{"id":9943,"date":"2021-08-03T08:40:04","date_gmt":"2021-08-03T06:40:04","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9943"},"modified":"2021-08-03T08:40:05","modified_gmt":"2021-08-03T06:40:05","slug":"iran-khuzestan-durst-hitze-wut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9943","title":{"rendered":"Iran, Khuzestan: Durst, Hitze, Wut"},"content":{"rendered":"<p><em>Oliver Eberhardt. <\/em><strong>Wegen D\u00fcrre und schlechter Infrastruktur gehen Menschen in der iranischen Provinz Khusestan auf die Stra\u00dfe.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Es gibt Orte auf dieser Welt, an denen Sport und Bewegung im Freien das Leben verk\u00fcrzen. Ahwas ist einer dieser Orte: Staubig, stickig von den ungefilterten Abgasen der vielen Fabriken und Kraftwerke im Umland ist die Luft in der Hauptstadt der iranischen Provinz Khusestan. Moosa Schaeri Karimi, ein ehemaliger B\u00fcrgermeister der Stadt, nimmt am Telefon kein Blatt vor den Mund: \u00bbDas alles hier ist einer der gr\u00f6\u00dften Skandale, den unser Land je erlebt hat.\u00ab<\/p>\n<p>Im Hintergrund sind laute Rufe zu h\u00f6ren und Lautsprecherdurchsagen, mit denen die Menschen aufgefordert werden, nach Hause zu gehen. Seit Mitte Juli schon gibt es \u00fcberall in der an den Irak angrenzenden Provinz Khusestan Proteste gegen die Regierung in Teheran. Unabh\u00e4ngige Beobachter*innen, Menschenrechtsorganisationen gibt es in der entlegenen Region keine, doch das staatliche iranische Fernsehen meldete am Donnerstag, \u00bbbei der Wiederherstellung der staatlichen Ordnung\u00ab seien bislang f\u00fcnf Menschen erschossen worden.<\/p>\n<p><strong>Wasserversorgung zusammengebrochen<\/strong><\/p>\n<p>Kaum erw\u00e4hnt wird indes, dass die Lage ernst ist: In der \u00f6lreichen Region, aus deren Kraftwerken sogar zeitweise Strom in die irakische Provinz Basra geliefert wird, ist die Wasserversorgung zusammengebrochen. Weil in den vergangenen Monaten nur gut die H\u00e4lfte des \u00fcblichen Niederschlags gefallen ist, sind die wenigen B\u00e4che und Fl\u00fcsse ausgetrocknet. Tiere verdursten, Landwirtschaft ist nicht mehr m\u00f6glich. Die Wasserwerke haben M\u00fche, ausreichend Trinkwasser f\u00fcr die fast f\u00fcnf Millionen Einwohner*innen der Provinz zu f\u00f6rdern. Und seit Tagen f\u00e4llt auch immer wieder der Strom aus, bei Temperaturen, die derzeit bis zu 46 Grad am Tag erreichen. \u00bbMorgens flie\u00dft immer etwas Wasser aus der Leitung\u00ab, sagt Karimi, \u00bbund mit etwas Gl\u00fcck k\u00f6nnen wir dann ein paar Liter sammeln, um \u00fcber den Tag zu kommen. Heute haben wir zwei 1,5-Liter-Flaschen f\u00fcr unsere f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie.\u00ab<\/p>\n<p>Neu sei das Problem nicht, sagt Karimi. Er, seine Vorg\u00e4nger und Nachfolger h\u00e4tten viele Briefe nach Teheran geschrieben, gefordert, dass ein landesweites Leitungsnetz aufgebaut wird. Passiert sei nichts. Man habe kein Geld, sei stets die Antwort gewesen und zuletzt auch, dass die USA und ihre Sanktionen daran schuld seien.<\/p>\n<p>Eine Aussage, die auch Hamidreza Fouladgar, der von 2016 bis 2020 Parlamentsabgeordneter war, reichlich zu h\u00f6ren bekommen hat. Er ist ein konservativer Politiker, der nach eigener Aussage fest hinter der islamischen Republik und ihrem Regierungssystem steht, und der sich trotzdem in diesen vier Jahren f\u00fcr ein Umdenken eingesetzt hat. Was nicht un\u00fcblich ist: Die westliche Einteilung in Reformer*innen und Hardliner*innen bezieht sich vor allem auf die Au\u00dfenpolitik; innenpolitisch sind die Lager meist v\u00f6llig anders verteilt: \u00bbDer Schutz der Umwelt, der Kampf gegen den Klimawandel sind \u00fcberlebenswichtig, und wenn ich zu h\u00f6ren bekomme, dass kein Geld da ist, aber gleichzeitig viel Unterst\u00fctzung in andere L\u00e4nder flie\u00dft, macht mich das w\u00fctend.\u00ab<\/p>\n<p>Gemeint sind die Revolutionsgarden, die zusammen mit Ajatollah Ali Khamenei Milizen im Irak, in Syrien, im Jemen, die Hisbollah im Libanon und die Hamas und den Islamischen Dschihad in den Pal\u00e4stinensischen Gebieten unterst\u00fctzen. Wie viel das kostet, ist unklar; dass es viel kostet, ist aber ziemlich sicher. Auf der einen Seite sei Geld f\u00fcr das Auslandsengagement der Revolutionsgarden da, auf der anderen Seite sei man angeblich durch die Sanktionen daran gehindert, Material f\u00fcr die Infrastruktur zu beschaffen, wird in sozialen Netzwerken oft kritisiert &#8211; noch. Denn am Mittwoch hat das Parlament mit knapper Mehrheit ein Gesetz verabschiedet, das Apps verbietet, mit denen die Netzzensur umgangen werden kann. Doch die Folge war auch hier: ein Sturm der Kritik und des Protests in eben jenen sozialen Netzwerken. Selbst Minister wandten sich online gegen das Gesetz, dessen erkl\u00e4rtes Ziel es ist, ein geschlossenes Internet zu schaffen.<\/p>\n<p>Die Proteste und Hilferufe aus der Region Khusestan haben indes, so scheint es, bislang keine gesteigerte Aktivit\u00e4t zur Folge: \u00bbWir suchen nach L\u00f6sungen\u00ab, sagt Regierungssprecher Ali Rabiei und verweist erneut auf die Sanktionen und die schwierige Lage.<\/p>\n<p><strong>Pr\u00e4sident Hassan Ruhani vor Abl\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings: Viel tun kann Pr\u00e4sident Hassan Ruhani nun nicht mehr. In wenigen Tagen wird Ebrahim Raisi das Amt \u00fcbernehmen. Als Richter war er in den 1980er Jahren f\u00fcr mindestens 5000 Todesurteile zust\u00e4ndig; bis vor Kurzen war er als Justizchef ma\u00dfgeblich an harten Urteilen gegen Demonstrant*innen beteiligt.<\/p>\n<p>Die Ereignisse in Khusestan sind auch eines der deutlichsten Anzeichen f\u00fcr das Scheitern des einst mit gro\u00dfen Erwartungen gew\u00e4hlten Ruhani. Auch wenn w\u00e4hrend seiner Amtszeit etwas freier geredet und diskutiert werden konnte: An der schlechten Infrastruktur hat die Reformer-Regierung nichts ge\u00e4ndert. Und die wirtschaftliche und soziale Lage hat sie sogar verschlechtert, denn Ruhani ist ein Wirtschaftsliberaler, der in seiner Amtszeit privatisierte und Sozialleistungen einschr\u00e4nkte.<\/p>\n<p>Doch Ex-B\u00fcrgermeister Karimi hat noch eine andere Vermutung: \u00bbMir f\u00e4llt auf, dass sich die Probleme vor allem in den Regionen h\u00e4ufen, in denen \u00fcberwiegend Minderheiten leben. Hier in der Gegend leben zum Beispiel vor allem Araber. Hier kommt kein Milit\u00e4r mit Tankwagen voller Wasser vorbei.\u00ab Hilfe aus dem benachbarten Irak ist auch nicht zu erwarten: Denn dort ist ebenfalls das Wasser knapp, trotz vieler Milliarden, die die internationale Gemeinschaft im Laufe der Jahre ins Land gepumpt hat. Karimi hofft deshalb auf die Uno: \u00bbWir hier k\u00f6nnen nichts f\u00fcr die Au\u00dfenpolitik. Genug ist genug.\u00ab<\/p>\n<p><em>#Bild: Proteste gegen staatliches Versagen im Wassermanagement werden teils friedlich, teils harsch ausgetragen. Foto: <\/em><a href=\"http:\/\/www.ncr-iran.org\"><em>www.ncr-iran.org<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1155140.iran-durst-hitze-wut.html\"><em>nd-aktuell.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. August 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oliver Eberhardt. 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