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Revolte an Frankreichs Schulen: Eine „Gelbwesten“-Bewegung der Jugend?

Submitted by on 5. Oktober 2026 – 17:06

Juan Chingo. Die Proteste der Schüler:innen in Frankreich beginnen die Unzufriedenheit einer ganzen Generation zu bündeln. Die Wirkung ihrer Bewegung wird davon abhängen, ob sie sich organisieren und Verbündete finden kann – in der Studierenden- und besonders in der Arbeiter:innenbewegung.

Es gibt Momente, in denen scheinbar grundlegende Forderungen eine explosive Kraft entwickeln, weil sie ein breites Spektrum an Erfahrungen bündeln. Forderungen nach Lehrkräften, Klassenzimmern in gutem Zustand, ausreichend Personal und erträglichen Stundenplänen hätten der Ausgangspunkt für einen begrenzten Konflikt in den Schulen sein können. Doch die Forderungen breiten sich von einer Schule zur nächsten aus. Diejenigen, die sie aufstellen, erkennen sich in der Empörung junger Menschen wieder, die ihnen bisher unbekannt waren. Der Staat antwortet mit brutaler Repression. So wirft der Protest eine tiefer gehende Frage auf: Wie lange kann eine Generation hinnehmen, dass sich ihre Lebensbedingungen und ihre Zukunftsaussichten verschlechtern?

Die sich auf ganz Frankreich ausbreitende Revolte an den Oberschulen (Lycées) lässt uns die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass der Protest eine ganze Generation erfassen könnte. Es wäre verfrüht, ihr ein ausgereiftes Programm zuzuschreiben oder ihren Ausgang vorherzusagen. Doch ihre anfängliche Dynamik vereint unmittelbare Forderungen, die Erfahrung von Ungleichheit und vereinzelt auch die Infragestellung der bestehenden Ordnung. In dieser Verbindung liegt ihre politische Kraft. Der Vergleich mit den Gelbwesten hilft, diese Konstellation zu beleuchten. Nicht etwa, weil es um dasselbe soziale Thema ginge oder weil sich die Dynamik von 2018 wiederholen würde. Sondern weil sich ein ähnlicher Mechanismus beobachten lässt, wie sich die Bewegung ausweitet: ein Protest, der von unten ausgeht, der sich um konkrete materielle Probleme dreht und in dem sich eine Unzufriedenheit äußert, die bisher keine Organisation aufgreifen konnte.

Wenn die Ränder die Initiative ergreifen

Der Ursprung der Proteste in den Oberschulen der Pariser Banlieues erweist sich als entscheidend. Der Politikwissenschaftler Ulysse Rabaté von der Universität Paris 8 im Vorort Saint-Denis, hat darauf hingewiesen, dass der Protest eine „besondere Erfahrung von Ungleichheiten“ sichtbar werden lässt, die an den Schulen in Seine-Saint-Denis und Val-de-Marne herrschen, wo die Bewegung ihren Ausgang genommen hat. Normalerweise gelten diese von staatlichem Rassismus betroffenen Jugendlichen als Probleme, mit denen es umzugehen gilt. Nun sind sie als Protagonist:innen in einem Kampf um ihre Bildung hervortreten. Die politische Initiative geht von Milieus aus, denen die Fähigkeit zum eigenständigen Handeln allgemein abgesprochen wird.  

Im Zentrum der Wut steht das Versprechen der „Gleichheit“, das an der Realität der materiellen Bedingungen scheitert. Was bedeutet es, von allen Jugendlichen denselben schulischen Einsatz zu verlangen, wenn Lehrkräfte fehlen, die Gebäude verfallen und die Ressourcen zur Betreuung der Schüler:innen in einem Teil der Schulen unzureichend sind? Wie kann das Versagen dem individuellen Verhalten zugeschrieben werden, wenn die Lernbedingungen so ungleich sind? 

Das Problem geht über die Mauern einer einzelnen Schule hinaus. Die Schule ist einer der Orte, an denen Kinder aus Arbeiter:innenfamilien den Widerspruch erleben zwischen dem Versprechen eines sozialen Aufstiegs und den Hürden, auf die sie stoßen, wenn sie diesen verwirklichen wollen. Wenn dieser Widerspruch nicht mehr als privates Problem erlebt wird, sondern sich kollektiv ausdrückt, erscheint ein persönliches Versagen als geteilte Ungerechtigkeit. 

Auch das Auftreten der Jugendlichen ist gleichermaßen bedeutsam, wie Ulysse Rabaté erklärt: „Die Codes der Stadtviertel machen die Ästhetik dieses Protestes aus, sowohl in der Art zu sprechen als auch in der Kleidung.“ Kulturelle Codes, Ausdrucksweisen und die sozialen Medien werden zu Ressourcen der Bewegung. Das starke Gefühl der Zugehörigkeit zum eigenen Viertel ist ein Bindemittel, das es ihnen ermöglicht, sich Gehör zu verschaffen. 

In diesem Zusammenhang kommt der Ausweitung der Bewegung auf Schulen in den Innenstädten – sei es am 29. September in Bordeaux, am 30. September in Rennes oder am vergangenen Donnerstag in Paris – eine besondere Bedeutung zu. Anfängliche Beobachtungen aus der Bewegung deuten darauf hin, dass die Solidarität mit den Jugendlichen aus den Arbeiter:innenvierteln gegen die Repression die sozialen Unterschiede zwischen den Schulen überschreitet. Sollte sich dieser Trend bestätigen, wird er ein klassisches Manöver erschweren: die Proteste und ihre Methoden auf die Jugend der Arbeiter:innenviertel zu beschränken und sie gegenüber dem Rest der Gesellschaft als etwas Fremdes darzustellen.

Ein Unbehagen, das über schulische Forderungen hinausgeht

Das Fehlen einer einzelnen Reform, gegen die man sich stellt, unterscheidet diese Bewegung von anderen großen Kämpfen der Jugend. Es gibt zwar geteilte Forderungen wie die breite Ablehnung eines Stundenplans „von 8 bis 18 Uhr“ oder die Frage der Lernbedingungen. Doch ihre Kombination variiert von Schule zu Schule. Diese Vielfalt kann die Vereinigung erschweren, gleichzeitig ermöglicht sie vielen Jugendlichen, sich mit ihren eigenen Gründen der Bewegung anzuschließen. Das ist ein Merkmal, das an die Erfahrung der Gelbwesten erinnert. Die Vielzahl ihrer Forderungen war ein Ausdruck davon, dass sich Missstände angesammelt hatten, die auf den üblichen Wegen nicht mehr beantwortet werden konnten. 

In den vergangenen Tagen haben sich die verschiedenen Bildungseinrichtungen den Protesten jeweils mit ihren eigenen Problemen angeschlossen. Das Ausmaß der Blockaden zeigt jedoch, dass es durchaus eine gemeinsame Grundlage gibt. Der Lehrer:innenmangel verweist auf die Vernachlässigung des öffentlichen Dienstes, während die Stundenpläne und die Disziplin auf die Unmöglichkeit verweisen, über das eigene Leben zu entscheiden,die akademische Selektion auf die Unsicherheit, was die Zukunft bringt. Wie 2018 beginnt der Protest, zusammenzubringen, was bisher getrennt war. Die konkreten Forderungen eröffnen die Möglichkeit, die Lebensbedingungen grundsätzlicher infrage zu stellen. 

In Erfahrungsberichten, die Le Monde am vergangenen Donnerstag gesammelt hat, drückt sich aus, wie sich der Horizont weitet. Die Tageszeitung schreibt etwa: 

Am Lycée Faidherbe in Lille beobachtet diese Schülerin der elften Klasse, wie die großen Mülltonnen mitten auf der Straße brennen, die an ihrer Schule entlangführt. ‚Natürlich sind da die verschlechterten Arbeitsbedingungen, die überfüllten Klassen und die renovierungsbedürftigen Gebäude‘, doch sehr schnell geht es um ein anderes Problem. Die fast 17-jährige Fanny zählt die Sorgen auf, die ihren Alltag belasten: ‚Die Klimakatastrophen, die KI, die alle Arbeitsplätze verschlingen wird, die Gefahr, dass der Rassemblement National die Wahlen gewinnt …‘ Sie selbst hält sich für ‚eher privilegiert mit zwei Eltern, die arbeiten und gut verdienen, aber das ändert nichts an der Zukunft, die uns erwartet. Es ist kein Wunder, dass manche ausrasten.‘

In vielen der Blockaden drückt sich auch die Solidarität mit Palästina kraftvoll aus. Am 25. September war auf einem hochgehaltenen Plakat zu lesen: „Sie bewaffnen das Land und entwaffnen unsere Zukunft.“ Zuletzt kursierte in den sozialen Medien der 17. Oktober als Datum, um gegen die Kraftstoffpreise zu protestieren. Dahinter standen vor allem junge Arbeiter:innen aus den Stadtvierteln, nun beziehen sich auch viele Oberschüler:innen darauf. Diese Beispiele zeigen, dass die schulischen Forderungen zwar eindeutig ein Motor für die Wut der Schüler:innen sind, sie dort jedoch nicht endet. Ein tiefgreifendes Unbehagen durchzieht die unterschiedlichen Sektoren der Jugend.

Das Besondere dieser Revolte könnte in dieser Spannung liegen: Die Jugend fordert, in Würde lernen zu können, doch sie stellt auch die Idee infrage, dass die, die lernen und sich bemühen, ein besseres Leben erwartet. In der Oberstufe konzentriert sich dieser Widerspruch, denn dort entscheidet sich ein Teil der Zukunft für die Jugendlichen. Macrons Versprechen eines Fortschritts durch individuelle Anstrengung sind in Frankreich zutiefst diskreditiert. Der Neoliberalismus hat sich in den vergangenen Jahren als autoritär und repressiv gezeigt, besonders gegenüber den Jugendlichen aus den Arbeiter:innenvierteln. 

All diese Faktoren erklären die Intensität der Bewegung, auch wenn wir ihre Radikalität nicht als gegeben voraussetzen können. Die Empörung kann mit Erwartungen an die Institutionen, lokal beschränkten Forderungen und widersprüchlichen Ideen koexistieren. Wie sie sich entwickelt, wird von der Reaktion der Mächtigen abhängen, aber auch von den Verbindungen, die der Protest mit anderen ausgebeuteten und unterdrückten Bevölkerungsgruppen knüpft, sowie den kollektiven Erfahrungen, die sie macht.

Die Repression verschärft den Konflikt

Die massive und gewaltsame Polizeirepression  – allein an diesem Donnerstag gab es 1.949 Festnahmen – führt zu einer neuen gemeinsamen Erfahrung. Zur Ungleichheit im Bildungswesen kommt die Erfahrung staatlicher Gewalt gegen diejenigen, die versuchen, sich zu wehren, hinzu. Die Polizeieinsätze vor Schulen, die zahlreichen Festnahmen und Verletzungen berühren nicht nur das Bewusstsein der Mobilisierten, sondern haben weitreichende Folgen. Die Verteidigung des Demonstrationsrechts steht daher in den letzten Tagen im Mittelpunkt. Das unmittelbare Ziel der Repressionen besteht darin, die Bewegung zu zerstreuen, Schüler:innen einzuschüchtern und von der Teilnahme an den Protesten abzuschrecken. Zudem erfüllt sie die politische Funktion, die öffentliche Debatte auf das Verhalten der Protestierenden zu lenken. Anstatt Rechenschaft über den Verfall des Bildungssystems abzulegen, verlangt die Regierung von den Jugendlichen, Rechenschaft über ihre Methoden abzulegen und bedient sich dabei rassistischer Vorurteile. Selbst vor der Verbreitung von Fake News schreckt sie nicht zurück: Premierminister Lecornu behauptete fälschlicherweise, Schüler:innen hätten Säureangriffe durchgeführt. 

Die Vorwürfe der Manipulation durch La France Insoumise (LFI) oder die „Ultra-Linke“ sind Teil derselben Strategie. Sie unterstellen, dass den Jugendlichen die Fähigkeit fehle, sich selbständig für Mobilisierungen zu entscheiden, obwohl sie eindeutig in der Lage sind, zu beschreiben, was an ihren Schulen vor sich geht. Dieses Argument dient dazu, ihre Aussagen zu diskreditieren und den sozialen Konflikt als Streit zwischen der Regierung und ihren politischen Konkurrenten darzustellen. Doch auch wenn Einschüchterungen wirken und Repressionen eine Bewegung zermürben können – vor allem, wenn die Teilnehmer:innen isoliert werden –, kann der Kampf gegen Repression auch die Solidarität stärken und schulbezogene Forderungen in eine Auseinandersetzung um demokratische Rechte verwandeln. 

Es muss verhindert werden, dass eine Spaltung zwischen „legitimen“ Teilen der Schüler:innenproteste und „Randalieren“ aus den prekären Vierteln etabliert wird, gegen die man ohne Konsequenzen vorgehen kann. Die Verteidigung der mobilisierten Schüler:innen muss auf alle Schulen ausgeweitet und über die Demonstrationen hinaus organisiert werden: durch die Begleitung der Familien, durch Angebote rechtlicher Unterstützung und die öffentliche und kollektive Skandalisierung der Repressionen. Das Schicksal der Mobilisierung entscheidet sich auch dann, wenn die Kameras verschwinden. Gleichzeitig stellt die Schließung von hunderten Schulen, um die Mobilisierung zu unterbinden, eine weitere Form der Repression dar, der es zu begegnen gilt. Lehrkräfte können dabei eine Schlüsselrolle spielen, indem sie sich weigern, Fernunterricht zu geben, wie es an Lycée René Cassin in Gonesse geschehen ist.

Die Studierendenbewegung muss sich einbringen

Trotz der Gemeinsamkeiten gibt es einen wichtigen Unterschied zur Gelbwestenbewegung. Der autonome Charakter der Schüler:innenbewegung bedeutet nicht, dass sie jeder parteipolitischen Intervention feindlich gegenübersteht. Ulysse Rabaté stellt fest, dass bestimmte Politiker:innen als Unterstützer:innen willkommen geheißen werden. Das gilt beispielsweise für die LFI, etwa den Abgeordneten Louis Boyard oder den Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko. Aber auch Mitglieder von Révolution Permanente, wie Anasse Kazib, Elsa Marcel oder Christian Porta in Saint-Avold wurden herzlich empfangen. Diese Offenheit kann Ausdruck eines Willens sein, Verbündete zu finden, wie auch die Sympathie zeigt, die die Unterstützung durch ihre Lehrkräfte bei den Schüler:innen hervorruft.

Diese Solidarität muss nun durch das aktive Engagement der Studierenden ausgeweitet werden. Der Jubel beim Treffen zwischen den Schüler:innen des Lycée Paul Éluard und den Studierenden der Universität Paris 8 in den Straßen von Saint-Denis stellen einen ersten Schritt dar, ebenso wie die ersten Anzeichen einer studentischen Mobilisierung mit einem Aufruf der Universität Rennes 2, die Universität zu blockieren und sich den Schüler:innen anzuschließen, sowie ähnliche Aktionen an der Universität Paris Cité oder auf dem Campus La Chapelle der Universität Paris 1. Die Einbeziehung der Studierenden kann zudem Erfahrung einbringen, Orte für Zusammenkünfte bieten und den Aufbau organisatorischer Instrumente gemeinsam mit den Schüler:innen ermöglichen – durch Versammlungen und demokratische Koordinierungsgremien. Politische Organisationen und Studierendengewerkschaften sollten dazu beitragen, diese Instrumente zu stärken und entsprechende Vorschläge zu unterbreiten, wie es von Le Poing Levé bereits umgesetzt wird.

Die strategische Notwendigkeit des Zusammenschlusses mit der Arbeiterbewegung

Eine weitere Aufgabe liegt bei der Arbeiter:innenbewegung. Am Donnerstag bildeten Arbeiter:innen verschiedener Unternehmen aus Le Havre vor der Oberschule „François Ier“ eine Menschenkette, um die Jugendlichen vor der Polizei zu schützen. Dieses Ereignis bildet ein Beispiel für eine Art von Bündnis, die das Kräfteverhältnis verändern könnte. So eröffnet diese Geste über ihre lokale Bedeutung hinaus eine strategische Perspektive. Die Jugend ist nicht mehr auf sich allein gestellt, wenn organisierte Gruppen von Arbeiter:innen ihre Verteidigung als ihre eigene Aufgabe betrachten.

Diese Solidarität hat eine materielle Grundlage. Die Lernbedingungen der Kinder von Arbeiter:innen und die Arbeitsbedingungen des Bildungspersonals hängen von gemeinsamen Ressourcen, Personalbeständen und Haushaltsentscheidungen ab. Lehrkräfte und pädagogische Hilfskräfte, die diese Praxis der Menschenketten an der Paul-Eluard-Schule ins Leben gerufen haben, sind selbst von den Missständen, die die Schüler:innen anprangern, betroffen. Die Eltern leiden unter den Folgen des Verfalls des Schulsystems, parallel zu den Problemen bei Arbeit, Wohnen und öffentlichen Dienstleistungen. Doch ein gemeinsames Interesse führt nicht automatisch zu einem gemeinsamen Kampf.

Damit Solidarität etwas bewirkt, muss sie sich in Präsenz vor den Schulen, gemeinsamen Versammlungen, Verbindungen zu Gewerkschaften anderer Sektoren und gemeinsam durchgeführten Aktionen niederschlagen. Der Schutz vor der Polizei sollte der Beginn einer dauerhaften Beziehung sein. Der Aufruf von Le Poing Levé zu einer Aktionswoche ab dem 5. Oktober und die Bereitschaft mehrerer Jugendorganisationen, am 6. Oktober eine gemeinsame Demonstration der Schüler:innen und Studierenden zu organisieren, könnten durch Delegationen von Arbeiter:innen verstärkt werden. Die Mobilisierung gegen den CPE (Contrat Première Embauche, ein geplantes Gesetz, das Unternehmen ermöglichen sollte, junge Arbeiter:innen in einem Zeitraum von zwei Jahren ohne Angabe von Gründen zu entlassen, Anm. d. Ü.), deren zwanzigjähriges Jubiläum wir in diesem Jahr feiern, bietet einen wichtigen Präzedenzfall. Damals hatten die Organisierung der Schüler:innen und Studierenden, die Versammlungen und die studentische Koordination – verbunden mit der Beteiligung der Arbeiter:innen an den Streik- und Demonstrationstagen – die Regierung Villepin dazu gezwungen, die Maßnahme zurückzuziehen. Diese Erfahrung zeigt, was sich ändern kann, wenn die Revolte der Jugend ein aktives Echo innerhalb der Arbeiter:innenbewegung findet.

Vor den Toren des Lycée Faidherbe in Lille war an diesem Donnerstag auf einem Transparent zu lesen: „Du willst uns verarschen? Dann geben wir dir Mai ’68.“ Dieser Spruch eröffnet eine Perspektive, an deren Gestaltung wir mitwirken müssen: dafür zu sorgen, dass die Revolte der Jugend mit der Kraft der Arbeiter:bewegung zusammenfindet. Umso mehr, als die Initiative der Jugendlichen denjenigen Teilen neues Selbstvertrauen geben könnte, die in den letzten Jahren Niederlagen erlitten haben oder deren Mobilisierungen selten die erhofften Ergebnisse gebracht haben.

Hin zur Organisation der Gegenoffensive

Die Bewegung verfügt über eine offensichtliche anfängliche Stärke: Sie breitet sich spontan auf nationaler Ebene aus, sogar bis nach Belgien! Diese Eigenschaft macht es schwierig, sie einzudämmen, stellt aber auch ein Problem dar. Die Verbindungen zwischen den Schüler:innen, die es ermöglichen, eine Blockade zu starten, reichen nicht aus, um Hunderte von Schulen zu koordinieren, gemeinsame Forderungen auszuarbeiten oder einen Plan für den Übergang zur Offensive vorzubereiten. Soziale Netzwerke beschleunigen den Austausch von Erfahrungen. Aber nur durch Organisation lässt sich diskutieren und entscheiden, was zu tun ist. In diesem Sinne könnte eine auf Versammlungen basierende Koordination die gemeinsamen Forderungen bündeln – beispielsweise in Bezug auf Bildungsmittel, die Abschaffung von Parcoursup (Online-Portal für die Vergabe von Hochschulplätzen, Anm. d. Ü.) oder den Kampf gegen Repression –, ohne dabei die spezifischen Forderungen der einzelnen Schulen zu verwässern.

Die revolutionären Aktivist:innen von Révolution Permanente und Le Poing Levé sowie all ihre Sympathisant:innen tragen, ausgehend von konkreten Stützpunkten zu dieser Perspektive bei. Überall dort, wo Verbindungen zwischen den Schüler:innen, dem Lehrpersonal und den Arbeiter:innen anderer Sektoren bestehen, müssen Initiativen gefördert werden, die als Vorbild dienen und sich ausbreiten können. Die entscheidende Frage ist, ob sich die Empörung, die sich heute an den Oberschulen ausbreitet, in Organisation und dauerhafte Solidarität verwandeln und neue Schichten der Ausgebeuteten und Unterdrückten ergreifen kann. Die Menschenketten vor den Toren der Schulen bergen eine strategische Perspektive in sich: dass sich die Verteidigung der Jugend in einen gemeinsamen Kampf gegen die Politik verwandelt, die ihre Ausbildung, die Arbeitsbedingungen ihrer Eltern und die Zukunft aller verschlechtert. Die Herausforderung besteht daher darin, diese anfängliche Solidarität in eine organisierte Kraft zu verwandeln, die in der Lage ist, in die Gegenoffensive überzugehen.

Quelle: klassegegenklasse.org… vom 5. Oktober 2026

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