{"id":9823,"date":"2021-07-07T09:45:37","date_gmt":"2021-07-07T07:45:37","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9823"},"modified":"2021-07-07T09:45:38","modified_gmt":"2021-07-07T07:45:38","slug":"fuenf-jahrhunderte-und-unsere-adern-bleiben-offen-eduardo-galeano","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9823","title":{"rendered":"F\u00fcnf Jahrhunderte und unsere Adern bleiben offen: Eduardo Galeano"},"content":{"rendered":"<p><em>Aram Aharonian.<\/em> Ich war gerade mitten im Corona-Lockdown, als ich das Lied von Le\u00f3n Gieco &#8222;F\u00fcnf Jahrhunderte das Gleiche&#8220; h\u00f6rte. Dabei erinnerte ich mich daran, dass vor einem halben Jahrhundert ein Buch erschien, das zuerst in &#8222;Am\u00e9rica Lapobre&#8220;\u00a0<a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2021\/07\/252077\/fuenf-jahrhunderte-offene-adern#footnote1_1op818f\">1<\/a>\u00a0und dann in der ganzen Welt die Runde machte. Ein Text, der vielleicht seiner Zeit voraus war, uns aber mit dem Virus infizierte, viel mehr \u00fcber uns selbst, \u00fcber unsere Geschichte zu erfahren.<!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr viele von uns, die damals um die 20 waren, war es eines der wenigen Male, dass wir Lateinamerika wie mit unseren eigenen Augen gesehen haben.<\/p>\n<p>Eduardo Hughes Galeano war 27 Jahre alt, als er mit der m\u00fchsamen Arbeit begann, Daten, Geschichten, Erlebnisse zu sammeln. Er beendete sie vier Jahre sp\u00e4ter, nachdem er die realen Menschen interviewt und sich ihre Geschichten und die ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern angeh\u00f6rt hatte, nachdem er durch Gebiete gereist war, die nicht f\u00fcr Schreibtisch-Intellektuelle geignet sind, und nachdem er sich drei Monate zur\u00fcckgezogen hatte, um all das aufschreiben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele war schon der Anfang ein Schlag ins Gesicht:<\/p>\n<p>&#8222;Die internationale Arbeitsteilung besteht darin, dass sich einige L\u00e4nder aufs Gewinnen und andere aufs Verlieren spezialisieren.&#8220;<\/p>\n<p>Und unser Uruguay, das von der Revolution tr\u00e4umte, sollte von diesem Jahr an eine seiner dunkelsten Stunden beginnen, die der Notstandsbefugnisse, der Einmischung der CIA, ihrer Folterhandb\u00fccher, der Verfolgung und Inhaftierung von Aktivisten, der Repression. Als h\u00e4tten die M\u00e4chtigen\u00a0<em>Die Adern<\/em>\u00a0gelesen: &#8222;Das Imperium, unf\u00e4hig, die Brote zu vermehren, setzt alles dran, die Esser zu unterdr\u00fccken.&#8220;<\/p>\n<p>Es war nicht ungew\u00f6hnlich, dass die gr\u00f6\u00dfte Publicity f\u00fcr das Buch nicht von der Literaturkritik kam, sondern von unseren Diktatoren, die es verboten. Und w\u00e4hrend einige meinten, dass es sich um ein medizinisches Buch handele, sagten andere sogar, es sei ein Instrument zur Verderbnis der Jugend. Und Galeano verlie\u00df das Land und lie\u00df seine Freunde zur\u00fcck, von denen im \u00dcbrigen viele in den folgenden Jahren ebenfalls gingen.<\/p>\n<p>Aber es w\u00e4re ziemlich d\u00fcrftig, die Geschichte im Jahr 1970 oder 1971 beginnen zu lassen. Kehren wir zur\u00fcck zum Ende der 50er Jahre, als ein Kind, ein kleiner h\u00fcbscher Junge die Casa del Pueblo und die Wochenzeitung El Sol aufsuchte, Hochburgen der Sozialistischen Partei. Als sie ihn fragten, was er denn wolle, sagte er, er wolle der Partei beitreten und mit der Wochenzeitung zusammenarbeiten.<\/p>\n<p>Und er weckte die Neugierde von F\u00fchrungsfiguren wie Don Emilio Frugoni, Vivi\u00e1n Tr\u00edas, Ra\u00fal (Bebe) Sendic, Guillermo &#8222;Yuyo&#8220; Chifflet, Jos\u00e9 D\u00edaz, Reinaldo Gargano. Eine Chronik jener Jahre,\u00a0<em>El botija Gius<\/em>, von Garabed Arakeli\u00e1n, erz\u00e4hlt davon, dass Bebe Sendic \u2013 sp\u00e4ter der Anf\u00fchrer der Guerillabewegung Movimiento de Liberaci\u00f3n Nacional \u2013Tupamaros\u00a0 \u2013 ihn davon \u00fcberzeugte, sich zun\u00e4chst der Juventud Socialista anzuschlie\u00dfen, und auch, dass Don Emilio &#8222;sich um ihn k\u00fcmmerte, viel mit ihm sprach und ihn oft einlud, ins Kino zu gehen und einen Kaffee zu trinken&#8220;.<\/p>\n<p>Eduardo trat in die Redaktion von El Sol ein, arbeitete mit seinen Zeichnungen, die er mit Gius (das ist Hughes auf Uruguayisch, erkl\u00e4rte er mir eines Nachmittages) und seinen Notizen signierte; er besuchte die Schulungen bei Enrique Broquen sowie die Vortr\u00e4ge und Diskussionen mit Vivi\u00e1n Tr\u00edas, f\u00fcr den er Zuneigung und Respekt empfand.<\/p>\n<p>Auch Arakeli\u00e1n erinnert sich an die langen &#8222;Sitzungen&#8220; in Don Alfredos Caf\u00e9, an der Ecke Soriano und Y\u00ed, mit den Br\u00fcdern Dubra, den Gebr\u00fcdern Brando, Gloria Dalesandro, Carlitos Machado, den D\u00edaz Maynards und vielen anderen, in denen er Antworten auf die vielen Fragen suchte, die sich dieser &#8222;Sentipensante&#8220;<a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2021\/07\/252077\/fuenf-jahrhunderte-offene-adern#footnote2_al4ojjs\">2<\/a>\u00a0bereits stellte. Ausgezeichnete Lehrer \u2013 Don Emilio, Tr\u00edas, Bebe Sendic, Chifflet \u2013 um Lateinamerika mit eigenen Augen zu sehen.<\/p>\n<p>Als er begann, die ersten Entw\u00fcrfe von\u00a0<em>Las Venas<\/em>\u00a0zu notieren, hatte er mit dem Journalismus schon seit einiger Zeit aufgeh\u00f6rt. Er leitete [die linke Tageszeitung] \u00c9poca nicht mehr und arbeitete nur noch bei [der in Montevideo erscheinenden Wochenzeitung] Marcha mit dem alten Quijano zusammen. Er widmete sich dem Reisen und dem Schreiben. Einmal fragte ich ihn, was er von dem Mexikaner Juan Rulfo halte, einem Schriftsteller, der mich \u00fcberrascht und nachdenklich gemacht hatte.<\/p>\n<p>&#8222;Rulfo war mein Lehrer. Er hat mich gelehrt, sowohl mit der Axt als auch mit der Feder zu schreiben, und ich w\u00fcrde sagen, dass das Schreiben f\u00fcr mich eine Jagd ist, eine Art Jagd nach dem Wort, das flieht, und wenn es mir scheint, dass ich es gefangen habe, stelle ich fest, dass es sehr eingekleidet ist, und dann muss man es ausziehen.&#8220; Eine Art, mir zu erkl\u00e4ren, dass der urspr\u00fcngliche Text, den man schreibt, nie der endg\u00fcltige ist: Man muss ihn tausendmal lesen und alle trockenen \u00c4ste, die abweichenden, die h\u00e4sslichen, die \u00fcberfl\u00fcssigen, abschneiden, bis der nackte Text \u00fcbrig ist, um ihn den Lesern anzubieten.<\/p>\n<p>Nachdem sie Montevideo verlassen hatten, ging er nach Argentinien, wo er Helena Villagra abholte, die bis zuletzt seine Lebensgef\u00e4hrtin war, um mit ihr nach Spanien zu fl\u00fcchten. Bis zu seiner R\u00fcckkehr in sein kleines Land, das man auf der Landkarte kaum sieht.<\/p>\n<p>Im Jahr 1978, so erinnern sich seine Herausgeber, stellte er fest, dass &#8222;seit der ersten Ausgabe &#8230; das System den Hunger und die Angst vervielfacht hat. Der Reichtum konzentriert sich weiter und die Armut breitet sich weiter aus. Als ich das Buch 1970 schrieb, duldete das System mehr Schiffbr\u00fcchige als Seeleute. Heute sehe ich mit Erstaunen, dass der Anteil der Schiffbr\u00fcchigen noch viel h\u00f6her ist.&#8220;<\/p>\n<p>Kaum hatte er\u00a0<em>Las Venas\u00a0<\/em>fertig, legte Galeano seine detailliert dokumentierten und dramatischen Erinnerungen an die Pl\u00fcnderungen zum Literaturpreis des Casa de las Americas in Havanna vor. &#8222;Ich verlor. Das Buch sei laut der Jury nicht seri\u00f6s&#8220;, obwohl die ungeheuren Folgen der Handlungen &#8222;der Zuh\u00e4lter des Elends&#8220;, die er in der Einleitung und den beiden Teilen von<em>\u00a0Las venas<\/em>\u00a0anprangert, immer noch G\u00fcltigkeit besa\u00dfen (und besitzen): Arbeitslosigkeit, Analphabetismus, Elend, Krankheit, Gewalt, Ausgrenzung, Kolonisierung, Ausbeutung, Abh\u00e4ngigkeit, unertr\u00e4gliche Ungleichheiten.<\/p>\n<p>Vielleicht haben diese Juroren kollektiv Selbstmord begangen, als sie erfuhren, dass ein Universit\u00e4tsverlag in Uruguay und ein transnationaler Konzern mit B\u00fcros in Mexiko das Werk ver\u00f6ffentlichen w\u00fcrden. Vielleicht gab es ein begr\u00fcndetes Vorurteil: Galeano war als Journalist bekannt, aber weder als Akademiker noch als Barockschriftsteller. Eduardo blieb dem Casa de la Am\u00e9ricas dennoch immer sehr verbunden.<\/p>\n<p><em>Las Venas<\/em>\u00a0war der Basistext f\u00fcr mehrere Generationen, um die Geschichte Unseres Amerikas zu erlernen. Und es hei\u00dft, dass Lula da Silva, Hugo Ch\u00e1vez und Evo Morales sich daran &#8222;n\u00e4hrten&#8220;. Ich wei\u00df es von Ch\u00e1vez, der so beeindruckt war, dass er das Buch dem US-Pr\u00e4sidenten Barack Obama schenkte. &#8222;Es ist unglaublich, Ch\u00e1vez schenkte ihm eine raubkopierte kolumbianische Ausgabe des Buches, anstatt ihm eine englische Ausgabe zu geben&#8220;, sagte Galeano mir, als ich ihm am Telefon gratulierte.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Tage gab es Tausende Bestellungen und es wurde zu einem der f\u00fcnf am h\u00e4ufigsten georderten B\u00fccher der Welt.<\/p>\n<p>Einige nahmen es als Selbstkritik: In Bras\u00edlia hat er, ich glaube 2014, w\u00e4hrend der Buch- und Lesebiennal gesagt: &#8222;Ich w\u00fcrde\u00a0<em>Die offenen Adern Lateinamerikas<\/em>\u00a0nicht noch einmal lesen, denn wenn ich es t\u00e4te, w\u00fcrde ich in Ohnmacht fallen.&#8220; Andere legten dies so aus, dass das wiederholte Lesen all dieser Geschichten ihm Schaden zuf\u00fcgen w\u00fcrde. Und sp\u00e4ter sagte er etwas, womit er sicher Recht hatte: &#8222;Ich verf\u00fcgte nicht \u00fcber ausreichend Wissen \u00fcber Wirtschaft oder Politik, als ich das geschrieben habe.&#8220; Er war noch keine 30, als er es schrieb.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe\u00a0<em>Las Venas<\/em>\u00a0geschrieben&#8220;, sagte er, &#8222;um Ideen anderer und eigene Erfahrungen zu verbreiten, die vielleicht ein wenig dazu beitragen, die Fragen zu kl\u00e4ren, die uns seit jeher umtreiben: Ist Lateinamerika eine Region der Welt, die zu Erniedrigung und Armut verurteilt ist? Verurteilt von wem? Ist es die Schuld Gottes, die Schuld der Natur? Ist das Ungl\u00fcck nicht ein Produkt der Geschichte, das von Menschen gemacht wurde und deshalb auch von Menschen ge\u00e4ndert werden kann?\u201d<\/p>\n<p>Er sagte, dass seine Absicht war, bestimmte Tatsachen bekannt zu machen, welche die offizielle Geschichte, die von den Siegern erz\u00e4hlte Geschichte, verschweigt oder dar\u00fcber l\u00fcgt. &#8222;Ich wei\u00df, dass es als Sakrileg erscheinen konnte, dass dieses popul\u00e4rwissenschaftliche Handbuch im Stil eines Liebes- oder eines Piratenromans von politischer \u00d6konomie sprach. Ich glaube, es ist keine Eitelkeit, wenn man nach einer gewissen Zeit erfreut feststellt, dass\u00a0<em>Die Adern<\/em>\u00a0kein sprachloses Buch gewesen ist.&#8220;<\/p>\n<p>Ach was! Es war vielmehr die wahre Bibel f\u00fcr diejenigen, die wir gerade unseren Aktivismus begannen, unser wahrer Text der amerikanischen Geschichte, ganz anders als das, was wir im Gymnasium und in den Vorbereitungskursen f\u00fcr die Universit\u00e4t zu lesen und zu studieren gezwungen wurden. Es war die atheistische Initiationsbibel, der Reisepass, um endg\u00fcltig in Am\u00e9rica Lapobre einzutreten \u2013 und wir liehen uns das Buch gegenseitig aus, um es schnell zu lesen, weil sie es sehr wahrscheinlich verbieten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Das Einzige, was ich mir heute kaum vorstellen kann, ist, dass schon 50 Jahre vergangen sind, dass\u00a0<em>Las Venas<\/em>\u00a0quer durch Generationen, Putsche, Folter, Revolutionen, Exil und Verschwundene gegangen ist&#8230; Ich kann nicht fassen, dass Eduardo gestorben ist und dass wir nicht mehr einen Kaffee, ein Bier, einen Rum, ein paar Gl\u00e4schen Wein trinken, in irgendeinem Caf\u00e9 im Zentrum von Montevideo, in seinem Haus in der Stra\u00dfe Dalmiro Costa im Staddteil Malv\u00edn, in den Wirtsh\u00e4usern von Buenos Aires, in Porto Alegre oder auf der Terrasse meiner Wohnung in Caracas.<\/p>\n<p>Galeano war es l\u00e4stig, st\u00e4ndig von\u00a0<em>Las Venas<\/em>\u00a0zu sprechen, als ob keine Zeit vergangen w\u00e4re und als ob er nicht unter anderem auch\u00a0<em>El libro de los abrazos<\/em><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2021\/07\/252077\/fuenf-jahrhunderte-offene-adern#footnote3_ph7p14y\">3<\/a>\u00a0geschrieben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe Uruguay verlassen, weil ich kein Gefangener sein will, und Argentinien, weil ich nicht tot sein will&#8220;, sagte er mit ernster Miene. Joan Manuel Serrat, einer seiner vielen Freunde, beschreibt ihn am besten: &#8222;Galeano liebte es zu lachen. Er praktizierte das Lachen als Verteidigung gegen die t\u00e4glichen N\u00f6te.&#8220;<\/p>\n<p>Eduardo blieb am 13. April 2015 am Wegesrand zur\u00fcck, schon vor mehr als sechs Jahren. Die wirklichen lateinamerikanischen Adern sind noch immer offen. Im 15. und den folgenden Jahrhunderten bestanden die wahren Adern, die es an sich zu rei\u00dfen galt, aus Zucker, Kaffee, Bananen, Gold, Silber und Kautschuk. Jetzt sind sie aus Soja, Lithium, Erd\u00f6l, Wasser, Technologien oder Anti-Covid-Impfstoffen, die, wie wir bereits wissen und erleiden, nicht f\u00fcr alle da sein werden. Seit f\u00fcnf Jahrhunderten das Gleiche.<\/p>\n<p><strong>Fussnoten:<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Am\u00e9rica Lapobre: &#8222;Amerika, das Arme&#8220;, ein von Galeano geschaffener Begriff<\/li>\n<li>Sentipensantes sind laut Galeano Menschen, die &#8222;denkend f\u00fchlen und f\u00fchlend denken k\u00f6nnen&#8220;<\/li>\n<li>Das Buch der Umarmungen. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1991<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2021\/07\/252077\/fuenf-jahrhunderte-offene-adern\">amerika21.de&#8230;<\/a> vom 7. Juli 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aram Aharonian. Ich war gerade mitten im Corona-Lockdown, als ich das Lied von Le\u00f3n Gieco &#8222;F\u00fcnf Jahrhunderte das Gleiche&#8220; h\u00f6rte. 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