{"id":9977,"date":"2021-08-18T15:39:34","date_gmt":"2021-08-18T13:39:34","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9977"},"modified":"2021-08-18T15:39:36","modified_gmt":"2021-08-18T13:39:36","slug":"der-sieg-der-taliban-die-frucht-von-20-jahren-imperialistischer-besatzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9977","title":{"rendered":"Der Sieg der Taliban \u2013 die Frucht von 20 Jahren imperialistischer Besatzung"},"content":{"rendered":"<p><em>Martin Suchanek. <\/em>Nach 20 Jahren Besatzung durch die USA und ihre Verb\u00fcndeten haben die Taliban Kabul und das Land wieder eingenommen. 20 Jahre Besatzung und Krieg \u2013 wof\u00fcr? Die westlichen imperialistischen M\u00e4chte haben keines ihrer Kriegsziele erreicht, weder die vorgeschobenen noch die realen \u00f6konomischen und geostrategischen. Nach zwei Jahrzehnten hinterlassen sie ein verw\u00fcstetes Land.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Verw\u00fcstetes Land<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Besatzung starben rund 250.000 AfghanInnen \u2013 rund 70.000 Angeh\u00f6rige der Sicherheitskr\u00e4fte, etwa 100.000 wirkliche oder vermeintliche Taliban und \u00fcber 70.000 ZivilistInnen. Sieben von rund 38 Millionen AfghanInnen wurden zu Fl\u00fcchtlingen, davon rund 4 Millionen im eigenen Land. Die anderen 3 Millionen entflohen nach Pakistan, Iran oder in den Westen.<\/p>\n<p>Auch wenn unter US-Besatzung einige demokratische Reformen auf dem Gebiet der Frauenrechte f\u00fcr die Intelligenz eingef\u00fchrt wurden, so waren diese beschr\u00e4nkt und erstreckten sich im Wesentlichen auf st\u00e4dtische Zentren und Mittelschichten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Masse der AfghanInnen bedeutete die Besatzung weiter Willk\u00fcr \u2013 nicht nur durch die Taliban, sondern auch durch Warlords, GrundbesitzerInnen und traditionelle Eliten in den von Regierung und westlichen M\u00e4chten kontrollierten Gebieten. Vor allem auf dem Land war und ist die wirtschaftliche Lage katastrophal, die Agrarproduktion am Boden. Die Ausbeutungsbedingungen sind extrem, sofern die Menschen \u00fcberhaupt als Bauern\/B\u00e4uerinnen ihre Produkte verkaufen oder als LandarbeiterInnen Arbeit finden. W\u00e4hrend Millionen auf der Flucht und Suche nach Besch\u00e4ftigung in die St\u00e4dte flohen, so fanden sie auch dort keine Einkommen und keine oder nur prek\u00e4re und befristete Arbeit. 80\u00a0% aller AfghanInnen sind arbeitslos oder unterbesch\u00e4ftigt. 60\u00a0% der Kinder leiden unter Unterern\u00e4hrung. Ein gro\u00dfer Teil der Arbeitssuchenden wie \u00fcberhaupt der urbanen Bev\u00f6lkerung lebt in st\u00e4dtischen Slums.<\/p>\n<p>All dies verdeutlicht, warum die Demokratie in Afghanistan unter imperialistischer Besatzung eine Farce war und sein musste. So schrecklich und bedrohlich die R\u00fcckkehr des Taliban-Regimes auch f\u00fcr viele \u2013 vor allem Frauen, demokratische Kr\u00e4fte, SozialistInnen und die schwache ArbeiterInnenbewegung \u2013 sein wird, sind Millionen und Abermillionen AfghanInnen schon w\u00e4hrend der 20 Jahre Besatzung und Pseudodemokratie verarmt, verelendet, marginalisiert, entrechtet und demoralisiert. Die traditionellen Arbeitsbeziehungen sind nach Jahrzehnten des B\u00fcrgerkrieges, angefangen mit dem reaktion\u00e4ren Krieg der mit dem Westen verbundenen Mudschahidin, weitgehend zerst\u00f6rt, ohne dass neue soziale Beziehungen an ihre Stelle getreten w\u00e4ren. Imperialistische Besatzung und B\u00fcrgerkriege haben zur Deklassierung weiter Teile der ArbeiterInnenklasse, der Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft und selbst des Kleinb\u00fcrgerInnentums gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>20 Jahre Besatzung haben diese Verh\u00e4ltnisse st\u00e4ndig reproduziert und verschlechtert. Allein das bezeugt den reaktion\u00e4ren Charakter der imperialistischen Besatzung, die auch nicht nachtr\u00e4glich besser wird angesichts der drohenden theokratischen Diktatur der Taliban, des Verdr\u00e4ngens der Frauen aus dem \u00f6ffentlichen Raum, der Einf\u00fchrung des islamischen Rechts durch die Taliban.<\/p>\n<p>Dass all dies droht, wenn die Dschihadisten gewinnen sollten, war bekannt. Doch warum konnten diese das Land in den letzten Wochen so rasch einnehmen, obwohl allein die USA 2,2 Billionen US-Dollar in die Besatzung und Kriegsf\u00fchrung gesteckt haben? Mehrere Gro\u00dfoffensiven unter Bush und Obama kosteten zwar zehntausenden ZivilistInnen das Leben, das Land befrieden konnten sie jedoch nicht. Faktisch war sp\u00e4testens 2016, nach der letzten gescheiteren Gro\u00dfoffensive mit \u00fcber 130.000 US-Soldaten klar, dass eine milit\u00e4rische L\u00f6sung unm\u00f6glich war. Sicherlich spielte dabei auch die Tatsache eine wichtige Rolle, dass Pakistan, obwohl langj\u00e4hriger US-Verb\u00fcndeter, auch eine Schutzmacht der Taliban darstellte und nie aufh\u00f6rte, als solche mehr oder weniger offen zu agieren.<\/p>\n<p><strong>Kein Problem gel\u00f6st<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem aber war das imperialistische Besatzungsregime selbst daf\u00fcr verantwortlich. Keines der fundamentalen sozialen und demokratischen Probleme des Landes wurde wirklich angepackt. Die Landfrage, eine Kernfrage jeder grundlegenden Ver\u00e4nderung, war faktisch tabu, sollten doch die besitzenden Eliten auf dem Land wichtige Verb\u00fcndete gegen die Taliban darstellen. Allein die Tatsache, dass etliche von diesen einmal mehr \u00fcberliefen und, im Gegenzug f\u00fcr ihren Loyalit\u00e4tswechsel, nun unter den Taliban ihre f\u00fchrende Stellung behalten sollen, verdeutlicht die Logik jeder reaktion\u00e4ren, imperialistischen Besatzungspolitik. Sie setzt auf die Reichen und Besitzenden. Die Lage der Bauern\/B\u00e4uerinnen verschlechterte sich so, dass sie keinen Unterschied zwischen der \u201eDemokratie\u201c unter imperialistischer Herrschaft und dem Emirat der Taliban zu erkennen verm\u00f6gen. Hunger, Entrechtung und \u00dcberausbeutung \u00e4ndern sich nicht \u2013 und die Taliban versprechen wenigstens islamische Wohlfahrt, Almosen f\u00fcr die Armen, w\u00e4hrend die US-Besatzung dem Land mehrere Strukturanpassungsprogramme des IWF und die \u00d6ffnung der Agrarm\u00e4rkte gegen\u00fcber westlicher Konkurrenz aufzwang (was auch zu einem Ruin zahlreicher afghanischer AgrarproduzentInnen f\u00fchrte).<\/p>\n<p>Dasselbe gilt bez\u00fcglich der Rechte nationaler Minderheiten, der LohnarbeiterInnen in den St\u00e4dten. Nicht zuletzt war die afghanische Demokratie wenig mehr als als ein Kampf der mit den USA verb\u00fcndeten Eliten um die Beute, um die Kontrolle \u00fcber den Staatsapparat und die Pfr\u00fcnde, die er zu bieten hatte. Milliarden verschwanden in diesen Kan\u00e4len \u2013 und noch viel mehr in den Taschen der R\u00fcstungs- und Sicherheitskonzerne in den USA und anderen westlichen L\u00e4ndern. Eine soziale Basis in der Gesellschaft vermochte sich die afghanische Regierung nie aufzubauen. Ihre St\u00fctze war im Grunde \u00fcber zwei Jahrzehnte die Besatzungsmacht, die ihrerseits keinen Spielraum f\u00fcr ein anderes Regime bot. Ohne US- und NATO-Truppen brach die Regierung innerhalb weniger Wochen zusammen.<\/p>\n<p><strong>Scheitern der imperialistischen Ziele<\/strong><\/p>\n<p>Doch die USA und ihre Verb\u00fcndeten vermochten nicht nur ihr vorgeschobenen Versprechen nicht einzul\u00f6sen. Indem sie sich als unwillig und unf\u00e4hig erwiesen, das Land selbst \u00f6konomisch und sozial zu stabilisieren und ihm eine gewisse Perspektive zu erlauben, scheiterte auch die Verwirklichung ihrer realen, wirtschaftlichen und geostrategischen Ziele.<\/p>\n<p>Der Einmarsch und die rasche Eroberung des Landes durch die US-gef\u00fchrte Allianz, der sich 2001 fast alle Staaten der Welt offiziell anschlossen, wurden von den USA als Akt der Selbstverteidigung nach dem reaktion\u00e4ren Anschlag auf die Twin Towers am 11. September 2001 pr\u00e4sentiert. In Wirklichkeit sollten die Eroberung Afghanistans ebenso wie der Krieg gegen den Irak und andere Interventionen die nahezu unangefochtene Hegemonie der USA nach dem Kalten Krieg und w\u00e4hrend des ersten Jahrzehnts der kapitalistischen Globalisierung verewigen. Von dieser \u201eneuen Weltordnung\u201c, f\u00fcr deren Errichtung die Kontrolle Eurasiens und die Verhinderung des Aufstiegs neuer imperialistischer Rivalen als zentral angesehen wurde, ist der US-Imperialismus heute weiter denn je entfernt. Auch wenn er noch immer die gr\u00f6\u00dfte \u00d6konomie und die st\u00e4rkste politische und milit\u00e4rische Macht darstellt, so offenbart der R\u00fcckzug der US- und NATO-Truppen vor allem den Niedergang der Hegemonialmacht. Am Ende konnten sie nicht einmal eine Machtteilung zwischen dem Vasallenregime Ghani und den Taliban durchsetzen.<\/p>\n<p>Auch der \u201eKrieg gegen den Terror\u201c, diese ideologische Allzweckwaffe, die \u00fcber zwei Jahrzehnte als Vorwand f\u00fcr so ziemlich jede Intervention herhalten sollte, hat sich abgenutzt. Geblieben sind nackte Interessenpolitik, die mehr oder weniger offene Verfolgung der eigenen imperialistischen Ziele im globalen Konkurrenzkampf, Islamophobie und antimuslimischer Rassismus in den imperialistischen Zentren als Ideologien zur Rechtfertigung der Unterdr\u00fcckung im Inneren und zur Intervention nach au\u00dfen.<\/p>\n<p>Der Zusammenbruch des Vasallenregimes in Kabul bezeugt daher vor allem den Niedergang des US-Imperialismus. Er belegt, wie sehr sich die Weltlage in den beiden letzten Jahrzehnten grundlegend ver\u00e4ndert hat. Auch wenn es schwer absehbar ist, ob und wie andere M\u00e4chte das Vakuum f\u00fcllen k\u00f6nnen, das die USA in Afghanistan hinterlassen, so stehen die VerliererInnen fest. Die USA und ihre westlichen Verb\u00fcndeten erlitten eine Niederlage von enormer internationaler Bedeutung. Sie erwiesen sich als unf\u00e4hig, die Welt nach ihren Vorstellungen zu \u201eordnen\u201c. Nach 20 Jahren endete der asymmetrische Krieg in einer Niederlage, deren globale Bedeutung der in Vietnam nicht nachsteht. Selbst einen \u201egeregelten\u201c \u00dcbergang, eine Machtteilung der Regierung Ghani mit den Taliban vermochten sie nicht mehr auszuhandeln. Die gr\u00f6\u00dfte Weltmacht wie der gesamte Westen wurden weltpolitisch vorgef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Kampfloser Fall<\/strong><\/p>\n<p>Der kampflose Fall Kabuls besiegelte die Niederlage des afghanischen Regimes unter Pr\u00e4sident Aschraf Ghani. Nachdem die USA-Besatzungstruppen und ihre NATO-Verb\u00fcndeten \u00fcberhastet und fr\u00fchzeitig abgezogen waren, entpuppte sich die afghanische Regierung samt ihrer nach offiziellen Angaben 300.000 Mann starken Verteidigungskr\u00e4fte als Papiertigerin.<\/p>\n<p>Innerhalb von nur wenigen Wochen konnten die Milizen der Taliban das Land erobern, obwohl sie zahlenm\u00e4\u00dfig und ausr\u00fcstungstechnisch als unterlegen galten. Nachdem Anfang Mai, am Beginn des Abzugs der US\/NATO-Truppen, noch der gr\u00f6\u00dfere Teil des Landes von der Regierung kontrolliert wurde, ver\u00e4nderte sich die Lage bis Anfang Juli dramatisch. Rund die H\u00e4lfe des Territoriums hatten die Taliban eingenommen, oft ohne auf gro\u00dfen milit\u00e4rischen Widerstand zu sto\u00dfen. Zu diesem Zeitpunkt nahmen sie jedoch vor allem l\u00e4ndliche, oft relativ d\u00fcnn besiedelte Regionen und kleinere St\u00e4dte ein. Doch bald begannen sie auch, erste gr\u00f6\u00dfere Provinzhauptst\u00e4dte zu umzingeln und einzunehmen, mitunter nach l\u00e4ngeren Gefechten mit den Regierungstruppen oder mit ihnen verb\u00fcndeten Milizen von Landlords, also lokaler, oft auf Clanstrukturen basierenden Kriegsherren.<\/p>\n<p>Mit jeder Niederlage der Regierungstruppen, die sich ihrerseits von ihren ehemaligen Schutzm\u00e4chten, den USA und schw\u00e4cheren imperialistischen M\u00e4chten wie Deutschland im Stich gelassen f\u00fchlten, schwanden die Hoffnungen, den Talibanvormarsch aufhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mehr und mehr Gro\u00dfst\u00e4dte wurden kampflos \u00fcbernommen. Teile der lokalen Sicherheitskr\u00e4fte liefen \u00fcber, andere verkauften ihre Waffen an die Taliban, flohen mit ihrem Ger\u00e4t in andere Regionen oder ins Ausland oder desertierten, um unterzutauchen.<\/p>\n<p>Die Kampfmoral war offenkundig schon weitgehend gebrochen, als der Vormarsch der Taliban begann. \u00dcberraschend war sicher nicht der Umstand selbst, wohl aber das Ausma\u00df der Demoralisierung, die die Regierung und ihre westlichen Schutzm\u00e4chte \u00fcberraschte, wahrscheinlich aber auch die Taliban.<\/p>\n<p>Mit dem US- und NATO-Abzug, ja im Grunde mit Donald Trumps Ank\u00fcndigung aus dem letzten Jahr war schlie\u00dflich l\u00e4ngst klar, dass das afghanische Regime nicht einfach weiterregieren k\u00f6nnen w\u00fcrde. Die westlichen imperialistischen M\u00e4chte, aber auch Russland und China sowie regionale Player wie Pakistan, Iran und die T\u00fcrkei strebten eine Machtteilung der Regierung Ghani mit den Taliban an, die vor allem am Verhandlungstisch errungen werden sollte.<\/p>\n<p>Doch die Unterredungen stockten, auch weil die Regierung Ghani ihre Karten \u00fcberreizte und hoffte, dass im schlimmsten Fall die USA und ihre Verb\u00fcndeten doch mehr Truppen und Personal im Land lassen w\u00fcrden. Dabei verkalkulierte sie sich offenkundig.<\/p>\n<p>Die USA, die NATO und s\u00e4mtliche westlichen Besatzungsm\u00e4chte rechneten damit, dass die Regierung wenigstens die gr\u00f6\u00dften st\u00e4dtischen Zentren und deren Umland halten w\u00fcrde k\u00f6nnen. Umgekehrt gingen im Mai und Juni wahrscheinlich auch die Taliban nicht davon aus, dass sie bis Mitte August ganz Afghanistan weitgehend kampflos erobern k\u00f6nnten. L\u00e4nder wie Pakistan, w\u00e4hrend des gesamten Kriegs nicht nur Verb\u00fcndeter der USA, sondern auch eine Art Schutzmacht der Taliban, sowie China und Russland setzten aus geostrategischen und \u00f6konomischen Interessen auf eine Verhandlungsl\u00f6sung, die ihnen am Verhandlungstisch gr\u00f6\u00dferen Einfluss auf Kosten der USA gebracht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Doch die Kampfmoral der Verteidigungskr\u00e4fte und deren innerer Zusammenhalt waren offenbar so gering, dass sie sich nach anf\u00e4nglichen verlorenen Gefechten im Juli nur noch auf dem R\u00fcckzug befanden. Nicht nur Desertion und Kapitulation waren verantwortlich. Die Armeef\u00fchrung war offenbar nicht in der Lage, Nachschub und Ersatzkr\u00e4fte zu sichern. Warum also sollten die SoldatInnen ihr Leben angesichts der Taliban-Erfolge riskieren, wenn sich ihre Regierung als vollkommen unf\u00e4hig erwies, sie zu unterst\u00fctzen, und nachdem sie ihre imperialistischen Verb\u00fcndeten faktisch aufgegeben hatten? W\u00e4hrend die USA und NATO ihre Truppen \u00fcberhastet abgezogen hatten, ohne die lokalen Einheiten der afghanischen Armee \u00fcber die Modalit\u00e4ten des R\u00fcckzugs zu informierten, sollten diese weiter f\u00fcr die Marionettenregierung in Kabul als Kanonenfutter agieren.<\/p>\n<p>Das hindert US-Milit\u00e4rs und PolitikerInnen bis hin zum Pr\u00e4sidenten Biden nat\u00fcrlich nicht daran, die Verantwortung f\u00fcr die schm\u00e4hliche milit\u00e4rische Niederlage den afghanischen Vasallen in die Schuhe zu schieben. Feige und inkompetent, k\u00e4uflich und unzuverl\u00e4ssig w\u00e4ren diese gewesen. Dabei haben die NATO-Staaten die afghanischen Sicherheitskr\u00e4fte selbst zwei Jahrzehnte lang ausgebildet und immer wieder von enormen Fortschritten berichtet. Bei den Kampfhandlungen lie\u00dfen 70.000 dieser ihr Leben, w\u00e4hrend nur rund 3.500 NATO-SoldatInnen fielen (davon rund 2.500 aus den USA).<\/p>\n<p>Doch in typisch imperialer Herrenmanier erkl\u00e4ren nun westlichen Milit\u00e4rs und PolitikerInnen, dass die edle Mission nicht an ihnen, sondern an r\u00fcckst\u00e4ndigen, unzuverl\u00e4ssigen und schwachen afghanischen Verb\u00fcndeten gescheitert w\u00e4re. So schiebt der Imperialismus die Niederlage auch noch seinen Marionetten zu, die nicht richtig nach seiner Pfeife getanzt h\u00e4tten. Dabei schaffen es die USA, Deutschland und andere BesatzerInnen allenfalls, einen Teil der direkt als \u00dcbersetzerInnen, KundschafterInnen, Personal aller Art besch\u00e4ftigten HelferInnen und deren Familien aus dem Land zu bringen. Auch wenn westliche PolitikerInnen ihre Sorge und Betroffenheit \u00fcber deren Schicksal medienwirksam zur Schau stellen, so darf diese niemanden t\u00e4uschen. Das Schicksal der ehemaligen HelferInnen und Verb\u00fcndeten interessiert die imperialistischen BesatzerInnen wenig. Die Krokodilstr\u00e4nen f\u00fcr die Hunderttausende, die vor den Taliban Richtung Iran und T\u00fcrkei auf der Flucht sind, erweisen sich als pure Heuchelei, sobald es darum geht, den Menschen die Flucht nach Europa zu erm\u00f6glichen und die Grenzen der EU zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p><strong>Was droht?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die AfghanInnen kommt der Sturz des Regimes Ghani wie ein Wechsel von Pest zur Cholera. W\u00e4hrend die imperialistischen BesatzerInnen das Land verlassen haben und gerade noch dabei sind, ihre letzten Truppen, Tross und Ger\u00e4tschaft au\u00dfer Landes zu fliegen, geht die Macht an die Taliban \u00fcber.<\/p>\n<p>Im Land selbst steht ihnen zur Zeit keine organisierte, kampff\u00e4hige Kraft gegen\u00fcber. Die Armee ist zerfallen, nach ihr das Regime, deren Mitglieder sich jetzt gegenseitig die Hauptschuld an der Niederlage zuschieben.<\/p>\n<p>Ein \u00dcbergangsregime, eine Machtteilung kommt f\u00fcr die Taliban nicht in Frage. Sie werden in den n\u00e4chsten Tagen vielmehr ihre eigenen Regierung einsetzen, die einem Gottesstaat, einem Emirat vorstehen soll. Auch wenn die Sieger zur Zeit versprechen, die Zivilbev\u00f6lkerung zu schonen, so besteht am reaktion\u00e4ren, unterdr\u00fcckerischen Charakter des Regimes, das sie errichten wollen, kein Zweifel. F\u00fcr die Frauen, f\u00fcr oppositionelle demokratische und sozialistische Kr\u00e4fte, f\u00fcr die ArbeiterInnenbewegung brechen finstere, despotische Zeiten an. Auch wenn deren genaues Ausma\u00df nicht pr\u00e4zise vorherbestimmt werden kann, so werden die Taliban gerade auf dem Gebiet erzkonservativer Familien- und Moralvorstellungen und gegen\u00fcber allen Regungen des sozialen oder politischen Aufbegehrens von ArbeiterInnen und Bauern\/B\u00e4uerinnen keine Gnade kennen. Das trifft auch auf die demokratische Intelligenz sowie auf unterdr\u00fcckte Nationalit\u00e4ten und Glaubensgemeinschaften zu. Wahrscheinlich wird es auch zu Schauprozessen gegen Angeh\u00f6rige der gest\u00fcrzten Regierung und KollaborateurInnen mit den Besatzungsm\u00e4chten kommen.<\/p>\n<p>Doch die Taliban k\u00f6nnen sich nicht nur auf die repressive Sicherung ihre Herrschaft und ihre Moralvorstellungen beschr\u00e4nken. Sie m\u00fcssen auch eine marode kapitalistische \u00d6konomie irgendwie am Laufen halten und wiederbeleben, sie m\u00fcssen ein zerfallendes Land regieren und zusammenhalten. Dazu werden sie nicht wenige Parteig\u00e4ngerInnen des alten Regimes, B\u00fcrokratInnen, lokale Landlords, Wirtschaftstreibende, wenn auch unter \u201eislamischen\u201c Vorzeichen in ihr Regime zu integrieren versuchen.<\/p>\n<p>Daher auch die st\u00e4ndigen Versicherungen, dass die Talibank\u00e4mpfer nicht pl\u00fcndern w\u00fcrden, dass das Gesch\u00e4ftsleben m\u00f6glichst rasch weitergehen solle, dass niemand willk\u00fcrlich enteignet werde. Auch die Scharia respektiert das geheiligte Privateigentum. Um ihre Herrschaft sozial zu stabilisieren, werden sie eventuell auch auf Wohlfahrtsprogramme f\u00fcr die Armen setzen, auch wenn unklar ist, woher diese Mittel kommen sollen.<\/p>\n<p>Selbst wenn die Taliban im Inneren kurzfristig kaum eine\/n politische\/n oder milit\u00e4rische\/n GegnerIn zu f\u00fcrchten haben, so regieren sie ein geschundenes, desintegriertes Land, das wirtschaftlich und sozial am Boden liegt. Diese Hinterlassenschaft der alten Regierung, von Jahrzehnten B\u00fcrgerkriegen und vor allem von imperialistischer Besatzung und Pl\u00fcnderung lastet auch auf den Taliban.<\/p>\n<p><strong>Cui bono?<\/strong><\/p>\n<p>Das Schicksal des Landes wird daher auch unter den Taliban nicht selbstst\u00e4ndig in Kabul entschieden werden. W\u00e4hrend die westlichen BesatzerInnen fluchtartig das Land verlassen haben, brauchen die Taliban neue Verb\u00fcndete und Schutzm\u00e4chte, die wesentlich die Zukunft des Landes (mit)bestimmen werden.<\/p>\n<p>Pakistan dr\u00e4ngt sich hier als eine erste Macht auf. Im Unterschied zu allen anderen L\u00e4ndern unterhielt es immer diplomatische Beziehungen zu den Taliban, die auch w\u00e4hrend des Krieges gegen den Terror ihre B\u00fcros in Pakistan weiter offenhalten konnten. Vor allem aber dienten die Grenzregionen als R\u00fcckzugsgebiete f\u00fcr Talibank\u00e4mpfer und Logistik. Teile des pakistanischen Geheimdienstes und des Milit\u00e4rs unterhielten seit Gr\u00fcndung der Taliban enge Beziehungen mit diesen, bilden diese faktisch aus. Das erkl\u00e4rt auch, warum sie eine schlagkr\u00e4ftige und zentralisierte Armee aufbauen konnten.<\/p>\n<p>Pakistan hat schon jetzt erkl\u00e4rt, dass es eine neue Regierung als erstes Land anerkennen will, und unterst\u00fctzt offen deren Bildung als konstruktiver Vermittler, um die n\u00e4chste Administration auf eine breite und inklusive Grundlage zu stellen. Dazu finden zur Zeit erste Konsultationen von VertreterInnen der pakistanischen Regierung und der Taliban in Islamabad statt.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident des Landes Imran Khan kritisierte dabei offen die USA als verantwortlich f\u00fcr die Lage in Afghanistan, setzt auf ein gemeinsames Vorgehen von Regierung, Milit\u00e4r und Geheimdienst. Kurz gesagt, auch wenn Pakistan wahrscheinlich selbst eine l\u00e4ngere \u00dcbergangsphase gew\u00fcnscht h\u00e4tte, so sieht es zur Zeit die Chance gekommen, sich als Regionalmacht zu st\u00e4rken und einen dominierenden Einfluss auf die weitere Entwicklung in Afghanistan zu nehmen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind der pakistanischen Regierung die Unsicherheiten und Unw\u00e4gbarkeiten dieses Unterfangens klar. Daher sucht sie auch, weitere PartnerInnen mit ins Boot zu holen. Vor allem geht es dabei um China und den Iran. China wurde in den letzten Jahren die dominierende imperialistische Macht in Pakistan. Zugleich verfolgt Peking sowohl \u00f6konomische Interessen (Abbau von Rohstoffen in Afghanistan), geostrategische (Neue Seidenstra\u00dfe) wie auch innenpolitische (Abwendung von Unruhen der UigurInnen). Falls Pakistan vermitteln kann und die Taliban garantieren, dass sie sich in innere Angelegenheiten Chinas nicht einmischen werden, steht guten Beziehungen zu einer neuen Regierung in Kabul wenig im Wege. \u00c4hnliches mag f\u00fcr den Iran gelten, der seinerseits schon seit Jahren regelm\u00e4\u00dfige Konsultationen mit China und Pakistan durchf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Zu diesen dreien gesellt sich die T\u00fcrkei. Imran Kahn hat bereits die Initiative ergriffen, Erdogan in die Gespr\u00e4che \u00fcber die Zukunft Afghanistans einzubeziehen. Und schlie\u00dflich wird auch Russland direkt und als Schutzmacht der ehemaligen Sowjetrepubliken, die an Afghanistan grenzen, mit im Boot sitzen. W\u00e4hrend die USA und die europ\u00e4ischen L\u00e4nder ihre Botschaften geschlossen und ihren diplomatischen Stab abgezogen haben, agiert die russische Botschaft weiter. Russland und China haben bereits angek\u00fcndigt, die neue Regierung anzuerkennen. Beide wollen das politische Vakuum f\u00fcllen, das der Westen hinterlassen hat.<\/p>\n<p>Auch das verweist auf eine Ver\u00e4nderung der Verh\u00e4ltnisse, die nur wenig mit den Taliban, aber viel mit der Entwicklung der Weltlage seit 2001 zu tun haben.<\/p>\n<p>Auch wenn die USA und die EU weiter versuchen werden, Einfluss in Afghanistan auszu\u00fcben, wenn sie mehr oder weniger heftig mit Sanktionen und Abbruch diplomatischer Beziehungen drohen, sollten die Taliban das internationale Recht nicht respektieren, so wirken diese Drohungen wenig furchteinfl\u00f6\u00dfend. Der Abzug der westlichen Milit\u00e4rs, Botschaften, von JournalistInnen und Gesch\u00e4ftsleuten ist der schlecht verh\u00fcllte Abzug von VerliererInnen.<\/p>\n<p>Auch wenn es unklar ist, ob und wie neue M\u00e4chte die ver\u00e4nderte Lage in Afghanistan nutzen werden, so wird dessen Neuordnung keinesfalls nur ein innere Angelegenheit der Taliban bleiben. Ironischer Weise werden sich diese reaktion\u00e4ren Pseudobefreier selbst wahrscheinlich rasch als Vasallen gr\u00f6\u00dferer M\u00e4chte und von deren wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen erweisen.<\/p>\n<p><strong>Perspektive<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Massen in Afghanistan brechen hingegen dunkle Zeiten an. Der Sieg der Taliban wird faktisch alle Ans\u00e4tze von demokratischen, von Frauenorganisationen, Gewerkschaften und sozialistischen oder kommunistischen Kr\u00e4ften in die Illegalit\u00e4t treiben. Zugleich werden jedoch \u2013 wie in allen theokratischen Regimen \u2013 die gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche keineswegs verschwinden. Ausbr\u00fcche von Klassengegens\u00e4tzen und anderen sozialen Konflikten \u2013 teilweise sogar eruptive \u2013 sind fr\u00fcher oder sp\u00e4ter unvermeidlich. Darauf m\u00fcssen sich Revolution\u00e4rInnen in Afghanistan organisatorisch, politisch und programmatisch unter Bedingungen der Illegalit\u00e4t und der konspirativen Arbeit vorbereiten. Das bedeutet aber auch, sich klar zu werden \u00fcber die wesentlichen Schw\u00e4chen und Fehler der afghanischen Linken, die zumeist aus moskau- oder maostalinistischer Tradition kommen und in den letzten Jahren stark von sozialdemokratischen und liberalen Ideen beeinflusst wurden.<\/p>\n<p>Zwei Lehren werden dabei zentral sein: Erstens muss der Kampf f\u00fcr demokratische und soziale Forderungen immer mit dem gegen imperialistische Besatzung verbunden werden. Zweitens und damit verbunden d\u00fcrfen der Kampf f\u00fcr demokratische und soziale Verbesserungen und der f\u00fcr eine sozialistische Umw\u00e4lzung nicht als Gegensatz oder gar als zeitlich und strukturell getrennte Etappen verstanden werden. Vielmehr verdeutlicht die Erfahrung der letzten Jahrzehnte, dass die afghanische Revolution eine permanente im Sinne Trotzkis sein muss. Nur durch die Errichtung einer revolution\u00e4ren ArbeiterInnen- und Bauern-\/B\u00e4uerinnenregierung k\u00f6nnen die bis heute unerf\u00fcllten demokratischen Aufgaben im Rahmen einer sozialistischen Umw\u00e4lzung gel\u00f6st werden. Wenn es die afghanische Linke, die fortgeschrittensten Teile der ArbeiterInnen-, der Frauenbewegung und der demokratischen Intelligenz verm\u00f6gen, in der Illegalit\u00e4t eine solche revolution\u00e4re Partei zu schaffen, dann k\u00f6nnen sie in der Lage sein, die n\u00e4chste Krise des Landes im Interesse der ArbeiterInnenklasse und Bauern\/B\u00e4uerinnenschaft zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t mit den Gefl\u00fcchteten!<\/p>\n<p>Die Entwicklung einer solchen Organisation stellt zweifellos eine langfristige Perspektive dar. Unmittelbar droht Millionen brutale politische Unterdr\u00fcckung. Andere versuchen, in benachbarte L\u00e4nder oder nach Europa zu fliehen.<\/p>\n<p>Die imperialistischen Besatzungsm\u00e4chte, die fluchtartig das Land verlassen haben, lassen nicht nur die meisten ihrer HelferInnen zur\u00fcck. Vor allem wollen sie keine afghanischen Gefl\u00fcchteten aufnehmen. Eine \u201eFl\u00fcchtlingswelle\u201c soll verhindert werden. Wenn die Menschen schon vertrieben werden, sollen sie in angrenzenden Staaten wie Pakistan, Iran, Usbekistan oder der T\u00fcrkei ausharren. Dabei ist die Verantwortung des Westens in kaum einem anderen Land so deutlich, sind imperialistischer Krieg und Besatzung so offenkundig Fluchtursachen. Umso zynischer ist es nun, f\u00fcr jene Menschen die Festung Europa dichtzumachen, deren Land von europ\u00e4ischen Truppen besetzt und verw\u00fcstet wurde. Doch damit nicht genug. Einige EU-Staaten wie \u00d6sterreich sondieren sogar schon, wann sie die Abschiebungen afghanischer Fl\u00fcchtlinge wieder aufnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Linke und die ArbeiterInnenbewegung m\u00fcssen sich ohne Wenn und Aber f\u00fcr die \u00d6ffnung der EU-Grenzen f\u00fcr die Gefl\u00fcchteten aussprechen. Wie die EU-Kommission oder die Regierung Merkel deutlich gemacht hat, wird das nur durch massive Mobilisierungen m\u00f6glich sein. Die Aufnahme aller Gefl\u00fcchteten, offenen Grenze und volle Staatsb\u00fcrgerInnenrechte f\u00fcr alle sollte daher auch eine zentrale Forderung der Demonstrationen von #unteilbar am 4. September und dar\u00fcber hinaus bilden.<\/p>\n<p>Die zweite unmittelbar Lehre aus dem Afghanistankrieg muss lauten: R\u00fcckzug aller SoldatInnen der Bundeswehr und aller anderer imperialistischer Staaten nicht nur aus Afghanistan, sondern von allen Eins\u00e4tzen \u2013 sei es unter UNO-, NATO- oder EU-Leitung! Nein zur Aufr\u00fcstung der Bundeswehr! Keinen Cent f\u00fcr Armee und Militarismus!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/08\/17\/der-sieg-der-taliban-die-frucht-von-20-jahren-imperialistischer-besatzung\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. August 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Suchanek. Nach 20 Jahren Besatzung durch die USA und ihre Verb\u00fcndeten haben die Taliban Kabul und das Land wieder eingenommen. 20 Jahre Besatzung und Krieg \u2013 wof\u00fcr? 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