{"id":9979,"date":"2021-08-20T10:37:57","date_gmt":"2021-08-20T08:37:57","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9979"},"modified":"2021-08-20T10:37:59","modified_gmt":"2021-08-20T08:37:59","slug":"andreas-malm-wie-man-eine-pipeline-in-die-luft-jagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9979","title":{"rendered":"Andreas Malm: Wie man eine Pipeline in die Luft jagt"},"content":{"rendered":"<p><em>David Reisinger. <\/em><strong>Andreas Malm ist als \u201eeiner der originellsten Denker&#8220; in der Klimabewegung (Naomi Klein) bekannt geworden. Sein neuestes Buch\u00a0<em>Wie man eine Pipeline in die Luft jagt<\/em>\u00a0ist von der berechtigten Frustration \u00fcber den in der Klimabewegung vorherrschenden Pazifismus gepr\u00e4gt. Aber anders als manche Rezensionen behaupten, ruft Malm nicht zum individuellen Terrorismus einer Klima-RAF auf.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Richtige politische Praxis ist jene, welche politische Fortschritte erreicht, dieser simplen Erkenntnis von Malm w\u00fcrde niemand widersprechen. In seinen Augen hat sich innerhalb der Zivilgesellschaft jedoch eine Protestauffassung durchgesetzt, die den politischen Kampf l\u00e4hmt, indem sie behauptet nur pazifistische Protest f\u00fchren zu Erfolgen.<\/p>\n<p><strong>Unterschiedliche Arten des Pazifismus<\/strong><\/p>\n<p>Malm differenziert zwischen strategischem und moralischem Pazifismus. F\u00fcr den moralischen stehen Aktivisten der fr\u00fchen Klimabewegung wie Bill Mc Kibben. Dieser sieht im Pazifismus eine im \u201eKern spirituelle Erkenntnis, das Prinzip die andere Wange hinzuhalten, unverdientes Leiden auf sich zu nehmen\u201c. Mit solchen theologischen Fragen will sich Malm nicht aufhalten. Sp\u00f6ttelnd weist er darauf hin: \u201eW\u00fcrde Mc Kibben tats\u00e4chlich unverdientes Leiden auf sich nehmen wollen, k\u00f6nnte er auf Dominica die Staatsb\u00fcrgerschaft beantragen, eine Kochbananenfarm aufbauen und auf den n\u00e4chsten Hurrikan warten.\u201c<\/p>\n<p><strong>Moralischer Pazifismus<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr den 65-j\u00e4hrigen Muslim Muhammad Rafiq stellte moralischer Pazifismus keine M\u00f6glichkeit dar, als ein mit Schrotflinten bewaffneter Faschist die Al-Noor-Moschee in Baerum nahe Oslo st\u00fcrmte. Rafiq st\u00fcrzte sich auf den feigen M\u00f6rder, brachte ihn zu Fall, trat die Waffen beiseite und versuchte ihm mit seinen Fingern die Augen einzudr\u00fccken. Anstatt dar\u00fcber zu philosophieren, ob Rafiq ein besserer Mensch gewesen w\u00e4re, wenn er sich und seine Glaubensbr\u00fcder h\u00e4tte abschlachten lassen, sollten wir in ihm das sehen, was er ist: ein Held.<\/p>\n<p><strong>Strategischer Pazifismus<\/strong><\/p>\n<p>Viel wichtiger f\u00fcr eine ernsthafte Diskussion ist der von Malm identifizierte strategische Pazifismus. Malm wei\u00df um die Vorteile des strategischen Pazifismus. Allen voran die M\u00f6glichkeit, breiteste Teile der Bev\u00f6lkerung in Akte des zivilen Ungehorsams einzubinden. Malm erkennt, dass im globalen Norden Klassenkampf auf einem niedrigen Niveau stattfindet (das Buch ist vor Corona geschrieben), Militanz dementsprechend nicht mehrheitsf\u00e4hig ist.<\/p>\n<p>Trotzdem diskutiert Malm in seinem Buch unterschiedlichste Strategien der Sabotage gegen die klimazerst\u00f6rerische Infrastruktur. Die Beispiele gehen vom Aufschlitzen von SUV Reifen bis zur Sprengung von \u00d6l-Pipelines. Als besonders inspirierendes Beispiel nennt er den Angriff der Huthi Rebellen auf die gr\u00f6\u00dfte saudische \u00d6l-Raffinerie in Abqaiq im September 2019.<\/p>\n<p>Dank dieses Anschlages musste die H\u00e4lfte der saudischen \u00d6l-Produktion, etwa sieben Prozent des weltweiten Angebotes, f\u00fcr mehrere Tage vom Netz genommen werden. Malm stellt Sabotage von \u00d6l-Pipelines als Langzeitstrategie antikolonialer Bewegungen von Pal\u00e4stina bis Mexiko dar.<\/p>\n<p>Seine Versuche, Verbindungen von antikolonialen bzw. antiimperialistischen K\u00e4mpfen mit der Klimabewegung des Westens zu finden, sind wichtig. Keinesfalls aber argumentiert Malm daf\u00fcr, sich vom Versuch, m\u00f6glichst breite Proteste, die revolution\u00e4ren Sozialist_innen wie auch zivilgesellschaftlichen Aktivist_innen einschlie\u00dfen, zu verabschieden. Viel eher pl\u00e4diert er f\u00fcr eine Diversit\u00e4t von Taktiken im Kampf gegen die Klimawandel.<\/p>\n<p><strong>Die L\u00fcge des strategischen Pazifismus<\/strong><\/p>\n<p>Der strategische Pazifismus, welcher von Personen wie dem Gr\u00fcnder von\u00a0<em>Extinction Rebellion<\/em>, Roger Hallam, vertreten wird, beruht auf einer Uminterpretation der historischen Realit\u00e4t. Die von\u00a0<em>Extinction Rebellion<\/em>\u00a0gern zum Vorbild missbrauchten\u00a0<em>Suffragetten<\/em>\u00a0\u2013 eine Frauenbewegung, die in England zentral an der Erk\u00e4mpfung des Wahlrechts beteiligt war \u2013 waren vieles, aber sicherlich keine pazifistische Bewegung. Viel eher war die Zerst\u00f6rung von Eigentum, genauso wie k\u00f6rperliche Attacken auf reaktion\u00e4re Parlamentarier, zentraler Bestandteil ihrer Praxis.<\/p>\n<p>Das \u201ewissenschaftliche\u201c Buch, welches den strategischen Pazifismus rechtfertigt, hei\u00dft\u00a0<em>Why Civil Resistance Works<\/em>\u00a0von Maria Stephan und Erica Chenoweth. Das Buch wurde ber\u00fchmt f\u00fcr die These, nur 3,5% der Bev\u00f6lkerung m\u00fcssten pazifistischen Widerstand leisten, um politische Reformen durchzusetzen. Maria Stephan arbeitete f\u00fcr das\u00a0<em>US-B\u00fcro f\u00fcr Konflikt und Stabilisierungsoperationen<\/em>\u00a0(CSO) in Kabul. Diese Institution wurde gegr\u00fcndet um den Widerstand gegen die US-Besatzung zu brechen. Malm demonstriert den absurden Pazifismus-Begriff des Buches. Beispielsweise wird die \u00e4gyptische Revolution von den Autorinnen als pazifistisch beschrieben. Im Zuge der Revolution wurden im ganzen Land 40%, in Kairo 50% und in Alexandria beeindruckende 60% aller Polizeidienststellen niedergebrannt. Die Massengewalt f\u00fchrte nicht dazu, dass sich \u201enormale\u201c Leute von den Protesten distanzierten. Immer mehr Menschen str\u00f6mten auf die Pl\u00e4tze und k\u00e4mpften mit Steinen und Molotov Cocktails in der Hand f\u00fcr ihre Freiheit. Soziale Bewegungen und Revolutionen sind viel komplexer als die Gegen\u00fcberstellung \u201efriedlich funktioniert, militant nicht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Schw\u00e4che des Buches<\/strong><\/p>\n<p>Wer sich f\u00fcr die Auseinandersetzung mit Pazifismus r\u00fcsten will, dem sei das Buch w\u00e4rmstens empfohlen. Trotzdem bleiben im Buch zwei gro\u00dfe Leerstellen. Einerseits l\u00e4sst uns das Buch im Unklaren dar\u00fcber, ob Sabotage, Massenproteste, staatliche Umr\u00fcstungsprogramme usw. reichen, um die Zerst\u00f6rung des Weltklimas zu beenden, oder ob wir ein anderes Wirtschaftssystem brauchen. Malm ist \u00fcberzeugter Sozialist. Aus dem Buch selbst geht die Notwendigkeit eines antikapitalistischen Bruchs aber nicht hervor.<\/p>\n<p>Die zweite Leerstelle ist das Ausblenden der Rolle der Arbeiter_innenklasse. W\u00e4hrend Malm Seite um Seite die M\u00f6glichkeiten von Sabotage der fossilen Infrastruktur diskutiert, wird die Frage, wie die Arbeiter_innen die Infrastruktur abschalten k\u00f6nnten, kein einziges Mal gestellt. So erfolgreich der Angriff auf die saudische Raffinerie durch die Huthis auch war, binnen einiger Wochen war die Produktion wiederhergestellt.<\/p>\n<p>Arbeiter_innen bes\u00e4\u00dfen durch Streiks, Besetzungen und Sabotage die M\u00f6glichkeit, diese Infrastruktur nicht nur f\u00fcr immer lahmzulegen, sondern sie in den Dienst einer ressourcenschonenden Energieversorgung zu stellen. Im Kleinen wurde dies von den Arbeiter_innen der Schiffswert Harland and Wolff in Belfast versucht. Dem Werk drohte Konkurs, die Arbeiter_innen besetzten die Werft und forderten die Umstellung der Produktion auf erneuerbare Energien. Solchen Formen des \u00f6kologischen Klassenkampfs nehmen global betrachtet zu. Malm selbst erw\u00e4hnt in zwei S\u00e4tzen die Heldentat der Belegschaft eines Bauunternehmens, sich nicht an der Abholzung des Hambacher Forstes zum Braunkohleabbau zu beteiligen. Eine Fokussierung auf diese Formen des \u00f6kologischen Klassenkampfes, verbunden mit strategischen Fragen, wie es gelingen kann, in solche K\u00e4mpfe einzugreifen, sie auszuweiten und zur Avantgarde einer \u00f6kosozialistischen Bewegung zu machen, w\u00e4re eine wichtige Erg\u00e4nzung zur inneraktivistische Debatte um Pazifismus.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/andreas-malm-wie-man-eine-pipeline-in-die-luft-jagt\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. August 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Reisinger. Andreas Malm ist als \u201eeiner der originellsten Denker&#8220; in der Klimabewegung (Naomi Klein) bekannt geworden. 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