{"id":9940,"date":"2021-08-02T08:55:33","date_gmt":"2021-08-02T06:55:33","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9940"},"modified":"2021-08-02T08:55:34","modified_gmt":"2021-08-02T06:55:34","slug":"arbeiterelend-abseits-der-linken-parteien-und-gewerkschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9940","title":{"rendered":"Arbeiterelend \u2013 Abseits der linken Parteien und Gewerkschaften"},"content":{"rendered":"<p><em>Sebastian B\u00e4hr. <\/em>Ein paar Tage Urlaub an der Ostsee, meine Eltern und ich. Wir versuchen, die Zeit zu genie\u00dfen \u2013 doch etwas durchbricht die kurzweilige Idylle zwischen Fischbr\u00f6tchen, M\u00f6wengeschrei und Strandmuscheln. Mein Vater hat mittlerweile gro\u00dfe Schmerzen beim Laufen und isst nur noch wenig. Seine Schultern sind eingefallen, seine Augen zusammengekniffen, sein Schweigen ist die Regel. Die meiste Zeit <!--more-->verbringt er zusammengesunken im Hotelzimmer vor dem Fernseher, w\u00e4hrend ich mit meiner Mutter Ausfl\u00fcge unternehme. Sie hat wenige Freunde und will auch mal wieder etwas erleben.<\/p>\n<p>Mein Vater ist gerade mal 61. Er hat noch f\u00fcnf bis sechs Jahre bis zur gesetzlichen Rente vor sich. Nach b\u00fcrgerlichen Ma\u00dfst\u00e4ben und dem Stand der Medizin ist er eigentlich noch nicht so alt. Ich habe trotzdem Angst, dass er es nicht mehr bis zur Rente packt, mit seinem kaputten K\u00f6rper, seiner Ersch\u00f6pfung, seiner Lohnarbeit.<\/p>\n<p>Jahrelang hatte mein Vater auf die eindringlichen Warnungen von mir und meiner Mutter mit Relativierungen geantwortet. \u00bbAlles gut\u00ab, sagte er immer wieder, auch wenn offensichtlich nichts gut war. Seine Worte sind nicht nur einem zerst\u00f6rerischen M\u00e4nnlichkeitsideal, sondern auch einem Verantwortungsgef\u00fchl gegen\u00fcber seiner Familie geschuldet.<\/p>\n<p>In diesem Urlaub relativiert er nicht. \u00bbIch habe kein Bock mehr\u00ab, sagt mir mein Vater in einer ruhigen Minute, rauchend auf dem Balkon, und meint damit seinen Job als Verk\u00e4ufer im Einzelhandel \u2013\u00a0er tr\u00e4gt, baut auf, baut ab, ber\u00e4t, verr\u00e4umt, bestellt, kontrolliert das Lager, arbeitet an der Kasse, immer viel am bewegen. \u00bbIch habe keine Kraft mehr\u00ab, sagt mir sp\u00e4ter meine Mutter beim Spazierengehen und meint damit das Zusammenleben mit meinem Vater. Ich denke, dass sich meine Eltern nach rund drei Jahrzehnten Ehe noch lieben, doch die B\u00fcrden, die beide unabh\u00e4ngig voneinander und auch gemeinsam tragen, sind schwer. Mit ansehen zu m\u00fcssen, wie ein Mensch, den man liebt, in Zeitlupe vor einem verblasst, sich nur noch durch das Leben schleppt, kaputt ist und fortlaufend kaputt gemacht wird, vermeintlich resigniert hat mit sich und den kranken Zust\u00e4nden im Kleinen und Gro\u00dfen \u2013 das ist au\u00dferordentlich anstrengend. Und macht w\u00fctend. Meine Mutter richtet ihre Wut vornehmlich auf die Unf\u00e4higkeit meines Vaters, sich um sich selbst zu k\u00fcmmern. Ich richte sie vornehmlich auf die Zust\u00e4nde, die ihm die Kraft und M\u00f6glichkeit daf\u00fcr nehmen.<\/p>\n<p><strong>Entgrenzung<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann meine Mutter verstehen. Es ist nicht der erste Urlaub, der so verl\u00e4uft. Vor nicht allzu langer Zeit waren meine Eltern auf einer Minikreuzfahrt, am Geburtstag meiner Mutter lag mein Vater mit Bauchkr\u00e4mpfen in der Kabine, ihr Tagesausflug fiel aus. Ich erfuhr das alles per SMS. Wenn mein Vater nicht drum herum kommt, mal mit uns in ein Restaurant zu gehen, dann verdeckt er sein nicht gegessenes Essen mit einer Serviette. Die anderen G\u00e4ste sollen es nicht merken. Der Stress der Lohnarbeit hat seinen Magen zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wenn ich meinen Vater sehe, dann sehe ich nicht nur, aber auch drei Jahrzehnte kapitalistische Zurichtung und Disziplinierung. Die vor allem \u00fcber die Verbreitung von Angst funktionierende Gewalt, die ihm angetan wurde und wird, l\u00e4sst sich wie ein roter Faden in die Vergangenheit zur\u00fcckverfolgen.<\/p>\n<p>Meine Eltern hatten sich kurz vor dem Ende der DDR in einer M\u00e4hdrescherfabrik in Sachsen kennengelernt. Nach der Wende verlor der Osten seine Industrie, beide verloren ihre Arbeit und die Plattenbauten, in denen wir lebten, ihren guten Ruf. Ich war noch klein, meine Eltern entschieden sich gegen ein zweites Kind. Nach Jahren der Ungewissheit fanden beide feste Anstellungen, nicht allen in meiner erweiterten Familie war das verg\u00f6nnt. Meine Mutter landete in einer kleinen B\u00fcroniederlassung eines westdeutschen Mittelstandsbetriebs, mein Vater in einem neu er\u00f6ffneten Supermarkt am Stadtrand. Es waren keine Orte der Selbstverwirklichung, aber sie brachten zumindest etwas Sicherheit. Die Leute waren damals froh, \u00bbwenn sie was hatten\u00ab, und machten keinen \u00c4rger. Ihnen wurde von oben eingebl\u00e4ut, dankbar zu sein. Den anderen gehe es ja noch schlechter.<\/p>\n<p>Die ersten Jahre im Supermarkt scheinen den Erz\u00e4hlungen meines Vaters zufolge auch noch halbwegs in Ordnung gewesen zu sein. Es gab Weihnachtsfeiern, Kolleg*innen besuchten einander, mein Vater hatte gute Laune. Im Hort war ich oft das letzte Kind, das abgeholt wurde, aber was soll\u2019s \u2013 daf\u00fcr spielte mein Paps im Kindergarten auch mal den Weihnachtsmann. Und als er die Spielzeugabteilung betreute, fiel auch mal ein Ausstellungsst\u00fcck f\u00fcr mich ab.<\/p>\n<p>Unter der rot-gr\u00fcnen Bundesregierung wurde im Jahr 2000 dann die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifvertr\u00e4ge im Einzelhandel aufgehoben \u2013 Preiskrieg, Lohndumping und Kostenwettbewerb waren die neuen Schlagworte in der Branche. Einige Zeit danach begann es auch bei ihm schrittweise h\u00e4rter zu werden. Extrazahlungen strich man zusammen, die Kolleg*innen wurden weniger, die Stimmung gereizter. Die Arbeitsverdichtung h\u00f6her, die pseudomodernen Managementma\u00dfnahmen undurchsichtiger, die \u00dcberstunden h\u00e4ufiger. Die Schichtarbeit kostete mehr und mehr Energie.<\/p>\n<p>Unter der rot-gr\u00fcnen Bundesregierung wurde im Jahr 2000 dann die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifvertr\u00e4ge im Einzelhandel aufgehoben.<\/p>\n<p>Mein Vater bekam bestimmte Bereiche zugewiesen, f\u00fcr die er verantwortlich war, doch die Aufgaben waren in der regul\u00e4ren Arbeitszeit nicht zu schaffen. Als Jugendlicher half ich ihm mehrmals kurz vor Dienstschluss aus, r\u00e4umte f\u00fcr ihn Turnschuhe weg, damit er p\u00fcnktlich nach Hause kommen konnte. Mit fortschreitendem Alter merkte ich, wie sein Lachen schrittweise abnahm \u2013 zumindest bilde ich mir das r\u00fcckblickend ein. Eigentlich ist er ein humorvoller Typ. Vor der Familie wollte er stark sein, \u00fcber Sorgen sprach er nicht.<\/p>\n<p>Die Entgrenzung seiner Arbeitszeiten nahm f\u00fcr uns teilweise absurde Z\u00fcge an: Um Geld zu sparen, k\u00fcndigte sein Markt irgendwann den Sicherheitsdienst. Fortan sollten einige normale Mitarbeiter*innen nachts in Bereitschaft warten und die Filiale kontrollieren, falls ein Notalarm ert\u00f6nt \u2013 er bekam daf\u00fcr extra einen Pieper. Es war gar nicht so selten, dass dieser l\u00e4utete. Ich glaube, es war ein Weihnachtsfest, mein Vater musste dreimal den Markt kontrollieren fahren \u2013\u00a0 jedes Mal handelte es sich um einen Fehlalarm. Die finanzielle Entsch\u00e4digung f\u00fcr den Bereitschaftsdienst war ein Witz, doch meinem Vater und seinen Kolleg*innen wurde vermittelt, dass es in ihrem Interesse sei, nicht abzulehnen. F\u00fcr den Markt ging es vermutlich nur um einige Tausend Euro. Bei uns in der Familie hatte sein zus\u00e4tzlicher Bereitschaftsdienst an vielen Wochenenden verhindert, dass wir etwas unternehmen konnten, dazu bekam er Schlafprobleme.<\/p>\n<p><strong>Bitte l\u00e4cheln<\/strong><\/p>\n<p>Ich empfand als Jugendlicher die Zust\u00e4nde als ungerecht, aber nahm sie wie meine Eltern weitestgehend hin. Daf\u00fcr gibt es einen Trick: Meinem Vater und meiner Mutter wurde permanent vermittelt, dass ihre Jobs nicht sicher seien \u2013 ihre Arbeitsverh\u00e4ltnisse waren sozusagen eine Gnade, und ihre Gew\u00e4hrung k\u00f6nnte jederzeit zur\u00fcckgenommen werden. Jegliches Aufbegehren hatte und hat es schwer, gegen diese totale Verunsicherung, diese Angst vor Statusverlust und Armut anzukommen. F\u00fcr uns blieb klar: Lohnarbeit ist die Zeit, die nervt. Die freie Zeit zu Hause sind die wertvollen Momente, wo man sein kann, wie man ist. Und die Familie h\u00e4lt zusammen.<\/p>\n<p>Fortan wurde es jedoch mit jedem Jahr schlimmer. Und die Chefs wurden dreister. Mein Vater ist ein sehr friedfertiger Mensch, aber in zwei Momenten \u2013 so erinnere ich mich heute \u2013 war selbst ihm der Kragen geplatzt: Einmal lie\u00dfen die Chefs alle Mitarbeiter*innen versammeln. Ein von der Marktleitung beauftragter Arbeitspsychologe erkl\u00e4rte dann der \u00fcberarbeiteten Belegschaft, dass die wahren Gr\u00fcnde ihrer \u00dcberarbeitung in schlechter Ern\u00e4hrung, zu viel Alkohol und Zugluft l\u00e4gen. Jede*r bekam ein modern designtes Heft mit Bildern l\u00e4chelnder Menschen, wo das auch nochmal als Text mit Grafiken stand. Diese Brosch\u00fcre habe ich bis heute aufgehoben. Ein andermal wurde mein Vater nach einem harten Arbeitstag vom Chef ermahnt, dass er doch die Kund*innen mehr anl\u00e4cheln sollte. Ich hatte ihn selten so aufgew\u00fchlt erlebt.<\/p>\n<p>Die Situation verschlechterte sich weiter \u2013 langsam, aber stetig. Vor wenigen Jahren hatte mein Vater dann seinen Burnout. Auf eine zynische Art hatten wir es fast erwartet. K\u00f6rperliche Beschwerden trafen auf eine totale Ersch\u00f6pfung. Er blieb mehr als ein halbes Jahr zu Hause, hatte mehrere Operationen und Untersuchungen. Dazwischen monatelanges Warten auf Arzttermine, immer wieder Schmerzen, Fernseher, Schweigen, R\u00fcckzug, Depression \u2013 wobei letztere als konkret eingrenzbarer Zeitraum nur schwer zu fassen ist. Mir fiel an seinem Beispiel auf, wie schwer es ist, bestimmte medizinische Behandlungen zu bekommen, wenn man sie nicht mit Nachdruck gegen\u00fcber Krankenkassen und \u00c4rzt*innen einfordert. Die Marktleitung verpasste ihm in dieser Zeit dazu noch zwei Abmahnungen wegen Nichtigkeiten, haupts\u00e4chlich weil er seine Arbeitsaufgaben nicht geschafft haben soll. Der absurde Vorwurf h\u00e4tte wohl vor keinem Arbeitsgericht Bestand gehabt, aber wer soll in dieser Phase die Kraft zum Klagen finden. Er war offiziell angez\u00e4hlt. Wir hielten als Familie zusammen \u2013 wobei den L\u00f6wenanteil der Sorgearbeit meine Mutter trug. Ich lebte bereits in einer anderen Stadt, konnte nur manchmal da sein. An schlechtes Gewissen kann man sich nicht gew\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Mein Vater war weder der erste noch der letzte, der in seinem Markt einen Burnout erlitten hatte. Nach seiner stufenweisen R\u00fcckkehr mit dem Hamburger Modell war er einige Monate in der Telefonzentrale, zuletzt musste er h\u00e4ufiger an der Kasse arbeiten. Hier finden sich auch die Kolleg*innen, die nicht mehr so viel Energie zum Laufen und Tragen haben. Die monotone T\u00e4tigkeit ist f\u00fcr ihn mit Scham und weiterer Entfremdung verbunden. Bei den anderen Aufgaben konnte er noch etwas selbstbestimmter und nach seiner Sicht auch kreativer arbeiten.<\/p>\n<p>Auch wenn mein Vater nun wieder zur Lohnarbeit geht \u2013 immerhin einige Stunden verk\u00fcrzt \u2013, so ist er doch nach seinem Burnout nie mehr richtig gesund geworden. Er ist angeschlagen und m\u00fcde, hat keine Energie mehr und doch noch f\u00fcnf bis sechs elendig lange Jahre vor sich. \u00bbIch habe keinen Bock mehr\u00ab, ist seine Art, das auszudr\u00fccken. Was kann er tun? Die M\u00f6glichkeit einer Berufsunf\u00e4higkeitsrente ist f\u00fcr ihn mit zu hohen amtlichen H\u00fcrden verkn\u00fcpft \u2013 und kratzt dazu auch an seinem Stolz, er will niemandem \u00bbauf der Tasche liegen\u00ab. Der Arbeitsfetisch der DDR und der BRD haben an dieser Sichtweise keine geringe Schuld. Selbst k\u00fcndigen zu diesem Zeitpunkt w\u00e4re f\u00fcr ihn dagegen mit massiven Renteneinschnitten verbunden \u2013 die Angst vor Altersarmut ist bei seinem \u00fcberschaubaren Gehalt nicht an den Haaren herbeigezogen. Meine Eltern sind aus der Platte weggezogen und wollen nicht mehr zur\u00fcck. Aufgrund der vermeintlichen Alternativlosigkeit zwingt mein Vater sich, weiter durchzuhalten. Er, meine Mutter und auch ich haben dabei unsere Grenzen l\u00e4ngst alle \u00fcberschritten. All die klugen linken B\u00fccher helfen mir hier nicht weiter.<\/p>\n<p><strong>Rote Abziehbilder<\/strong><\/p>\n<p>Warum sollte das relevant sein? Ich glaube: Weil sich in meiner Ohnmacht gegen\u00fcber der Lage meines Vaters auch die derzeitige Unf\u00e4higkeit der gesellschaftlichen Linken spiegelt, f\u00fcr die Klasse der Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten eine relevante Rolle zu spielen. Im Leben meiner Eltern hatte es die ganzen letzten drei Jahrzehnte keine organisierten Solidarstrukturen gegeben, die ihnen bei konkreten Problemen geholfen haben oder deren Hilfsannahme f\u00fcr sie eine naheliegende Option gewesen w\u00e4re. Im Endeffekt waren Freundschaften \u2013 sofern man f\u00fcr sie noch Kraft und Zeit hatte \u2013 sowie letztlich die Familie f\u00fcr das Aushalten und Kompensieren der kapitalistischen Zust\u00e4nde verantwortlich. Mit den realen \u2013 und wenigen \u2013 fortschrittlichen Kr\u00e4ften in ihrer Wohngegend gab es keine gegenseitigen Bez\u00fcge. Linke kamen \u2013 bis auf mich \u2013 im Leben meiner Eltern nicht vor. Sie kennen Linke oder die Roten, wie die Alten absch\u00e4tzig sagen, nur als Abziehbilder: als wenig begeisternde Erinnerung an Graum\u00e4ntel aus der DDR; aus den Nachrichten, wenn Bilder von rennenden Vermummten in Connewitz ohne weitere Erkl\u00e4rung auf dem Bildschirm flackern; wenn linke Profi-Politiker*innen bei Talkshows sprechen.<\/p>\n<p>Mein Vater ist ein hadernder, aber doch ein Bauchlinker: Er wei\u00df, wer ihn ausbeutet und warum. Gegen\u00fcber Gewerkschaften und Parteien hegt er dennoch ein tiefes Misstrauen \u2013 es ist ihm schwer zu ver\u00fcbeln.<\/p>\n<p>Die Vorstellung, was es bedeutet, kollektiv etwas zu gewinnen, ist ihnen nicht pr\u00e4sent, 1989 ist nur ein vergangener, ambivalenter Mythos. Die M\u00f6glichkeit, dass man heute etwas kollektiv gewinnen k\u00f6nnte, halten sie f\u00fcr nicht realistisch. Die Ungerechtigkeit des realen Kapitalismus ist ihnen verbindlicher und verl\u00e4sslicher als die diffuse Hoffnung einer emanzipatorischen Gesellschaftsalternative oder eines heroischen, symbolischen Widerstandes. Sie sind pragmatisch. Die Arbeitsk\u00e4mpfe der 1990er Jahre im Osten oder die Hartz-IV-Proteste spielen in ihrem Bewusstsein keine gro\u00dfe Rolle. Ich denke, sie waren in jenen Zeiten mehr mit ihren eigenen Problemen besch\u00e4ftigt. Sie haben dennoch verinnerlicht, dass man verloren hatte, so wie immer. F\u00fcr sie macht es keinen Sinn, sich an Niederlagen zu erinnern, so k\u00e4mpferisch einige Auseinandersetzungen auch waren. Die DDR wollen sie nicht zur\u00fcck, \u00fcber den Zustand der BRD machen sie sich keine Illusionen, die EU sehen sie als die kapitalistische Interessengemeinschaft, die sie ist.<\/p>\n<p>Es ist kein Wunder, dass im Milieu meiner Eltern einige mit der AfD lieb\u00e4ugeln. Die Rechtsau\u00dfenpartei verspricht ihnen Selbstwirksamkeit, also von den M\u00e4chtigen ernst genommen zu werden. Die autorit\u00e4ren Gel\u00e4ndegewinne der vergangenen Jahre brachten selbst die Aufgeschlossenen dazu, an ihrer eigenen Humanit\u00e4t zu zweifeln. Diejenigen, die schon vorher Rassist*innen waren, trugen nun voller Stolz und Genugtuung ihre Einstellungen vor sich her. Viele von uns jungen Linken waren gegangen, das hat die Auseinandersetzungen schwieriger gemacht. Ein Treffen alle paar Wochen kann nur bedingt das Kippen von ganzen Stadtvierteln und Betrieben kompensieren \u2013 ist aber auch besser als nichts.<\/p>\n<p>Mein Vater ist dagegen zwar ein hadernder, aber doch ein \u00bbBauchlinker\u00ab \u2013 einer der wenigen, die geblieben sind. Er wei\u00df, wer ihn ausbeutet und warum. Gegen\u00fcber Gewerkschaften und Parteien hegt er dennoch ein tiefes Misstrauen \u2013 es ist ihm schwer zu ver\u00fcbeln, haben doch weder Gewerkschaften noch Parteien in Sachsen in den letzten Jahren gro\u00dfe Erfolge vorzuweisen \u2013 die NGG ausgenommen, ich erz\u00e4hle ihm immer wieder davon \u2013 oder sein Leben konkret verbessern k\u00f6nnen. Seine Branchengewerkschaft schon gar nicht. Nach 30 Jahren Abwehrk\u00e4mpfen unterliegen gerade mal 20 Prozent der Einzelhandelsbesch\u00e4ftigen im Osten einer Tarifbindung, der zweitniedrigste Wert aller Branchen.<\/p>\n<p>Doch es ist mehr als das. Wenn mein Vater in den Medien die Funktion\u00e4re sieht, dann sieht er niemanden von \u00bbseinen\u00ab Leuten. Das wachsende Dienstleistungsproletariat, dem er angeh\u00f6rt, verf\u00fcgt kaum \u00fcber Repr\u00e4sentant*innen in der \u00d6ffentlichkeit. Die k\u00f6rperliche, materielle Arbeit ist nicht nur \u00f6konomisch und gesellschaftlich entwertet, sie hat auch kaum jemanden, der sichtbar und \u00fcberzeugend f\u00fcr sie k\u00e4mpft. Mir ist klar, dass dies einige Teile der Linkspartei, der SPD und selbst der au\u00dferparlamentarischen Linken gerne w\u00fcrden \u2013 doch es gelingt ihnen nur schlecht. Was an vermeintlicher Spiegelung bleibt, sind die elenden, diskriminierenden Karikaturen des Privatfernsehens, die Geschichten der (ostdeutschen) \u00bbProlls\u00ab und Hartz-IV-Empf\u00e4nger*innen. Meine Eltern verstehen die Absurdit\u00e4t der verzerrten Bilder. Die Funktion der Disziplinierung erf\u00fcllen sie trotzdem.<\/p>\n<p>Wie soll ohne K\u00e4mpfe, ohne sichtbare Vorbilder und ohne Idee der eigenen Rolle eine k\u00e4mpferische Kollektividentit\u00e4t entstehen? Mein Vater sieht sich nicht als Arbeiter. Meine Eltern bestehen darauf, dass sie zum Mittelstand geh\u00f6ren. Die kapitalistische Ideologie hat es geschafft, dass f\u00fcr viele aus ihrem Milieu \u00bbArbeiter\u00ab gleichbedeutend mit \u00bbungebildetem Verlierer\u00ab steht. Ein \u00bbArbeiter\u00ab hat es demnach noch nicht geschafft, so gut zu verdienen wie die weiter oben. Er bringt zu wenig oder die falsche Leistung. Mittelstand bedeutet dagegen \u00f6konomische Sicherheit, Kultur, M\u00f6glichkeiten und Erfolg. Den Zustand des \u00bbArbeiters\u00ab will man so schnell wie m\u00f6glich hinter sich lassen, denn wer viel arbeitet, aber wenig verdient, gilt als nicht clever oder hat schlechte Entscheidungen getroffen.<\/p>\n<p><strong>Heimliche Freude<\/strong><\/p>\n<p>Meine Eltern wissen nichts von\u00a0 linken Debatten wie der um neue Klassenpolitik. Sie denken, dass sich \u00bbaltmodische Linke\u00ab immer noch an den (m\u00e4nnlichen) Stahl- und Fabrikarbeitern des 20. Jahrhundert orientieren und \u00bbmoderne Linke\u00ab an K\u00e4mpfen au\u00dferhalb der Lohnarbeit. F\u00fcr sie, ihren Lebensstil und ihre Berufe scheint da kein Platz. Die Kolleg*innen meines Vaters sehen sich wiederum in erster Linie auch nicht als Kampfgemeinschaft, sondern als Leidensgemeinschaft. Der Gro\u00dfteil von ihnen erkennt keinen Weg, etwas Reales innerhalb der Strukturen mit vertretbarem Risiko zu gewinnen \u2013 wer kann und es sich traut, der k\u00fcndigt. Mittlerweile ist auch meine letzte Hoffnung, dass mein Vater so schnell wie m\u00f6glich seinen Beruf verlassen kann.<\/p>\n<p>Und vermutlich w\u00fcrde ihm das gar nicht mal so leicht fallen. Es mag paradox klingen: Mein Vater hasst seine Lohnarbeit und ist doch gleichzeitig stolz auf das, was er leistet. In diesem Stolz \u2013 der nicht selten mit einer ostdeutschen Identit\u00e4t verwoben ist \u2013 schimmert immer wieder auch etwas Widerst\u00e4ndiges durch. Und wenn es drauf ankommt, erkennt mein Vater dabei seinesgleichen. Nicht nur im privaten Umfeld. Als die ausgebeutete Klasse in Griechenland 2015 w\u00e4hrend des Referendums und in Frankreich 2018 mit der Gelbwestenbewegung auf die B\u00fchne der Geschichte trat, hatte er nach meiner Erinnerung wenn auch wenig Hoffnung, so doch zumindest heimliche Freude gezeigt. Zudem muss ich anerkennen, dass er die Gr\u00fcndung von Aufstehen interessiert verfolgt hatte. F\u00fcr seine Verh\u00e4ltnisse war das viel. Er mochte, dass sich hier Musikerinnen engagierten, die er als junger Mann geh\u00f6rt hatte. Trotz aller berechtigten inhaltlichen und organisatorischen Kritik haben sie es zumindest geschafft, ihn neugierig zu machen.<\/p>\n<p>Es ist schwer, aber nicht unm\u00f6glich, zu ihm durchzudringen. Die vergangenen Jahrzehnte haben jedoch einen hohen Schutzwall an Resignation, Zynismus und Fatalismus entstehen lassen. Es br\u00e4uchte wohl langfristiges und ernstgemeintes Engagement vor Ort, starke \u00f6ffentliche Identifikationsfiguren, ehrliche Debatten ohne Paternalismus und Belehrung, sichtbare kleine und gro\u00dfe Erfolge und vor allem eine aufsuchende, niedrigschwellige Ansprache \u00bbseiner Leute\u00ab, um das aufzubrechen. Dem Milieu meines Vaters hat man jahrelang von oben Scham und Zur\u00fcckhaltung eingeh\u00e4mmert. Die so unterdr\u00fcckte Wut richtet sich bei den einen nach unten \u2013 die anderen fressen sie in sich hinein. Mein Vater w\u00e4re sicher nicht der erste, der f\u00fcr Protest auf die Stra\u00dfe geht. Aber wenn ein konkretes Ventil f\u00fcr eine fortschrittliche Kanalisierung seiner Wut gegeben w\u00e4re, h\u00e4tte man schon einiges geschafft.<\/p>\n<p>Vorerst jedoch wird diese Gesellschaft meinem Vater weiter die Rolle des Unsichtbaren aufzwingen. Er soll keine Anspr\u00fcche stellen, den G\u00fcrtel enger schnallen, leise und gr\u00fcndlich seine Arbeit verrichten und vor allem dabei nicht st\u00f6ren. F\u00fcr seine Chefs ist er prim\u00e4r ein Kostenfaktor, f\u00fcr seinen Vermieter ein Hindernis zum Verkauf, f\u00fcr die Kulturindustrie Konsument wie Fremdk\u00f6rper. Diese Gesellschaft ist nicht nach seinen Bed\u00fcrfnissen ausgerichtet, und das wird ihm jeden Tag gezeigt. Mein Vater hat immer versucht, der geforderten Unsichtbarkeit gem\u00e4\u00df zu leben, um seiner Familie in beschissenen Zeiten Sicherheit zu geben. Sie zu verinnerlichen. Irgendwann kam er nicht mehr aus den gef\u00fchlten wie realen Zw\u00e4ngen des Systems heraus. Dass er an dieser Rolle, an diesem Zwang nun zugrunde zu gehen droht und meine Mutter mitrei\u00dft; dass Menschen wie sie und er dem Gro\u00dfteil Deutschlands schei\u00dfegal sind, weil sie selbstverst\u00e4ndlich sind; dass sie anstatt eines Lebens in W\u00fcrde nur Ignoranz und ab und zu Applaus bekommen \u2013 das macht mich unglaublich w\u00fctend.<\/p>\n<p>Dieser Wut versuche ich hier, beim gemeinsamen Urlaub an der Ostsee, am Strand mit den M\u00f6wen, nicht zu viel Raum zu geben. Die Ablenkung von unserem Alltag ist gerade wichtiger, ohne sch\u00f6ne Momente ab und an geht es nicht. Auf ein paar T\u00fcren versuche ich dennoch zu zeigen \u2013 muss dabei aber auch merken, dass meine M\u00f6glichkeiten, als Einzelner, beschr\u00e4nkt sind. Ich bewundere die Kraft meiner Eltern, das alles durchzustehen.<\/p>\n<p><em>#Bild:Maik Banks, Instagram: @maikbanks<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/gesellschaft\/eltern-linke-und-klassengesellschaft-all-die-klugen-buecher-helfen-mir-hier-nicht-weiter\/\"><em>akweb.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. August 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sebastian B\u00e4hr. Ein paar Tage Urlaub an der Ostsee, meine Eltern und ich. Wir versuchen, die Zeit zu genie\u00dfen \u2013 doch etwas durchbricht die kurzweilige Idylle zwischen Fischbr\u00f6tchen, M\u00f6wengeschrei und Strandmuscheln. 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