{"id":9858,"date":"2021-07-16T11:25:06","date_gmt":"2021-07-16T09:25:06","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9858"},"modified":"2021-07-16T11:25:07","modified_gmt":"2021-07-16T09:25:07","slug":"sozialimperialismus-die-ideen-von-1914-und-die-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9858","title":{"rendered":"Sozialimperialismus: Die Ideen von 1914 und die Folgen"},"content":{"rendered":"<p>Wir stellen diesen Text von Willy Huhn, den er 1933 schrieb, vor, weil er gut darlegt, wie weit sich die deutsche Sozialdemokratie schon vor 1914 von Marx entfernt hatte und wie stark \u201estaatskapitalistische\u201c Vorstellungen als \u201esozialistisch\u201c verstanden wurden.\u00a0<strong>Redaktion Aufruhrgebiet.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Identifizierung des Militarismus mit dem Staatssozialismus ist \u00fcbrigens nicht erst im I. Weltkrieg aufgetreten, insofern war sie nicht einmal neu. Neu daran war nur, dass sie sp\u00e4testens seit 1914 von der SPD akzeptiert wurde. Als etwa 1887 das Werk von Gustav Tuch erschien, f\u00fcr den \u2013 nach Karl Kautsky \u2013 der Militarismus \u201eder einzig wahre nationale und zivilisierte Sozialismus war, gegen\u00fcber dem vaterlandslosen und barbarischen Sozialismus der Sozialdemokratie\u201c, da wurde dies von der letzteren noch energisch zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n<p>Eine Generation zuvor hatte Tuch also schon den preu\u00dfischen Militarismus f\u00fcr einen solchen Segen erkl\u00e4rt, dass man ihn blo\u00df \u201etotal\u201d durchzuf\u00fchren brauche, um auch die soziale Frage zu l\u00f6sen. Vorausgesetzt \u2013 so wandte Kautsky damals ein \u2013 man scheute sich nicht davor, Europa in ein System von Kasernen zu verwandeln!<\/p>\n<p>Beim Ausbruch des I. Weltkrieges aber erf\u00fcllte sich auch an der deutschen Sozialdemokratie die Voraussage Eduard Bernsteins aus seinem Buch \u201eDie Voraussetzungen des Sozialismus\u201d von 1899, auf die man sich 1915 berief: \u201eIm weiteren Verlaufe wird das Nationale so gut sozialistisch sein wie das Munizipale. Nennen sich doch schon heute Sozialisten demokratischer Staatswesen gern Nationalisten.\u201d<\/p>\n<p>So wurde die Mehrheitssozialdemokratie, welche sich mit dieser Begr\u00fcndung auf den Boden der Landesverteidigung und der Bewilligung der Kriegskredite, v.a. aber auf den des \u201eKriegssozialismus\u201d stellte, vor der Weltgeschichte die erste nationalsozialistische Partei! Und es war kein Zufall, dass Anton Fendrich zu jenen geh\u00f6rte, die diesen mehrheitssozialdemokratischen Nationalsozialismus begr\u00fcndeten:<\/p>\n<p>\u201eUm in der Zeit der schwersten Pr\u00fcfung der Nation bestehen zu k\u00f6nnen, musste der Sozialismus national, die Regierung der Nation aber auch sozialistisch empfinden und handeln lernen (\u2026) Eine der gro\u00dfen Schlagadern des neuen Volksorganismus aber wird der Sozialismus sein, den in seinen Anf\u00e4ngen ein deutsches Gewerkschaftsblatt mit Recht jetzt schon in einer Reibe von staatlichen Ma\u00dfnahmen w\u00e4hrend des Krieges erblickt (\u2026) Als gewaltige Reformpartei wird die Sozialdemokratie innerhalb des staatlichen Organismus in den n\u00e4chsten Jahren nationale Arbeiterpolitik treiben.\u201d<\/p>\n<p>Am 15. April 1915 erschien das erste \u2013 und einzige! \u2013 Heft der Zeitschrift des Spartakusbundes \u201eDie Internationale\u201d, an der Spitze ein Aufsatz von Rosa Luxemburg, mit weiteren Beitr\u00e4gen von Mehring, Thalheimer, Zetkin usw. In einem Bericht aus der preu\u00dfischen Landtagsfraktion der SPD schreibt dort Heinrich Str\u00f6bel unter dem 17. M\u00e4rz 1915:<\/p>\n<p>\u201eDass die Geister sich scheiden, und der neue Geist des nationalen Sozialismus (man kann auch sagen National-Sozialismus, denn Pastor Naumann hat nie ein anderes Programm vertreten und Lensch hat den ehemaligen Nationalsozialen Rohrbach trefflich vulgarisiert) sich so unverhohlen bekundete, ist hocherfreulich. Denn nach der R\u00fcckkehr normaler Zeiten wird sich die Partei in der Tat gr\u00fcndlichst mit den Irrungen und Wirrungen auseinander zu setzen haben.\u201d<\/p>\n<p>Die letzten Konsequenzen aus den nationalsozialistischen Tendenzen innerhalb der Mehrheitssozialdemokratie hat u. a. August Winnig gezogen, der sp\u00e4ter tats\u00e4chlich zur NSDAP \u00fcbertrat. Es war aber das regelm\u00e4\u00dfige Jahrbuch einer freien Gewerkschaft, n\u00e4mlich des Deutschen Bauarbeiterverbandes f\u00fcr 1914, in dem er seine Gedanken ver\u00f6ffentlichen durfte. Der Vorstand des Deutschen Bauarbeiterverbandes identifizierte sich aber nicht nur mit diesen Gedanken, \u201eauf die sich unsere Stellung (zum Kriege, W. H.) gr\u00fcndet\u201d, sondern er lie\u00df sogar einen Sonderdruck davon herstellen, weil das Jahrbuch nur einen kleinen Personenkreis erreichte. August Winnig vertrat also im Fr\u00fchjahr 1915 folgende Gedanken \u00fcber den I. Weltkrieg: staatssozialistische Ma\u00dfnahmen wie die Verstaatlichung gro\u00dfer Produktionszweige l\u00e4gen nicht mehr im Bereiche des Unfassbaren und Unm\u00f6glichen, seitdem der Staat im Kriege begonnen habe, Getreidevorr\u00e4te zu beschlagnahmen, den Brotverbrauch zu regeln, ein Stickstoffmonopol zu schaffen usw. Die Kriegsnot habe eben die Staatsm\u00e4nner zu Eingriffen gezwungen, \u201edie in der Richtung der Sozialisierung des Wirtschaftslebens liegen.\u201d Ohne die Massen des Proletariats k\u00f6nne heute kein Krieg organisiert und gegen sie keine Politik mehr gemacht werden; sie mussten also durch ihre Organisationen an der Leitung und Verwaltung des \u00f6ffentlichen Wesens teilnehmen: \u201eEs ist das Verdienst der aufbauenden Kr\u00e4fte der deutschen Arbeiterbewegung, die durch ihr wirtschaftliches und politisches Wirken jene Elemente eines neuen Deutschtums schufen, in denen die Masse heute das St\u00fcck deutscher Zukunft sieht, das ihr den Geist und die Kraft zum Durchhalten verleiht.\u201d<\/p>\n<p>Damit waren die aus dem proletarischen Klassenkampf entstandenen Arbeiterorganisationen nicht nur zu Partnern des kaiserlichen Staates, sondern auch zu den wichtigsten S\u00e4ulen der Kriegswirtschaft erkl\u00e4rt worden. Das bedeutet die Antizipation der sp\u00e4teren \u201eArbeitsfront\u201d im \u201eDritten Reiche\u201d. Ferner erkl\u00e4rte Winnig, dass es nach au\u00dfen keine \u201eZweiheit\u201d, d.h. keine Trennung zwischen Proletariat und Volk bzw. Staat geben k\u00f6nne: \u201eDas Schicksal Deutschlands ist auch das Schicksal der deutschen Arbeiterklasse.\u201d In diesem Kriege habe es sich ja erwiesen, dass dort, \u201ewo die nationale Selbst\u00e4ndigkeit und die \u00f6konomischen Lebensinteressen der Nation auf dem Spiele stehen, die nationale Solidarit\u00e4t der internationalen vorausgeht.\u201d Im Hinblick auf die \u00f6konomischen Lebensinteressen der Nation geht Winnig bis zur Unterst\u00fctzung der imperialistischen Politik: die Arbeiterschaft k\u00f6nne den Imperialismus weder einfach verneinen noch \u201ebek\u00e4mpfen\u201d, da er eine unaufhaltsame Entwicklungsstufe und die historische Voraussetzung des Sozialismus sei.<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen durch die Oberstufe des Kapitalismus, eben den Imperialismus, ebenso zwangsm\u00e4\u00dfig hindurch, wie wir durch den Kapitalismus im ganzen hindurch m\u00fcssen. (\u2026) In einem Kampfe gegen den Imperialismus mit dem Ziele, ihn unm\u00f6glich zu machen, (\u2026) in einem solchen Kampfe kann die Politik der Arbeiterklasse niemals bestehen (\u2026) Sie kann sich also nicht grunds\u00e4tzlich der imperialistischen Entwicklung in den Weg stellen, denn diese wird (\u2026) von starken, ja zwingenden volkswirtschaftlichen Bed\u00fcrfnissen getragen.\u201d<\/p>\n<p>Es ist bekannt, dass in den ersten Monaten des Jahres 1933 durchaus die M\u00f6glichkeit einer neuen Spaltung der SPD bestand und dass Tendenzen beobachtet werden konnten, die kommunistischen und marxistischen Elemente der Partei abzusto\u00dfen, sich erneut als \u201eMehrheitssozialdemokratie\u201d zu konstituieren und gemeinsam mit der \u201eHarzburger Front\u201d sich der NSDAP, \u201eum Schlimmeres zu verh\u00fcten\u201d, zur Verf\u00fcgung zu stellen. Damals erhielten Mitglieder des sozialdemokratischen Parteivorstandes noch von G\u00f6ring die Reisem\u00f6glichkeit, um im Ausland den Ver\u00f6ffentlichungen der au\u00dferdeutschen Presse \u00fcber die Nazi-Greuel entgegenzutreten, und dazu wurden sie nicht einmal gezwungen. Es kann auch nicht geleugnet werden, dass die sozialdemokratische Reichstagsfraktion am 17. Mai 1933 f\u00fcr die nationalsozialistische Erkl\u00e4rung zur Au\u00dfenpolitik gestimmt hat, anstatt sie als blo\u00dfes Propagandaman\u00f6ver zu demaskieren. Wahrscheinlich w\u00e4re Paul L\u00f6be der F\u00fchrer dieser neuen Mehrheitssozialdemokratie geworden, wie Ebert derjenige der alten von 1914 bis 1921, jedenfalls schreibt Evelyn Anderson in ihrem 1945 in London erschienenen Buche:<\/p>\n<p>\u201eEin Teil der Reichstagsfraktion der Partei, gef\u00fchrt von Paul L\u00f6be, dem Pr\u00e4sidenten des Reichstages, machte Konzession auf Konzession an das neue Regime, in der vergeblichen Hoffnung, da\u00df Hitler die Unterwerfung mit der Anerkennung eines Unterschiedes zwischen ,guten\u2018 und ,schlechten\u2018 Sozialdemokraten und der Tolerierung der ,guten\u2018 belohnen w\u00fcrde.\u201d<\/p>\n<p>Es lag nicht an diesen \u201eMehrheitssozialdemokraten\u201d von 1933, wenn sie nicht dazu kamen, die Rolle ihrer geschichtlichen Vorl\u00e4ufer zu rekapitulieren; die Konsequenz der Nazis machte einen dicken Strich durch ihre klugen, staatsm\u00e4nnischen Kalkulationen. Wenn die Nazis aber diese \u201eguten\u201d Sozialdemokraten tats\u00e4chlich \u201etoleriert\u201d h\u00e4tten, so w\u00fcrden letztere 1939 Hitler ebenso in den II. Weltkrieg gefolgt sein, wie ihre Vorg\u00e4nger dem Kaiser in den I. Weltkrieg. Sie h\u00e4tten sich ja wie Winnig darauf berufen k\u00f6nnen, dass sie durch ihre Kriegsteilnahme die folgenden drohenden Gefahren von Deutschland absenden m\u00fcssten:<\/p>\n<p>\u201eIm Westen der Rhein als die deutsch-franz\u00f6sische Grenze, im Osten Verlust der Provinzen Preu\u00dfen, Posen und Schlesien an Russland. Das w\u00e4re die Vernichtung der deutschen Nation gewesen. Deutschland w\u00e4re als politische Macht ausgeschaltet und wirtschaftlich erdrosselt worden.\u201d<\/p>\n<p>Die Frage der \u201eKriegsschuld\u201d und das Problem des \u201eAggressors\u201d h\u00e4tte man ja 1939 genau so wie 1914 mit dem Argument erledigen k\u00f6nnen, das man in den sozialdemokratischen Brosch\u00fcren zu Beginn des I. Weltkrieges findet: die Kriegsschuldfrage k\u00f6nne immer erst nach dem Kriege untersucht werden; wenn das eigene Haus brenne, m\u00fcsse man erst retten und l\u00f6schen helfen, und k\u00f6nne dann erst den Brandstifter suchen. Im Falle des Kriegsausbruches 1914 hatte allerdings die deutsche Sozialdemokratie schon kurz vorher den Brandstifter namhaft gemacht, indem sie den \u201eHandstreich \u00d6sterreichs gegen den europ\u00e4ischen Frieden\u201d angeprangert und der Parteivorstand am 25. Juli 1914 eine \u201efrivole Kriegsprovokation der \u00f6sterreichisch-ungarischen Regierung\u201d festgestellt hatte \u2013 also prinzipiell dasselbe, was sp\u00e4ter die Geschichtsforschung ergeben hat.<\/p>\n<p>Als der Krieg aber ausgebrochen war, verga\u00df der Parteivorstand seine eigenen Feststellungen \u00fcber die am serbischen Konflikt Schuldigen, wiederholte bis zum \u00dcberdruss die Behauptungen der offiziellen Kriegspropaganda zur Schuldfrage und predigte die Landesverteidigung f\u00fcr die \u201egerechte Sache\u201d Deutschlands. Immerhin forderte der Parteivorstand noch am 23. Juni 1915 einen \u201eFrieden ohne Eroberungen\u201d, folgte also damals keineswegs der von Winnig vorgeschlagenen Unterst\u00fctzung der imperialistischen Politik. Das \u00e4nderte sich aber bald. 1916 stellte der Reichstagsabgeordnete Max Cohen (Reu\u00df) fest: wenn der Reichskanzler \u201eSicherungen\u201d fordere, \u201edie uns in Gegenwart und Zukunft vor neuen Angriffen sch\u00fctzen sollten\u201d, dann befinde er sich in \u00dcbereinstimmung mit dem ganzen deutschen Volke. Damit wurden die \u201eAnnexionsbestrebungen\u201d auch von mehrheitssozialdemokratischer Seite unterst\u00fctzt, Eroberungsabsichten wurden nicht mehr grunds\u00e4tzlich abgelehnt, nur aus einer Beurteilung der tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnisse heraus k\u00f6nne man sich f\u00fcr oder gegen wirklich vorhandenen Eroberungsm\u00f6glichkeiten entscheiden, meinte Cohen-Reu\u00df:<\/p>\n<p>\u201eDenn auch die Eroberungen anderer Gebiete und die Aufsaugung fremder V\u00f6lker kann unter Umst\u00e4nden ein wirtschaftlicher und geschichtlicher Fortschritt sein. Durchaus unrichtig aber w\u00e4re es, Eroberungen aus sozialistischen Grunds\u00e4tzen von vornherein abzulehnen.\u201d<\/p>\n<p>Mit diesen u.a. Bekenntnissen zur Annexionspolitik trat auch in der mehrheitssozialdemokratischen Kriegspropaganda ein Wandel ein: erst hatte man nur die \u201eLandesverteidigung\u201d von allem gegen\u00fcber dem \u201eblutigen Zarismus\u201d hervorgehoben; in dem Ma\u00dfe, in dem man \u201eSicherungen\u201d guthie\u00df und Eroberungen verteidigte, sah die Mehrheitssozialdemokratie ihren Hauptgegner nicht mehr in Russland, sondern in England.<\/p>\n<p>Wieder begegnen wir hierbei dem \u201edeutschen Sozialdemokraten\u201d Fendrich, der nicht nur Kriegsb\u00fccher \u201eGegen Frankreich und Albion\u201d verfasste, sondern auch \u201eam Tage der Ernennung Hindenburgs zum Generalstabschef\u201d (29. August 1916) eine Propagandabrosch\u00fcre gegen England schrieb, das den \u201egierigen, roh zugreifenden Riesen Russland und das von Rachsucht und unbefriedigter Eitelkeit ganz irre gewordene Frankreich mit der k\u00fchlen \u00dcberlegenheit des B\u00e4ndigers der ihm verb\u00fcndeten Nationen f\u00fchrt, sie geistig beherrscht, finanziell h\u00e4lt, also der eigentliche und erste Feind ist.\u201d Auch Fendrich verlangt \u201egreifbare Garantien\u201d gegen \u201e\u00e4hnliche Einkesselungen\u201d Deutschlands in der Zukunft.<\/p>\n<p>Schon Winnig hatte sich 1915 auf Paul Lensch berufen und zugegeben, sich manchen seiner Schl\u00fcsse zu eigen gemacht zu haben; und Lensch geh\u00f6rt auch zu den wenigen Auserw\u00e4hlten, die von einem sp\u00e4teren Vorl\u00e4ufer des Nationalsozialismus, Oswald Spengler, Ende 1919 zustimmend zitiert werden: mit den Syndikaten sei der deutsche Kapitalismus sozialistisch geworden. Wie Plenge au\u00dferhalb der Sozialdemokratie, wenn auch mit ihr liiert, so ist Paul Lensch, innerhalb der MSPD der hervorragendste Ideologe des \u201eKriegssozialismus\u201c geworden. Wir m\u00fcssen uns deshalb mit ihm hier etwas gr\u00fcndlicher besch\u00e4ftigen. Wir heben nat\u00fcrlich, \u201eeinseitig\u201d wie bisher (weil das \u201eAndere\u201d oft genug gesagt und gedruckt, das von uns hier Hervorgehobene meistens verschwiegen und vergessen wurde!), nur jene Linien seiner Gedanken hervor, die den Nationalsozialismus vorwegnehmen.<\/p>\n<p>Lensch hebt richtig hervor \u2013 richtig dann, wenn man sich an das nie abgesto\u00dfene oder \u00fcberwundene Lassalleanertum in der Sozialdemokratie h\u00e4lt -, dass die Bewilligung der Kriegskredite keineswegs zur bisherigen Einstellung der Sozialdemokratie in Widerspruch stehe, wobei er sich auf eine Schrift seines Fraktionskollegen David beruft. Dabei hatte Lensch einst mit R\u00fchle und Liebknecht zu den 14 Abgeordneten geh\u00f6rt, die am 3. August 1914 in einer Sitzung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion die Kriegskredite verweigern wollten!<\/p>\n<p>Er verweist auf die moderne Entwicklung in der Wirtschaft, die ja zur Bildung von Syndikaten und Kartellen gef\u00fchrt habe, aus dem Bestreben heraus, \u201edurch Organisation den Markt monopolartig zu beherrschen.\u201d Das Prinzip der Organisation sei aber auch schon das Lebensprinzip des alten preu\u00dfischen Staates gewesen, es habe sich dann nur sp\u00e4ter auch auf das gesamte deutsche Wirtschaftsleben ausgedehnt. Auch der Aufstieg der deutschen Arbeiterschaft habe sich im Zeichen des Organisationsprinzips vollzogen, und zwar schlie\u00dflich \u201eohne die Blitze eines revolution\u00e4ren B\u00fcrgerkrieges\u201d, aber \u201eunter dem Donner eines revolution\u00e4ren Weltkrieges.\u201d Die Sozialdemokratie habe eingesehen, dass \u201edie gleiche Ursache, die aus Preu\u00dfen \u2018den Milit\u00e4rstaat\u2018 machte\u201d, \u201eihn auch zum \u2019Staat der Organisation\u2018 machte\u201d Insofern sei das Zusammenfinden von Staat und Arbeiterorganisation unausbleiblich gewesen.<\/p>\n<p>Infolge dieses Prozesses und unter dem Druck des Krieges sei zuerst im deutschen Kaiserreich \u201eeine neue Zeit und mit ihr ein neues soziales Ideal\u201d heraufgezogen: \u201edie sozialisierte Gesellschaft. Ihr Degen aber ist Deutschland.\u201d Es zwingt seine Revolution in den Gewittern des Weltkrieges den Europ\u00e4ern genau so auf, wie einst die gro\u00dfe Franz\u00f6sische Revolution. Die Mehrheitssozialdemokratie war also doch noch eine revolution\u00e4re Partei, wenn sie auch die F\u00fchrung dieser Weltrevolution der OHL (Anm.: Oberste Heeresleitung) dem deutschen Generalstab \u00fcberlie\u00df! Und dies, obwohl der kaiserliche Staat in der h\u00f6chsten nationalen Gefahr auf die Sozialdemokratie angewiesen war:<\/p>\n<p>\u201eDas war wiederum ein Zug jener tiefen Ironie, an der die Weltgeschichte so reich ist: Der Sozialismus als Retter des Nationalismus!\u201d<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich erkl\u00e4rte Lensch auch \u201eSchlagworte\u201d wie: \u201eKeine Annektionen\u201d, \u201eSelbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker\u201d, \u201eAllgemeine Abr\u00fcstung\u201d etc. f\u00fcr abstrakte, ungeschichtliche Forderungen.<\/p>\n<p>Von besonderem Interesse sind die mehr in die Zukunft weisenden \u00c4u\u00dferungen: die individualistischen Ideen von 1789 werden abgelehnt, weil \u201edas Freiheitsideal des Sozialismus\u201d sich von dem des Individualismus nicht nur wesentlich unterscheide, sondern umgekehrt \u201eDisziplin und Organisation zur Voraussetzung\u201d habe. Keine Partei habe den Wert der Disziplin mehr betont, keine ihre Lockerung in den eigenen Reihen furchtbarer zu b\u00fc\u00dfen gehabt als die deutsche Sozialdemokratie: \u201eSie ist auf unverbr\u00fcchliche Haltung der Disziplin ebenso angewiesen, wie die Heeresleitung, und ihrer ganzen Natur nach k\u00f6nnte sie nie f\u00fcr eine Heeresorganisation eintreten, die eine Lockerung der Disziplin bedeuten w\u00fcrde.\u201d<\/p>\n<p>Ja, es sei geradezu der \u201ehistorische Beruf der Arbeiterklasse, den Vorkampf zu f\u00fchren f\u00fcr die soziale Reorganisation der Armee\u201c. Die Sozialdemokratie sei eben im Zeichen des aufgehenden Sozialismus der geschichtliche Tr\u00e4ger der Reform, auch der milit\u00e4rischen, denn am 4. August 1914 sei sie zur \u201edeutschen Zentralpartei\u201d geworden. Erst mit ihrem erwachenden \u201eStaatsbewusstsein\u201d habe sie sich aus einer Agitationsgruppe in eine politische Partei gewandelt. Damit werde sie auch wieder \u201ezur Partei der Intellektuellen, nicht zuletzt auch die Partei der Beamten und der Offiziere\u201d, und k\u00f6nnte nicht mehr ausschlie\u00dflich die Partei des Industrieproletariats sein, wenn auch diese Klasse noch wie vor \u201eihre Kerntruppe\u201d bliebe. Am 4. August 1914 habe sich erstmalig die Identit\u00e4t sozialistischer und nationalistischer Arbeit\u201d entfaltet.<\/p>\n<p>Stehen wir hier nicht vor einem besonders deutlich ausgedr\u00fcckten mehrheitssozialdemokratischen Nationalsozialismus?<\/p>\n<p>1916 erschien in Berlin ein weiteres Buch von Johannes Plenge \u00fcber den deutschen Kriegssozialismus. V.a. in diesem Werke hat der englische Professor F. A. Hayek einen wichtigen Vorl\u00e4ufer der nationalsozialistischen Ideologie erblickt: denn Plenge versuchte darin, dem Kriegssozialismus eine geschichtsphilosophische Begr\u00fcndung zu geben: dem Ideal der Freiheit von 1789 stellte er das Ideal der Organisation (f\u00fcr ihn mit dem \u201eSozialismus\u201d identisch) von 1914 gegen\u00fcber. Betrachten wir die \u201eIdeen von 1914\u201d etwas n\u00e4her:<\/p>\n<p>1914 ist das \u201eWendejahr\u201d der \u201eIdee der Organisation \u00fcberhaupt\u201d, denn in diesem Jahre erfolgte in vorbildlicher Weise die \u201efreiwillige Eingliederung der gro\u00dfen wirtschaftlichen Organe in den Staat\u201d, und dieser wurde damit \u201eder alles vereinigende Mittelpunkt aller Glieder des Wirtschaftslebens\u201d. Ganz so freiwillig scheint sich allerdings diese Entwicklung doch nicht vollzogen zu haben, denn erst unter der Not des Krieges, so schreibt Plenge sp\u00e4ter, \u201eschlug die sozialistische Idee in das deutsche Wirtschaftsleben ein.\u201d Die neuen Ideen von 1914 entstanden also aus dem Drang zur Selbstbehauptung der deutschen Nation, und sie bestehen im wesentlichen aus der Idee \u201eder deutschen Organisation\u201d und der \u201eVolksgenossenschaft des nationalen Sozialismus.\u201c Die Ideen von 1914 sind nicht extrem, halten vielmehr den goldenen Mittelweg ein: \u201eSie sind weder rein staatssozialistisch, noch rein demokratisch. Sie stehen in der Spannung zwischen Organisation und Individualismus, Beamtentum und Volksfreiheit, zwischen einen System der Menschenpflichten und der Menschenrechte, immer auf der geschichtlichen Fahrt zwischen Scylla und Charybdis.\u201d Plenge sieht aber voraus, dass diese Seereise niemals mit v\u00f6llig geradem Kurs vor sich gehen kann, sondern in wechselnden Abweichungen nach rechts und links, und dass sich auf dem Boden der Ideen von 1914 auch einmal eine Partei mit einem \u201eMehr der autorit\u00e4ren Organisation\u201d bilden kann. Ihren Vorzug erblickt er trotzdem in der folgenden Verwandlung der bisherigen sozialistischen Idee:<\/p>\n<p>\u201eAus einem verworrenen, an den Anarchismus anklingenden Programm einer demokratischen Vergesellschaftung der Produktionsmittel wird sie zu der straffen Zusammenfassung aller Kr\u00e4fte des nationalen Produktionsorganismus mit einer zunehmenden Regelung des Verbrauchs, bei der man nach dem Diktator ruft, weil man den Organisator braucht.\u201d<\/p>\n<p>Diese Ideen von 1914, der deutschen Organisation, treten einen ebenso nachhaltigen Siegeszug \u00fcber die Welt an, wie einst die Ideen von 1789, die sie abl\u00f6sen werden, und zwar keineswegs mit friedlichen Mitteln. Im Jahre 1915 hatte Plenge bereits auf Napoleon I. angespielt, indem er schrieb: \u201eZum zweitenmal zieht ein Kaiser durch die Welt als der F\u00fchrer eines Volkes mit dem ungeheuren weltbest\u00fcrmenden Kraftgef\u00fchl der allerh\u00f6chsten Einheit.\u201d Die Idee der Organisation darf sich eben nicht darauf beschr\u00e4nken, nur im Inneren der Nationen zu siegen, sondern sie muss dies auch \u201eim Aufbau des Staatensystems\u201d und des europ\u00e4ischen Gleichgewichts tun, also zum Prinzip der Neuordnung Europas werden:<\/p>\n<p>\u201eEs kommt aber darauf an, ob wir selber dabei f\u00fchren, oder ob wir einer anderen Nation die Erbschaft unseres Geistes \u00fcberlassen wollen.\u201d<\/p>\n<p>Plenge sieht \u201ein einem zertr\u00fcmmerten Europa\u201d ein neues Deutschland mit seinen neuen Ideen und seinen neuen geschichtlichen Aufgaben entstehen und \u201edie starke St\u00fctze eines aus dem Fugen geratenen Europas werden\u201d (1915). Schade nur, dass die neue Idee von 1914 im Grunde gar nicht neu ist, da ja die Aufgabe Plenges \u2013 wie er selbst zugibt \u2013 nur darin bestand und besteht, \u201edas von einem ganzen Volk in der Stunde der geschichtlichen Not in ganzer Hingabe Vollbrachte in die Idee zu erheben.\u201d<\/p>\n<p>Hayek hat auf die gerade in diesem Buche feststellbare Beeinflussung Plenges durch H.G. Wells, in dem Plenge einen hervorragenden Vertreter des modernen Sozialismus sah, aufmerksam gemacht. Nun war Wells bekanntlich der gro\u00dfe dritte Mann der englischen \u201eFabian Society\u201d, und sein Lieblingstraum war der moderne \u00dcberstaat, den er sich noch 1933 nach dem von ihm f\u00fcr 1940 prophezeiten II. Weltkrieg als eine \u201esozialistische Welt-Diktatur der Wissenschaftler und Techniker \u00fcber den dezimierten Resten der Menschheit\u201d vorstellte. Doch auch die beiden Webbs \u201ewaren ostentative Imperialisten\u201d, und der Franzose Hal\u00e9vy erinnert sich in seinem Buche: \u201eL\u2019\u00c8re des Tyrannies\u201d (Paris 1938) an die folgenden \u00c4u\u00dferungen dieser Mitbegr\u00fcnder der Fabian Society: \u201eIch h\u00f6re noch, wie Sidney Webb mir auseinandersetzte, dass die Zukunft den zentral verwalteten Gro\u00dfstaaten geh\u00f6re, die durch B\u00fcros regiert w\u00fcrden und in denen die Ordnung von Gendarmen aufrechterhalten w\u00fcrde.\u201d \u00dcbrigens haben die Webbs auch vor Plenge das Aufkommen des Managersystems vorausgesehen.<\/p>\n<p>Plenge war auch Mitarbeiter der bereits erw\u00e4hnten, von Parvus herausgegebenen und von Haenisch geleiteten Zeitschrift \u201eDie Glocke\u201c, in der sich letzterer zu der Notwendigkeit bekannt hatte, auf dem Boden des nationalen Staates und durch diesen den Sozialismus zu verwirklichen; hier ver\u00f6ffentlichte Plenge zuerst als Aufsatzreihe seine Gedanken \u00fcber \u201eDie Revolutionierung der Revolution\u00e4re\u201d (dann Leipzig 1918). An einem engen Kontakt Plenges mit \u201eneu-lassalleanischen\u201d Repr\u00e4sentanten der Mehrheitssozialdemokratie und einigen sp\u00e4teren Programmatikern des rechten Fl\u00fcgels des Parteitages der MSPD in G\u00f6rlitz 1921 kann demnach nicht gezweifelt werden. Tats\u00e4chlich ist zu beobachten, dass die Gedanken von Plenge und Lensch vom einen zum anderen hin und her\u00fcber einwirken und von den kleineren Geistern dieses pr\u00e4-nazistischen Braintrusts aufgegriffen und propagiert werden.<\/p>\n<p>Wir schreiben hier nun keine Geschichte des I. Weltkrieges, sondern haben uns nur die Aufgabe gestellt, anhand der wichtigsten Schriften einiges zur Vorgeschichte der nationalsozialistischen Ideologie aufzuzeigen, soweit es sich auf dem geistigen Boden der mehrheitsozialdemokratischen \u201eKriegssozialisten\u201d feststellen l\u00e4sst. Wir d\u00fcrften also eigentlich mit dem \u201eKaiser\u201d- oder Kriegssozialismus unsere Studie bzw. unseren Literaturbericht abschlie\u00dfen. Trotzdem glauben wir, dass wir wenigstens noch einen Ausblick auf die Revolutionsperiode 1918\/1919 und die ersten Nachkriegsjahre tun d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Plenge hat sich auch zu den durch die Novemberrevolution 1918 aufgeworfenen Problemen in seinem Sinne ge\u00e4u\u00dfert. Zun\u00e4chst bezweifelte er, dass die Novemberbewegung 1918 eine \u201eeigentliche wirtschaftliche Revolution gewesen\u201d sei, da sie sich nicht gegen unsere Wirtschaftsordnung, den Kapitalismus, gerichtet habe. Im Widerspruch zu dieser Feststellung forderte Plenge, \u201edie \u00e4u\u00dfere Wiederherstellung des Kapitalismus\u201d, dies m\u00fcsse die wichtigste Sorge der am Ende des Weltkrieges durchgebrochenen sozialistischen Revolution sein! Bei dieser Wiederherstellung des Kapitalismus m\u00fcssten \u201ealle Lehren der Kriegsorganisation ausgenutzt werden.\u201d (Ein Jahr sp\u00e4ter wird der Sozialdemokrat Otto Neurath Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te sowie eine sozialistische Landesregierung mit seiner These belehren: \u201eWas der Militarismus gelehrt hat, wird der Sozialismus vollbringen.\u201d Alle Kr\u00e4fte sollten aufs \u00e4u\u00dferste angespannt werden, \u201edamit die Organisation unserer Kriegswirtschaft erhalten bleibt\u201c. Doch \u201ezum Gl\u00fcck war die Organisation unserer Kriegswirtschaft schon eingespielt, so dass sie im wesentlichen nur erhalten zu werden braucht, und die Revolution selbst, namentlich die Matrosen- und Soldatenbewegung, war \u2026 im wesentlichen ziellos und jedenfalls nicht imstande, die eingeschulte, gro\u00dfe Arbeiterbewegung der Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei v\u00f6llig zu verdr\u00e4ngen.\u201c<\/p>\n<p>Plenge sieht also nach wie vor in den Gewerkschaften und in der Mehrheitssozialdemokratie die Tr\u00e4ger des \u201eKriegssozialismus\u201d, des eigentlichen Sozialismus, der im Grunde nur in der \u201eOrganisation und Zusammenfassung der Kr\u00e4fte\u201d bestehe. Dies habe sich wieder einmal in der Bewahrung der straffen Ordnung und Disziplin des deutschen Volkes und der deutschen Arbeitermassen gezeigt. Die Mehrheitssozialisten h\u00e4tten die Revolution \u201emit ihren geordneten Reihen im wesentlichen aufgefangen\u201d, weil nun einmal \u201egerade die an unserem Militarismus geschulte Sozialdemokratie ihre Bataillone in leidlicher Ordnung aufmarschieren lassen kann.\u201d Allerdings m\u00fcsse die wirkliche und endg\u00fcltige Mauserung der Mehrheitssozialdemokratie noch \u00fcber den bisherigen Revisionismus und Reformismus hinaus bis zum \u201eorganisatorischen Sozialismus\u201d gehen.<\/p>\n<p>Der Kern dieses Sozialismus bestehe in Ordnung und Pflicht, wof\u00fcr sich Plenge auf \u2026 Lenin beruft; f\u00fcr ihn gelten die organisatorischen Notwendigkeiten des Gro\u00dfbetriebes mit ihrer straffen Einheitlichkeit, wie sie auch von Lenin f\u00fcr die Leitung der gro\u00dfen Wirtschaftsbetriebe anerkannt worden sei. Ja, Plenge akzeptiert sogar die Losung Trotzkis: \u201eArbeit, Disziplin und Ordnung k\u00f6nnen die russische Sowjetrepublik retten!\u201d (Diese fand er in der \u201eFrankfurter Zeitung\u201d vom 7. November 1918 als Anzeige der Schrift gleichen Titels.) \u201eSelbstverst\u00e4ndlich braucht\u201d dieser organisatorische Sozialismus \u201eeinen kr\u00e4ftigen Staat\u201c. Dieser bestand damals \u2013 nach dem ersten Sto\u00df der Revolution \u2013 zun\u00e4chst in \u201eeiner ganz undemokratischen Autokratie unserer Sozialdemokraten\u201c. Ein zweiter Sto\u00df werde aber mit der R\u00fcckkehr des Frontheeres kommen, denn die Front sei das unschuldige Opfer der Revolution \u2013 womit wir vor einer milderen Version der ber\u00fcchtigten Dolchsto\u00dflegende stehen. Dieser zweite Sto\u00df lasse sich jedoch in eine Bewegung verwandeln, welche die \u201eWiederkehr der Ordnung\u201d wesentlich st\u00e4rke. Der dritte Sto\u00df ergebe sich aus den Demobilisierungsschwierigkeiten; wegen der fehlenden Rohstoffe werde es bei der Wiedereingliederung des Heeres in die Arbeitsordnung Schwierigkeiten geben, die sich durch die beschleunigte Entlassung weiblicher Arbeitskr\u00e4fte noch verst\u00e4rkten.<\/p>\n<p>Plenge trat deshalb f\u00fcr eine m\u00f6glichst baldige Nationalversammlung ein, bis dahin sollte aber der immer noch legale Reichstag \u201eeinen \u00dcbergangsausschuss nach Art eines Kriegskabinetts\u201d bestimmen, der bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung an der Spitze des Deutschen Reiches stehe. Denn: \u201eWir brauchen in dieser schwierigen \u00dcbergangszeit auf einem vom ganzen Volke anerkannten Boden in Form rechtens die Gewalt der Diktatur.\u201d<\/p>\n<p>Eine solche geordnete Gewalt m\u00fcsse vor der Nationalversammlung da sein und f\u00fcr die Wirtschaft des Volkes und seine Arbeit sorgen. Doch erkl\u00e4rt Plenge den Parlamentarismus in Deutschland als \u201eeigentlich von vornherein unm\u00f6glich.\u201d Daher solle auch ein neugew\u00e4hlter Reichstag die ganze Verwaltungsarbeit einem \u201eReichsausschuss\u201d \u00fcbertragen, der gewisserma\u00dfen den \u201eAufsichtsrat\u201d der \u201esozialen Demokratie\u201d darstelle. Die Minister sollen nicht nur aus dem Parlament, sondern aus allen irgend geeigneten Kreisen ausgew\u00e4hlt werden, sozusagen als \u201eVerwalter der Demokratie\u201d. Der Kanzler verk\u00f6rpere dann gewisserma\u00dfen den \u201eGeneraldirektor\u201d, seine Minister w\u00e4ren quasi seine Mitdirektoren. Wir stehen hiermit vor der echten politischen Spitze einer \u201edirektorialen Gesellschaft\u201d, wie der franz\u00f6sische Marxist Maximilien Rubel das Managerregime bezeichnet.<\/p>\n<p>Aber es ist ja noch gar nicht die Spitze des Staates! Plenge schl\u00e4gt allen Ernstes vor, in die kommende (Weimarer) Verfassung \u201edie Krone einzugliedern\u201d. Der Reichsausschuss brauche einen Vorsitzenden, gewisserma\u00dfen einen \u201eVerwaltungskaiser\u201d, eine Ausgestaltung des K\u00f6nigtums, das auch als \u201eWahlk\u00f6nigtum\u201d gedacht und versuchsweise \u00fcber eine \u201eRegentschaft\u201d eingef\u00fchrt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Gedanken Plenges und die anderer Staatssozialisten au\u00dferhalb und innerhalb der Mehrheitssozialdemokratie haben nicht nur auf die bisherigen grunds\u00e4tzlichen Anh\u00e4nger einer planwirtschaftlichen Gesellschaft kr\u00e4ftig eingewirkt, sondern infolge der kriegswirtschaftlichen Ma\u00dfnahmen des Kaiserreiches auch in gewissen Kreisen der Beamtenschaft Anklang gefunden. Ja, manche Formen der Kriegswirtschaft wurden sogar zum Vorbild der sozialistischen Projekte und der Sozialisierungskommission in der Epoche 1918\/1919. Es war daher kein Zufall, dass Rudolf Wissel zum Mitarbeiter an seinen Sozialisierungsideen ausgerechnet den Initiator der Kriegs-Rohstoff-Organisation, Wichard von Moellendorff, heranzog.<\/p>\n<p>Die Nachwirkung der kriegssozialistischen Ideen von 1914 l\u00e4sst sich auch noch deutlich in den Debatten auf dem G\u00f6rlitzer Parteitag der Mehrheitssozialdemokratie (1921) verfolgen, obwohl das auf ihm beschlossene Programm Konzessionen nach links, an die Adresse der USPD, machte. Ludwig Quessel erkl\u00e4rte, dass auf diesem Parteitag Jean Jaur\u00e8s, der auf dem Internationalen Kongress in Amsterdam (1904) f\u00fcr das Hineingehen in den Staat gegen\u00fcber Bebels Staatsverneinung auf dem Dresdner Parteitag (1903) eingetreten war, \u00fcber August Bebel gesiegt habe.<\/p>\n<p>Die Mehrheitssozialdemokratie erkl\u00e4rte offiziell, dass sie auf dem \u201eUmwege\u201d \u00fcber den von ihr anerkannten Staat zum Sozialismus kommen wolle; also mit den legalen Mitteln der parlamentarisch-demokratischen Republik, deren Form seit 1891 ebenfalls von der Bebelschen Sozialdemokratie als \u201eBourgeois-Staat\u201d unter die grunds\u00e4tzliche Staatsverneinung gefallen war. Dabei waren sich die f\u00fchrenden mehrheitssozialdemokratischen Ideologen vollkommen klar dar\u00fcber, dass der I. Weltkrieg den Staatsgedanken \u201ebis in seine Wurzeln hinein ersch\u00fcttert\u201d h\u00e4tte. Friedrich Stampfer z.B. f\u00fchrte aus:<\/p>\n<p>\u201eDer Weltkrieg war in allen L\u00e4ndern die Omnipotenz, die Allmacht des Staates; der Mensch war nichts mehr, der Staat war alles. Der Staat nahm die Menschen in die Hand und schleuderte sie gegen feindliche Tanks und Maschinengewehre; der Staat erteilte Auftr\u00e4ge, der Staat bezahlte, der Staat regulierte die Kriegswirtschaft. Er schnitt jedem sein Brot zu, er kontrollierte die \u00f6ffentliche Meinung. Dieser \u00dcberspannung des Staatsgedankens ist notwendigerweise eine ruckartige Entspannung und Erschlaffung gefolgt.\u201d<\/p>\n<p>Damit bestand die Gefahr, dass mit dem Sturz des Kaisertums auch der Staat selbst zusammenbrach. Dass dies nicht geschah, sondern dass der Staat in der neuen Form der demokratisch-parlamentarischen Republik fortbestehen konnte, dies sei wesentlich das Verdienst der Mehrheitssozialdemokratie gewesen:<\/p>\n<p>\u201eDurch die Republik hat die Sozialdemokratie dem Volke sein h\u00f6chstes Gut, den Staat gerettet; denn wo kein Staat ist, da ist Anarchie. (Sehr richtig!) Wo Anarchie ist, da kann wohl Kapitalismus gedeihen, aber niemals Sozialismus. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn ich sage: Republik und Sozialismus, Republik und Sozialdemokratie geh\u00f6ren zusammen, dann hei\u00dft das auf die heutigen Verh\u00e4ltnisse angewandt genau so viel, als wenn ich sage: Staat und Sozialismus, Staat und Sozialdemokratie geh\u00f6ren zusammen.\u201d<\/p>\n<p>Das war also weniger der Sieg von Jaur\u00e8s \u00fcber Bebel, es war v.a. der Sieg von Ferdinand Lassalle \u00fcber Marx und Engels! Es ist an dieser Stelle nicht angebracht, eine Kritik dieser Ausf\u00fchrungen Friedrich Stampfers und der G\u00f6rlitzer Illusion \u00fcberhaupt zu beginnen. Eines verdichtet sich mir jedenfalls zu immer st\u00e4rkerer Gewissheit: h\u00e4tte Sinowjew nicht die USPD gespalten, so dass der linke Fl\u00fcgel in die KPD ging, und der rechte in die SPD heimkehrte, dann w\u00e4re wohl die Mehrheitssozialdemokratie einen politischen Weg weitergegangen, der dem Nationalsozialismus kaum noch etwas \u00fcbrig gelassen haben w\u00fcrde. So hielten die zur\u00fcckkehrenden USPD-Genossen den in G\u00f6rlitz programmatisch bestimmten Kurs auf, der die Mehrheitssozialdemokratie mit jener Funktion belastet h\u00e4tte, welche die NSDAP nach 1925 immer bewusster auf sich nahm, seit dem Jahre also, in dem das neue Heidelberger Programm (als Kompromiss zwischen dem Erfurter und G\u00f6rlitzer!) die Mehrheitssozialdemokratie daran hinderte, allzu offen und allzu bald nationalsozialistisch zu werden. Die sozialen Kr\u00e4fte, die bis dahin ihre Hoffnungen auf die MSPD gesetzt hatten, mussten sich ab 1925 nach einer anderen Massenbasis umsehen bzw. eine solche finanzieren und organisieren.<\/p>\n<p>Der deutsche Nationalsozialismus entstand also 1914 und zu einem wesentlichen Teile innerhalb der rechten Sozialdemokratie, und er endete hier bald nach dem G\u00f6rlitzer Programm von 1921, um auf einer anderen Grundlage teils konsequenter, teils variiert fortentwickelt zu werden. Diese Weiterentwicklung haben wir hier nicht mehr zu verfolgen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/aufruhrgebiet.de\/2021\/07\/die-ideen-von-1914-und-die-folgen\/#more-1787\"><em>aufruhrgebiet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Juli 2021 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir stellen diesen Text von Willy Huhn, den er 1933 schrieb, vor, weil er gut darlegt, wie weit sich die deutsche Sozialdemokratie schon vor 1914 von Marx entfernt hatte und wie stark \u201estaatskapitalistische\u201c Vorstellungen als &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":9859,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[39,34,61,18,42,4],"class_list":["post-9858","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-deutschland","tag-faschismus","tag-frankreich","tag-imperialismus","tag-sozialdemokratie","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9858","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9858"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9858\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9860,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9858\/revisions\/9860"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9859"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9858"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9858"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9858"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}