Schweiz
International
Geschichte und Theorie
Debatte
Kampagnen
Home » Debatte, Geschichte und Theorie

Wie der „Sozialismus“ zur NSDAP kam

Eingereicht on 3. April 2021 – 10:29

Materialien gegen die Mär von der ideologischen Übereinstimmung von Kommunisten und Faschisten. Ein zentrales ideologisches Vehikel dieser Gleichsetzung ist die sogenannte «Totalitarismustheorie».

Hinlänglich bekannt ist die Totalitarismustheorie, die den Faschismus mit dem Kommunismus gleichsetzt. Eines ihrer (schlechten) Argumente behauptet, daß Kommunisten und Nationalsozialisten mit dem Sozialismus ein ähnliches Ziel angestrebt hätten. Sebastian Haffner meint, Hitler habe eher links als rechts gestanden, weil er Menschen „sozialisierte“ (i.S. einer Einbindung in Kollektive), weil Haffner Ähnlichkeiten zwischen der NS-Herrschaft und dem DDR-System und Stalin feststellen zu müssen glaubt und aufgrund des Wortes „Sozialismus“ im Namen der Hitler-Partei. 1

Macht man sich einmal die Mühe, und gibt in ein Internetsuchprogramm die Stichworte „Sozialismus und Nationalsozialismus“ oder vergleichbares ein, so erscheint auf dem Bildschirm ein Vielzahl von entsprechenden Gleichsetzungen aus dem bürgerlichen und auch aus dem rechtsextremen Lager.

Daß all dies kompletter Unfug ist, daß der „Sozialismus“ der NSDAP aber auch gar nichts mit Sozialismus zu tun hatte, daß ihr „Antikapitalismus“ rein demagogischer Natur war zum Zwecke der Anhangbildung und schlußendlich, daß dieser „Sozialismus“ von Antikommunisten aus taktischen Gründen in verschiedene Organisationen eingepflanzt wurde – darunter auch in die NSDAP – soll im folgenden nachgewiesen werden. Vorweg sei angemerkt, daß die Rolle von „Sozialismus“ und „Antikapitalismus“ in der NS-Propaganda gegenüber Themen wie Antisemitismus, Antikommunismus und Revanchismus, um nur die wichtigsten zu nennen, zweitrangig war.

Der „Sozialismus“ der NSDAP

Im 25-Punkte-Programm der NSDAP vom 25. Februar 1920 heißt es: „11. Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens. Brechung der Zinsknechschaft.“ Außerdem: Verstaatlichung der Trusts (13.) und Gewinnbeteiligung an Großbetrieben (14.). 2 Klassengegensätze wurden von der NSDAP generell in Abrede gestellt, denn „in Deutschland, wo jeder gleiches Blut trägt, der überhaupt Deutscher ist, (…) da kann es keine Klasse geben, da gibt es nur Volk und weiter nichts.“ (Adolf Hitler, 1922) 3 Gottfried Feder, der sich selbst als Wirtschaftstheoretiker der NSDAP begriff, „erfand“ nicht nur die Parole von der „Brechung der Zinsknechtschaft“, sondern auch die krude Trennung von gutem schaffenden und schlechtem raffenden (jüdischen) Kapital. Erläuternd erklärte er, das „raffende“ Kapital sei nicht das Finanzkapital schlechthin, sondern nur das jüdische Bankkapital, „deutsche“ Banken zählten zum „schaffenden“ Kapital, da sie ja produktives Kapital finanziell unterstützten. 4

Neu an der NSDAP (und vergleichbaren Gründungen) war, so Kurt Gossweiler, daß sie „als radikal antibürgerliche, antikapitalistische Partei auf[trat], als eine Partei, deren Ziel ein ’nationaler Sozialismus‘ sei“. Sie vertrat die „faschistische Paarung von Antisozialismus mit antikapitalistischer Demagogie“, insbesondere solange „ihre Werbung vor allem der Arbeiterschaft galt“, 5 d.h. in ihrer Frühzeit. Diese Indienstnahme einer antikapitalistischen Phraseologie hob beispielsweise ein Justizrat Stolte auf einer Ausschußtagung des „Alldeutschen Verbands“ am 20. Oktober 1918 hervor: „Ich bin derselben Ansicht, daß es nicht darauf ankommt, die Gebildeten zu gewinnen, sondern darauf, die Massen einzufangen.“ 6 Ausgeführt wurden diese Gedanken auch vom Chefredakteur der (alldeutschen) „Deutschen Zeitung“ in einem Artikel vom 10. November 1923, als man Hitler fast schon fallenlassen wollte, wegen des als kontraproduktiv angesehenen „Marsches auf die Feldherrenhalle“ („Hitlerputsch“). Er schreibt, weshalb man Hitler einst aufgebaut hatte: „Hitler schien der richtige Mann, die am Kommunismus irregewordene Arbeiterschaft auf den neuen Arbeiter-Nationalismus zu sammeln. Daß dieser Arbeitersozialismus anders aussehen und in anderen Formen auftreten mußte, wie der Nationalismus alter Herrenschichten, war selbstverständlich.“ 7

Diese Propaganda ging so weit, daß Oskar Hergt, Vorsitzender der DNVP, Mitte 1922 fürchtete, daß sich diese Agitation nicht nur gegen jüdisches, sondern gegen das Kapital überhaupt auswirken könnte. 8 Diese Befürchtungen zerstreuten sich dann aber rasch. Dazu trugen unter anderem Versicherungen Hitlers gegenüber konservativen Gönnern bei, die sozialen Aspekte des Programms seien nötig, um die Massen zu gewinnen, das Programm könne „nach erreichtem Erfolg preis[ge]geben“ werden. 9

Ein politischer Pragmatismus mit dem Ziel, möglichst viele verschiedene soziale Schichten an die Partei zu binden, bestimmte Hitler auch noch 1932, als er die Beteiligung der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) am Berliner Verkehrsarbeiterstreik gegen Hindenburgs Kritik verteidigte: „Wenn ich meine Leute von der Beteiligung abgehalten hätte, hätte der Streik doch stattgefunden, aber ich hätte meine Anhänger in der Arbeiterschaft verloren; das wäre auch kein Vorteil für Deutschland.“ 10

Die die folgenden Ausführungen leitende Frage ist, wie es zur Wende der rechtsextremen Propaganda – weg vom althergebrachten, arbeiterverachtenden Nationalismus hin zu einer pseudo-sozialistischen Demagogie – kam.

Die Alldeutschen als Förderer diverser völkischer „Sozialisten“ …

Einer der wichtigsten Drahtzieher im Geflecht der völkischen Gruppen und Organisationen war der „Alldeutsche Verband“ (AV), in dem, nach dem Urteil Joachim Petzolds, die „Anfänge des deutschen Faschismus (…) zu suchen“ sind. 11 Die Verbandsgründung vollzog sich im Zusammenhang mit dem Helgoland-Vertrag, nachdem Deutschland die Nordseeinsel erhielt und England im Gegenzug Sansibar. Dieser Tausch stieß auf massive Kritik deutscher Kolonialbefürworter. „Über See muß in Zukunft der Blick des deutschen Bürgers […] gerichtet sein“, verlautbarte Alfred Hugenberg in Rundschreiben, deren Ausfluß dann die Verbandsgründung am 28. September 1890 war. 12 Verbandsziele waren die Förderung „vaterländischen Bewußtseins“, die Fortführung einer deutschen Kolonialbewegung und die Unterstützung deutsch-nationaler Bestrebungen im Ausland. Im Laufe der Zeit wurde die Stoßrichtung um einen völkischen Rassismus ergänzt. Der Antisemitismus wurde im Verband als zentrales Agitationsthema durchgesetzt. Der AV war eine durch und durch bürgerliche Honoratiorenvereinigung, die sich keinerlei Sozialdemagogie bediente. Die Koppelung des Antisemitismus mit einem „nationalen Sozialismus“, die der Verband, wie wir noch sehen werden, völkischen Gruppen einzugeben versuchte, waren ausschließlich taktischer Natur. Nach Petzold waren die von ihrem Vorsitzenden Heinrich Claß aufgestellten Forderungen – Liquidierung der Arbeiterbewegung, Rassen- und Judenfrage radikal lösen – zentral für den Verband. Man wollte eine nationale Arbeiterbewegung ins Leben rufen, bis 1914 bediente man sich dabei aber noch keinerlei antikapitalistischer oder sozialistischer Phrasen. 13

Auch die programmatische Schrift von Claß „Wenn ich der Kaiser wär´“ – 1912 unter dem Pseudonym Daniel Frymann erschienen – gibt sich keinen sozialistischen Anstrich, wenngleich das Großkapital kritisiert, aber letztlich doch akzeptiert wird. Großkapital und Großbanken sind dem Justizrat obskur, da sie Einfluß auf die Politik nähmen. Zudem förderten Banken schädliche Unternehmen, wie z.B. Warenhäuser, die ihrerseits die Kleinunternehmer ökonomisch bedrohten. 14 Es sei allerdings nicht möglich, die Großindustrie in Einzelteile zu zerlegen, da sie organisch gewachsen sei. Die Industriekapitäne müßten in politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Der Einfluß der Großbanken sei durch Kapitalbegrenzung einzuschränken, Warenhäuser hingegen sollten gänzlich verboten werden. 15 Als Hauptzielscheibe für alle, die im bestehenden System nicht zufrieden waren, wurden Juden angeboten. Deutsche und Juden seien „wie Feuer und Wasser“. Juden arbeiteten nicht schöpferisch, sondern in Handel und Geldwesen. 16 Die Juden eroberten Politik und Presse. „Die Rasse ist der Quell aller Gefahren.“ 17

Eine zeitweise wichtige Gruppierung, an deren Gründung die Alldeutschen maßgeblich beteiligt waren, nannte sich „Deutsche Vaterlandspartei“ (*Herbst 1917), die, gesponsert v.a. von der Schwerindustrie, zugunsten des Durchhaltens im Krieg eine Massenbewegung von rechts initiieren wollte. Es sollten „fern allem Parteigetriebe die rein völkischen Ziele des Deutschtums“ propagiert werden, man wollte in die Arbeiterklasse wirken – „Nationalisierung der deutschen Arbeiterschaft“. Von irgendwelchen sozialistischen Parolen konnte indes keine Rede sein, aber man gründete 1918 eine „Abteilung für Werbung und nationalpolitische Aufklärung der Arbeiter“. 18 Neben der „Deutschen Vaterlandspartei“ leiteten die Alldeutschen auch den „Freien Ausschuß für einen Deutschen Arbeiterfrieden“ an, beide „unmittelbare() Geburtshelfer() der Nazibewegung“. 19

Eine weitere Gründung unter maßgeblicher Beteiligung der Alldeutschen – gemeinsam mit dem „Reichshammerbund“ und ab Ende 1919 dem „Deutsch-Völkischen Bund“ – fand am 18. Februar 1919 statt: Der „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund“ hatte vor allem die Aufgabe, die antisemitische Hetze zu befördern. Auch er propagierte die „Brechung der Zinsknechtschaft“, die zum Allgemeingut der radikalen Rechten Weimars geworden war. Zwar verlangte man die Sozialisierung von Banken, Börsen und Großhandel, eines wie auch immer verballhornten Sozialismus-Begriffs bediente man sich aber nicht. Vielmehr handelte es sich bei den ökonomischen Entwürfen der Schutz- und Trutzbündler um ein Kleinbürgeridyll, in dem ihre wirtschaftliche Bedrohung durch Monopolisierungstendenzen zumindest teilweise aufgehoben sein sollte. Der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund stellte nach seiner Auflösung – 1922 bewirkt durch inneren Zerfall und etliche Verbote – den personellen Grundstock zahlreicher NSDAP-Ortsgruppen. 20

Nach dem I. Weltkrieg ging es für die Alldeutschen um die Verhinderung des Sozialismus. Nun sollte es „praktisch-demagogisch“ (Claß) gegen Juden gehen. 21 Es wurden daraufhin verschiedenste Versuche mit kleinen rechten Gruppen gemacht, die in die Arbeiterklasse eindringen wollten. Schon Ende 1918 vermeldeten die „Allgemeinen Ordens-Nachrichten„, Nr. 15, eine weitere Gründung, die „Deutsch-Sozialistische Partei“ (DSP), die die kommende pseudoantikapitalistische Argumentation bereits programmatisch vertrat: „… Kapitalismus und Judentum werden unter der Demokratie ihr Haupt höher als je erheben“. „Der Grund des Mißerfolges liegt darin, daß der Kampf gegen jene beiden Mächte bisher getrennt geführt wurde. Beide sind aufs engste verkoppelt.“ SPD-Führer seien Juden und Kapitalisten. „Die Judenkenner aber kämpfen vergeblich gegen das Judentum, weil sie auf dem Boden der kapitalistischen Staatsordnung stehen (…).“ Es brauche daher eine neue Partei, „deutschvölkisch und sozialistisch“. 22 Gegründet wurde die DSP in Hannover unter Vorsitz von Alfred Brunner, ihre Münchner Ortsgruppe leitete seit Mai 1919 Hans-Georg Grassinger unter dem Namen „Deutschsozialistische Arbeitsgemeinschaft“. 23 Die DSP war in verschiedenen Städten vertreten, darunter in Leipzig, Berlin und Düsseldorf. Bei den Reichstagswahlen vom Mai 1920 erhielt sie etwas über 2000 Stimmen. 24 Im Herbst 1922 löste sie sich auf, ihre Mitglieder traten der NSDAP bei. 25

Zuvor hatte man erste Erfahrungen im Bereich pseudo-sozialistischer Demagogie mit Eduard Stadtler gesammelt. Wolfgang Ruge betrachtet Stadtler als den „ersten deutschen Faschisten“, 26 weil er soziale und nationale Parolen zum Zwecke konterrevolutionärer Mobilisierung miteinander verschmolz und terroristische Formationen gegen die Arbeiterbewegung ins Leben rufen wollte. Stadtler war Generalsekretär der am 1. Dezember 1918 gegründeten „Antibolschewistischen Liga“. 27 Der „Klassenkampf-Sozialismus“ sollte durch einen „christlichen Sozialismus“ mit einer Militärdiktatur ersetzt werden. 28 Antibolschewismus, das ergibt ein Blick auf einige seiner Schriften, war das Hauptanliegen Stadtlers, dafür wollte er der Arbeiterklasse einen anderen Sozialismus verkaufen: „Wir sind das am meisten zur Vergesellschaftung und zum organischen Solidarismus disponierte Volk. (… Das deutsche Volk) wird die soziale Weltrevolution in die nationale Hand nehmen (…).“ 29 Wie das aussehen sollte, entwickelte Stadtler in einer späteren Schrift, in der er eine „Werkgemeinschaft“ von Unternehmern, Angestellten und Arbeitern als eine „Selbstverwaltung der Stände“ vorschlug. 30 Speziell in den Januar-Kämpfen 1919 erhielt Stadtler massive finanzielle Zuwendungen aus den Reihen des deutschen Großkapitals; von Personen, die zu einem erheblichen Teil ein Jahrzehnt später bei der Finanzierung der NSDAP wieder erscheinen sollten. 31 Im März 1919 wurde Stadtler als Vorsitzender der „Antibolschewistischen Liga“ abgelöst und seine Adepten nach und nach aus dem Verband gedrängt, der sich in „Liga zum Schutz der deutschen Kultur“ umbenannte. 32 Stadtler wurde später Mitglied des „Stahlhelms“ und der „Harzburger Front“ und war Reichstagsabgeordneter der DNVP. Im Juni 1933 trat er zur NSDAP über. 33

Eine weitere Gründung aus den selben Kreisen war die „Deutsche Arbeiter- und Angestellten-Partei“ (Anfang 1918). Ihr Chef, Wilhelm Gellert, war der Meinung, eine Honoratiorenorganisation wie die „Deutsche Vaterlandspartei“, könne nicht in die Arbeiterschaft eindringen, dafür bedürfe es vielmehr einer eigenständigen nationalen Arbeiterpartei. Man betrieb Kriegszielpropaganda, die mit sozialpolitischen Forderungen verbunden wurde (Eroberungen kämen auch den Arbeitern zugute, denn sie brächten z.B. günstiges Siedlungsland) und war gegen jede Demokratisierung. „Antikapitalismus“ war insofern in der Propaganda aufzufinden, als er mit Antisemitismus verknüpft war oder als Gegnerschaft zu den Kriegsfeinden Deutschlands auftrat: Kampf dem ausländischen Großkapital, „gegen die Herrschaft des jüdisch-demokratischen Geldsacks!“ Der Agitationspunkt Nr. 1 war mit Abstand der Antisemitismus. 34 Alles in allem war Gellert aber noch kein wirklicher Propagandist eines National-Sozialismus, verknüpften sich bei ihm doch Nationalismus, das Streben nach einer deutschen Vormachtstellung mit einer Gegnerschaft zu klassischen Anliegen der Arbeiterbewegung. Explizit sprach er sich gegen Gewerkschaften wie auch gegen Lohnforderungen oder Mindestlöhne aus. 35

Auch aus Hamburg meldete sich ein „Deutscher Sozialismus“. Paul Ebert vom „Reichshammerbund“, einer weiteren völkisch-antisemitischen Organisation mit Hauptsitz in der Stadt an der Elbe stellte fest: „Gerade der Deutsche ist von Haus aus Träger des wahren echten Sozialismus (…). Überall ist es die Bereitwilligkeit des Dienstes (…) für andere zu leben, zu arbeiten und wenn es sein muß, sein Leben zu lassen.“ Ein „echter Sozialismus“ sei das deutsche Reich Bismarcks gewesen! 36

Ideologisch führt auch ein Weg zu den Jungkonservativen. 37 Max Hildebert Boehm verband in seinem im August 1919 erschienen „Ruf der Jungen“ Nationalismus mit einem Stände-Staat (mit Bünden, Ständen, Gilden und Zünften als Vorbild), den er sozialistisch nannte. Auch sein Programm war antisemitisch und zielte auf die Bekämpfung des Kommunismus, denn „links ist die Gefahr (…) am größten“. 38 Eine „völkische Gesinnung“ stellte er den „zersetzenden Einwirkungen des jüdischen Geistes“ gegenüber. Im Krieg sei „die innere Versöhnung des preußischen und deutschen Geistes, die Bindung von Staatlichkeit und Volkstum“ versäumt worden. 39 In diesen Kreisen wurde zeitweise die eigene reaktionäre Gesinnung nur noch mit dem Wort „Sozialismus“ bemäntelt, ohne daß noch irgendein gesellschaftlicher Ausgleich mit der Arbeiterklasse, geschweige denn die Umwälzung der Verhältnisse auch nur behauptet worden wären. Der „Sozialismus“ Boehms diffundiert in eine ständische Ordnung, in der „Körperschaftsgeist“, „korporative(r) Gedanke“ und „körperschaftlicher Lebenswille“ „auf ein neu gestuftes und gegliedertes Gefüge der Nation (zielen), in dessen Rahmen frei anerkanntes Führertum und menschlich gleichgeachtete, gediegene und gewissenhafte Leistung der Vielen sich gegenseitig bedingen, stützen und tragen“. 40 „Ziel ist die echte Leibwerdung einer lebendig beseelten Volksgemeinschaft.“ Und trotz einiger Kritik war für Boehm das kaiserliche Deutschland bereits eine „Vormacht des Weltsozialismus“, zu bieten hatte es nämlich Lebensmittelrationierung, allgemeinen Arbeitszwang, nationale und soziale Solidarität, Korporativismus, „Wille zur Gefolgschaft, zur Einfügung und zu gliedhaft entsagender Leistung“ sowie Führerschaft. 41

Zu dieser Richtung zählt auch Oswald Spengler, der „den deutschen Sozialismus von Marx“ befreien wollte, wobei ein monarchistischer, autoritärer Staat hätte ‚rauskommen sollen. „Altpreußischer Geist und sozialistische Gesinnung (…) sind ein und dasselbe.“ 42 Übrigens war auch Eduard Stadtler ab 1919 Mitglied im jungkonservativen Berliner Juni-Klub. 43 Die Jungkonservativen machten nie den Versuch, zu einer Massenbewegung zu werden. Sie waren eine rechtsintellektuelle Kaderschmiede – auch der NSDAP lieferten sie „Ideen“.

Allerdings hatte es schon sehr viel früher Organisationen gegeben, die sich „nationalsozialistisch“ nannten. In Österreich-Ungarn wurde bereits am 15. November 1903 eine rechtsextreme „Deutsche Arbeiterpartei“ gegründet, die sich ab dem 5. Mai 1918 „Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei“ (DNSAP) nannte. 44 Das DAP-Programm von 1913 sei dann von der deutschen NSDAP übernommen worden, so jedenfalls prahlte der sudetendeutsche NS-Politiker Franz Jesser. 45 Nach Auflösung der KuK-Monarchie teilte sie sich in einen österreichischen und einen sudetendeutschen Verband. Kontakte zu den Münchener Faschisten bestanden aber wohl erst ab dem Jahreswechsel 1919/1920. 46 Ein unmittelbarer programmatischer Einfluß über die Staatsgrenzen hinweg ist nicht nachweisbar. Ein Zusammenschluß der deutschen, österreichischen und sudetendeutschen Nationalsozialisten wie er auf einer Tagung im August 1920 betrieben wurde, scheiterte an Hitler. 47 Programmatisch waren diese Nationalsozialisten großdeutsch und strikt antisemitisch. Auch sie mißbrauchten den Begriff „Sozialismus“ für ihre Propaganda, vertraten aber eine rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik, die einen kleinunternehmerischen Kapitalismus gegen Kapitalgesellschaften und Banken erhalten wollte. 48 Die DNSAP hatte ein „starke(s) proletarische(s) Element“: „Die Aufmerksamkeit für Arbeitsbedingungen und die Forderungen der Arbeiter hatten deshalb in der DNSAP immer einen wichtigen Stellenwert. Das erklärt ihre Verankerung in einem Teil der deutschsprachigen Arbeiterbevölkerung der tschechischen Grenzgebiete.“ 49 Einer ihrer Theoretiker, Rudolf Jung, sprach von „Gleichberechtigtung“ und „Zusammenfassung aller Schaffenden“, Unternehmer und Bauern, Arbeiter und Angestellte, und er wandte sich gegen „Umsturz und Klassenkampf“. 50 Die Eigentumsverhältnisse sollten in ihrem Kern erhalten bleiben, für die Arbeiter brauche es „eine gerechte Entlohnung“, die zum Leben reichen sollte, aber nach Tätigkeit, Schwierigkeitsgrad, Aufwand und Qualifikation gestaffelt sein sollte. Auf der anderen Seite sollte, wer „nicht arbeitet, (…) auch nicht essen“. 51 Schädlich für eine völkische Wirtschaft seien Bodenmonopole und der Zins. Sie seien zu reformieren und die „Privatmonopole“ zu vergesellschaften. Zwar sollte es tatsächlich mehr „gesellschaftliche(s) Eigentum“ geben, die „Privatwirtschaft“ aber erhalten bleiben. Auch seine Bodenreform sah keine Sozialisierung des Großgrundbesitzes vor, sondern seine „Enteigung zu gunsten der mittleren und kleineren Grundbesitzer.“ 52 Hierin ist also keine grundsätzlich andere Wirtschaftsordnung als die kapitalistische vorgesehen, denn nur jene Großbetriebe, „bei denen der Privatbetrieb das Gemeinwohl schädigt“, wie es in den Parteigrundsätzen heißt, sollten in den Besitz von Staat, Land oder Gemeinde überführt werden. Genannt werden hierfür die Bereiche Verkehrswesen, Bodenschätze, Wasserwirtschaft, Versicherungs- und Anzeigenwesen. Auch bezüglich der Wirtschaftsprogrammatik war der herbeiphantasierte jüdische Einfluß der Hauptgegner: „Beseitigung der Herrschaft der jüdischen Banken über das Wirtschaftsleben.“ 53 1938 resümierte Rudolf Jung, die DNSAP „hat Zehntausende deutsche Arbeiter den Klauen des Marxismus entrissen“. 54 Am 7. Oktober 1933 wurde die DNSAP verboten; ihre Anhänger wechselten in die erst eine Woche zuvor gegründete „Sudetendeutsche Heimatfront“ unter Konrad Henlein. 55

Nach diesen Ausführungen muß es überraschen, daß ein weiterer völkischer Verband, der viel für das Erstarken der NSDAP tat, sich jeglicher sozialistischer Demagogie enthielt, obwohl seine Mitglieder selbst Lohnabhängige waren. Die Rede ist vom „Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband“ (DNHV). Bereits 1893 gegründet, sah er seine Hauptaufgabe in der Bekämpfung der Sozialdemokratie, die die Angestellten als Teil des Proletariats betrachteten. Der DNHV wehrte sich gegen diese Einordnung und kämpfte erbittert um die Anerkennung der Angestelltenschaft als eigenständigem Stand. Der DNHV war antirepublikanisch und antisemitisch – wirtschaftlich trat er für eine Klassenversöhnung ein. „Alles für den Stand, – und der Stand im Dienste des Volkes!“ 56

… und als Strippenzieher bei der Gründung der NSDAP

Auch die Gründung der NSDAP lief nach diesem Muster ab: Funktionäre aus den reaktionären Verbänden suchten nach Möglichkeiten, die „Massen“, speziell Arbeiter, für eine rechte Politik, fernab der sozialistischen/kommunistischen Arbeiterbewegung, zu gewinnen. Eine für die Frühgeschichte der NSDAP bedeutende Person war der zwielichtige Rudolf Freiherr von Sebottendorff; er zählte sich selbst und die von ihm geleitete Thule-Gesellschaft zu den „Wegbereitern“ der Partei. 57 „Als wir vor fünfzehn und mehr Jahren anfingen, vom Deutschtum und Sozialismus zu sprechen, wurden wir verlacht, Hitler war es, der dem Deutschen die Einheit dieser beiden Begriffe einhämmerte.“ 58

Ein Problem der Alldeutschen bestand darin, daß ihre Schriften in den 1890er Jahren nicht in Arbeiterhände gelangten. 59 1912 wurde der „Germanenorden“ initiiert, ein antisemitischer Geheimbund mit guten Kontakten zum Alldeutschen Verband unter Leitung von Hermann Pohl. 60 Bei Ordensbruder Sebottendorff ist davon die Rede, daß die „Prinzipien der Alldeutschen (…) auf die ganze germanische Rasse ausgedehnt werden“ sollten, während er ansonsten auffällig vermied, die Alldeutschen auch nur zu erwähnen. 61 1917 wurde Sebottendorf die „Ordensprovinz Bayern“ übertragen, 62 hier gründete er 1918 die „Thule-Gesellschaft – Orden für deutsche Art“ als neue Ordensbruderschaft, die es kurzzeitig auf 1500 Mitglieder brachte. Es handelte sich um einen esoterischen Verein mit inneren, d.h. eingeweihten, und äußeren Kreisen, der vor allem Antisemitismus propagierte. Sein Symbol war das Hakenkreuz, seine Parole lautete: „Denke daran, daß du ein Deutscher bist“ 63 – ganz ähnlich dem ersten Wahlspruch des Alldeutschen Verbandes („Gedenke, daß Du ein Deutscher bist!“).

Als Schriftleiter des Münchner Beobachters (später Völkischer Beobachter, erschien schon damals im Verlag Franz Eher Nachfolger) brachte Sebottendorff 1918 neue Themenschwerpunkte ins Blatt: Blutreinheit, Rassenfrage, Antisemitismus. 64 Ende 1918 wurden die Themen des Beobachters um Antikommunismus ergänzt. Um diese Zeit „entdeckte“ Sebottendorff auch die Talente des künftigen NSDAP-„Wirtschaftsfachmanns“ Gottfried Feder. „Die Vorträge Gottfried Feders ließen einen Plan reifen, der Sebottendorff schon lange bewegte. Er wollte die Arbeiter gewinnen.“ 65 Mit der „Brechung der Zinsknechtschaft“ hatte die Propaganda des Münchner Thule-Netzwerkes eine Veränderung erfahren, 66 die es ermöglichen sollte, gegen die Verwerfungen, die der Kapitalismus schafft, anzugehen, und zugleich nicht auf ihn zu verzichten. Weitere Konsequenz war dann die Unterscheidung zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital. In diesem Sinne begriff der „Münchner Beobachter“ seinen Titel vom 3. September 1919: „Deutschland ist das klassische Land des Sozialismus.“ 67

Diese Gedanken stammten wesentlich von Feder. Am 12. September 1919 referierte er bei der „Deutschen Arbeiterpartei“ (DAP) „Wie und mit welchen Mitteln beseitigt man den Kapitalismus?“ Seine Antwort lautete „Brechung der Zinsknechtschaft“. „Zinsknechtschaft“, so Feder, sei der „Zustand der Völker, die unter der Geld- und Zinsherrschaft der alljüdischen Hochfinanz stehen. (…) In ‚Zinsknechtschaft‘ befinden sich alle, die durch ihre geistige und körperliche Arbeit ihr Brot verdienen müssen, während ihnen gegenüber eine zahlenmäßig kleine Schicht – arbeits- und mühelos – aus ihren Zinsen, Bank- und Börsengewinnen, Finanztransaktionen usw. riesige Einnahmen beziehen.“ 68 Und andernorts führte Feder aus: „Verarmung großer Volksteile auf der einen Seite (…). Anhäufung großer Reichtümer in den Händen kleiner und großer Schieber und Wucherer (…).“ 69 Größere Bekanntheit erlangte Feders „Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes“, in dem er erneut die geschilderten Thesen aufstellte. Die Menschheit leide am „Mammonismus“, an „internationale(n) übergewaltige(n) Geldmächte(n)“, womit er die unbestimmte Angst vieler vor den Folgen einer nicht begriffenen Wirtschaftsordnung aufgriff und sie gegen anonyme, finstere Mächte zu lenken suchte. Die „Gier nach Zins und Wucher“ habe zur „Versumpfung eines Teiles der Bourgeoisie geführt“, deshalb müsse, wer „den Kapitalismus bekämpfen will, (…) die Zinsknechtschaft brechen“. Ein Kreditwesen dürfe es künftig nur noch in Staatshand geben, 70 ansonsten drohe „die Versklavung der ganzen Welt durch die goldene Internationale“, das sogenannte „Großleihkapital“. 71 Feders Gespinst wurde von der NSDAP zur fundierten Wirtschaftstheorie aufgebauscht, wodurch sie ihre politischen Vorstellungen als wissenschaftlich unterfüttert drapieren konnte. Die „Brechung der Zinsknechtschaft“ ließ sich wunderbar als passe partout für alle ökonomischen Mißhelligkeiten, die der Kapitalismus bot, gebrauchen, und sie wurde – verknüpft mit einigen sozialistisch tönenden Parolen – zur ökonomischen Seite der nationalsozialistischen Propaganda. Und das gelang, obwohl Feder selbst schon darauf hinwies, seine Idee habe eigentlich gar nichts mit „Sozialismus“ zu tun! 72

Thule-Kader Karl Harrer wurde von Sebottendorff instruiert, einen Arbeiter-Ring zu bilden, Feder sollte dort Vorträge halten. 73 Harrer nahm Kontakt zu Anton Drexler auf, der in München einen „Freien Arbeiterausschuß für einen guten Frieden“ als Ortsgruppe des „Freien Ausschusses für einen deutschen Arbeiterfrieden“ unter W. Wahl aus Bremen gegründet hatte. 74 Drexler war für einen „Sozialismus“ und für die Arbeiterschaft, gegen Marxismus und Juden, für ein Zusammengehen von Arbeiterschaft und Bürgertum; 75 auch er war Mitglied der Deutschen Vaterlandspartei. 76 Mit Drexler sammelte man erste positive Propagandaerfahrungen in der Arbeiterklasse mit den Themen Kriegswucherer und Schleichhändler. 77 Der im Oktober 1918 gebildete, im geheimen agierende „Politische Arbeiterzirkel“ war aber nur von geringer Bedeutung. 78 Harrer gründete zusammen mit Drexler zunächst den „Deutschen Arbeiterverein“ und, nachdem dieser eingegangen war, am 5. Januar 1919 die DAP, die Anfang 1920 in NSDAP umbenannt wurde. 79 Seine politischen Vorstellungen hat Drexler in dem Büchlein „Mein politisches Erwachen“ bereits 1919 – noch bevor Hitler auf der Bildfläche erschien – niedergelegt. 80 Drexlers Weltbild setzt sich zusammen aus der Ablehnung eines Verständigungsfriedens und einem radikalen Antisemitismus, der auf den verschiedensten seinerzeit in Umlauf befindlichen Verschwörungstheorien basiert. Z.B. behauptete Drexler, 80 Prozent des deutschen Nationalvermögens befänden sich „in jüdischen Händen“. 81 Die „wichtigste Frage unseres politischen Lebens (ist) die Judenfrage“. 82 Daneben sei die „Weltfreimaurerei“ eine Bedrohung. 83 Im Kampf gegen die Juden sollten die Klassen der Gesellschaft zueinander finden: „Du mußt die Brücke zum Bürger finden, denn Arbeiter und Soldaten, Bürger und Bauern haben alle nur einen gemeinsamen Feind, den kapitalistischen Juden und dessen Trabanten. (…) Nur der christliche Sozialismus wird euch die Kraft geben, den Kampf gegen die materialistisch-talmudische Welthegemonie siegreich zu bestehen.“ 84

Charakteristisch sind die Richtlinien der DAP: „Die DAP ist eine aus allen geistig und körperlich schaffenden Volksgenossen zusammengesetzte sozialistische Organisation (…). Die DAP will die Adelung des Arbeiters. Die gelernten und ansässigen Arbeiter haben ein Recht, zu dem Mittelstand gerechnet zu werden. (…) Das Großkapital ist als Brot- und Arbeitgeber zu schützen (…). Die DAP sieht in der Sozialisierung des deutschen Wirtschaftslebens einen Zusammenbruch der deutschen Volkswirtschaft. (…) Darum darf es nicht Sozialisierung, sondern die Gewinnbeteiligung für den deutschen Arbeiter heißen.“ 85

Die Bedeutung der „Thule-Gesellschaft“ beim Aufbau der NSDAP wird auch dadurch verdeutlicht, daß aus ihren Reihen verschiedene Parteimitglieder kamen: Die beiden bekanntesten sind Rudolf Heß und Alfred Rosenberg. 86 Aber auch zwei Kader des Alldeutschen Verbandes waren Thule-Mitglieder und als solche am Aufbau der DAP/NSDAP maßgeblich beteiligt: der Verleger völkischer Publizistik Julius Friedrich Lehmann, 87 Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes des Alldeutschen Verbandes, 88 sowie der Ingenieur Paul Tafel, der mit Claß „auf vertrautem Fuße“ (Petzold) stand. 89 Ab 1920 war Tafel gar Vorstandsmitglied des Alldeutschen Verbands, außerdem 2. Vorsitzender des „Bayerischen Ordnungsblocks“, einer kurzlebigen Vereinigung von 40 antikommunistischen Organisationen. 90 Hermann Wilhelm behauptet sogar, auch der Vorsitzende der Alldeutschen, Heinrich Claß, sei Thule-Mitglied gewesen. 91 Allerdings bleibt er den Beleg dafür schuldig, und so muß diese Information als eher unwahrscheinlich angesehen werden.

1920 reiste Hitler zu Claß, dort schwor „er auf den alldeutschen Führer“ und gelobte ihm Treue. 92 AV-Forscher Alfred Kruck: „Damals [1921] konnten die Alldeutschen mit Genugtuung von sich sagen, daß sie ‚dem Hitler das Programm zurechtgestutzt‘ hätten. Ihr Einfluß auf die NSDAP war bis zum Jahre 1923 geradezu entscheidend. (…) Wenn in der Zeit des Dritten Reiches von alldeutscher Seite mehrfach festgestellt wurde, der Nationalsozialismus sei ein Kind des Alldeutschen Verbandes, so kann man dem weitgehend zustimmen.“ 93 Der „Sozialismus“, wie ihn die frühe NSDAP und andere Gruppen im Munde führten, war immer ein Mittel, die Arbeiterklasse zu spalten und von tatsächlich sozialistischen Ideen abzubringen. Das zeigt sich z.B., wenn 1921/22 die Alldeutschen auf internen Vorträgen davon sprachen, die Arbeiter in eine „Volksgemeinschaft“ einzubinden. Von sozialistischen Phrasen war hier nicht die Rede – ein Anhaltspunkt dafür, wie wenig ernst sie diese Parolen nahmen, wie sehr sie rein taktischer Natur waren. 94 Das wußte Claß auch an Hitler zu schätzen, wie er in seinen Erinnerungen sagte: „Zweierlei machte mich stutzig: die unumwundene Erklärung, daß er sein Programm so, wie er es mir vorgetragen hatte, aus Rücksicht auf die erhoffte Gefolgschaft aus den Massen gestaltet hatte, und daß er bereit war, es nach erreichtem Erfolg preiszugeben.“ 95

Ebenfalls eine gewichtige Rolle bei Gründung der DAP/NSDAP kam der Reichswehr zu. In Bayern beobachtete sie die Szenerie auf der Rechten intensiv. Sie hielt Bildungskurse für Soldaten ab. In einem von ihnen begegnete der noch nicht demobilisierte Hitler erstmals Feder. Der Hauptmann der Nachrichtenabteilung Karl Mayr schickte eben jenen Hitler auch als Spitzel der Reichswehr zu einer DAP-Versammlung. 96 Neben Mayr kam ein weiterer Reichswehroffizier zur DAP, 1919 wurde der Hauptmann im Generalstab Ernst Röhm Parteimitglied. 97 Einen wesentlichen Mitglieder- und Zuhörerstamm der jungen NSDAP stellten stets Soldaten. Gossweiler kommt gar zum Schluß, daß die Reichswehr nach dem Rückzug Harrers Anfang 1920 die entscheidende Rolle in der NSDAP eingenommen habe. 98 Das allerdings dürfte dann doch ein wenig übertrieben sein. Speziell was die Fragestellung nach der Implementierung des „Sozialismus“ in die Partei anbetrifft, hatte die Reichswehr damit kaum etwas zu tun.

Ergebnis der Förderung der NSDAP

Trotz all dieser Bemühungen gelang ein nennenwerter Einbruch in die Arbeiterklasse zu Beginn der zwanziger Jahre nicht, was der alldeutsche Strippenzieher Heinrich Claß auch erkannte. Nach einem Treffen mit Hitler und Drexler konstatierte er: „Es gelingt nicht, aus der Arbeiterschaft in nennenswertem Maße Zuzug zu bekommen.“ 99 Und in einem Schreiben Claß‘ an Tafel vom 8. Juni 1921 heißt es u.a.: „Es wurde mir gesagt, es lägen Berichte urteilsfähiger Männer aus München vor, die sich dahin aussprächen, daß die Bewegung um Drexler und Hittler (!) dieselbe Entwicklung nehme wie bisher alle sogenannten nationalsozialistischen Versuche: Es gelinge nicht, aus der Arbeiterschaft in nennenswertem Maße Zuzug zu bekommen. Die Anhängerschaft beschränke sich auf kleinbürgerliche Kreise, und in München sei es besonders bedenklich, daß Beamte und vor allem Studenten irre gemacht und mit sozialistischen Gedankengängen verseucht würden.“ 100 In der Tat gelang es allmählich, erhebliche Teile des Kleinbürgertums zu gewinnen, sie politisch in Stellung gegen die sozialistische Arbeiterklasse zu bringen und militante rechte Kampfverbände zu bilden. Diejenige Gruppe, der am meisten Publikumserfolg beschieden war und die sich unter all den völkischen Truppen letztendlich durchsetzen konnte, war – die NSDAP.

Die Gründungsgeschichte der NSDAP, wie sie hier nachgezeichnet wurde, klingt arg nach einem Marionettenspiel reaktionärer Kreise in einem von ihnen auf dem Reißbrett entworfenen Theaterstück. Allerdings fanden hier nicht detailliert geplante Organisationsgründungen statt, sondern die zu der damaligen Zeit wichtigen Verbände probierten verschiedenste Formen der Massenbeeinflussung und der Organisationsbildung aus.

Aus der geschilderten Verlaufsform ist keineswegs abzuleiten, daß die gesamte Geschichte der NSDAP von Strippenziehern oder „dunklen Hintermännern“ geplant und gesteuert wurde. Irgendwann, daran kann kein Zweifel bestehen, war das, was sich in der NSDAP Ausdruck verschaffte, eine soziale Bewegung geworden, die aus eigenem Antrieb handelte. Die bedeutendsten Propagandisten des nationalen „Sozialismus“, neben Hitler waren das wohl Joseph Goebbels sowie Otto und Gregor Strasser, sind nicht zu begreifen als ausschließliche Handlanger des Großkapitals, der Alldeutschen oder von wem auch immer.

Dies hat aber in der Gründungsphase der NSDAP anders ausgesehen, insbesondere die Sozialdemagogie, also der „völkische Antikapitalismus“ sowie der „deutsche Sozialismus“ sind von außen in sie hineingetragen worden, um sie als ein Instrument gegen die sozialistische Arbeiterbewegung aufzubauen.

Fußnoten:

1 Haffner, Sebastian: Anmerkungen zu Hitler, Frankfurt a.M. 1992.

2 Kühnl, Reinhard: Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln 1980 (5), S. 105-108.

3 Gossweiler, Kurt: Kapital, Reichswehr und NSDAP 1919-1924, Köln 1982, S. 230.

4 Ruge, Wolfgang: Das Ende von Weimar. Monopolkapital und Hitler, Berlin 1989 (2), S. 41.

5 Gossweiler, Kurt: Faschismus und Arbeiterklasse, in: Faschismusforschung. Positionen Probleme Polemik, hrsg. von Eichholtz, Dietrich/Gossweiler, Kurt, Köln 1980 (2), S. 99-124, hier S. 99f.

6 Petzold, Joachim: Claß und Hitler. Über die Förderung der frühen Nazibewegung durch den alldeutschen Verband und dessen Einfluß auf die nazistische Ideologie, in: Jahrbuch für Geschichte, 21, Berlin 1980, S. 248-288.

7 Ebenda, S. 284.

8 Gossweiler: Faschismus und Arbeiterklasse, S. 119.

9 Ruge: Das Ende, S. 40.

10 Gossweiler: Faschismus und Arbeiterklasse, S. 121.

11 Petzold, Joachim: Wegbereiter des deutschen Faschismus. Die Jungkonservativen in der Weimarer Republik, Köln 1978, S. 25.

12 Kruck, Alfred: Geschichte des Alldeutschen Verbandes 1890-1939, Reihe Veröffentlichungen des Instituts für europäische Geschichte Mainz, Bd. 3, Wiesbaden 1954, S. 8ff. Vgl. auch Hering, Rainer: Konstruierte Nation, Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939, Reihe Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, hrsg. von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Darstellungen, Bd. 40, Hamburg 2003.

13 Petzold, Joachim. Die Entstehung der Naziideologie, in: Eichholtz, Dietrich/Gossweiler, Kurt/Ruge, Wolfgang u.a. (Hg.): Faschismus in Deutschland. Faschismus der Gegenwart, Köln 1980, S. 11-34, hier S. 12ff. Außerdem in: Faschismusforschung, S. 261-278.

14 Claß, Heinrich (Pseud. Daniel Frymann): Wenn ich der Kaiser wär‘. Politische Wahrheiten und Notwendigkeiten, Leipzig 1912, S. 27.

15 Ebenda, S. 60-63.

16 Ebenda, S. 30f.

17 Ebenda, S. 38.

18 Stegmann, Dirk: Zwischen Repression und Manipulation: Konservative Machteliten und Arbeiter- und Angestelltenbewegung 1910-1919. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der NSDAP, in: Archiv für Sozialgeschichte, 12 (1972), S. 351-432, hier S. 385ff.

19 Petzold: Die Entstehung, S. 18.

20 Lohalm, Uwe: Völkischer Radiaklismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes 1919-1923, Hamburg 1970.

21 Petzold: Die Entstehung, S. 22.

22 Sebottendorff, Rudolf Freiherr von: Bevor Hitler kam. Urkundliches aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung, München 1933, S. 171f. Die“ Allgemeinen Ordens-Nachrichten“ waren das Organ der „Germanen-Ordens Großloge“.

23 Gossweiler, Kurt: Kapital, Reichswehr und NSDAP 1919-1924, Köln 1982, S. 149.

24 Maser, Werner: Der Sturm auf die Republik. Frühgeschichte der NSDAP, Stuttgart 1973, S. 228.

25 Ebenda, S. 233.

26 Ruge: Das Ende, S. 31. Zusammengefaßt auch ders.: Monopolbourgeoisie, faschistische Massenbasis und NS-Programmatik in Deutschland vor 1933, in: Faschismusforschung, S. 125-156. Zu Stadtler auch Petzold: Wegbereiter, S. 52-60 und 66-73.

27 Weißbecker, Manfred: Antibolschewistische Liga (AL) 1918-1919, in: Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945), Köln 1983, Bd.1, S. 66-76, hier S. 66 und 69.

28 Ruge: Das Ende, S. 30f.

29 Stadtler, Eduard: Der Bolschewismus und seine Überwindung, Reihe Revolutionäre Streitfragen, H. 1, Berlin 1918, S. 18.

30 Stadtler, Eduard: Weltkrieg und soziale Frage, Politische Schriftenserie des Bundes der Großdeutschen, H. 5, Berlin 1926, S. 30, 32. Weitere Schriften Stadtlers: Die Diktatur der sozialen Revolution, Leipzig 1920 und Ist Spartakus besiegt? Der Bolschewismus als weltpolitisches Problem, Reihe Revolutionäre Streitfragen, H. 9, Berlin 1919.

31 Ruge: Das Ende, S. 30f.

32 Petzold: Wegbereiter, S. 72.

33 Ebenda, S. 323, 325.

34 Stegmann: Zwischen Repression, S. 392-395, 417ff.

35 Gellert, Wilhelm: Vor grossen Katastrophen. Der deutsche Aufstieg und die germanische Zeit, Naumburg 1922 (2 oder 3, zuerst 1921). Ansonsten war Gellert weniger ein kommender „Arbeiter(ver)führer“ als vielmehr ein Obskurant, der sich in beinahe hellseherischen Prophetien erging und behauptete, Deutschland habe den Weltkrieg gewonnen, nun müsse es ihn „auch politisch (…) gewinnen“ (ebd., S. 16f.).

36 Ebert, Paul: Der internationale Karl Marx, in: Hammer-Schläge H. 23/24, II, Hamburg 1920, S. 28f.

37 Zu den Jungkonservativen s. Petzold: Wegbereiter.

38 Boehm, Max Hildebert: Ruf der Jungen. Eine Stimme aus dem Kreise um Moeller van den Bruck, Freiburg 1933 (3), S. 54.

39 Ebenda, S. 39ff.

40 Ebenda, S. 60f.

41 Ebenda, S. 49f.

42 Petzold: Wegbereiter, S. 74.

43 Ebenda, S. 101.

44 Franz-Willing, Georg: Die Hitler-Bewegung. Der Ursprung 1919-1922, Hamburg/Berlin 1962, S. 92f.

45 Laut Hruska, Emil: Die Anfänge und die Entwicklung der sudetendeutschen nazistischen Bewegung, in: Hochberger, Hunno/Hruska, Emil: Der deutsche Hegemonialanspruch: Gefahr für Mitteleuropa. Thesen zur Entwicklung der (sudeten)deutsch-tschechischen Beziehungen. Ein historisches Lesebuch, Stuttgart 1998, S. 194-203, hier S. 196.

46 Franz-Willing: Die Hitler-Bewegung, S. 92f.

47 Ebenda, S. 97.

48 Jung, Rudolf: Der nationale Sozialismus. Eine Erläuterung seiner Grundlagen und Ziele, Troppau (1920), S. 61.

49 Hruska: Die Anfänge und die Entwicklung, S. 197.

50 Jung: Der nationale Sozialismus, S. 61.

51 Ebenda, S. 65.

52 Ebenda, S. 73f.

53 Parteigrundsätze der deutschen nationalsozialistischen Partei, in: ebenda, S. 93-98.

54 Nach Hruska: Die Anfänge und die Entwicklung, S. 200.

55 Vgl. Hans Hautmann: Sudetendeutscher Nationalsozialismus, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 3/02 (http://www.klahrgesellschaft.at/Mitteilungen/Hautmann_3_02.html).

56 Hamel, Iris G.A.: Völkischer Verband und nationale Gewerkschaft. Die Politik des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes 1893-1933, Diss., Hamburg 1966, S. 186.

57 Sebottendorff, Rudolf Freiherr von: Bevor Hitler kam. Urkundliches aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung, München 1933, S. 7. Zur Thule-Gesellschaft Gilbhard, Hermann: Die Thule-Gesellschaft. Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz, München 1994.

58 Ebenda, S. 8.

59 Ebenda, S. 31.

60 Ebenda, S. 33. Gründer waren Hermann Pohl und Theodor Fritsch (Richardi, Hans-Günter: Hitler und seine Hintermänner. Neue Fakten zur Frühgeschichte der NSDAP, München 1991, S. 35).

61 Ebenda, S. 34.

62 Ebenda, S. 40.

63 Richardi: Hitler und seine Hintermänner, S. 35f.

64 Sebottendorff: Bevor Hitler kam, S. 44.

65 Ebenda, S. 73.

66 Ebenda, S. 103.

67 Richardi: Hitler und seine Hintermänner, S. 318.

68 Ebenda, S. 105f.

69 Ebenda. S. 109.

70 Feder, Gottfried: Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes, München 1920, S. 5ff.

71 Ebenda, S. 37.

72 So in einem Artikel für den Völkischen Beobachter (Nr. 72, 1920, „Innere Geschichte der Brechung der Zinsknechtschaft“): „Ich betone, daß dabei eigentliche sozialistische Gedankengänge in keiner Weise mitsprachen.“ Zit.n. Feder, Gottfried : Kampf gegen die Hochfinanz, München 1933, S. 11-14.

73 Sebottendorff: Bevor Hitler kam, S. 73.

74 Anton Drexler: Mein politisches Erwachen. Aus dem Tagebuch eines deutschen sozialistischen Arbeiters, 1937 (4), S. 34.

75 Richardi: Hitler und seine Hintermänner, S. 63f.

76 Gossweiler: Kapital, Reichswehr und NSDAP, S. 141.

77 Petzold: Die Entstehung, S. 19f.

78 Richardi: Hitler und seine Hintermänner, S. 64.

79 Sebottendorff: Bevor Hitler kam, S. 81. Richardi: Hitler und seine Hintermänner, S. 65f.

80 Drexler: Mein politisches Erwachen. Die 1. Auflage ist von 1919. Die mir vorliegende 4. hat das Manko, daß unnachgewiesen einzelne Stellen verändert wurden. Äußerungen wie „mein() National-Sozialismus“ dürften in einer späteren Auflage eingefügt worden sein, da dieser Begriff m.W. in Deutschland Mitte 1919 noch nicht in Umlauf war.

81 Ebenda, S. 51.

82 Ebenda, S. 24.

83 Ebenda, S. 26.

84 Ebenda, S. 48.

85 Maser: Der Sturm, S. 150.

86 Richardi: Hitler und seine Wegbereiter, S. 124.

87 Ebenda, S. 232. Nach Ordenschef Sebottendorff war der sogar das „aktivste und vorwärtstreibende Element“ der Thule-Gesellschaft. (Sebottendorff: Bevor Hitler kam, S. 62)

88 Petzold: Die Entstehung, S. 18.

89 Maser: Der Sturm, S. 149. Petzold: Claß und Hitler, S. 257, 262, 265.

90 Hartwig, Edgar: Alldeutscher Verband, in: Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945), Bd. 1, Köln 1983, S. 13-47, hier S. 38. Tafel verfocht ein ständisches Rätesystem, war deutschnational und antisemitisch. Tafel, Paul: Das neue Deutschland. Ein Rätestaat auf nationaler Grundlage, München 1920. Andernorts (Die Nationalisierung des Bankwesens, München 1921, S. 8) argumentierte er wirtschaftspolitisch wie Feder: Der Staat müsse die Banken nationalisieren und sie dann den „berufsständischen Selbstverwaltungskörpern“ überantworten.

91 Wilhelm, Hermann: Dichter, Denker, Fememörder. Rechtsradikalismus und Antisemitismus in München von der Jahrhundertwende bis 1921, Berlin 1989, S. 45.

92 Kruck: Geschichte, S. 192.

93 Ebenda, S. 193.

94 Claß, Heinrich: Eröffnungsansprache des Vorsitzenden, Justizrat Claß, Berlin o.J. (1933).

95 Petzold: Claß und Hitler, S. 261.

96 Gossweiler: Kapital, Reichswehr und NSDAP, S. 152f.

97 Auerbach, Hellmuth: Hitlers politische Lehrjahre und die Münchener Gesellschaft 1919-1923, Versuch einer Bilanz anhand der neueren Forschung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Jg. 25 (1977), S. 1-45, hier S. 16.

98 Gossweiler: Kapital, Reichswehr und NSDAP, S. 193.

99 Ruge: Monopolbourgeoisie, S. 135.

100 Petzold: Claß und Hitler, S. 280.

Quelle: nadir.org… vom 3. April 2021

Tags: ,