{"id":981,"date":"2016-02-12T16:07:58","date_gmt":"2016-02-12T14:07:58","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=981"},"modified":"2018-09-05T16:16:07","modified_gmt":"2018-09-05T14:16:07","slug":"zu-trotzkis-konzept-der-permanenten-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=981","title":{"rendered":"Zu Trotzkis Konzept der \u00abpermanenten Revolution\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><em>Michael L\u00f6wy. <\/em>Die Theorie der permanenten Revolution, wie sie zum ersten Mal in seinem Essay Ergebnisse und Perspektiven<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> von 1906 skizziert ist, war einer der erstaunlichsten Durchbr\u00fcche des Marxismus zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.<!--more--> Indem er die Auffassung von getrennten historischen Stadien in der zuk\u00fcnftigen\u00a0 russischen Revolution verwarf \u2013 deren erste die \u00abb\u00fcrgerliche Demokratie\u00bb sei \u2013 , und die M\u00f6glichkeit einer Umwandlung einer demokratischen in eine proletarische \/ sozialistische Revolution als einen permanenten, ununterbrochenen Prozess erwog, sah diese Theorie nicht nur die Strategie der Oktoberrevolution vorher, sondern lieferte auch entscheidende Einsichten in die anderen revolution\u00e4ren Prozesse, wie sie sich sp\u00e4ter in China, Indochina, Kuba und anderswo abspielten. Sicherlich hat auch diese Theorie ihre M\u00e4ngel und Probleme, aber sie war von unvergleichlich gr\u00f6sserer Bedeutung f\u00fcr die wirklichen revolution\u00e4ren Prozesse in der Peripherie des kapitalistischen Systems als alles andere, das vom \u00aborthodoxen Marxismus\u00bb seit dem Tode von Engels bis 1917 produziert wurde.<\/p>\n<p>In der Tat taucht die Vorstellung der permanenten Revolution bereits bei Marx und Engels auf, insbesondere in ihrer Ansprache der Zentralbeh\u00f6rde an den Bund vom M\u00e4rz 1850, als sich die Deutsche Revolution von 1848 bis 1850 \u2013 in einem absolutistischen und r\u00fcckst\u00e4ndigen Lande \u2013 sich weiterhin zu entfalten schien. Gegen die unheilige Allianz aus liberaler Bourgeoisie und Absolutismus traten sie f\u00fcr ein gemeinsames Vorgehen der Arbeiterinnen und Arbeiter mit den kleinb\u00fcrgerlichen demokratischen Parteien ein.<\/p>\n<p>Aber sie bestanden auf der Notwendigkeit einer unabh\u00e4ngigen proletarischen Perspektive: \u00abW\u00e4hrend die demokratischen Kleinb\u00fcrger die Revolution m\u00f6glichst rasch \u2026. zum Abschlusse bringen wollen, ist es unser Interesse und unsere Aufgabe, die Revolution permanent zu machen, so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdr\u00e4ngt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden L\u00e4ndern der ganzen Welt so weit vorgeschritten ist, da\u00df die Konkurrenz der Proletarier in diesen L\u00e4ndern aufgeh\u00f6rt hat und da\u00df wenigstens die entscheidenden produktiven Kr\u00e4fte in den H\u00e4nden der Arbeiterklasse konzentriert sind.\u00bb<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/p>\n<p>Diese bemerkenswerte Stelle verweist auf drei grundlegende Themen, die Trotzki sp\u00e4ter in Ergebnisse und Perspektiven entwickeln wird: 1) Die ununterbrochene Entwicklung des revolution\u00e4ren Prozesses in einem halb-feudalen Land, die zu einer Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse f\u00fchrt; 2) die Notwendigkeit zur Ergreifung von anti-kapitalistischen und sozialistischen Massnahmen durch das Proletariat, sobald dieses an die Macht gelangt ist; 3) der internationalistische Charakter des revolution\u00e4ren Prozesses und der neuen sozialistischen Gesellschaft, die sich von Klassenherrschaft und dem Privateigentum befreit hat.<\/p>\n<p>Die Idee einer sozialistischen Revolution in der r\u00fcckst\u00e4ndigen kapitalistischen Peripherie scheint auch in den Schriften des sp\u00e4ten Marx \u00fcber Russland, wenn auch nicht unter dem Begriff permanente Revolution, durch: der Bief an Vera Sassulitsch von 1881 und, gemeinsam mit Engels, das Vorwort zur russischen \u00dcbersetzung des Kommunistischen Manifestes von 1882. So heist es dort: \u00ab Wenn die russische Revolution das Signal zu der Revolution im Westen ert\u00f6nen l\u00e4sst, so dass jede die andere erg\u00e4nzt, dann mag die vorherrschende Form des Gemeineigentums am Boden in Russland den Ausgangspunkt f\u00fcr eine kommunistische Entwicklung abgeben\u00bb.<\/p>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung scheint im russischen Marxismus, mit Ausnahme Trotzkis, in den Jahren ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bis 1917 vergessen worden zu sein. Wenn wir die Halb-Marxisten im populistischen Lager wie beispielsweise Nicolaian, oder die legalen Marxisten wie etwa Piotr Struve, beiseitelassen, so k\u00f6nnen wir vier klar unterscheidbare Positionen innerhalb der russischen Sozialdemokratie erkennen:<\/p>\n<p>1) Die Position der Menschewiki, die die k\u00fcnftige russische Revolution ihrer Natur nach als b\u00fcrgerliche auffassten. Von daher betrachteten sie ein B\u00fcndnis des Proletariates mit der liberalen Bourgeoisie als die treibende Kraft dahinter. Plechanow und seine Freunde dachten, dass Russland ein r\u00fcckst\u00e4ndiges, \u00abasiatisches\u00bb und barbarisches Land sei, das durch eine lange Phase von Industrialisierung und Europ\u00e4isiserung laufen m\u00fcsse, bevor das Proletariat nach der Macht streben k\u00f6nne. Erst nachdem Russland die Produktivkr\u00e4fte hervorgebracht habe und in die geschichtliche Phase des entwickelten Kapitalismus und der parlamentarischen Demokratie eingetreten sei, seien die erforderlichen materiellen und politischen Voraussetzungen f\u00fcr eine sozialistische Umgestaltung geschaffen.<\/p>\n<p>2) Die bolschewistische Auffassung anerkannte ebenfalls den unvermeidlich b\u00fcrgerlich-demokratischen Charakter der Revolution, aber sie schloss die Bourgeoisie aus dem revolution\u00e4ren Block aus. Lenin zufolge waren lediglich das Proletariat und die Bauernschaft wirklich revolution\u00e4re Kr\u00e4fte, die mit ihrem B\u00fcndnis zu einer gemeinsamen revolution\u00e4r-demokratische Diktatur gezwungen waren. Lenin \u00e4nderte, wie wir wissen, nach den Aprilthesen von 1917 seine Strategie grundlegend.<\/p>\n<p>3) Parvus und Rosa Luxemburg bestanden auf der hegemonialen Rolle des Proletariates, das durch die Bauernschaft unterst\u00fctzt wurde, anerkannten aber letztendlich den b\u00fcrgerlichen Charakter der Revolution. Die Zerschlagung des Zarismus k\u00f6nne ohne die Errrichtung der Arbeitermacht, angef\u00fchrt von der Sozialdemokratie, nicht gelingen. Eine solche Arbeiterregierung k\u00f6nne in ihren programmatischen Zielen noch nicht \u00fcber die festen Schranken der b\u00fcrgerlichen Demokratie hinausgehen.<\/p>\n<p>4) Schlussendlich das Konzept der permanenten Revolution von Trotzki, das nicht nur die hegemoniale Rolle des Proletariates und die Notwendigeit der Machtergreifung beinhaltete, sondern auch die M\u00f6glichkeit einer Weiterentwicklung der demokratischen in eine sozialistische Revolution ins Auge fasste.<\/p>\n<p>Eigenartigerweise erw\u00e4hnt Trotzki in Ergebnisse und Perspektiven keinen der oben erw\u00e4hnten Texte von Marx und Engels. Wahrscheinlich wusste er nichts von der Ansprache von 1850: die Neu-Herausgabe von 1885 in Z\u00fcrich, auf Deutsch, war in Russland kaum bekannt. Seine unmittelbare Quelle f\u00fcr den Begriff \u00abpermanente Revolution\u00bb von 1905 scheint ein Aufsatz von Franz Mehring \u00fcber die Ereignisse in Russland gewesen zu sein, \u00abDie Revolution in Permanenz\u00bb, der in die Neue Zeit publiziert wurde, dem theoretischen Organ der Deutschen Sozialdemokratie. Mehrings Aufsatz wurde sogleich in Trotzkis Zeitung Natschalo, die in Petersburg erschien, \u00fcbersetzt und abgedruckt. In der selben Ausgabe erschien auch Lew Davidowitschs erster Aufsatz, in dem er den Begriff \u00abpermanente Revolution\u00bb verwendete: \u00abZwischen dem unmittelbaren Ziel und dem Endziel sollte es eine permanente revolution\u00e4re Kette geben\u00bb.<\/p>\n<p>Eine aufmerksame Lekt\u00fcre von Mehrings Text jedoch zeigt, dass der deutsche Marxist zwar die Worte gebrauchte, aber kein wirklicher Verfechter der permanenten Revolution war, wie dies f\u00fcr Trotzki in den Jahren 1905 bis 1906 zutraf. Der eigentliche Kern der Theorie, die Auffassung des ununterbrochenen \u00dcbergangs der demokratischen in die sozialistische Revolution, wurde von Mehring zur\u00fcckgewiesen. Martow, der grosse F\u00fchrer der Menschewiki, hat dies gut verstanden. In einem viele Jahre sp\u00e4ter verfassten Werk erinnert er sich an Trotzkis Aufsatz als an \u00abeine st\u00f6rende Abweichung von den theoretischen Grundlagen des Programmes der russischen Sozialdemokratie\u00bb. Er unterschied dabei klar zwischen der Position von Mehring, die seiner Auffassung nach vertretbar war, und derjenigen von Trotzki, die er als \u00abutopisch\u00bb verwarf, da sie jenseits der \u00abhistorischen Aufgaben lag, die sich aus dem aktuellen Stand der Produktivkr\u00e4fte\u00bb ergeben w\u00fcrden.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a><\/p>\n<p>Die in verschiedenen Texten von Trotzki 1905 vorgebrachten Ideen \u2013 insbesondere in seinem Vorwort f\u00fcr die russische \u00dcbersetzung von Marx\u2019 Schriften zur Pariser Kommune \u2013 wurden daraufhin in systematischerer und koh\u00e4renterer Form 1906 in Ergebnisse und Perspektiven entwickelt. Dieser k\u00fchne Text blieb f\u00fcr lange Zeit ein vergessenes Buch. Allem Anschein nach hat es Lenin nicht gelesen \u2013 zumindest nicht vor 1917. Sein Einfluss auf den zeitgen\u00f6ssichen russischen Marxismus war bestenfalls schwach. Wie alle Vorl\u00e4ufer war Trotzki seiner Zeit voraus, und seine Ideen waren zu neu und zu heterodox, um von den Genossinnen und Genossen seiner Partei aufgenommen oder gar studiert zu werden.<\/p>\n<p>Wie war es Trotzki m\u00f6glich, den gordischen Knoten des Marxismus der Zweiten Internationale zu durchschneiden \u2013 die \u00f6konomistische Definition des Charakters einer zuk\u00fcnftigen Revolution aufgrund der \u00abEntwicklungsstufe der Produktivkr\u00e4fte\u00bb &#8211; und die revolution\u00e4ren M\u00f6glichkeiten zu erfassen, die \u00fcber die dogmatische Konstruktion einer b\u00fcrgerlich-demokratischen russischen Revolution hinausgingen, der unhinterfragten Problematik aller anderen marxistischen Richtungen?<\/p>\n<p>Es scheint eine enge Verbindung zwischen der dialektischen Methode und der revolution\u00e4ren Theorie zu existieren: Es ist kein Zufall, dass der H\u00f6hepunkt revolution\u00e4ren Denkens im XX. Jahrhundert, die Periode zwischen 1905 und 1925, auch die Periode darstellt mit den interessantesten Versuchen, die hegel-marxistische Dialektik als Instrument der Erkenntnis und der Aktion einzusetzen. Ich m\u00f6chte versuchen, die Verbindung zwischen Dialektik und Revolution in Trotzkis fr\u00fchem Werk zu beleuchten.<\/p>\n<p>Ein sorgf\u00e4ltiges Studium der Wurzeln von Trotzkis politischer K\u00fchnheit und der ganzen Theorie der permanenten Revolution zeigt, dass seine Auffassungen durch ein spezifisches Verst\u00e4ndnis des Marxismus gepr\u00e4gt waren, einer Interpretation der materialistisch dialektischen Methode, im deutlichen Unterschied von der vorherrschenden Orthodoxie der Zweiten Internaitonale und vom russischen Marxismus.<\/p>\n<p>Der junge Trotzki hat Hegel nicht gelesen. Sein Verst\u00e4ndnis der marxistischen Theorie ist vielmehr seinen ersten Lekt\u00fcren von Werken des historischen Materialismus geschuldet, n\u00e4mlich denen von Antonio Labriola. In seiner Autobiographie erinnert er sich an die Freude, mit der er zuerst die Werke von Labriola im Jahre 1893 w\u00e4hrend seiner Gefangenschaft in Odessa gelesen hat. <a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a> Er wurde somit durch den vielleicht am wenigsten orthodoxen der wichtigen F\u00fchrer der Zweiten Internationale in den Marxismus eingeweiht.<\/p>\n<p>Labriola, in der Hegel-Schule herangebildet, k\u00e4mpfte ohne Unterlass gegen die neo-positivistischen und vulg\u00e4r-materialistischen Tendenzen, die den Marxismus durchwucherten (Turati!). Er geh\u00f6rte zu den ersten, die die \u00f6konomistischen Interpretationen des Marxismus zur\u00fcckwiesen, indem er versuchte, die dialektischen Konzepte von Totalit\u00e4t und Geschichtsprozess wiedereinzuf\u00fchren und umzusetzen. Laariola verteidigte den historischen Materialismus als ein in sich geschlossenes und unabh\u00e4ngiges theoretisches System, das nicht auf andere Str\u00f6mungen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden konnte. Er verwarf den scholastischen Dogmatismus und den Kult des Lehrbuchs und bestand auf einer kritischen Weiterentwicklung des Marxismus.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a><\/p>\n<p>Trotzkis Ausgangspunkt war deshalb dieses kritische, dialektische und anti-dogmatische Verst\u00e4ndnis, von dem Labriola inspiriert war. \u00abDer Marxismus\u00bb, schrieb er 1906, \u00abist vor allem eine Methode der Analyse \u2013 nicht der Analyse von Texten, sondern der Analyse von sozialen Beziehungen\u00bb. Wir wollen uns auf f\u00fcnf der wichtigsten und herausstechendsten Merkmale der Methode beschr\u00e4nken, die Trotzkis Theorie der permanenten Revolution ausmachen \u2013 ganz im Unterschied zu den anderen russischen Marxisten, von Plechanow zu Lenin und von den Menschewiki zu den Bolschewiki (bis 1917).<\/p>\n<ol>\n<li>Vom Standpunkt eines dialektischen Verst\u00e4ndnisses der Einheit von Gegens\u00e4tzen kritisierte Trotzki die starre Unterscheidung der Bolschewiki zwischen der sozialistischen Macht des Proletariats und der \u00abdemokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern\u00bb als einer \u00ablogischen, rein formalen Operation\u00bb. Diese abstrakte Logik wird noch sch\u00e4rfer angegriffen in seiner Polemik gegen Plechanow, dessen ganze Argumentation auf einen \u00ableeren Syllogismus\u00bb reduziert werden k\u00f6nne: Unsere Revolution ist b\u00fcrgerlich, wir sollten deshalb die Kadetten unterst\u00fctzen, die konstitutionelle b\u00fcrgerliche Partei. In einer erstaunlichen Textstelle aus einer Kritik gegen den Menschewik Tscherevanin verurteilt er dann den analytischen \u2013 d.h. abstrakt-formalen, vor-dialektischen Charakter der menschewistischen Politik: \u00abTscherevanin baut seine Taktik gleich auf wie Sinoza seine Ethik, d.h. geometrisch\u00bb.<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[vi]<\/a> Selbstverst\u00e4ndlich war Trotzki kein Philosoph schrieb kaum je einen spezifisch philosophischen Text; diese Tatsache aber macht seine klarsichtige Einsch\u00e4tzung der methodologischen Dimension dieser Kontroverse \u00fcber historische Stadien nur umso bemerkenswerter.<\/li>\n<li>Luk\u00e0cs bestand in Geschichte und Klassenbewusstsein (1923) darauf, dass die dialektische Kategorie der Totalit\u00e4t das Wesen der Methode von Marx ausmachte, ja, dass dies das eigentliche Prinzip der Revolution im Bereich der Erkenntnis ausmache.<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[vii]<\/a> Trotzkis Theorie, die zwanzig Jahre fr\u00fcher niedergeschrieben worden war, ist eine ausnehmend bedeutungsvolle Illustration der These von Luk\u00e1cs. In der Tat besteht eine der wesentlichen Quellen der \u00dcberlegenheit von Trotzkis revolution\u00e4rem Denken darin, dass er die Sichtweise der Totalit\u00e4t einnahm und den Kapitalismus und den Klassenkampf als weltweiten Prozess auffasste. Im Vorwort zur russischen Herausgabe von Lasalles Artikeln (1905) \u00fcber die 1848-er Revolution argumentiert er: \u00abIndem er alle L\u00e4nder mit seiner Produktionsweise und ihrem Handel zusammenbindet, hat der Kapitalismus die ganze Welt in einen einzigen \u00f6konomischen und politischen Organismus verwandelt (\u2026) Dies verleiht den aktuellen Ereignissen einen unmittelbar internationalen Charakter und er\u00f6ffnet einen weiten Horizont. Die durch die Arbeiterklasse angef\u00fchrte politische Befreiung Russlands (\u2026) wird sie zum Ausl\u00f6ser der Abschaffung des weltweiten Kapitalismus machen; die Geschichte hat dazu die objektiven Voraussetzungen geschaffen\u00bb.<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[viii]<\/a> Nur indem das Problem auf dieser Ebene formuliert wurde \u2013 als Reife des kapitalistischen Systems in seiner Totalit\u00e4t \u2013 war es m\u00f6glich, die traditionelle Perspektive der russischen Marxisten zu \u00fcberwinden, die die sozialistische-revolution\u00e4re Unreife Russlands ausschliesslich auf Grundlage eines national-\u00f6konomischen Determinismus definierten.<\/li>\n<li>Trotzki wies den undialektischen \u00d6konomismus ausdr\u00fccklich zur\u00fcck \u2013 die Tendenz, in einer unvermittelten und einseitigen Art und Weise alle sozialen, politischen und ideologischen Widerspr\u00fcche auf die \u00f6konomische Grundstruktur zu reduzieren, wie dies ein Kennzeichen von Plechanows vulg\u00e4r-materialistischer Auslegung des Marxismus war. Trotskis Bruch mit dem \u00d6konomismus war tats\u00e4chlich ein entscheidender Schritt in der Entwicklung der Theorie der permanenten Revolution. Ein zentraler Abschnitt in Ergebnisse und Perspektiven umreisst mit grosser Genauigkeit, um was es bei diesem Bruch politisch geht: \u00abAber Tag und Stunde, an denen die Macht an die Arbeiterklasse \u00fcbergeht, h\u00e4ngen nicht unmittelbar vom Stand der Produktivkr\u00e4fte ab, sondern von den Verh\u00e4ltnissen des Klassenkampfes, von der internationalen Lage und schliesslich von einer Reihe subjektiver Momente: Tradition, Initiative, Kampfbereitschaft\u2026 Die Vorstellung, dass die proletarische Diktatur irgendwie automatisch von den technischen Kr\u00e4ften und Mitteln eines Landes abhinge, ist das Voruteil eines bis ins Extrem vereinfachten \u00f6konomischen Materialismus. Mit Marxismus hat eine solche Auffassung nichts gemein\u00bb.<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[ix]<\/a><\/li>\n<li>Trotzkis Methode wies die undialektische Auffassung von Geschichte als einer vorbestimmten Entwicklung zur\u00fcck, wie sie f\u00fcr den Menschewismus typisch war. Er verf\u00fcgte \u00fcber ein reiches und dialektisches Verst\u00e4ndnis von geschichtlicher Entwicklung als einem Prozess voller Widerspr\u00fcche, in dem zu jedem Zeitpunkt Alternativen bestehen. Die Aufgabe des Marxismus, so schrieb er, lag gerade darin, \u00abdie M\u00f6glichkeiten der sich entwickelnden Revolution \u2026. zu erkennen\u00bb.<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[x]<\/a> In Ergebnisse und Perspektiven, wie auch in sp\u00e4teren Schrfften \u2013 beispielsweise in seiner Polemik gegen die Menschewiki \u00abDie Arbeiterklasse und die russische Revolution\u00bb (1908) analysiert er den Prozess der permanenten Revolution in Richtung auf eine sozialistische Umwandlung der Gesellschaft mithilfe des dialektischen Prinzips der objektiven M\u00f6glichkeit; das Resultat dieses Prozesses h\u00e4ngt dabei von zahllosen subjektiven Faktoren und unvorhersehbaren Ereignissen ab, und ist keinesfalls eine unausweichliche Notwendigkeit, deren Triumph (oder Scheitern) von vorneherein feststand. Es war diese Anerkennung der offenen Natur der sozialen Geschichte, die ab 1905 der revolution\u00e4ren Praxis ihren entscheidenden Platz in der Architektur der theoretisch-politischen Ideen Trotzkis verlieh.<\/li>\n<li>W\u00e4hrend die Populisten auf den Besonderheiten Russlands bestanden und die Menschewiki daran glaubten, dass ihr Land notwendigerweise \u00aballgemeinen Gesetzen\u00bb kapitalistischer Entwicklung folgen w\u00fcrde, brachte Trotzki eine dialektische Synthese zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen zustande, dem globalen Prozess kapitalistischer Entwicklung und den Besonderheiten der sozialen Formation Russlands. In einer bemerkenswerten Passage aus seiner Geschichte der russischen Revolution (1930) formuliert er diese Sichtweise, die bereits in seinen Schriften von 1906 implizit niederglegt war: \u00abIhrem Wesen nach waren die slawophile Auffassung mit all ihren reaktion\u00e4ren Phantasterein, und der Narodismus mit all seinen demokratischen Illusionen \u00fcberhaupt nicht nur blosse Spekulationen. Sie beruhten zweifelsohne vielmehr auf tiefen Besonderheiten der russischen Entwicklung, die jedoch einseitig aufgefasst und falsch eingesch\u00e4tzt werden. Der russische Marxismus ist in seinem Kampf gegen den Narodismus nicht selten in einen dogmatischen Mechanizismus verfallen, wenn er die \u00dcbereinstimmung der Entwicklungsgesetzte f\u00fcr alle L\u00e4nder nachweisen wollte und hat dabei das Kind mit Bade ausgesch\u00fcttet\u00bb.<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[xi]<\/a> Trotzkis historische Perspektive war deshalb eine dialektische Aufhebung, imstande, gleichzeitig den Widerspruch zwischen den Populisten und den russischen Marxisten zu negieren-zu bewahren-zu \u00fcberschreiten.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es war die Kobination all dieser methodologischen Erneuerungen, die Ergebnisse und Perspektiven so einzigartig in der Landschaft des russischen Marxismus vor 1917 machte; Dialektik stand im Zentrum der Theorie der permanenten Revolution. Wie Isaac Deutscher in seiner Trotzki Biografie zu diesem Text von 1906 schrieb: \u00abMan ist einfach nur beeindruckt vom Schwung und von der K\u00fchnheit seiner Vision. Er erkundete die Zukunft als einer, der auf einem alles \u00fcberragenden Berg steht und in einen neuen und unendlichen Horizont blickt und auf weite, unerschlossene Marksteine in weiter Ferne verweist\u00bb.<a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[xii]<\/a><\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Verbindung zwischen Dialektik und revolution\u00e4rer Politik kann in der Entwicklung Lenins ausgemacht werden. Wladimir Illitsch blieb bis 1914 jedoch ein Anh\u00e4nger der orthodoxen Auffassungen des russischen Marxismus, als der beginnende Krieg ihn zur Entdeckung der Dialektik trieb: Das Studium der Hegelschen Logik war das Instrument, mit dem er den theoretischen Weg zur finnischen Bahnstation in Petersburg bereitete, wo er zuerst die Losung \u00aballe Macht den Sowjets\u00bb verk\u00fcndete. Im M\u00e4rz und April 1917, von den Schranken des vordialektischen Marxismus befreit, konnte Lenin unter dem Druck der Ereignisse in kurzer Zeit dessen logische Folge hinter sich lassen: Den abstrakten und starren Grundsatz, dass \u00abdie russische Revolution nur eine b\u00fcrgerliche sein konnte, weil Russland f\u00fcr eine sozialistische Revolution \u00f6konomisch noch nicht reif w\u00e4re\u00bb.<\/p>\n<p>Als er dann den Rubikon \u00fcberschritt, machte er sich daran, das Problem aus einem praktischen, konkreten und realistischen Gesichtspunkt aus anzugehen; er kam dabei zu Schlussfolgerunngen, die denjenigen, wie sie Trotzki 1906 gezogen hat, sehr \u00e4hnelten: Was sind die Massnahmen, die von der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung akzeptiert w\u00fcrden, der Masse der Bauern und B\u00e4uerinnen, den Arbeiterinnen und Arbeitern? Und dies genau der Weg, der zur Oktober-Revolution f\u00fchrte\u2026.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.internationalviewpoint.org\/spip.php?article1118\"><em>The Marxism of Trotsky\u2019s &#8222;Results and Prospects&#8220;: A decisive break with the mechanical Marxism of the 2nd International<\/em><\/a> <em>vom 6. September 2006. \u00dcbertragung ins Deutsche durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Leo Trotzki: <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1906\/erg-pers\/index.htm\">Ergebnisse und Perspektiven. Die treibenden Kr\u00e4fte der Revolution<\/a>. In Buchform z.B. in: Leo Trotzki: Die permanente Revolution. Ergebnisse und Perspektiven. Trotzki-Bibliothek, 1993. Seiten 189 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/marx-engels\/1850\/03\/zen-bund.htm\">Karl Marx\/Friedrich Engels: Ansprache der Zentralbeh\u00f6rde an den Bund (M\u00e4rz 1850)<\/a><u>.<\/u><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Martov, Geschichte der Russischen Sozialdemokratie, Berlin, 196, pp. 164-165.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> Trotzki, Mein Leben, Berlin, 1961, Seite 121.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Antonio Labriola, \u00dcber den historischen Materialismus, Frankfurt a.M., 1974, Seiten 139ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[vi]<\/a> Trotsky, \u201cThe proletariat and the Russian revolution\u201d, and \u201cOur Differences\u201din 1905, London, 1971, p. 289, 306-312. Eine deutsche Ausgabe konnte nicht ausfindig gemacht werden [Ad\u00dc]<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[vii]<\/a> Leo Trotzki: <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1906\/erg-pers\/index.htm\">Ergebnisse und Perspektiven. Die treibenden Kr\u00e4fte der Revolution<\/a>. In Buchform z.B. in: Leo Trotzki: Die permanente Revolution. Ergebnisse und Perspektiven. Trotzki-Bibliothek, 1993. Seiten 189 ff.<\/p>\n<p>[vii] <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/marx-engels\/1850\/03\/zen-bund.htm\">Karl Marx\/Friedrich Engels: Ansprache der Zentralbeh\u00f6rde an den Bund (M\u00e4rz 1850)<\/a><u>.<\/u><\/p>\n<p>[vii] Martov, Geschichte der Russischen Sozialdemokratie, Berlin, 196, pp. 164-165.<\/p>\n<p>[vii] Trotzki, Mein Leben, Berlin, 1961, Seite 121.<\/p>\n<p>[vii] Antonio Labriola, \u00dcber den historischen Materialismus, Frankfurt a.M., 1974, Seiten 139ff.<\/p>\n<p>[vii] Trotsky, \u201cThe proletariat and the Russian revolution\u201d, and \u201cOur Differences\u201din 1905, London, 1971, p. 289, 306-312. Eine deutsche Ausgabe konnte nicht ausfindig gemacht werden [Ad\u00dc]<\/p>\n<p>[vii] Georg Luk\u00e1cs, Geschichte und Klassenbewusstsein, Darmstadt und Neuwied, 1968, 1. Kapitel<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[viii]<\/a> Aus Results and Prospects, London, 1962, p. 240. Eine deutsche Ausgabe konnte nicht ausfindig gemacht werden [Ad\u00dc]<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[ix]<\/a> Trotzki, Ergebnisse und Perspektiven, op. cit, pp224f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[x]<\/a> Op. cit. 198.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[xi]<\/a> Trotsky, History of the Russian Revolution, London, 1965, vol. I, p. 427. Die Stelle konnte in der deutschen Ausgabe nicht lokalisiert werden [Ad\u00dc].<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[xii]<\/a> Isaac Deutscher, The Prophet Armed, London, 1954, p. 161.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael L\u00f6wy. Die Theorie der permanenten Revolution, wie sie zum ersten Mal in seinem Essay Ergebnisse und Perspektiven[i] von 1906 skizziert ist, war einer der erstaunlichsten Durchbr\u00fcche des Marxismus zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,79,12,13,4],"class_list":["post-981","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-georg-lukacs","tag-lenin","tag-marx","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/981","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=981"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/981\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":985,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/981\/revisions\/985"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=981"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=981"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=981"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}