{"id":9946,"date":"2021-08-04T08:46:50","date_gmt":"2021-08-04T06:46:50","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9946"},"modified":"2021-08-04T08:46:52","modified_gmt":"2021-08-04T06:46:52","slug":"edward-said-orientalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9946","title":{"rendered":"Edward Said: Orientalismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Saids als Skandalwerk ber\u00fchmt gewordene Abrechnung mit der Selbstherrlichkeit westlicher Orientdarstellungen provoziert durch eine radikal kritische Haltung Leser und Akademien. Mit seinen Beobachtungen gelingt es ihm, die bis dato nur selten ins Kreuzfeuer der Kritik geratene \u201eWissenschaft\u201c der Orientalistik, als das zu enttarnen was sie ist: eine von \u00dcberheblichkeit und Rassismus durchzogene Forschungsdisziplin<\/strong><!--more--><strong>, die jahrhundertelang kulturelle Gewalt und Repression rechtfertigte. Eine Buchrezension von Lisa Hasenbichler<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Tempelberg: Die Geduld Israels ist bewundernswert.\u201c lautet die Schlagzeile, die von pal\u00e4stinensischen Jugendlichen spricht wie von l\u00e4stigen Kindern. Sie demonstrierten und starben wegen der gezielten Provokation der israelischen Streitkr\u00e4fte am Tempelberg. In dem Artikel werden sie als kaltbl\u00fctige Terroristen dargestellt, ihre Wut als von Europ\u00e4ern zu bel\u00e4chelnde Unvernunft- und das im selben Atemzug. Der Widerspruch macht deutlich, was Said als Orientalismus fasst: ein Blick auf die zum \u201eOrient\u201c vereinheitlichten L\u00e4nder und Kulturen, der sich durch rassistische Hochm\u00fctigkeit gegen\u00fcber den Eroberten auszeichnet. Der \u201eOrientale\u201c wird dabei in vorgefertigte Kategorien des Anders-sein gepresst: Wenn Europ\u00e4er normal sind, ist er abartig, sind sie \u201evern\u00fcnftig\u201c ist er zugleich \u201eleichtgl\u00e4ubig, dumm, gef\u00e4hrlich, s\u00fcndig und wirr\u201c.<\/p>\n<p><strong>Das Spektakel der Anderen<\/strong><\/p>\n<p>Die europ\u00e4ische Kultur gewann, so Said, \u201ean St\u00e4rke und Identit\u00e4t, indem sie sich vom Orient abgrenzte.\u201c Die Selbstkr\u00f6nung des Westens zum technisch- und humanistischen Pionier des Fortschritts, geht also Hand in Hand mit dem Zur\u00fcckdr\u00e4ngen des Orients ins Traditionelle. So wird etwa die Tatsache, dass die Hamas entscheidenden R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung genie\u00dft, als R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und religi\u00f6ser Fanatismus abgetan, obwohl es daf\u00fcr handfeste politische Gr\u00fcnde gibt, allen voran das Scheitern der \u201eFriedenspolitik\u201c der PLO bzw. der Fatah.<\/p>\n<p>Die Geschichte vom sich nie entwickelnden Orient fasst auch im medialen Umgang mit Sexismus Fu\u00df: die Darstellungen von Migranten als \u201ekulturbedingt frauenfeindlich\u201c soll rassistischer Hetze die Stange halten. Das zeigt sich aktuell im Fall Leonie. 14 Femizide lie\u00df die Regierung allein in diesem Jahr zu, ohne Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, die Gewalt an Frauen k\u00fcnftig verhindern. Nun reicht ein mutma\u00dflicher afghanischer T\u00e4ter aus, um den Mord an einem 13-j\u00e4hrigen M\u00e4dchen f\u00fcr die Rechtfertigung unmenschlicher Abschiebegesetze zu missbrauchen. Machtanspr\u00fcche des Westens legitimieren sich besonders \u00fcber ein von Mythen durchzogenes Wissen \u00fcber den Orient. Im Widerspruch zum Osten als eine Art abstrakte Totalit\u00e4t des Anders-Sein, zeigt sich dieses in einer schier endlosen Ver\u00e4stelung von Detailstudien, welche in akademischer Arroganz den Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit und Verwaltung erheben. F\u00fcr Europ\u00e4er ein Grund den L\u00e4ndern des Orients ihre Autonomie abzusprechen. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit mit der \u00fcber die zu unm\u00fcndig-Erkl\u00e4rten gesprochen wird, zeigt sich in Debatten zum Nahostkonflikt von der grausigsten Seite. \u201eHass auf beiden Seiten\u201c ist das Schlagwort, unter dem die Unl\u00f6sbarkeit der Auseinandersetzungen heraufbeschworen wird. Solidarische Stimmen, von Seiten der Israelis, die gegen Faschismus und staatliche Gewalt Position beziehen, kommen selten zu Wort.<\/p>\n<p><strong>Angriff auf Imperialismus und Akademien<\/strong><\/p>\n<p>Said zeigt auf wie die akademische Disziplin der Orientalistik wie am Flie\u00dfband Rechtfertigungen fabriziert: F\u00fcr entmenschlichende Repr\u00e4sentation, f\u00fcr Herrschaft und Kolonialismus. Eine fast schon ans Polemische grenzende Sichtweise, die notwendig ist, um die systematischen Entw\u00fcrdigungen als \u201eorientalisch\u201c gebrandmarkter Menschen sichtbar zu machen, dabei aber die historischen Ursachen f\u00fcr Unterdr\u00fcckung eher ausklammert. Allein in Saids immer wiederkehrenden Kritik der westlichen Idee von Fortschritt klingt die Verschr\u00e4nkung der kapitalistischen Produktionslogik mit imperialen Strukturen an, die er jedoch nie weiter ausf\u00fchrt. Eine weitere gro\u00dfe Leerstelle ist, dass, obwohl Said selbst aus Pal\u00e4stina stammt, Widerstand gegen die ungerechtfertigten Fremdzuschreibungen des Westens nur am Rande Bemerkung findet. Ungeachtet dessen liefert er mit seinem Werk ein wertvolles theoretisches Werkzeug zur Entlarvung von medialem Rassismus, in das es sich, gerade jetzt, lohnt einen Blick zu werfen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/edward-said-orientalismus\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. August 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Saids als Skandalwerk ber\u00fchmt gewordene Abrechnung mit der Selbstherrlichkeit westlicher Orientdarstellungen provoziert durch eine radikal kritische Haltung Leser und Akademien. 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