{"id":9861,"date":"2021-07-16T14:25:00","date_gmt":"2021-07-16T12:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9861"},"modified":"2021-07-16T14:25:02","modified_gmt":"2021-07-16T12:25:02","slug":"alternative-gewerkschaften-in-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9861","title":{"rendered":"Alternative Gewerkschaften in Russland"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die unabh\u00e4ngige Gewerkschaft MPRA wurde im Jahr 2018 aus fadenscheinigen Gr\u00fcnden durch ein Gericht in St. Petersburg verboten. W\u00e4hrend der Kampf um die Fortsetzung ihrer Aktivit\u00e4ten andauert \u2013 u.a. versuchte die MPRA k\u00fcrzlich eine Demonstration durchzuf\u00fchren, was aber an den Covid-19-Auflagen scheiterte \u2013 ist es an der Zeit, einen Blick auf die Geschichte dieser alternativen Arbeiter*innenorganisation zu werfen. Denn sie ist, wie Sarah Hinz und Jeremy Morris zeigen, insbesondere in Zeiten<\/strong><!--more--> <strong>von Neo-Autoritarismus und neo-liberaler Kooptierung ein Lehrst\u00fcck f\u00fcr Arbeiter*innenk\u00e4mpfe.<\/strong><\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Die Arbeitsbeziehungen in Russland sind immer noch gepr\u00e4gt von der \u00c4ra der UdSSR. Aufgrund der ideologischen und strukturellen Unterw\u00fcrfigkeit der Gewerkschaften gegen\u00fcber der Kommunistischen Partei, zeichneten und zeichnen sie sich durch eine gewisse Ruhe aus. Obwohl Privatisierung und Marktorientierung in den 1990er-Jahren Arbeitskonflikte ausl\u00f6sten, fiel es Gewerkschaften schwer, ihre Identit\u00e4t und Rolle neu zu definieren. Seit 2000 f\u00fchrt die Zunahme transnationaler Unternehmen zur Entstehung alternativer, aktivistischer und demokratischer Gewerkschaftsbewegungen. Obwohl weiter in der Minderheit, sind sie politisch engagiert und konfliktorientiert. Doch transnationale Unternehmen reagieren und blockieren Versuche, gegen Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz aufzubegehren. Dieser Beitrag beleuchtet diese Dynamik am Beispiel von VW und Benteler in Kaluga im Jahr 2012. Trotz der Erfolge neuer Gewerkschaften wiegt das Erbe der UdSSR nach wie vor schwer. Putins autorit\u00e4res System ist zudem bem\u00fcht, Gewerkschaften zu kooptieren, und die F\u00e4higkeit zu Basismobilisierungen einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p><strong>Gewerkschaften zwischen Wohlfahrtsstaat und autorit\u00e4rer Transformation<\/strong><\/p>\n<p>Russland hat eine lange autorit\u00e4re Geschichte. Die Industrialisierung der UdSSR unter Stalin setzte auf Zwang und Ausbeutung. Dieses Verh\u00e4ltnis zwischen Staat und Arbeiter*innen \u00e4nderte sich in der Post-Stalin-Zeit nicht grundlegend. Wissenschaftler*innen wie Donald Filtzer, Michael Burawoy und Stephen Kotkin diskutierten, ob die Arbeiter*innen \u2013 angesichts eines mangelnden verbindenden Ventils, um kollektiv Missst\u00e4nde anzusprechen \u2013 Mikrotaktiken des Widerstandes anwandten, oder gingen der Frage nach warum sie \u2013 angesichts rapider Ver\u00e4nderungen und der Verb\u00e4uerlichung der Industrie \u2013 daran scheiterten, ein Klassenbewusstsein zu entwickeln.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich verkompliziert wurde dies durch die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates, in dem Gewerkschaften und Betrieben die Rolle der Umverteilung zukam. Ein paternalistischer Gesellschaftsvertrag dominierte; die Arbeiter*innenschaft verzichtete zugunsten h\u00f6herer L\u00f6hne und Sozialleistungen stillschweigend auf ihre potenzielle Verbandsmacht. Ihr \u201cgesellschaftlicher Lohn\u201d beinhaltete Wohnraum, Kinderg\u00e4rten und sogar subventionierte Betriebskantinen. Besonders in der R\u00fcstungsindustrie (ein dominierender Teil der Industrieproduktion) konnte dies bis zu zwei Drittel des Einkommens ausmachen. Die Arbeiter*innenschaft betrachtete den Staat daher h\u00e4ufig als autorit\u00e4r, aber doch \u201cwohlt\u00e4tig\u201d (Mandel 2001). Staatsbetriebe beauftragten die Gewerkschaften im Grunde mit der Verteilung von Sozialg\u00fctern. W\u00e4hrend der Gesellschaftsvertrag infolge wirtschaftlicher Probleme der UdSSR ab den 1970er-Jahren zerfiel, ist das autorit\u00e4re Erbe von Korporatismus und Paternalismus f\u00fcr die Organisation und das Bewusstsein der Arbeiter*innenschaft noch immer pr\u00e4gend.<\/p>\n<p>Als das Sowjet-System zusammenbrach, mangelte es massiv an qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften. Gro\u00dfe Streiks zeigten, dass die Arbeiter*innen in der Lage waren, ihre strukturelle Macht in Forderungen nach Demokratisierung des Arbeitsplatzes und weiter gehende Reformen zu \u00fcbersetzen. Doch sogar 1989 setzten sich Gewerkschaften w\u00e4hrend eines heftigen Streiks im Kohlebergbau mit der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung an einen Tisch \u2013\u00a0<em>gegen<\/em>\u00a0den Willen der Arbeiter*innen, die Ver\u00e4nderung forderten. Daraufhin entstanden unabh\u00e4ngige Gewerkschaften im Bergbau und in der Transport- und Automobilindustrie. Sie repr\u00e4sentierten nur eine kleine Minderheit, w\u00e4hrend die \u201ctraditionellen\u201d korporatistischen Gewerkschaften weiterhin vorherrschten und die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/journals\/slavic-review\/article\/abs\/labour-after-communism-auto-workers-and-their-unions-in-russia-ukraine-and-belarus-by-david-mandel-montreal-black-rose-books-2004-x-283-pp-notes-bibliography-index-tables-5799-hard-bound-2899-paper\/A5E5EF3ED2A8C705B5D4AF5C95D59446\">alternative Gewerkschaftsbewegung schlie\u00dflich erstickten<\/a>. Die 1990er-Jahre waren von \u00f6konomischer Unsicherheit und politischen K\u00e4mpfen gepr\u00e4gt. Die frustrierende Situation brachte Zyklen intensiver und verzweifelter Protestaktionen,\u00a0<a href=\"https:\/\/kclpure.kcl.ac.uk\/portal\/files\/6307885\/greenerobertson2010.pdf\">unabh\u00e4ngig von den traditionellen Gewerkschaften<\/a>, hervor.<\/p>\n<p><strong>Kaum Solidarit\u00e4t<\/strong>\u00a0<strong>und gezielte Einsch\u00fcchterung<\/strong><\/p>\n<p>Der Dachverband FNPR (<em>Federatsiia Nezavisimikh Profsoiuzov Rossii<\/em>, F\u00f6deration der Unabh\u00e4ngigen Gewerkschaften Russlands) war mit rund 20 Millionen Mitgliedern im Jahr 2018 noch immer der\u00a0<a href=\"https:\/\/elprof35.ru\/news\/profsouzy-segodna\">gr\u00f6\u00dfte seiner Art<\/a>\u00a0in Europa. Doch trotz zunehmender Arbeiter*innenmilitanz rufen die b\u00fcrokratischen FNPR-Gewerkschaften heute kaum zum Streik oder Protest auf. Sie lehnen den Klassenkampf ab, und ihr Erfolg in der\u00a0<a href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/abs\/10.1111\/j.1743-4580.2012.00387.x\">Kommunikation von Arbeiter*innenbelangen ist gering<\/a>. Viele Mitgliedschaften sind unfreiwillig \u2013 ein Erbe der Zwangsmitgliedschaft in der UdSSR. Das verst\u00e4rkt die \u201cTr\u00e4gheit\u201d der Gewerkschaften und gro\u00dfer Teile der Arbeitswelt. Seit ihrer Gr\u00fcndung 1990 haben diese Organisationen vor allem ihre institutionelle \u201cpartnerschaftliche\u201d Position verteidigt, und zwar auf Kosten der Einkommen, Arbeitsbedingungen und Sicherheit ihrer Mitglieder.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist auch die geringe Solidarit\u00e4t zwischen Sektoren. Trotz trilateraler Vereinbarungen und Institutionen besteht keine Koordination zwischen Gewerkschaften und politischen Parteien. Seit den fr\u00fchen 2000er-Jahren kommt ein zunehmend repressives Arbeitsgesetz und ein erstarkter Sicherheitsapparat Arbeitskonflikten zuvor, indem gezielt Aktivist*innen ins Visier genommen werden. In Schl\u00fcsselmomenten hat Putin politisch interveniert und Appelle an eine \u201cautorit\u00e4re\u201d Ordnung mit einer paternalistischen Rhetorik im sozialkonservativen Duktus gegen\u00fcber der Arbeiter*innenschaft und (zeitlich nicht festgelegten) Konzessionen wie bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen kombiniert.<\/p>\n<p>Doch selbst die erdr\u00fcckende Atmosph\u00e4re in Putins Russland kann den Arbeiter*innenwiderstand nicht v\u00f6llig ausl\u00f6schen. Proteste entziehen sich dem repressiven Code, verwenden\u00a0<a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/j.ctt1np6zz\">die \u201cverborgenen Transkripte\u201d des Widerstands<\/a>, individuelle Taktiken oder Onlinekampagnen. Schl\u00fcsselsektoren wie die Automobilindustrie oder Dienstleistungen, die stark von Ausbeutung gepr\u00e4gt sind und nicht von Traditionsgewerkschaften dominiert werden, sind Nischen neuer aktivistischer Organizer*innen. Die Fallstudie in diesem Beitrag handelt genau von dieser Chance: Wenn sich die Arbeitswelt wandelt, neue Formen von Arbeitsbeziehungen entstehen und das Gewerkschaftserbe in den Hintergrund r\u00fcckt, wird die Organisation der Arbeiter*innenschaft trotz oder gerade aufgrund vieler Hindernisse zunehmend m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Das Beispiel Volkswagen<\/strong><\/p>\n<p>Im Folgenden geht es um den in Russland dominanten deutschen Produzenten Volkswagen. 2008 er\u00f6ffnete VW das Werk in Kaluga, s\u00fcdwestlich von Moskau. Der Fall eines erfolgreichen westeurop\u00e4ischen Automobilkonzerns, der auf den russischen Markt vordringt, veranschaulicht neue Konflikt- und Verhandlungsformen zwischen Arbeiter*innen und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung. Da ausschlie\u00dflich f\u00fcr den russischen Binnenmarkt produziert wird, gibt es nur wenig Verbindungen zu und Abh\u00e4ngigkeiten von dem Hauptsitz in Deutschland. Daher gibt es wenige M\u00f6glichkeiten, die etablierten \u201cdeutschen\u201d Verhandlungsformen zwischen Kapital und Arbeit auf die \u201crussischen\u201d Arbeitsbeziehungen zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Unsere Daten stammen aus einer Feldforschung in der \u201ctraditionellen\u201d Industrie der Region Kaluga seit 2009 sowie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/254187708_Socially_embedded_workers_at_the_nexus_of_diverse_work_in_Russia\">aus der Analyse neuer transnationaler Konzerne<\/a>\u00a0(<em>transnational corporations<\/em>, TNCs). Zus\u00e4tzlich nutzt die Studie eine interviewbasierte Feldforschung von 2012\u20132013 zur Entwicklung alternativer Gewerkschaften in ausl\u00e4ndischen Unternehmen, bei Automobilherstellern und Zulieferfirmen.<\/p>\n<p><strong>Neue aktivistische und konfrontative Gewerkschaften<\/strong><\/p>\n<p>In den 2000er-Jahren bildete sich eine neue, alternative Gewerkschaftsbewegung, die das traditionelle System der Arbeitsbeziehungen herausforderte. Mit der Zeit k\u00f6nnte sie in der Lage sein, das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis der Arbeitsbeziehungen zu verschieben. Dies ist jedoch verkn\u00fcpft mit einer breiteren Erfahrung von Arbeiter*innen mit intensiver Neoliberalisierung und Deregulierung infolge des Eintritts transnationaler Firmen in wichtige Industriesektoren, der \u00dcberwindung paternalistischer Haltungen von Arbeitgeber*innen und Staat sowie dem Ausma\u00df an Zwang und Kooptierung durch die Beh\u00f6rden. Im Folgenden besch\u00e4ftigen wir uns mit dem Machtzuwachs der Arbeiter*innen im ersten russischen VW-Werk, wo solche Entwicklungen besonders deutlich zu beobachten sind.<\/p>\n<p>Obwohl der russische Automobilmarkt aufgrund des dominanten Rohstoffsektors nur 3,8% des russischen BIP ausmacht, verzeichnete er bis 2008 die h\u00f6chste wertm\u00e4\u00dfige Wachstumsrate weltweit. Die Bestrebungen Russlands zur wirtschaftlichen Diversifizierung sahen vor, durch einheitliche Steuern und ma\u00dfgeschneiderte Infrastruktur, ausl\u00e4ndisches Kapital f\u00fcr Joint Ventures und Investitionen in die Entwicklung unbebauter Fl\u00e4chen anzulocken.<\/p>\n<p>Die Kaluga-Region ist aufgrund ihrer N\u00e4he zu Moskau und Westeuropa f\u00fcr\u00a0<a href=\"https:\/\/docplayer.org\/26540439-Russland-zwischen-aufbruch-und-wirklichkeit-jahresbericht-der-deutsch-russischen-auslandshandelskammer.html\">ausl\u00e4ndische Autobauer*innen besonders attraktiv<\/a>. Als VW sich 2008 ansiedelte, taten es ihm eine Reihe weiterer wichtiger ausl\u00e4ndischer Zulieferer*innen gleich und bescherten der Region einen erheblichen Aufschwung. Anfang der 2010er-Jahre waren bei dem heute gr\u00f6\u00dften ausl\u00e4ndischen Autohersteller in Russland am Standort Kaluga rund 6.000 Arbeiter*innen besch\u00e4ftigt, etwa 70% davon in der Montage. Die Fluktuation war jedoch au\u00dfergew\u00f6hnlich hoch, 1.000 neue Arbeiter*innen im Jahr waren keine Seltenheit (bis die Ukraine-Krise die Nachfrage reduzierte). Das weist sowohl auf den anhaltenden Fachkr\u00e4ftemangel als auch die gro\u00dfe Unzufriedenheit der Arbeiter*innen mit den intensiven Produktionsprozessen hin.<\/p>\n<p>Die wachsende Bedeutung ausl\u00e4ndischer Firmen in Russland l\u00e4utete eine neue \u00c4ra f\u00fcr alternative Gewerkschaften ein. Diese ergriffen schnell die Gelegenheit, die Rechte und Belange der Arbeiter*innenschaft in den transnationalen Unternehmen zu thematisieren, die nicht wie die einheimischen Firmen in einem postsozialistischen Erbe verhaftet waren. Die wichtigste dieser Gewerkschaften, die\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Interregionale_Gewerkschaft_Arbeiter-Allianz\">MPRA<\/a>\u00a0(<em>Mezhregional\u2019nyi profsoiuz \u201cRabochii assotsiatsiia\u201d<\/em>, Interregionale Gewerkschaft \u201cArbeitervereinigung\u201d, ehemals Interregionale Gewerkschaft der Automobilarbeiter), ging nach jahrelangen intensiven Arbeitskonflikten 2007 aus einer lokalen Gewerkschaft in einem Ford-Werk in St. Petersburg hervor. Die MPRA z\u00e4hlt ca. 3.000 Mitglieder aus 40 Regionen. Sie nutzt die traditionell starke betriebliche Arbeiter*innenverhandlungsmacht in der Automobilindustrie, indem sie gro\u00dfe Gruppen von Arbeiter*innen im Produktionsprozess mobilisiert, um typische Forderungen durchzusetzen, oft unter Bezugnahme auf privilegierte Kolleg*innen in der Unternehmenszentrale.<\/p>\n<p><strong>Arbeiter*innen-Organisation bei VW<\/strong><\/p>\n<p>Bei VW in Kaluga erfolgte kurz nach Er\u00f6ffnung eine umfassende gewerkschaftliche Organisierung durch die MPRA. Vom Management anerkannt wurde sie jedoch erst nach vier Jahren, im Zuge der ersten Tarifverhandlungen 2012, als die MPRA bereits 1.200 Mitglieder hatte. Den Erfolg verdankt sie besonders den gro\u00dfen Streik- und Protestaktionen f\u00fcr den Abschluss eines Tarifvertrags bei Benteler, einem der wichtigsten lokalen VW-Zulieferer. Seitdem ist die MPRA nicht nur bei Benteler die dominante Gewerkschaft und offizieller Tarifpartner, sondern auch bei VW. Dort verdr\u00e4ngte sie eine traditionelle FNPR-Gewerkschaft, die kurz nach ihr entstanden war.<\/p>\n<p>Wie im Fall von VW und Benteler mobilisiert die MPRA meist f\u00fcr konkrete Proteste mit bisweilen unkonventionellen Mitteln, z.B. mit Dienst nach Vorschrift oder landesweiten Boykotten. Die St\u00f6rung empfindlicher Wertsch\u00f6pfungsketten verursacht erhebliche Kosten. Solche Kampfma\u00dfnahmen umgehen das repressive Arbeitsrecht und somit die hohen H\u00fcrden f\u00fcr legale Streiks. Weniger b\u00fcrokratische Barrieren innerhalb der sehr flexiblen Organisation sind auch vorteilhaft f\u00fcr die meist lokal t\u00e4tigen Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Sowohl auf Betriebs- als auch auf Branchenebene befinden sich die Gewerkschaften noch im Lernprozess und versuchen, ihre Ressourcen in der MPRA zu stabilisieren. F\u00fcr eine dauerhafte Verhandlungsmacht galt es, den unterschiedlichen Mitgliederinteressen gerecht zu werden und zugleich die Belegschaft \u00fcber laufende Verhandlungen mit der Unternehmensleitung zu informieren. Die Verhandlungsmacht auf Branchenebene ist fragil, da die Tarifvertr\u00e4ge auf Betriebe beschr\u00e4nkt sind. Dadurch bleiben die Aktionen der Gewerkschaften lokal, was ihren Einfluss mindert. Gewerkschafter*innen sehen \u00fcberbetriebliche, verbindliche Vereinbarungen als \u201ckaum erreichbar\u201d an. Sie konzentrieren sich auf Verbesserungen der Arbeitsbedingungen im eigenen Werk. Auch sind TNCs im Automobilsektor gemeinhin nicht in Unternehmerverb\u00e4nden organisiert. Die MPRA h\u00e4tte auf Sektor- oder Regionalebene also gar keinen Tarifpartner.<\/p>\n<p>Trotz oder vielmehr aufgrund der erfolgreichen Durchsetzung von Tarifvertr\u00e4gen bei VW und Benteler im Jahr 2012 wurden einige Gewerkschaftsmitglieder kurz nach der Beilegung der Arbeitskonflikte von lokalen Sicherheitsdiensten zur \u201cExtremismus\u201d-Bek\u00e4mpfung, festgenommen und befragt. Sie wurden schlie\u00dflich wieder freigelassen, jedoch nicht \u00fcber Sinn und Zweck der Untersuchungen informiert. Die versuchte Einsch\u00fcchterung aktiver Gewerkschaftsmitglieder zeugt vom wiederauflebenden Autoritarismus im Verh\u00e4ltnis zwischen Staat und Arbeiter*innenschaft.<\/p>\n<p>Gehen wir nochmal ein paar Jahre zur\u00fcck: Von der Feindseligkeit gegen\u00fcber Gewerkschaftsarbeit zeugen auch die drastischen Arbeitsrechtsreformen von 2001, die besonders das Aktionsrecht kleinerer, alternativer Gewerkschaften beschneiden. Deren Ziel ist es, in die Politik einzugreifen und Arbeitsmarkt wie Sozialpolitik zu beeinflussen oder gar die F\u00e4higkeit zu erlangen, soziale Unruhen zu provozieren. Das war f\u00fcr die Regierung Bedrohung genug, um die \u00c4nderungen schon fr\u00fch im Putin-Regime zu rechtfertigen. Jede Umgestaltung des etablierten Systems b\u00f6te alternativen Gewerkschaften die M\u00f6glichkeit, Einfluss zu gewinnen. Deshalb unterst\u00fctzt die Regierung die Traditionsgewerkschaften als dominante Akteure, obwohl sie gesellschaftlich immer weniger Zuspruch haben.<\/p>\n<p>Als kleine Gewerkschaft, die vor allem in transnationalen und Automobilunternehmen in fragmentierten Arbeitsbeziehungen agiert, ist der Spielraum der MPRA, in die breitere Arbeiter*innenklasse oder Gesellschaft zu expandieren und damit auch Arbeiter*innen anderer Branchen zu erreichen, begrenzt. J\u00fcngste Entwicklungen, wie das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Russland-Was-steckt-hinter-dem-Verbot-der-unabhaengigen-Gewerkschaft-MPRA-3944650.html\">Verbot der MPRA 2018<\/a>\u00a0erschweren diesen Prozess. Der neuen Bewegung f\u00e4llt es schwer, ihre Erfolge auf Werksebene und auch entlang von Wertsch\u00f6pfungsketten in eine dauerhafte Organisationsmacht und wirklichen Einfluss auf Institutionen und Politik umzuwandeln. Letzteres wird besonders vom Autoritarismus gebremst. Ob neue Gewerkschaften nicht nur \u00fcberleben, sondern sich unter den widrigen Umst\u00e4nden weiterentwickeln, bleibt offen. Die MPRA arbeitet jedenfalls\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zaks.ru\/new\/search.php?query=%CC%CF%D0%C0\">unerm\u00fcdlich weiter<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Verschiebung der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse?<\/strong><\/p>\n<p>Die Entstehung neuer konfliktorientierter Gewerkschaften in Russland scheint vielversprechend. Die neuen Gewerkschaften wie in Kaluga nutzen unkonventionelle Protestformen, um sich f\u00fcr Arbeiter*innenbelange einzusetzen. Zusammenh\u00e4nge und Abh\u00e4ngigkeiten zwischen den transnationalen Firmen entlang der Wertsch\u00f6pfungskette sowie die unterschiedlichen nationalen, politischen und wirtschaftlichen Determinanten der ehemals sozialistischen L\u00e4nder erschweren jedoch eine klare Einsch\u00e4tzung der Arbeiter*innenschaft und ihrer Gewerkschaften. Die Feldforschungen zeigen aber, dass sie sich erfolgreich f\u00fcr Arbeiter*innen eingesetzt und das etablierte System infrage gestellt haben, indem sie vor allem in ausl\u00e4ndischen Unternehmen umfassend organisierten. Obwohl sie auf Werksebene in einigen TNCs im Automobilsektor etwa zehn Jahre lang betr\u00e4chtliche Erfolge verzeichneten, sind die Aussichten auf dauerhafte Konsolidierung nicht allzu positiv.<\/p>\n<p>Unsere Analyse deutet darauf hin, dass die Entwicklungen weitgehend in der hohen prim\u00e4ren Verhandlungsmacht der Arbeiter*innenschaft in einem Sektor begr\u00fcndet sind, in dem Importmangel die Unternehmensspielr\u00e4ume einschr\u00e4nkt. Die MPRA verzeichnet aufgrund der fortschreitenden Verschlechterung der Besch\u00e4ftigungslage in der Automobilbranche sowie der anhaltenden wirtschaftlichen Probleme in Russland einen deutlichen Mitgliederr\u00fcckgang. Das hat zu einer Stagnation der Verbandsmacht gef\u00fchrt. Die ausschlie\u00dflich lokale Fokussierung verbaut \u2013 trotz einiger Erfolge \u2013 die Chancen auf sektorale und regionale Vereinbarungen. Dieses Hindernis setzt sich bis auf die institutionelle Ebene fort, auf der die neuen Gewerkschaften praktisch keine M\u00f6glichkeit haben, die festgefahrenen Institutionen der Arbeitsbeziehungen zu \u00fcberwinden, die sich durch das anhaltende Monopol traditioneller Gewerkschaften und einen pseudopaternalistischen Staat auszeichnen.<\/p>\n<p>Eine Verschiebung des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses ist daher nur langfristig zu erwarten. Ironischerweise birgt das Vorgehen des autorit\u00e4ren Staats das Potenzial, die Entwicklung zu beschleunigen. Die anhaltende Sparpolitik im \u00f6ffentlichen Sektor hat unter den Besch\u00e4ftigten der \u00f6ffentlichen Dienste zu verst\u00e4rkter Organisierung \u201cvon unten\u201d gef\u00fchrt \u2013 2019 wurden 20% der Arbeitsproteste von Besch\u00e4ftigten im Gesundheitssektor organisiert, die h\u00f6here L\u00f6hne fordern (TsSTP 2020). Wenn aktivistische Gewerkschaften die Initiative zur\u00fcckgewinnen wollen, m\u00fcssen sie die Schaupl\u00e4tze der materiellen Produktion verlassen und an der Front k\u00e4mpfen, an der die Neoliberalisierung in Russland gerade den gr\u00f6\u00dften Schaden anrichtet \u2013 im \u00f6ffentlichen Sektor und im Bereich neuer Dienstleistungen wie Uber und Essenslieferdiensten.<\/p>\n<p><em>Anm. d. Red.: Dieser Beitrag ist eine \u00fcberarbeitete Fassung des in gedruckter Fassung k\u00fcrzlich im Sammelband\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.vsa-verlag.de\/nc\/buecher\/detail\/artikel\/mehr-als-arbeitskampf\/\"><em>Mehr als Arbeitskampf!<\/em><\/a><em>\u00a0(2021)\u00a0erschienenen<\/em>\u00a0Texts<em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/berlinergazette.de\/alternative-gewerkschaften-in-russland-widerstand-gegen-neo-autoritarismus-und-kooptierung\/\"><em>berlinergazette.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Juli 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die unabh\u00e4ngige Gewerkschaft MPRA wurde im Jahr 2018 aus fadenscheinigen Gr\u00fcnden durch ein Gericht in St. Petersburg verboten. 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