Brauchbares, sodass sie mit dem wenigen Geld, dass sie sammeln konnten, einige Schilde aus Pressspan anfertigten, die sie mit schwarzer Farbe und der Aufschrift &#8222;Mam\u00e1s 1 L\u00ednea&#8220; (Mamas der Ersten Reihe) bemalten. So verewigten sie dieses Symbol der Verteidigung und der Identifikation, das in den sozialen Netzwerken viral ging. Der &#8222;Look&#8220; wird vervollst\u00e4ndigt durch die T\u00fccher, mit denen sie ihre Gesichter verdecken (wegen Covid, wegen des Tr\u00e4nengases und insbesondere aus Sicherheitsgr\u00fcnden), Schirmm\u00fctzen und ein paar Schutzbrillen, die ihnen einige Studierende geschenkt haben.<\/p>\n<p>Sie sind gerade einmal ein Dutzend von den Hunderten Personen, die t\u00e4glich am Portal de las Am\u00e9ricas zusammenkommen, um die Flamme der Rebellion am Leben zu halten, die weiterhin im ganzen Land entz\u00fcndet bleibt, auch wenn die internationale Presse sie ignoriert. Die Alltagsdynamik besteht aus friedlichen Protesten und kulturellen Aktivit\u00e4ten und nachts aus dem mittlerweile schon klassischen Angriff der Spezialeinheit zur Aufstandsbek\u00e4mpfung (Esmad), die bereits mehr als 40 ermordete Demonstrierende in weniger als einem Monat zur\u00fcckgelassen hat. Die &#8222;Mamas der Ersten Reihe&#8220; haben die Repression in Form von Tr\u00e4nengas und Blendgranaten ebenfalls erlebt, die Eli\u00e9cer Camacho, der Polizeichef von Bogot\u00e1, rechtfertigt: &#8222;Skrupellose Leute benutzen Frauen, die keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet der Konfrontation haben und Elemente als Schilde nutzen, um sich unserer Esmad entgegenzustellen. Das ist unverantwortlich.&#8220;<\/p>\n<p>Johanna m\u00f6chte nur mit ihrem Vornamen genannt werden, aus Sicherheitsgr\u00fcnden zieht sie es vor, ihren Nachnamen nicht anzugeben. &#8222;Einige der mamitas werden bereits bedroht und nat\u00fcrlich ist diese Angst da&#8220;, erkl\u00e4rt sie und w\u00e4hrend ihrer Schilderungen bricht ihre Stimme. &#8222;Die gr\u00f6\u00dfte Angst, die wir haben, ist die, wenn wir unseren Kindern Tag f\u00fcr Tag einen Kuss und eine Umarmung geben und wissen, dies k\u00f6nnte die letzte Umarmung sein. Das ist sehr hart, es ist der h\u00e4rteste Teil, h\u00e4rter, als dich vor einen Wasserwerfer zu stellen, der dich mit Wasserst\u00f6\u00dfen und Tr\u00e4nengas beschie\u00dft.&#8220; Es ist bekannt, dass es jemanden teuer zu stehen kommen kann, in Kolumbien die Stimme zu erheben: Allein in diesem Jahr wurden 65 soziale F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten ermordet. &#8222;In unseren Land sollen alle, die rebellieren oder protestieren, zum Schweigen gebracht werden. Die Angst ist also da, aber wir werden weiterhin Widerstand leisten, denn der Wunsch nach einem anderen Kolumbien, einem gerechten Kolumbien, in dem wir das Recht auf ein w\u00fcrdiges Leben haben, ist st\u00e4rker&#8220;, versichert sie.<\/p>\n<p>Die Untersch\u00e4tzung und D\u00e4monisierung seitens der Regierung wird durch ihre umfangreiche mediale Nachhut flankiert. Die regierungstreue Zeitschrift Semana ging so weit, zu titeln: &#8222;M\u00fctter der ersten Reihe \u2013 Die neue Erfindung der Vandalen, um sich gegen die Esmad zu verteidigen&#8220;. In dem Artikel spricht die Journalistin Mar\u00eda Isabel Rueda vom &#8222;kriminellen Einsatz der Mamas&#8220; und vergleicht sie mit Kindern, die von bewaffneten Gruppen zwangsrekrutiert werden. Johanna stellt das Offensichtliche klar: &#8222;Sie benutzten uns nicht als Schutzschild, in keinem Moment stiften sie uns zu irgendetwas an, das war einzig und allein unsere Initiative.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Ungleichheit und patriarchale Gewalt<\/strong><\/p>\n<p>Die Kombination aus Neoliberalismus und Pandemie richtet in Kolumbien Verw\u00fcstungen an. Der Nationalen Verwaltungsabteilung f\u00fcr Statistik zufolge sind im vergangenen Jahr 3,5 Millionen Menschen in die Armut gefallen, die auf 42,5 Prozent anstieg; die Arbeitslosigkeit erh\u00f6hte sich um f\u00fcnf Prozent auf 16,8 Prozent. Die offiziellen Zahlen belegen, dass Frauen am meisten betroffen sind: Im ersten Quartal 2021 erreichte die Frauenarbeitslosigkeit 20,7 Prozent, fast zehn Prozent mehr als die der M\u00e4nner.<\/p>\n<p>&#8222;Hier hat uns alles schwer getroffen, die Pandemie, die Krise und auch die Polizei&#8220;, fasst Johanna diese mehrfache Unterdr\u00fcckung zusammen. Die Ombudsstelle (Defensor\u00eda del Pueblo) hat w\u00e4hrend des landesweiten Streiks bereits 87 Anzeigen geschlechtsbezogener Gewalt erhalten, darunter 16 F\u00e4lle von sexueller Gewalt. Der ersch\u00fctterndste ist der einer 17-J\u00e4hrigen aus Popay\u00e1n, die sich das Leben nahm, nachdem sie von vier Polizisten sexuell missbraucht worden war.<\/p>\n<p>Die &#8222;Mamas der Ersten Linie&#8220; agieren als Verteidigung und helfen dabei, die Farce zu entlarven, dass diejenigen an der Spitze der Proteste &#8222;Vandalen&#8220; seien. Doch sie wirken auch bei der Logistik mit, bringen Wasser oder Sandwiches und greifen ein, wenn irgendein junger Mensch auszurasten droht; sie wissen, dass jede Aggression gegen die Polizei als Rechtfertigung f\u00fcr noch mehr Repression genutzt wird.<\/p>\n<p>Die Beweggr\u00fcnde daf\u00fcr, auf der Stra\u00dfe zu bleiben, sind so umfangreich wie die Wut, die sich in all den Jahren dieses kriegerischen Neoliberalismus angesammelt hat. Johanna fasst die Motivation ihres Bataillons zusammen: &#8222;Wir schlie\u00dfen uns den Protesten an, weil wir genug haben von so viel staatlicher Repression, genug davon, dass sie unsere jungen Leute t\u00f6ten. Wir gehen f\u00fcr das Recht auf Gesundheit, auf Bildung, auf Arbeit auf die Stra\u00dfe. Wir werden immer \u00e4rmer und das Einzige, was die Regierung macht, ist das Volk anzugreifen, um die Interessen einiger Superreichen zu verteidigen. Wir gehen hinaus, damit all die Gewalt aufh\u00f6rt, damit unsere Kinder eines Tages ein Land haben werden, in dem Frieden herrscht. Wir gehen hinaus, um zu sagen, &#8218;Schluss damit&#8216;. Wir gehen also raus auf die Stra\u00dfen f\u00fcr das Recht auf Leben.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Genealogie der k\u00e4mpfenden M\u00fctter<\/strong><\/p>\n<p>In der Weltgeschichte von Diktaturen und \u00fcbler Regierungssysteme gibt es viele Erfahrungen von organisierten M\u00fcttern, H\u00fcterinnen der Erinnerung und Beispiele universalen Mutes. Von den ikonischen M\u00fcttern der Plaza de Mayo in Argentinien \u00fcber die Comadres von El Salvador bis zu den Samstagsm\u00fcttern von Kurdistan. Geschichten von Heldinnen, die aus dem Schrecken und Schmerz ihrer verschwundenen T\u00f6chter und S\u00f6hne geboren wurden.<\/p>\n<p>In Kolumbien existierte (und existiert) der staatliche und parastaatliche Terrorismus ohne die Notwendigkeit einer Milit\u00e4rregierung. Die Generalstaatsanwaltschaft hat 84.330 verschwundene Erwachsene und 9.964 verschwundene Kinder registriert, mehr als die Summe aus allen Diktaturen S\u00fcdamerikas. Daher gr\u00fcndeten sich 1999 die M\u00fctter von Candelaria. Und einige Jahre sp\u00e4ter die M\u00fctter von Soacha und die M\u00fctter der &#8222;Falsos Positivos&#8220;, jene jungen Menschen, die unter der Regierung von \u00c1lvaro Uribe durch das Milit\u00e4r ermordet und als im Kampf get\u00f6tete Guerilleros pr\u00e4sentiert wurden.<\/p>\n<p>&#8222;Wir beziehen uns auf den Schmerz aller M\u00fctter Kolumbiens und der Welt, die hinausgingen, um zu k\u00e4mpfen, weil sie ihnen ihre Kinder entrissen haben. Und hier sagen wir: Wie haben unsere Kinder nicht f\u00fcr den Krieg geboren. Wir gehen hinaus, um zu demonstrieren, weil wir keine S\u00f6hne und T\u00f6chter auf die Welt gebracht haben, damit der Staat sie ermordet&#8220;, erl\u00e4utert Johanna und schl\u00e4gt damit eine historische Br\u00fccke zwischen den Frauen, die in den \u00f6ffentlichen Raum vordringen, damit die Welt ein wenig menschlicher wird.<\/p>\n<p><em>Gerardo Szalkowicz aus Argentinien ist Journalist und Redakteur unseres Partnerportals Nodal (Nachrichten aus Lateinamerika und der Karibik)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/251196\/kolumbien-die-mamas-der-ersten-reihe\"><em>amerika21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Juni 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerardo Szalkowicz. 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