{"id":9982,"date":"2021-08-20T18:48:29","date_gmt":"2021-08-20T16:48:29","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9982"},"modified":"2021-08-20T18:48:50","modified_gmt":"2021-08-20T16:48:50","slug":"usa-die-grenzen-der-arbeitskraft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=9982","title":{"rendered":"USA: Die Grenzen der Arbeitskraft"},"content":{"rendered":"<p><em>Daniela Gschweng. <\/em><strong>W\u00e4hrend der Pandemie sind die Arbeitsbedingungen im US-Niedriglohnsegment in vielen Firmen unmenschlich geworden.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Seit Monaten gibt es Berichte dar\u00fcber, dass US-Unternehmen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/amerikas-neuer-arbeitskampf-so-etwas-habe-ich-noch-nie-erlebt-us-firmen-kaempfen-erbittert-um-arbeitskraefte\/27207548.html?ticket=ST-12747314-hFNkfmcY2eteufUPQctA-ap3\">keine Arbeitskr\u00e4fte mehr finden<\/a>. Selbst Einstiegspr\u00e4mien helfen wenig. Grund seien die von der US-Regierung ausgegebenen grossz\u00fcgigen Corona- und Arbeitslosenhilfen. So w\u00fcrden sich vor allem Menschen in den untersten Lohngruppen lieber einen faulen Lenz machen, als sich weiter um Arbeit zu bem\u00fchen und so den Post-Corona-Aufschwung behindern.<\/p>\n<p>Einige Berichte aus den USA vermitteln allerdings ein ganz anderes Bild. Zum Beispiel, dass viele Menschen jetzt Zeit brauchen, um sich zu erholen. Oder, um sich nach einer g\u00e4nzlich anderen Besch\u00e4ftigung umzusehen. Denn die Arbeitsbedingungen von Mindestlohnverdienern haben sich durch die Pandemie drastisch verschlechtert.<\/p>\n<p><strong>Horrorschicht im Chips-Paradies<\/strong><\/p>\n<p>Davon berichtet zum Beispiel die Arbeiterin Cheri Renfro im Podcast \u00abWorking People\u00bb von\u00a0<a href=\"https:\/\/therealnews.com\/84-hour-weeks-a-striking-frito-lay-worker-describes-horrors-of-working-for-chip-giant?utm_medium=email&amp;utm_source=The+Real+News+Network&amp;utm_campaign=88f224b429-EMAIL_CAMPAIGN_2021_07_19_05_03&amp;utm_medium=email&amp;utm_term=0_020676f7fe-88f224b429-421051069&amp;mc_cid=88f224b429&amp;mc_eid=0395230298\">\u00abThe Real News\u00bb<\/a>. Renfro arbeitet seit neun Jahren in einer Fabrik von Frito-Lay in Topeka im US-Bundesstaat Kansas. Frito-Lay geh\u00f6rt zu PepsiCo und ist einer der gr\u00f6ssten US-Hersteller von Kartoffel- und Maischips wie die in den USA bekannten Marken Doritos und Cheetos.<\/p>\n<p>Das heisst, momentan arbeitet Renfro nicht. Seit dem 5. Juli streikt sie f\u00fcr bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Diese, beschreibt sie, h\u00e4tten sich w\u00e4hrend der Pandemie so drastisch verschlechtert, dass sie kaum noch auszuhalten seien.<\/p>\n<p>Auch vor der Pandemie habe es gelegentlich viel Arbeit gegeben, etwa dann, wenn wegen des Super Bowl oder eines Feiertags besonders viele Chips bestellt worden seien. Engp\u00e4sse habe es auch schon immer gegeben, wenn kurzfristig Mitarbeitende fehlten, erkl\u00e4rt die Arbeiterin. Seit Beginn der Pandemie sei dieses System aus dem Ruder gelaufen. Inzwischen seien weit \u00fcber 40 Wochenstunden das Standardpensum.<\/p>\n<p><strong>Mehrarbeit, Krankheit, \u00abSelbstmord\u00bb-Schichten<\/strong><\/p>\n<p>Ursache ist der Markt, aber nicht nur: Die Pandemie hat einen Boom im US-Chipsgesch\u00e4ft ausgel\u00f6st. \u00abDie Leute waren mehr zu Hause und assen mehr Chips\u00bb, erkl\u00e4rt Renfro. Die Bestellungen \u00fcberstiegen jede Prognose. Gleichzeitig wurde die ohnehin anstrengende Arbeit wegen der Corona-Umst\u00e4nde noch schwerer.<\/p>\n<p>In den Warenh\u00e4usern von Frito-Lay herrschen im Sommer Temperaturen von \u00fcber 37 Grad, die Arbeit sei k\u00f6rperlich anstrengend, dazu komme die Maskenpflicht. Mit einer Maske auf Leitern zu steigen und Kisten zu stapeln sei bei hohen Temperaturen kaum in gewohntem Tempo machbar, sagt Renfro. Ihre Sorge ist berechtigt \u2013 auch ohne Masken kam es bei Hitze bereits zu Todesf\u00e4llen.<\/p>\n<p>Ansteckungen gab es dennoch, viele Arbeitende fielen aus. Die Rekordanforderungen wurden auf die verbliebenen Gesunden verteilt, Schichten wurden von 8 auf 12 Stunden verl\u00e4ngert, die Sechs-Tage-Woche wurde die Regel. Und immer \u00f6fter wurden daraus sieben Tage, monatelang.<\/p>\n<p><strong>Bedingungen, die nicht durchzuhalten sind<\/strong><\/p>\n<p>Am meisten gehasst wird die \u00abSelbstmord-Schicht\u00bb, einer der wichtigsten Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass die Frito-Lay-Arbeiter genug haben. Das bedeutet, dass an eine 8-Stunden-Schicht vier Stunden \u00dcberzeit angeh\u00e4ngt werden und die darauffolgende Schicht dann vier Stunden fr\u00fcher beginnt. Dazwischen bleiben acht Stunden \u2013 kaum gen\u00fcgend Zeit zum Schlafen.<\/p>\n<p>Das sind Bedingungen, die \u00fcber l\u00e4ngere Zeit nicht durchzuhalten sind. \u00abWir sind keine Roboter\u00bb, sagt auch\u00a0<a href=\"https:\/\/labornotes.org\/2021\/07\/we-want-see-our-families-frito-lay-workers-strike-over-84-hour-weeks-meager-raises\">Monk Drapeaux-Stewart<\/a>, der bei Frito-Lay als Techniker arbeitet. Das Unternehmen stelle zwar regelm\u00e4ssig neue Arbeitskr\u00e4fte ein, die Fluktuation bei Frito-Lay sei aber so hoch, dass das nicht helfe. Von 850 Mitarbeitenden in Topeka seien so im vergangenen Jahr mehr als 350 ausgetauscht worden, sch\u00e4tzt Cheri Renfro. \u00a0<\/p>\n<p><strong>Hohe Profite auf Kosten der Gesundheit<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bakingbusiness.com\/articles\/50314-frito-lay-full-year-revenue-climbs-45\">Das Unternehmen profitierte<\/a>\u00a0trotz der schwierigen Bedingungen, Frito-Lays Umsatz habe \u00fcber eine Milliarde Dollar \u00fcber den Prognosen gelegen, sagt Renfro. Zun\u00e4chst habe es Boni gegeben, bis zu 20 Dollar pro Tag, maximal 100 Dollar die Woche. Aber nur f\u00fcr einige Wochen, \u00abdann h\u00f6rte es auf\u00bb, sagt Renfro.<\/p>\n<p>Die Gesundheit der Angestellten sei dabei zweitrangig gewesen. \u00abIch meine, Chips sind nicht systemrelevant\u00bb, findet Renfro. Sie fiel mehrere Wochen wegen einer Covid-Erkrankung aus, auch ihre Familie steckte sich an. Zumindest nimmt sie an, dass die Krankheit Covid-19 war, Tests gab es keine. Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen f\u00fchlt sie sich nicht beachtet und nicht gesch\u00e4tzt. In die Angestellten werde nicht investiert, bem\u00e4ngelt sie. In einem\u00a0<a href=\"https:\/\/eu.cjonline.com\/story\/opinion\/2021\/07\/02\/frito-lay-employee-topeka-shares-complaints-working-conditions\/7838411002\/\">offenen Brief<\/a>\u00a0prangerte sie weitere Missst\u00e4nde an.<\/p>\n<p><strong>Nicht viel zu verlieren<\/strong><\/p>\n<p>Als Renfro nach einer Kinderpause von 17 Jahren wieder ins Berufsleben eingestiegen war, waren die Bedingungen bei Frito-Lay im Vergleich noch \u00fcberdurchschnittlich. Seither hat das Unternehmen die L\u00f6hne aber kaum erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>W\u00fcrde sie bei einem anderen Unternehmen am Ort einen Einstiegsjob annehmen, bek\u00e4me sie etwa denselben Lohn wie jetzt bei Frito-Lay nach neun Jahren, erkl\u00e4rt Renfro. Topeka ist ein beliebter, weil verkehrsg\u00fcnstiger Standort, an dem sich \u00fcber die Jahre immer mehr Unternehmen angesiedelt haben. Darunter Warenh\u00e4user, produzierende Unternehmen und zunehmend auch IT.<\/p>\n<p>Viel zu verlieren haben die Streikenden bei Frito-Lay also nicht. Neue Vertr\u00e4ge mit einer Lohnerh\u00f6hung um zwei Prozent \u00fcber zwei Jahre und eine Begrenzung der Wochenarbeitszeit auf 60 Stunden bei gleichzeitiger Abschaffung des Schichtmodells, in dem eine Schicht acht Stunden dauert, lehnten sie ab. \u00a0<\/p>\n<p><strong>Der US-Niedriglohnsektor hat seit Jahren ein Problem<\/strong><\/p>\n<p>In anderen Niedriglohnarbeitspl\u00e4tzen sieht es allerdings nicht sehr viel besser aus. Auch Angestellte anderer Unternehmen brachte die Pandemie an die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit. Dabei waren die Arbeitsbedingungen schon vorher teils haarstr\u00e4ubend. Immer wieder in die Schlagzeilen gelangen beispielsweise die Umst\u00e4nde in den Amazon-Warenh\u00e4usern, inklusive einiger\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/04\/05\/technology\/coronavirus-amazon-workers.html\">Super-Spreading-Events<\/a>.<\/p>\n<p>Der Reporter\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Gabriel_Mac\">Gabriel Mac<\/a>\u00a0(damals Mac McClelland) hat 2012 f\u00fcr das Magazin\u00a0<a href=\"https:\/\/www.motherjones.com\/politics\/2012\/02\/mac-mcclelland-free-online-shipping-warehouses-labor\/?utm_source=mj-newsletters&amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=daily-newsletter-06-22-2021&amp;fbclid=IwAR14EzGVIMskC8ab7kbn1ZsUAD57-5LV0SjmA3XIETRAg7nTzz7PuqU-_3w\">\u00abMother Jones\u00bb<\/a>\u00a0\u00a0eine Tempor\u00e4rbesch\u00e4ftigung in einem US-Warenhaus beschrieben: Im Laufschritt hetzt er durch ein Warenhaus. Die Zeit, die er ben\u00f6tigen darf, um einen Artikel auszusortieren, ist von einem elektronischen Taktgeber auf die Sekunde vorgeschrieben.<\/p>\n<p>Hunderte Male t\u00e4glich bekommt er Stromschl\u00e4ge wegen der elektrostatischen Aufladung der Regale. Sein Arbeitgeber unternimmt dagegen nichts. Berlin schloss wegen \u00e4hnlicher Vorkommnisse vor einem halben Jahr\u00a0<a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/gesellschaft\/technik\/der-ber-hat-endlich-geoeffnet-jetzt-aber-funkts\/\">fast einen ganzen Flughafen<\/a>.<\/p>\n<p>Die Zeit ist so eng getaktet, dass die Angestellten nur in kurzen Worten miteinander reden k\u00f6nnen. Selbst ein Schluck Wasser kostet kostbare Sekunden. Buchst\u00e4blich jede Sekunde, die jemand zu sp\u00e4t kommt oder die Pause \u00fcberzieht, zieht Strafpunkte nach sich.<\/p>\n<p>Sein \u00abSupervisor\u00bb, der seine Leistung optimieren soll, bem\u00e4ngelt regelm\u00e4ssig seine Erf\u00fcllungsquote, freie Tage gibt es nicht. Nach wenigen Tagen gibt er auf. Viele US-Amerikanerinnen und -amerikaner machen solche Mindestlohn-Jobs ein Leben lang, oft weit \u00fcber den Ruhestand hinaus.<\/p>\n<p><strong>Trotz Vollzeitbesch\u00e4ftigung wohnungslos? Das k\u00f6nnte passieren.<\/strong><\/p>\n<p>Und diese Leute k\u00f6nnen sich immer weniger leisten. In s\u00e4mtlichen US-Bundesstaaten, wie die Studie einer Nichtregierungsorganisation gerade festgestellt hat, ist eine 2-Zimmer-Wohnung zu markt\u00fcblichen Preisen f\u00fcr einen Mindestlohnempf\u00e4nger nicht mehr bezahlbar. In fast allen Bezirken reicht eine Vollzeitbesch\u00e4ftigung zum Mindestlohn nicht einmal f\u00fcr eine Einzimmerwohnung.<\/p>\n<p>In Kansas, wo Frito-Lay produziert und Cheri Renfro streikt, liegt der Mindestlohn bei 7,25 Dollar pro Stunde. Die Durchschnittsmiete f\u00fcr zwei Zimmer liegt bei 874 Dollar im Monat. Wenn die Miete 30 Prozent des Einkommens nicht \u00fcbersteigen soll, k\u00f6nnen selbst zwei Mindestlohnempf\u00e4nger diese Miete nicht bezahlen. Zus\u00e4tzlich steigen die Wohnkosten derzeit stark an. Mehrere US-Organisationen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.motherjones.com\/politics\/2021\/07\/for-minimum-wage-workers-rent-is-now-unaffordable-in-every-county-in-america\/\">sind in grosser Sorge<\/a>, weil ein Corona-bedingtes R\u00e4umungsmoratorium, das von der US-Regierung mehrmals verl\u00e4ngert wurde, Ende Juli endg\u00fcltig ausl\u00e4uft.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/gesellschaft\/einkommen-vermoegen\/usa-die-grenzen-der-arbeitskraft\/\"><em>infosperber.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. August 2021<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniela Gschweng. 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