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27. Oktober: Gedenktag an den Reichswehrterror in Freiberg 1923

Submitted by on 23. Oktober 2026 – 11:10

Vor über 100 Jahren besetzte die Reichswehr den Freistaat Sachsen, um eine sozialdemokratisch-kommunistische Regierung abzusetzen. Ein Aufruf zum Gedenken an die 29 Opfer des konterrevolutionären Terrors im sächsischen Freiberg.

Im Herbst 1923 fielen über Sachsen und Thüringen die Truppen der Reichswehr her, um eine mögliche Revolution zu verhindern. Der Höhepunkt dieser konterrevolutionären Aktion war der Freiberger Blutsonnabend vom 27. Oktober. Die Revolutionäre Internationalistische Organisation (RIO) beteiligt sich am gemeinsamen Gedenken an die 29 Opfer des Reichswehrterrors am 27. Oktober auf dem Platz der Oktoberopfer. Sie ruft darüber hinaus dazu auf, den 27. Oktober als Teil der Geschichte und Tradition der deutschen und sächsischen Arbeiter:innenbewegung wieder jährlich zu begehen.

Blut auf den Straßen Freibergs

Am Samstagnachmittag, dem 27. Oktober 1923, demonstrierten in Freiberg rund 1000 Arbeiter:innen und Arbeitslose gegen die Reichswehrbesatzung. Als vier Reichswehrsoldaten in Zivil im Postamt eingeschlossen wurden, rückte ein motorisierter Trupp von 24 Mann unter Feldwebel Fritz Fülte an, um sie zu befreien. Anschließend versuchte Fülte, die Menge zu zerstreuen. Die Demonstrierenden bedrängten und beschimpften die Soldaten, bewarfen sie mit Steinen und versuchten, ihnen die Waffen abzunehmen. Statt sich zurückzuziehen und die Situation zu deeskalieren, erteilte Fülte den Schießbefehl. Die Soldaten feuerten ohne Warnung aus nächster Nähe in die Menge. 13 Menschen starben sofort, zahlreiche weitere wurden verletzt. Als ein Soldat von Demonstrierenden entwaffnet und geschlagen wurde, kam es erneut zu Schüssen. Der Lärm lockte weitere Menschen an, sodass die Menge während einer etwa 30-minütigen Feuerpause auf über 2000 Personen anwuchs. Als erneut Reichswehrsoldaten eintrafen, flohen die Demonstrierenden in alle Richtungen. Dennoch eröffneten die Soldaten, abermals ohne Vorwarnung, das Feuer. Vermutlich handelte es sich um eine Racheaktion für den verletzten Kameraden. In den folgenden Tagen und Wochen erlagen weitere Menschen ihren Verletzungen. Insgesamt starben 29 Menschen, 84 wurden zum Teil schwer verletzt. 

Die Reichswehr rechtfertigte ihr Vorgehen im Nachhinein mit der Behauptung, aus der Menge sei zuerst geschossen worden. In ihrer offiziellen Darstellung war sogar von einem leichten Maschinengewehr die Rede. Spätere Untersuchungen fanden dafür keinerlei Belege. Insbesondere der zweite Schusswaffeneinsatz erscheint daher als willkürlicher Terrorakt. Doch auch das erste Blutvergießen hätte verhindert werden können, wenn die Reichswehr auf den Schutz von Menschenleben bedacht gewesen wäre. Stattdessen setzte sie ihre staatliche Ordnung mit Gewalt durch und nahm die Toten von Freiberg dafür billigend in Kauf.

Die Tat blieb gänzlich ungesühnt. Es wurde zwar vom sächsischen Landtag ein Untersuchungsausschuss eingerichtet, doch die Reichswehr verweigerte jede Zusammenarbeit und behielt alle Informationen über die beteiligten Einheiten unter Verschluss. Der Ausschuss beendete 1926 seine Arbeit, sein Abschlussbericht wurde jedoch nie veröffentlicht und erst vor kurzem umfassend historisch aufgearbeitet. Die KPD veröffentlichte 1924, sich auf die Untersuchungen des Ausschusses stützend, eine Broschüre unter dem Titel: „Unter dem Weißen Terror, Reichswehrgreul in Sachsen“. Das Freiberger Massaker war nicht die einzige Auseinandersetzung zwischen Arbeiter:innen und Arbeitslosen mit Reichswehrsoldaten. In Pirna wurden zum Beispiel schon während des ersten Einmarsches der Reichswehr am 23. Oktober zwei Arbeiter:innen erschossen und zwei verletzt, in Freital und Limbach gab es ebenfalls jeweils einen Toten. Hunderte Arbeiterkommunist:innen wurden verhaftet und Dutzende durch Prügel mit Reitpeitsche und Gewehrkobeln verletzt.

1923: eine tragische Niederlage 

1923 war die politische Situation in Deutschland extrem angespannt. Im Januar besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Reparationszahlungen zu erzwingen. Die Reichsregierung reagierte mit „passivem Widerstand“: Die Löhne der Ruhrarbeiter:innen wurden staatlich finanziert, während die Kohleförderung eingestellt wurde. Die Finanzierung über die Notenpresse führte zur Hyperinflation und verschärfte die Wirtschaftskrise. Im Spätsommer erreichte die KPD den Höhepunkt ihres politischen Einflusses und begann, eine Revolution vorzubereiten. Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) und Reichskanzler Gustav Stresemann (DVP) reagierten mit einer militärischen Aktion gegen die Arbeiter:innenregierungen in Sachsen und Thüringen, in denen linke Sozialdemokrat:innen und Kommunist:innen koalierten. 

Die KPD überschätzte jedoch den Kampfeswillen der Sozialdemokrat:innen. Zwar hielt der sächsische Ministerpräsident Erich Zeigner (linke SPD) radikale Reden gegen Reichswehr und Autoritarismus, doch blieb er im entscheidenden Moment passiv. Auf einer Betriebsrätekonferenz in Chemnitz beantragte der  KPD-Vorsitzende Heinrich Brandler am 21. Oktober einen gemeinsamen Abwehrgeneralstreik gegen den drohenden Reichswehreinsatz. Die Sozialdemokrat:innen lehnten dies kategorisch ab und drohten, die Konferenz zu verlassen. Brandler zog seinen Antrag zurück. 

Damit wich die KPD im entscheidenden Moment vor dem Kampf zurück und verpasste den Übergang von der Defensive zur Offensive. Sachsen und Thüringen, die als Sprungbrett für eine Revolution im ganzen Reich dienen sollten, verwandelten sich in ein totes Gewicht. Ohne einen Plan B sagte die KPD ihre Aufstandspläne ab und organisierte einen ungeordneten Rückzug. Die Reichswehr konnte Sachsen und später Thüringen nahezu kampflos besetzen. Lediglich in Hamburg kam es zum Aufstand, der rasch niedergeschlagen wurde. Anschließend wurde die KPD erstmals verboten und von schweren Fraktionskämpfen erschüttert. Der revolutionäre Moment war verpasst. 

Die Gewalt der Reichswehr, deren trauriger Höhepunkt der Freiberger Blutsonnabend war, richtete sich vor allem gegen Sachsen und Thüringen, um eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft durch die Arbeiter:innenklasse zu verhindern. Es war konterrevolutionärer Terror zur Rettung des kapitalistischen Privateigentums. Anders behandelte der bürgerliche Staat das reaktionäre Bayern, wo Hitler und Ludendorff mit ihren faschistischen Banden staatliche Duldung fanden. Obwohl Hitler nach seinem gescheiterten Putsch im November wegen Hochverrats angeklagt wurde, erhielt er aufgrund seiner tadellos „nationalen“ Beweggründe nur eine milde Strafe. Die Kommunist:innen hingegen wurden gnadenlos verfolgt und mit Hunderten Prozessen sowie langjährigen Haftstrafen überzogen. Im Nachspiel des Jahres 1923 offenbarte sich damit der Klassencharakter der bürgerlichen Justiz.

Das Gedenken im Zeichen der aktuellen Kämpfe 

Das Massaker von Freiberg steht für eine der großen historischen Niederlagen der deutschen Arbeiter:innenbewegung. Wir gedenken daher nicht nur der Arbeiter:innen und Arbeitslosen, die für ein besseres Leben kämpften und den Gewehren der Konterrevolution zum Opfer fielen. Wir erinnern auch an die Niederlage der deutschen und internationalen Arbeiter:innenbewegung, um Lehren für die Zukunft zu ziehen. Gerade heute, angesichts von Militarisierung und Wehrpflicht, Sozialabbau, Werksschließungen und Angriffen auf Löhne und Arbeitszeiten sowie der Wahlerfolge der AfD, müssen wir aus dieser Geschichte lernen: Passives Zurückweichen bewahrt nicht unsere Kräfte, sondern überlässt der Konterrevolution das Feld. 

Nur eine Einheitsfront aller Arbeiter:innenorganisationen und Gewerkschaften, die den Klassenkampf bis hin zum Massenstreik organisiert, kann diesem reaktionären Angriff etwas entgegensetzen. Die Arbeiter:innenbewegung muss ihre stärksten Waffen wieder einsetzen: Drohende Werksschließungen wie bei VW in Zwickau müssen mit Betriebsbesetzungen und dem Kampf um Verstaatlichung unter Arbeiter:innenkontrolle beantwortet werden. Gegen Lohnangriffe braucht es Vollstreiks und inflationssichere Löhne, gegen Rentenkürzungen, längere Arbeitszeiten und Sozialabbau politische Streiks. 

Auch Militarisierung, Wehrpflicht und die Einschränkung demokratischer Rechte müssen entschlossenen Widerstand hervorrufen. Die Jugend muss sich gemeinsam mit der Arbeiter:innenklasse den Kriegsvorbereitungen der Herrschenden entgegenstellen, wie sie es in Frankreich gerade tut. Ebenso darf die Gefahr einer AfD-geführten Regierung nicht unterschätzt werden. Politische Streiks, Massendemonstrationen und Besetzungen sind notwendig, um ihren Vormarsch aufzuhalten. In Sachsen-Anhalt droht mit Ulrich Siegmunds Plänen, faschistische Schlägertrupps als Hilfspolizei einzusetzen, eine weitere Eskalation gegen die Arbeiter:innenbewegung. Auch die aktuelle Hetze gegen die Linkspartei zeigt, dass die Brandmauer nun umgekehrt und gegen links gerichtet wird. 

Deutschland steht vor entscheidenden Ereignissen. Die Merz-Klingbeil-Regierung kracht in allen Fugen, die AfD feiert Wahlsieg auf Wahlsieg und macht sich bereit, bald auch möglicherweise im Bund zu regieren. Die Unternehmer kündigen überall die Sozialpartnerschaft und drohen mit Werksschließungen. Die Arbeiterklasse muss diese Angriffe abwehren, wie es die Vertrauensleute des Mercedes-Werks von Untertürkheim ausgedrückt haben: 

Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik! Die Bosse wollen Klassenkampf? Können sie haben! […] Wir engagieren uns in unserer Gewerkschaft und verlangen so bald wie möglich, Demonstrationen gegen die Gier der Bosse, gegen die Regierung und für eine bessere Zukunft zu organisieren. Bis hin zum Streik. Und wenn die Gewerkschaftsspitzen sich zieren, dann machen wir das selbst.

In diesem Geist wollen wir nun jährlich wieder gemeinsam mit allen anderen Organisationen der Arbeiter:innenbewegung das Gedenken für die Opfer des Freiberger Blutsonnabends begehen. Der Kampf, der bereits vor über 100 Jahren darum geführt wurde, ob hierzulande das Recht der Arbeiter:innen oder das Recht der Kapitalist:innen herrscht, muss auch heute fortgeführt werden.

Quelle: klassegegenklasse.org… vom 23. Oktober 2026

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