Mehrheit der Polen wünscht baldigen Kompromissfrieden in der Ukraine
Florian Rötzer. Die politische Klasse des Landes versucht, dem gerecht zu werden, indem sie zu Selenskij & Co mehr oder minder auf Distanz geht.
Polens nationalkonservativer Präsident möchte Selenskij jetzt sogar den erst 2023 verliehenen höchsten Orden Polens, den „Orden des Weißen Adlers“, wieder entziehen lassen. Unmittelbarer Anlass dafür ist eine Entscheidung Selenskijs im Rahmen der üblichen Kiewer Geschichtspolitik. Einer Militäreinheit wurde in der letzten Woche die Ehrenbezeichnung „Helden der UPA“ verliehen.
Die UPA, was als Abkürzung für „Ukrainische Aufstandsarmee“ steht, war der militärische Arm der faschistischen OUN-B. Sie hat 1943/44 Massaker an rund 100.000 polnischen Dorfbewohnern in der heutigen Westukraine zu verantworten. Doch während ähnliche Gunstbezeugungen Selenskijs gegenüber den radikalen Nationalisten, so z. B. im November 2024 eine Rede in Kupjansk vor einer im Hintergrund wehenden schwarz-roten Faschisten-Flagge, in Polen kaum wahrgenommen wurden, sorgt der Vorgang um die den „Helden der UPA“ gewidmete Militäreinheit für erhebliche Aufregung.
Auch das „liberale“ Regierungslager und die ihm verbundenen Medien reagierten mit ungewöhnlicher Kritik. Alt-Präsident Walesa, noch vor kurzem als „großer Freund der Ukraine“ gefeiert, kündigte an, in Zukunft keine Anstecker und Aufkleber mit den ukrainischen Nationalfarben mehr zu verwenden. Premier Tusk forderte, allerdings von beiden Präsidenten, die „guten polnisch-ukrainischen Beziehungen nicht zu zerstören“. Ob Selensky tatsächlich der Orden aberkannt wird, entscheidet eine Ordens-Kommission am 8.6. .
Dass die Selensky-Entscheidung nun für heftigen Wellenschlag in Polens Politik und Medien sorgt, ist Ausdruck der gewandelten Stimmungslage in der polnischen Bevölkerung. Die Polen sind des Krieges im Nachbarland müde geworden. Appelle, den „Freiheitskampf der Ukrainer“, der angeblich der Freiheit und Sicherheit ganz Europas dient, weiter zu unterstützen, verfangen kaum noch. In einer CBOS-Umfrage hatten sich im Januar 2026 54% der Befragten, unter den 18-24-Jährigen sogar 64%, für einen Kompromissfrieden unter Inkaufnahme ukrainischer Gebietsverluste ausgesprochen. 33% lehnten Gebietsabtretungen zugunsten Russlands ab. Noch Ende 2023 zeigte sich in einer ähnlichen Umfrage ein umgekehrtes Verhältnis bei diesen Einstellungen. Nicht klar ist, inwiefern dieser Einstellungswandel mit einer schwindenden Furcht vor einem russischen Angriff auf Polen zusammenhängt. Immerhin verbreiteten auch die polnischen Mainstream-Medien, dass jedes Zugeständnis an Putin dessen imperiale Machtansprüche wachsen lasse.
Die Umfragen hierzu sind höchst widersprüchlich, was wohl auch mit den Intentionen der unterschiedlichen Auftraggeber bzw. den konkreten Fragestellungen zusammenhängt. Das polnische Institut „Opinia24“ fragte im Auftrag von Radio ZET im Februar 2025 rund 1000 repräsentativ ausgewählte Polen kurz und knapp „Glauben Sie, dass die russische Armee Polen angreift“. Nur 2% bejahten die Frage mit einem entschiedenen „ja“, 14% mit „eher ja“, aber 47% mit „eher nein“ und 17% mit einem entschiedenen „nein“. United Surveys fragte im Auftrag des Nachrichtenportals WP ein gutes Jahr später eine ähnlich große Gruppe, ob sie die Warnungen westlicher Politiker vor einem russischen Angriff auf Polen bzw. die Nato für berechtigt halten. 16,2% sehen sie als „unbedingt berechtigt“, 37,7% für „eher berechtigt“ und nur 24,3% für „eher unberechtigt“ bzw.15,7% für haltlos. Gegenüber 2022/23 eine deutlich nachlassende Furcht vor einem direkten Angriff Russlands bei gleichzeitig fortbestehender Beunruhigung über die zunehmenden geopolitischen Spannungen incl. der Gefahr einer Verwicklung des eigenen Landes in verschiedenartige Auseinandersetzungen der Nato mit Russland: das beschreibt wohl am besten die Stimmungslage der Polen heute. Aufgrund welcher Beobachtungen die deutschen Mainstream-Medien regelmäßig von z. T. akuter „Kriegsangst“ in der polnischen Bevölkerung schreiben, müssten die jeweiligen Redaktionen darlegen. Entgegen verallgemeinernden Berichten über „Kriegsangst“ begegnet dem aufmerksamen Polen-Reisenden heute zwar allerlei Unzufriedenheit, aber von einer akuten „Kriegsangst“ oder gar einer „Vorbereitung auf den Ernstfall“ (RBB, 10/2025) seitens der Bevölkerung ist nichts zu spüren.
Die Sorgen des Alltags haben die meisten Polen wieder in Beschlag genommen. Die Arbeitslosenquote nach nationalem Maßstab (mit dem EU-Harmonisierten kann man in Polen wie andernorts wenig anfangen) ist seit Ende 2024 wieder gestiegen und bewegt sich bei 6%. Die offizielle Inflationsrate liegt aktuell nur etwas über 3%, wird subjektiv aber als deutlich höher wahrgenommen. Viele Polen sind sich zudem bewusst, dass die globalen Krisen und nicht zuletzt die dramatische Schulden-Ausweitung der eigenen Regierung sich erst in nächster Zeit auch in ihrer Geldbörse zeigen werden.
Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist eine Umfrage des Instituts „Pollster“ von Anfang 2026. Danach konzentrieren sich die Sorgen von 48% der Bevölkerung für das laufende Jahr auf einen Anstieg der Lebenshaltungskosten und eine Wirtschaftskrise, während bei nur 28% ein möglicher Krieg im eigenen Land im Vordergrund steht. Andererseits werden die wirtschaftlichen Sorgen inzwischen vielfach in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine gebracht. Deshalb wohl möchte eine Mehrheit der Polen ihn möglichst schnell durch einen Kompromissfrieden beendet sehen, wobei das im Unterschied zu Deutschland bei vielen vorhandene Wissen um die komplizierte ethnische, sprachlich-kulturelle und politische Gemengelage in der Ukraine diese Einstellung begünstigt.
Der Wandel in den Auffassungen der Polen zum Ukraine-Krieg drückt sich auch in den aktuellen Umfragen über die Parteipräferenzen aus. Die „Bürger-Koalition“ (KO) von Donald Tusk würde bei aktuellen Parlamentswahlen mit rund 34 % zwar weiterhin deutlich vor der oppositionellen PiS (ca. 25%) liegen. Die Bündnispartner der KO würden mit Ausnahme der Linken (ca. 8%) aber regelrecht abstürzen und die 5%-Hürde nicht erreichen. Die politischen Aufsteiger Polens sind zwei nationalistische Parteien, die „Konföderation“ und deren Abspaltung die „Konföderation der polnischen Krone“. Sie würden bei heutigen Wahlen zusammen ungefähr 23% Stimmenanteil bekommen. Dabei ist es wohl kaum das weitgehend konfuse Wirtschafts- und Sozialprogramm der „Konföderierten“, was sie in den Augen vieler Polen attraktiv macht. Es ist die einfache Botschaft „Das ist nicht unser Krieg“, mit der die beiden Parteien für ein Disengagement Polens im Ukraine-Krieg, speziell aber auch für eine Einstellung der Hilfeleistungen für ukrainische Flüchtlinge, werben.
Selenskij, aufgrund der ständigen Forderungen und Hilfeersuchen an die Nato-Länder und der Theatralik seiner Auftritte eh kein Sympathieträger, hat mit der Glorifizierung der UPA es den Konföderierten leicht gemacht, die anti-ukrainische Stimmung weiter zu befeuern und evtl. sogar die PiS zu überholen. Präsident Nawrocki hat das verstanden und darauf reagiert.
#Titelbild: Der polnische Präsident Karol Nawrocki sagte am 29. Mai: „Leider hat Präsident Selenskyj bewiesen, dass die Ukraine, indem sie die Banditen und Mörder der Ukrainischen Aufständischen Armee verherrlicht, nicht bereit ist, Teil der europäischen Familie zu sein.“. Bild: Mikolaj Bujak/KPRP
Quelle: overton-magazin.de… vom 1. Juni 2026
Tags: Arbeitswelt, Deutschland, Imperialismus, Polen, Repression, Russland, Ukraine, Widerstand








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