{"id":9975,"date":"2021-08-17T16:38:38","date_gmt":"2021-08-17T14:38:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9975"},"modified":"2021-08-17T16:38:39","modified_gmt":"2021-08-17T14:38:39","slug":"afghanistan-ende-mit-schrecken-nach-20-jahren-luegen-und-morden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9975","title":{"rendered":"Afghanistan: Ende mit Schrecken nach 20 Jahren L\u00fcgen und Morden"},"content":{"rendered":"<p><em>Marius Rautenberg.<\/em> Kabul in den H\u00e4nden der Taliban. Der drohenden Gr\u00e4uel durch die Taliban hat die internationale Milit\u00e4rkoalition den Weg durch ihr brutales Besatzungsregime geebnet.<!--more--><\/p>\n<p>Nicht einmal einen Monat dauerte es nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September 2001 bis zu den ersten Bombardements von US-Streitkr\u00e4ften auf Stellungen der in Afghanistan regierenden Taliban. US-Pr\u00e4sident George W. Bush hatte mit den Worten \u201cWer nicht f\u00fcr uns ist, ist gegen uns\u201d die internationalen Staatengemeinschaft zum \u201cKrieg gegen den Terror\u201d aufgerufen \u2013 woraufhin sich 40 L\u00e4nder beteiligten. Deutschland war zur Hochphase des Krieges 2011 mit 5.300 Soldat:innen vor Ort.<\/p>\n<p>Er wolle die Drahtzieher der Anschl\u00e4ge finden und zur Rechenschaft ziehen, so Bush. Nur setzte er dabei die verantwortlichen Terroristen von Al-Quaida mit der Taliban-Regierung gleich, die nichts mit den Attentaten zu tun hatten. Der Umstand, dass sich Osama bin Laden, der Kopf von Al-Quaida, vermeintlich in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion versteckt hielt, nutzte Bush, um einen Krieg in Afghanistan zu starten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Neokonservativen um Pr\u00e4sident Bush stellte eine starke Pr\u00e4senz von US-Truppen im zentralasiatischen Raum einen entscheidenden Pfeiler ihrer Strategie, um die globale Hegemonie der USA zu befestigen. Von dort sollte insbesondere der Aufstieg Chinas und der Einfluss Russlands behindert werden. Denn geografisch ist Afghanistan eine wichtige strategischer Zone, von der aus alle Teile Asiens mit Kampfflugzeugen und Raketen innerhalb kurzer Zeit erreichbar sind.<\/p>\n<p>Die Kontrolle \u00fcber Afghanistan war schon zur Zeit des britischen Kolonialismus ein entscheidendes Element imperialistischer Machtaus\u00fcbung. Von 1839 bis 1919 hielt das britische Empire Afghanistan besetzt. Auch im Kalten Krieg f\u00fchrten die Sowjetunion und die USA einen Kampf um die Vorherrschaft. Die UdSSR besetzten das Land von 1979 bis 1989. Nach ihrem R\u00fcckzug, \u00fcbernahmen die Milizen der Mudschahidin die Macht, die zuvor von den USA hochger\u00fcstet worden waren. Es folgten Jahre des B\u00fcrger:innenkrieges, gef\u00fchrt von Warlords, in denen sich die Taliban 1996 durchsetzen. Als religi\u00f6s-fundamentalistische Stammesgruppe aus dem Volk der Paschtunen behaupteten sie, mit den harten Mitteln ihrer Auslegung der Scharia-Gesetzgebung nach Jahren der Kriegswirren f\u00fcr Ordnung zu sorgen.<\/p>\n<p><strong>Der Krieg der NATO und die Mafia von Kabul<\/strong><\/p>\n<p>Als die USA mit ihrer internationalen Koalition 2001 das Land \u00fcberfielen, suchten sie alte Verb\u00fcndete aus der Zeit des B\u00fcrger:innenkrieges: Sie r\u00fcsteten die Warlords der fr\u00fcheren Mudschahidin auf, die sich in der Nordallianz zusammengeschlossen hatten. Unter Hilfe der Luftschl\u00e4ge der US-amerikanischen und britischen Bomber \u00fcberrollten sie in wenigen Monaten das Land. Die Taliban zogen sich in die Berge der afghanisch-pakistanischen Grenzregion zur\u00fcck, w\u00e4hrend die M\u00e4nner der Nordallianz unter Augen der US-Truppen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/die_us-regierung_laesst_das_massaker_von_dasht-e_leli_untersuchen-1.3024915\"><strong>Massaker im ganzen Land<\/strong><\/a>\u00a0an gefangenen gegnerischen K\u00e4mpfern ver\u00fcbten.<\/p>\n<p>Nachdem die Taliban vertrieben waren, versuchten die Besatzungsm\u00e4chte ihre Milit\u00e4rpr\u00e4senz vor der westlichen \u00d6ffentlichkeit damit zu begr\u00fcnden, dass sie angeblich Fortschritt und Frauenrechte br\u00e4chten. Sie schufen damit nicht nur ein rassistisches Narrativ der r\u00fcckst\u00e4ndigen Muslime, denen man demokratische Werte beibringen m\u00fcsste \u2013 eine alte kolonialistische Herangehensweise. Sie f\u00fchrten sich auch selbst wie die schlimmsten Barbaren auf. Die USA lie\u00dfen tausende vermeintliche Taliban-K\u00e4mpfer und Zivilist:innen ohne Anklage in die Foltergef\u00e4ngnisse von Bagram und nach Guantanamo auf Kuba verschleppen.<\/p>\n<p>In der Hauptstadt Kabul installierten sie eine Marionettenregierung. Die fr\u00fcheren Warlords sicherten sich die zentralen Stellen der Macht und f\u00fcllten sie aus wie Mafiosi. In Zusammenarbeit mit den ausl\u00e4ndischen Milit\u00e4rs pl\u00fcnderten sie die Staatskassen als Selbstbedienungsladen. Die M\u00e4rkte wurden mit Ramschwaren westlicher Konzerne \u00fcberflutet, was die einheimische Bev\u00f6lkerung ihre Jobs kostete. Der Opiumanbau- und Schmuggel wurde wesentlich aus Regierungskreisen kontrolliert. Die daf\u00fcr n\u00f6tige Geldw\u00e4sche und sogar die Finanzierung f\u00fcr Terroristen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/fincen-files-hilfe-f%C3%BCr-wirecard-und-die-porno-industrie\/a-54994733\"><strong>liefen \u00fcber internationale Gro\u00dfbanken<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p>Nach einer kurzen Phase der Aufbruchstimmung nach Vertreibung der Taliban stellten sich in der afghanischen Bev\u00f6lkerung schnell Ern\u00fcchterung und Abscheu gegen die Gangster an der afghanischen Regierung und die internationalen Streitkr\u00e4fte ein. Besonders nachdem die Taliban ab 2007 wieder Boden gut machen konnten, reagierten die Besatzungstruppen mit \u00e4u\u00dferster Brutalit\u00e4t. Unter US-Pr\u00e4sident Barack Obama wurde die Zahl der Bodentruppen deutlich erh\u00f6ht. In zahlreichen Drohnenangriffen machten die US-Streitkr\u00e4fte Jagd auf vermeintliche Taliban ohne jede R\u00fccksicht auf Zivilist:innen. In diese Phase f\u00e4llt auch das Massaker von Kundus, als Bundeswehroberst Georg Klein einen Luftschlag gegen eine Menschenmenge anordnete, die um einen liegen gebliebenen Tanklaster versammelt war. \u00dcber 100 Menschen starben, darunter vor allem Kinder. Oberst Klein wurde nie daf\u00fcr zur Rechenschaft gezogen, sondern sp\u00e4ter sogar bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p><strong>Die R\u00fcckkehr der Taliban<\/strong><\/p>\n<p>Nach 20 Jahren Krieg waren die USA und ihre Verb\u00fcndeten nicht mehr willens und in der Lage, die enormen Kosten weiter zu tragen. Der Versuch, einen afghanischen Nationalstaat nach westlichen Vorstellungen zu etablieren und f\u00fcr kapitalistische Investitionen brauchbar zu machen, war offensichtlich gescheitert. Nachdem die USA im Mai 2021 mit dem Abzug ihrer Truppen begannen, eroberten die Taliban in rasantem Tempo eine Provinzhauptstadt nach der anderen. Vielerorts \u00fcbergab die afghanische Armee kampflos die Kontrolle oder ist zu den Aufst\u00e4ndischen \u00fcbergelaufen. Dies zeigt, dass die bisherige Regierung abgesehen von ihren direkten G\u00fcnstlingen und den ausl\u00e4ndischen M\u00e4chten kaum Unterst\u00fctzer:innen hat. Kaum jemand ist bereit, das Marionettenregime der NATO mit der Waffe zu verteidigen.<\/p>\n<p>Das ist umso bemerkenswerter, als dass sich die Taliban keineswegs \u00fcberw\u00e4ltigender Beliebtheit erfreuen. Dort wo sie die Kontrolle \u00fcbernehmen, wird von tausenden Gewalttaten und Racheakten an Unterst\u00fctzer:innen der bisherigen Regierung berichtet, aber auch Aktivist:innen, insbesondere Frauen, die sich f\u00fcr demokratische Rechte einsetzen.\u00a0<a href=\"https:\/\/asiafoundation.org\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/2019_Afghan_Survey_Full-Report.pdf\"><strong>Laut einer Umfrage der Asia Foundation<\/strong><\/a>\u00a0von 2019 sympathisieren gerade mal 13,4 Prozent der Afghan:innen mit den Taliban,\u00a0<a href=\"https:\/\/asiafoundation.org\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Afghanistan_Flash-Survey-Report-2021-Wave-3.pdf\"><strong>eine gro\u00dfe Mehrheit h\u00e4lt es f\u00fcr wichtig<\/strong><\/a>, Frauenrechte zu verteidigen.<\/p>\n<p>Dass es den Taliban dennoch gelingt, das Land so schnell zu erobern, zeigt das vollkommen Scheitern der vom Westen aufgebauten Institutionen. Ihre Macht\u00fcbernahme wird aber keineswegs Frieden bringen. In einer Analyse \u00fcber die kommenden Aussichten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/El-triunfo-de-los-talibanes-y-el-momento-Saigon-de-los-Estados-Unidos-en-Afganistan\"><strong>schreiben Salador Soler und Omar Floyd<\/strong><\/a>\u00a0auf La Izquierda Diario:<\/p>\n<p>In der unmittelbaren Zukunft kann man sich eine Versch\u00e4rfung des B\u00fcrger:innenkriegs und eine Situation der territorialen Zersplitterung vorstellen, in der sogar gegens\u00e4tzliche Tendenzen innerhalb der Taliban auftauchen, die Ausdruck der scharfen regionalen, stammes-, ethnischen und religi\u00f6sen Unterschiede sind, die die afghanische Landschaft pr\u00e4gen. Dies w\u00fcrde die Einrichtung von Einflusszonen durch China, Pakistan, Russland, Indien und dem Iran beg\u00fcnstigen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sich eine Regierung der \u201eNationalen Einheit\u201c etabliert, welche die Gewalt zumindest teilweise eind\u00e4mmen kann. Dies w\u00fcrde einen umfassenden Plan zur staatlichen Finanzierung erfordern, um die Einnahme aus der illegalen Wirtschaft zu ersetzen. Denn heute sind die wichtigsten Geldquellen sowohl der afghanischen Regierung als auch der Taliban Pl\u00fcnderungen, Entf\u00fchrungen, Menschen-, Waffen- und Drogenhandel.<\/p>\n<p>Mit ihrem Milit\u00e4reinsatz hat die internationale Koalition die Herrschaft der Warlords, Gangster und Fundamentalist:innen nur versch\u00e4rft. Sowohl der unmittelbare Kriegsanlass, die Verfolgung der Verantwortlichen f\u00fcr den 11. September, als auch die sp\u00e4tere Legitimation, Fortschritt nach Afghanistan zu bringen, waren von vorne bis hinten erlogen. Es ging immer nur darum, eine geostrategische Machtposition in Zentralasien zu etablieren und mit der Auspl\u00fcnderung des Landes Geld zu verdienen. Wie wenig es dem Westen um Menschenrechte geht, zeigen seine Foltergef\u00e4ngnisse und Drohnenangriffe und der Umstand, dass er nur z\u00f6gerlich bereit ist, Personen aufzunehmen, die von der R\u00fcckkehr der Taliban mit dem Leben bedroht sind. Bis vor Kurzem schob die Bundesregierung auch noch Menschen nach Kabul ab. Es braucht ein Ende jeglicher Einmischung in die Belange des Landes, einen Stopp aller Milit\u00e4rinterventionen und Waffenexporte sowie das volle Recht f\u00fcr alle Afghan:innen, in Deutschland und der EU Asyl zu finden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/afghanistan-ende-mit-schrecken-nach-20-jahren-luegen-und-morden\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. August 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marius Rautenberg. Kabul in den H\u00e4nden der Taliban. 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