Sudan: Von der Revolution in die Barbarei
Thomas Soud. Die sudanesische Revolution von 2018–21 war eine der stärksten Massenbewegungen dieses Jahrhunderts. In diesem Artikel beleuchten wir die Hintergründe der Revolution, ihr unglaubliches Potenzial und wie sie zerschlagen wurde – was zu der Barbarei führte, die wir heute in der Region erleben. Die Konterrevolution hat den Sudan in die Tiefen der Barbarei gestürzt.
Im Jahr 2019 hatten die Arbeiter die Macht in ihren Händen, doch die reformistischen Führer verrieten sie und übergaben die Macht wieder an das Regime. Bis 2022 war die Revolution verloren.
Ein Jahr später richteten die Henker der Revolution ihre Waffen gegeneinander, wobei jeder von einer Konstellation verschiedener ausländischer Mächte unterstützt wurde. Nun haben sie Khartum verwüstet, einen Völkermord in Darfur ausgelöst und die weltweit verheerendste Hungersnot seit 40 Jahren entfesselt.
Bis heute wurden mindestens 400’000 Menschen niedergemetzelt, 4’000’000 sind aus dem Land geflohen und weitere 7’000’000 wurden innerhalb des Landes vertrieben. Mehr als 30’000’000 Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, von denen 6.3 Millionen unter extremem Hunger leiden. Zwei und ein halbes Jahr Krieg haben das Land faktisch in zwei Hälften gerissen.
«Sozialismus oder Barbarei» ist keine leere Floskel, sondern genau die Perspektive, vor der der Sudan im Jahr 2019 stand. Revolutionäre müssen die Lehren aus dem Sudan verinnerlichen, um sich auf zukünftige Kämpfe vorzubereiten.
Der sudanesische Kapitalismus
Die Briten eroberten den Sudan 1898 und machten sich im Zuge einer brutalen Besatzung daran, die sudanesische Wirtschaft umzugestalten. Vor der britischen Herrschaft gab es im Sudan keinen Kapitalismus. Durch ihre Herrschaft wurden die Subsistenzbauern des Landes in den Weltmarkt eingebunden und bauten im fruchtbaren Niltal Baumwolle und andere landwirtschaftliche Produkte an.
Obwohl ausserhalb der Hauptstadt Khartum keine Industrie existierte, trieb der Weltmarkt den Bau von Eisenbahnlinien voran, die die Wüste durchzogen. Bis 1950 beschäftigte der Eisenbahnsektor 100’000 Arbeiter, von denen allein 10’000 in der Zentrale in Atbara tätig waren. Unter diesen Umständen schlossen sich die Eisenbahnarbeiter 1949, drei Jahre nach der Gründung der Sudanesischen Kommunistischen Partei, als Erste gewerkschaftlich zusammen.
Der britische Kapitalismus dominierte die sudanesische Wirtschaft. Die Briten kontrollierten die Eisenbahnen, die Industrien zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe für den Export sowie das Bankensystem. Eine einheimische sudanesische Kapitalistenklasse existierte so gut wie gar nicht. Um ihre Herrschaft zu stabilisieren, machten sich die Briten daran, eine solche Klasse künstlich aufzubauen. Sie eröffneten die ersten Schulen im Sudan und förderten – nach einem im gesamten Empire verbreiteten Muster – eine Kompradoren-Bourgeoisie: eine Klasse, die vollständig vom Imperialismus abhängig war und über keine eigenständige wirtschaftliche oder politische Basis verfügte.
So schwach und kraftlos war diese sudanesische Bourgeoisie, dass die erste bürgerlich-demokratische Regierung, die nach der Unabhängigkeit 1956 an die Macht kam, schon bald das Militär aufforderte, die Macht zu übernehmen, um das Land zu stabilisieren. Die imperialistische Vorherrschaft bedeutete, dass der Grossteil der begrenzten industriellen Infrastruktur entweder direkt von den Briten oder indirekt über deren Einfluss auf den Finanzsektor kontrolliert wurde. Dies hemmte die Entwicklung einer unabhängigen Bourgeoisie, verstärkte aber gleichzeitig die relative Stärke des Proletariats, das das Potenzial besass, die Massen zur Eroberung der Macht zu führen.
Dieser Prozess war keineswegs einzigartig. Er stand im Einklang mit der Theorie der permanenten Revolution, wie sie Trotzki 1906 in Bezug auf Russland formulierte. Gemäss dieser Theorie kann die Bourgeoisie in Ländern mit verspäteter kapitalistischer Entwicklung keine fortschrittliche Rolle spielen. Dies bestätigte sich im Sudan voll und ganz. Das Land erlebte drei bürgerlich-demokratische Regierungen: 1956–1958, 1964 –1969 sowie 1985–1989. In jedem Fall war die Bourgeoisie schwach, gespalten, korrupt und hatte panische Angst vor der Arbeiterklasse. Jede dieser Phasen endete in einer Militärdiktatur.
In allen drei Fällen hätte die Arbeiterklasse die Macht übernehmen können. Es waren die sudanesischen Arbeiter, die durch massive Generalstreiks das Militär in der Oktoberrevolution von 1964 stürzten. Der Staatsstreich von 1969, angeführt von Oberst Nimeiri, wurde von der Unzufriedenheit der kleinbürgerlichen «Freien Offiziere» angetrieben, die dem Beispiel Nassers in Ägypten folgten und sich an die Sowjetunion als Vorbild wandten. Und wieder einmal war es die Arbeiterklasse, die Nimeiri 1985 stürzte, als sein Regime zu einer islamistischen Diktatur verkam.
Die Rolle der Sudanesischen Kommunistischen Partei (SCP) hätte derjenigen der Bolschewiki im Jahr 1917 entsprechen sollen: den Massen zu zeigen, dass der Kapitalismus keine Lösung bietet und dass nur die Machtergreifung durch die Arbeiterklasse im Bündnis mit der Bauernschaft einen Weg nach vorne bieten könnte. Doch die SCP versagte bei dieser historischen Aufgabe.
Ende der 1960er Jahre war die SCP zur zweitgrössten kommunistischen Partei Afrikas geworden, mit über 10’000 disziplinierten Mitgliedern. Sie führte sowohl die Gewerkschaften als auch die Studentenbewegung an. Doch dieses enorme Potenzial wurde aufgrund der Grenzen der stalinistischen Theorie verschwendet.
Unter der Führung der sowjetischen Bürokratie hielt die SCP an der von den Menschewiki inspirierten «Zweistufentheorie» der Revolution fest, die besagte, dass die Revolution im Sudan nur bürgerlich-demokratischer Natur sein könne. Daher wurde den Kommunisten befohlen, lediglich die Rolle zu spielen, einer «fortschrittlichen» Bourgeoisie zur Machtverwirklichung zu verhelfen. Einige innerhalb der Partei bezeichneten sich sogar als «revolutionäre Kapitalisten» und bildeten einen regelrechten bürgerlichen Flügel.
In der Folge zerfiel die Partei unter den Hammerschlägen der Ereignisse. Ihre Beteiligung an der Regierung von 1964 führte zu internen Spaltungen. Nimeiris Machtübernahme im Jahr 1969 verursachte einen weiteren Bruch. Der gescheiterte, von den Kommunisten angeführte Putsch von 1971 zerschlug das, was noch übrig war.
Zur Zeit der Revolution von 1985 war die SCP diskreditiert. Ihr Versagen als Führungskraft, verschärft durch den weltweiten Rückzug der Arbeiterbewegung, ermöglichte es der Diktatur von Omar al-Bashir, ihre Macht für die nächsten 30 Jahre zu festigen, wodurch die Partei zu einem marginalen, alternden Restverband schrumpfte.
Als die «Glorreiche Revolution» von 2019 ausbrach, war die begrenzte Rolle, die die SCP spielte, nicht auf Massenunterstützung zurückzuführen, sondern auf eine dünne Schicht erfahrener Führer, die es dank ihrer früheren Verbindungen rasch schafften, sich in einflussreiche Positionen innerhalb der Bewegung zu manövrieren – und nicht aufgrund eines tatsächlichen Einflusses unter der revolutionären Jugend.
Das Regime von Al-Bashir
Al-Bashirs Staatsstreich von 1989 war der Sieg der Konterrevolution und beendete die Revolution von 1985. Eine dunkle Reaktion brach herein, als Al-Bashir Seite an Seite mit den Islamisten regierte. Die Gewerkschaften wurden in den Untergrund gedrängt, die Preise wurden in die Höhe getrieben und der Mindestlohn drastisch gekürzt.
Al-Bashir war klar, dass trotz der immensen Niederlage, die die Arbeiter 1989 erlitten hatten, die Herrschaft allein mit dem Schwert nicht ausreichte, um sein Regime aufrechtzuerhalten. Schliesslich – auch wenn es eine Generation dauern mochte – würde die Arbeiterklasse ihre Stärke zurückgewinnen, das Regime würde sich spalten und seine Macht ins Wanken geraten. Die Lage für Al-Bashir war prekär, doch steigende Ölpreise verschafften ihm Handlungsspielraum.
Ende der 1990er Jahre ermöglichte ein Ölboom eine rasante Ausweitung der staatlichen Ausgaben. Teile von Khartum begannen, wie Dubai auszusehen, als überall in der Stadt riesige Infrastrukturprojekte aus dem Boden schossen. Zwischen 1999 und 2013 vergrösserte sich der Staatshaushalt um das Dreizehnfache. Den Arbeitern und Bauern wurden riesige Nahrungsmittelsubventionen gewährt, während die Armee mit Reichtümern überhäuft wurde. Al-Bashir schloss sich selbst darin ein und indem er bis 2019 angeblich 9’000’000’000 Dollar auf sein persönliches Konto abzweigte.
Gleichzeitig schürte er weiterhin ethnische Spannungen im Westen, insbesondere in Darfur, was 2005 zum Völkermord führte, bei dem über 300’000 Menschen niedergemetzelt wurden. Die Täter waren die Janjaweed, auch bekannt als die «Teufel zu Pferd». Im Jahr 2013 wurde diese völkermordende Miliz in die Rapid Support Forces (RSF) umgewandelt: eine paramilitärische Einheit, die speziell von Al-Bashir geschaffen wurde, um sich vor Putschversuchen zu schützen. Indem er zwischen den offiziellen sudanesischen Streitkräften (SAF) und der RSF lavierte, glaubte er, seine Herrschaft sei gesichert.
Diese Annahmen waren falsch. Im Jahr 2011 gelang es dem Südsudan – mit Unterstützung des US-Imperialismus –, die Unabhängigkeit zu erlangen. Die USA hatten ein angespanntes Verhältnis zu Al-Bashir.
Die nationale Unabhängigkeit brachte dem Süden keine Befreiung. Stattdessen ebneten ethnische Spaltungen und imperialistische Einmischung den Weg für den Bürgerkrieg im Südsudan. Zwischen 2013 und 2020 wurden 400’000 Menschen getötet.
Als 2013 die Öleinnahmen aus dem Südsudan wegfielen, leitete Al-Bashir eine Sparpolitik ein. Die Treibstoffsubventionen wurden gekürzt, wodurch sich die Preise über Nacht verdoppelten. Auf der Welle des Arabischen Frühlings strömten die sudanesischen Massen auf die Strassen. Al-Bashir zeigte sofort seine Rücksichtslosigkeit und liess 200 Menschen niedermetzeln, um seine Macht zu sichern. Da die Oppositionsparteien aus Angst vor dem Regime keine Rolle spielten und kein politisches Programm zur Lösung der tiefen Krise des Sudans nach einem Jahrhundert imperialistischer Ausbeutung vorlegten, wurde die Bewegung vorübergehend eingeschüchtert.
Die vorübergehende Niederlage der Bewegung im Jahr 2013 fiel mit der Entdeckung riesiger Goldvorkommen in ganz Darfur zusammen. Für einen Moment schien es, als würde sich das Regime stabilisieren. Gold wurde rasch zum wichtigsten Exportgut des Landes und diente dazu, die enormen Zahlungen an die Armeen sowie die begrenzten Subventionen für die Arbeiterklasse aufrechtzuerhalten.
Doch das sudanesische Gold erwies sich als vergifteter Kelch. Der überwiegende Teil lag sehr nahe an der Oberfläche und erstreckte sich über ein grosses Gebiet. Anstatt eine stark zentralisierte Produktion zu fördern, die von grossen Monopolen und der Zentralregierung finanziert wurde, entstanden im Zuge der Goldförderung stattdessen unzählige kleine handwerkliche Minen. Diese wurden von verschiedenen Stammesführern kontrolliert, wobei Söldnergruppen die entsetzlichsten Arbeitsbedingungen durchsetzten. Die Folge war, dass sich die Zentralregierung nicht ohne Weiteres bereichern konnte. Schätzungen zufolge werden 50 Prozent der Goldproduktion illegal aus dem Sudan geschmuggelt.
Durch das blutgetränkte Gold von Darfur verwandelte sich die RSF in eine mächtige Organisation. Als Goldhändler, Schmuggler, Grenzwache und konterrevolutionäre Miliz in einem – sie geriet zunehmend in Konflikt mit den offiziellen sudanesischen Streitkräften (SAF) . Al-Bashir war es gelungen, zwischen diesen beiden bewaffneten Gruppen zu balancieren, doch seine Optionen gingen zur Neige.
Das Öl aus dem Süden war abgeschnitten worden, das Gold aus dem Westen gelangte nur selten nach Khartum, und die Weltwirtschaft taumelte von einer Krise in die nächste. Bis 2016 befand sich die Wirtschaft im freien Fall: Das BIP pro Kopf sank um 31 Prozent, die Inflation stieg auf 122 Prozent, und die Regierung wandte sich mit dem Hut in der Hand an den IWF. Der IWF erklärte sich bereit, den Sudan zu retten, jedoch nur unter der Bedingung, dass die Subventionen für Grundnahrungsmittel gestrichen würden – mit anderen Worten: Die Krise musste an die Arbeiterklasse weitergegeben werden. Die Regierung kam dieser Forderung nach.
Die Arbeitslosigkeit stieg auf 20 Prozent. Nach dem Wegfall der Subventionen verdreifachte sich der Brotpreis, und 45 Prozent der Bevölkerung lebten nun unterhalb der Armutsgrenze. Und das alles, während sich die Armee – als Teil von Al-Bashirs Strategie zur Absicherung gegen Staatsstreiche – in Luxus schwelgte und bis zu 70 Prozent der Staatseinnahmen verschlang.
Es waren diese Umstände, die im Dezember 2018 eine kleine Gruppe von Demonstranten dazu bewogen, auf die Strasse zu gehen. Sie waren der Funke, der ein Feuer entfachte.
Die Revolution beginnt
Am 13. Dezember 2018 marschierten einige Dutzend Demonstranten mutig durch die Stadt Ad-Damazin und forderten die Wiedereinführung der Subventionen für Brot. Sie standen unter der Führung der Sudanese Professionals Association (SPA), einer kleinen Koalition aus sechs Gewerkschaften für Angestellte. Innerhalb eines Jahres sollten sie zur führenden Kraft der sudanesischen Revolution werden.
Die Demonstranten wurden sofort verhaftet, und die Ärztegewerkschaft, die der SPA angehörte, rief zu weiteren Protesten auf. Am 19. Dezember schlossen sich Arbeiter vor dem SPA-Sitz in Atbara dem Aufruf an und zeigten ihre Unterstützung. Unter dem Symbol des Brotes marschierend riefen sie «Nieder mit der Herrschaft der Diebe!»[1] und brannten das Parteihauptquartier von Al-Bashir in der Stadt nieder. Nun, da der Startschuss gefallen war, brachen im ganzen Land Demonstrationen aus.
Die Massenbewegung erschütterte die Oppositionsparteien. Seit 2005 hatte die Diktatur die politischen Freiheiten geringfügig ausgeweitet. Anstatt diesen Spielraum jedoch zu nutzen, um das Regime herauszufordern, passten sich die liberalen Parteien diesem an. Unterdessen hängte sich die Kommunistische Partei, die immer noch an der «Zweistufentheorie» festhielt, an die Liberalen an.
Als 2012 und 2013 bereits spontane, von Jugendlichen angeführte Proteste aufkamen, spielte die Opposition keine entscheidende Rolle. Unter den Jugendlichen wurden diese Parteien als «hoffnungslos und senil» bezeichnet. Nun drohten die Ereignisse, sie völlig irrelevant zu machen.
So beschlossen sie am 1. Januar 2019, sich mit der SPA zu einer breiten Koalition namens «Kräfte für Freiheit und Wandel» (FFC) zusammenzuschliessen. Dieser Koalition schlossen sich alle an, die nicht direkt Teil des Regimes waren – von der Kommunistischen Partei über die Liberalen bis hin zu unzufriedenen Islamisten in Darfur.
Obwohl die SPA die grösste Kraft darstellte, war es die bürgerliche Fraktion der FFC, die die Oberhand gewann. FFC-Führer wie der ehemalige Premierminister und Aristokrat Sadiq Al-Mahdi, oder der Liebling der Grossunternehmen Al-Digair, waren im Frühjahr 2019 nicht auf den Strassen anzutreffen, sondern in Sitzungssälen und Palästen in der gesamten arabischen Welt.
Das Programm der FFC war vage und weit gefasst und beschränkte sich ausschliesslich auf jene Forderungen, die für die Kapitalistenklasse akzeptabel waren. Sie forderten eine Übergangsregierung, die Frieden, Demokratie, Gerechtigkeit, Frauenrechte und wirtschaftliche Entwicklung gewährleisten sollte. Die Ohnmacht dieser Koalition zeigte sich jedoch in ihrer Unfähigkeit, sich auf konkrete Forderungen zu einigen – selbst die Frage der Aufhebung der Scharia blieb ungeklärt.
Während die Führung der Revolution damit beschäftigt war, diese Koalition aufzubauen, verschwendete Al-Bashir keine Zeit. Am 17. Januar wurden staatliche Sicherheitskräfte entsandt, um die Massen zu terrorisieren.
Die Polizei packte Demonstranten und schlug ihre Köpfe auf den Asphalt. Es spielte keine Rolle, ob es sich um Männer, Frauen, Kinder oder ältere Menschen handelte – das Regime machte keine Unterschiede. Sicherheitskräfte setzten Tränengas gegen Gläubige vor Moscheen ein, und als ein Arzt versuchte, Erste Hilfe zu leisten, erschiessen sie ihn auf offener Strasse. Doch die Bewegung wuchs weiter. Fünf’000 Menschen kamen zur Beerdigung der Getöteten, und die Rufe «Weg! Weg! Weg!» hallten durch Khartum.
Al-Bashir verbot Demonstrationen, doch das hinderte sie nicht daran, an Grösse zu gewinnen. Die Massen hatten ihre Angst vor der Regierung verloren.
Die Frauen des Sudans gingen voran und machten bis zu 70 Prozent der Demonstranten aus, denn sie hatten die Hauptlast des Regimes zu tragen. Jedes Jahr wurden 40’000 bis 50’000 Frauen verhaftet und ausgepeitscht, weil sie «obszöne» Kleidung trugen, wozu auch das Tragen von Hosen gehörte.
Am 8. März, dem Internationalen Tag der arbeitenden Frauen, erinnerten die Frauen des Sudans die Welt an ihre wahren revolutionären Traditionen. Zehntausende Frauen marschierten und skandierten: «Frauen, seid stark!» und «Diese Revolution ist eine Revolution der Frauen! “ Sie strömten zum grössten Frauengefängnis in Khartum und zwangen das Regime, alle weiblichen Häftlinge freizulassen, die wegen ihrer Teilnahme an der Revolution verhaftet worden waren.
Dieser Sieg erfüllte die Arbeiterklasse im ganzen Land mit Zuversicht. Bis Ende März kam es in 15 der 18 Provinzen des Sudans zu Massenprotesten, da sich alle Schichten der arbeitenden und unterdrückten Massen dem Kampf anschlossen.
Der Sturz von Al-Bashir
Als die Revolution das ganze Land erfasste, war die SPA fest auf den Standpunkt gedrängt worden, dass Al-Bashir gestürzt werden müsse. Sie rief für den 6. April zu einer Massenbewegung auf, um zum Militärkomplex in Khartum zu marschieren.
Der Morgen des 6. April begann eher verhalten. Einige Demonstranten zweifelten daran, wie viele kommen würden, doch im Laufe des Tages strömten immer mehr Arbeiter auf die Strassen. Als sich der Marsch dem Militärkomplex näherte, hatten sich schätzungsweise 800’000 Menschen angeschlossen. Inspiriert von der ägyptischen Revolution von 2011 und der legendären Besetzung des Tahrir-Platzes rief die SPA zu einem Massen-Sit-in auf, bis das Regime gestürzt sei:
«In diesem historischen Moment fordern wir euch auf, auf den Strassen rund um das Hauptquartier der Streitkräfte und an jedem Ort im ganzen Land standhaft zu bleiben, bis die Tyrannei ein für alle Mal beseitigt ist.»[2]
Durch das Sit-in schufen die Revolutionäre eine Stadt in der Stadt und sperrten die Regierung in ihren Palästen ein. Der Verkehr kam zum Erliegen, und die Massen jubelten. Auf einem Plakat stand: «Entschuldigung für die [Verkehrs-]Verzögerung. Wir entwurzeln ein Regime». [3]
Das Regime stand nun vor einer Entscheidung: Reformen, um die Bewegung zu beschwichtigen, oder Unterdrückung, um sie zu zerschlagen. Al-Bashir entschied, dass brutalste Gewalt notwendig sei. Am Morgen des 10. April begann er, die RSF darauf vorzubereiten, die Massen niederzumetzeln. Sein oberster Geistlicher stand kurz davor, eine Fatwa zu erlassen, wonach es zulässig sei, 30 Prozent der Demonstranten zu töten, um die Ordnung wiederherzustellen.
Doch an jenem Morgen zögerte der Rest des Regimes. Sie wussten, dass ihnen die Macht aus den Händen glitt und sich auf die Strasse verlagerte. Sie spürten, dass die Armee selbst zu bröckeln begann, da die Verbrüderung zwischen Demonstranten und Soldaten von Tag zu Tag zunahm. Vielleicht hätte die Regierung das Massaker an 30 Prozent der Revolutionäre anordnen können, doch sie befürchtete, dass dies ihr letzter Befehl sein würde.
Als Vizepräsident Ibn Auf erkannte, wie sich das Kräfteverhältnis verschob, traf er sich mit hochrangigen Generälen sowohl der RSF als auch der SAF, und gemeinsam beschlossen sie, dass Al-Bashir gehen müsse.
Der Vizepräsident verkündete dem Land, dass Al-Bashirs 30-jährige Herrschaft zu Ende sei. Er ernannte sich selbst zum neuen Staatsoberhaupt und kündigte an, dass das Militär zwei Jahre lang regieren werde, bis demokratische Wahlen abgehalten würden. Er forderte, dass das Lager aufgelöst werden müsse, und dass eine militärische Ausgangssperre dies durchsetzen werde.
Die Massen akzeptierten dies nicht. Am Vortag, dem 9. April, hatten sie gefordert: «Weg mit ihm, das ist alles», und so skandierten sie am 10. April «Wieder weg!» Die Ausgangssperre wurde schlichtweg ignoriert. Die tatsächliche Machtverteilung war für alle offensichtlich. Der neue Präsident brachte nicht ein Fünklein mehr Stabilität. Also schritten die Generäle am 11. April erneut ein. Der neue Präsident wurde abgesetzt, und der Militärische Übergangsrat, ein Bündnis zwischen den SAF und der RSF, übernahm die Kontrolle.
Innerhalb von 24 Stunden waren zwei Diktatoren gestürzt worden. Die Macht lag auf der Strasse, doch die SPA hatte es den Generälen ermöglicht, sie wieder an sich zu reissen. Das Gesicht hatte sich zweimal gewandelt, doch das Regime blieb bestehen. Warum waren die Massen nicht in der Lage gewesen, die Macht selbst in die Hand zu nehmen? Warum hatten ihre Führer es versäumt, den Moment zu nutzen?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst die verschiedenen Gruppen analysieren, aus denen sich die sudanesische Revolution zusammensetzte. Auf der Seite der Reaktion waren die RSF und die SAF die Hauptakteure. Auf der Seite der Revolution standen die FFC, die SPA und die spontanen Organisationen der Arbeiter.
Ein Arbeiterstaat im Embryonalstadium
Das schlagende Herz der Revolution war der Arbeiter-Sit-in vor dem Militärkomplex. Er dauerte vom 6. April bis zum 3. Juni 2019.
Im Rahmen des Sit-ins wurden Schulräume eingerichtet, um politische Ideen und die Ziele der Revolution zu vermitteln. Gemeinschaftsküchen sorgten für Mahlzeiten, die von Arbeitern von aussen bereitgestellt wurden, welche regelmässige Lebensmittellieferungen sicherstellten. Überall wurden Wasserstationen eingerichtet.
Der Sitzstreik war ein Ort lebhafter politischer Debatten. Den ganzen Tag über wurden Reden gehalten, während die Menschen die nächsten Schritte diskutierten. Ein riesiger Fernsehbildschirm wurde aufgestellt, auf dem Botschaften der internationalen Solidarität gezeigt wurden. Am Abend wurden auf demselben Bildschirm die neuesten Fussballspiele übertragen. Trommeln, Poesie und Musik waren allgegenwärtig, während Künstler Wandmalereien an den Wänden anbrachten.
Die herrschende Klasse ist stets bestrebt, ihre Kontrolle durch «Teile-und-herrsche»-Taktiken aufrechtzuerhalten. Sexismus, Rassismus und konfessionelle Spaltungen sind fester Bestandteil der kapitalistischen Herrschaft. Doch der Klassenkampf hat die Kraft, diese Spaltungen zu überwinden. Innerhalb des Lagers konnten Frauen sich frei und ohne Kopftuch bewegen und sich unter Männer ihres Alters mischen – ein Akt, der von der Regierung strengstens verboten war. Religiöse Spaltungen, die den Sudan zerrissen hatten, wurden überwunden. Christliche Kopten hielten Tücher über betende Muslime, um sie vor der Mittagssonne zu schützen. Und als die Regierung versuchte, Spaltung zu schüren, indem sie rassistische Propaganda über die Darfurier verbreitete, antworteten die Revolutionäre:
«Al-Bashir, du arroganter Rassist, wir sind alle Darfur». [4]
Das Sit-in zeigte in der Praxis, dass Arbeiter, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt, die rückständigen und reaktionären Ideen durchbrechen können, die von der herrschenden Klasse in die Gesellschaft gepumpt werden. Es wurde zu einem kulturellen Schmelztiegel und bot einen Einblick darin, was erreicht werden könnte, wenn die Arbeiter die Macht in ihren Händen hielten.
Das Sit-in selbst wurde von den Arbeiter*innen spontan organisiert. Es entstanden eine Reihe gewählter Komitees, um das tägliche Leben zu regeln. Das Sicherheitskomitee sorgte für Ordnung, errichtete Barrikaden und überwachte die Kontrollpunkte. Das Verpflegungskomitee koordinierte Essen und Trinken. Das medizinische Komitee versorgte die Verletzten. Die Aufklärungskomitees bildeten die Teilnehmenden in politischen Fragen weiter und versuchten bewusst, Themen wie Diskriminierung anzugehen. Schliesslich beaufsichtigte das Organisationskomitee alle anderen und verwaltete die Verteilung der Mitgliedschaften.
Die Organisation war so effektiv, dass die Strassen innerhalb des von der Sitzblockade kontrollierten Bereichs sauber, gut verwaltet und ordentlich waren. Unterdessen verfielen die noch von der Regierung kontrollierten Gebiete weiter und waren mit Müll übersät. Die Begeisterung, Kreativität und Kühnheit der Arbeiterinnen und Arbeiter überwanden jede Herausforderung, der sie gegenüberstanden.
Das Sit-in war das schlagende Herz der Revolution, doch die Revolution hatte Arterien, Venen und Kapillaren. Das waren die Nachbarschafts-Widerstandskomitees. Jedes Komitee organisierte die Arbeiter auf lokaler Ebene. Sie wurden demokratisch gewählt, bestanden jeweils aus 40 bis 50 Personen, und pro Quartier gab es 7 bis 10 Komitees.
Zunächst traten sie als Organisatoren lokaler Proteste in Erscheinung: eine unverzichtbare Aufgabe, nachdem die sozialen Medien blockiert worden waren. Mitglieder der Widerstandskomitees gingen von Tür zu Tür, um die Arbeiter über bevorstehende Demonstrationen zu informieren. Als die Repression zunahm, wurden traditionelle Versammlungsmethoden gefährlich, sodass sie mit lokalen Geschäften und Privathaushalten zusammenarbeiteten, um den Demonstranten im Vorfeld eines Marsches die Möglichkeit zu geben, sich in Hinterzimmern zu verstecken. Auf das Signal einer trommelnden Trommel hin strömten die Demonstranten dann auf die Strassen und überwältigten die Sicherheitskräfte.
Im Zuge der Revolution und mit dem wachsenden Selbstbewusstsein der Arbeiter erweiterten sich die Aufgaben der Komitees. Sie begannen, die Preise für den öffentlichen Verkehr zu regulieren, die Verteilung von Treibstoff zu organisieren und Lebensmittelmärkte einzurichten, an denen Nahrungsmittel zum Selbstkostenpreis verkauft wurden. Sie organisierten Strassenreinigungsaktionen, Bauprojekte und andere lokale Initiativen und sammelten dafür Spenden bei den Anwohnern. Das Ausmass war gewaltig. Allein in Khartum gab es 700 Komitees und landesweit über 3’000.
Was die Sitzstreiks und die Nachbarschafts-Widerstandskomitees darstellten, war die Macht der Arbeiterklasse im Keim. Nenn sie Komitees, nenn sie Kommunen, nenn sie Sowjets («Räte» auf Russisch) – das spielt keine Rolle. Es waren die Massen, die die Macht in ihre eigenen Hände nahmen, die auf die Bühne der Geschichte traten, um über ihr Schicksal zu entscheiden, und die darum kämpften, eine neue Gesellschaft ins Leben zu rufen. Glaubt nicht einfach den Marxisten. Ein besonders klassenbewusster Autor der Financial Times, eines bürgerlichen Sprachrohrs, schrieb:
«Man kann nicht mit Sicherheit wissen, wie es sich 1917 in Russland anfühlte, als der Zar gestürzt wurde, oder 1871 in Frankreich in den berauschenden, idealistischen Tagen der kurzlebigen Pariser Kommune. Aber es muss sich in etwa so angefühlt haben wie in Khartum im April 2019.» [5]
Die sich im Sudan abzeichnende Situation war eine der «Doppelmacht», in der der bürgerliche Staat mit aufkommenden Organen der Arbeitermacht konfrontiert war, die in der Lage waren, die Kontrolle über die Gesellschaft zu übernehmen. Doch diese aufkommende Arbeitermacht befand sich erst in einem embryonalen Stadium.
Der Aufruf an die Nachbarschafts-Widerstandskomitees, sich zu verbünden, wurde nicht ergriffen. Er stiess auf aktiven Widerstand seitens der SPA, die den Horizontalismus fetischisierte. Sie verfehlten es zu begreifen, dass eine Situation der Doppelmacht eine äusserst labile Angelegenheit ist. Sie kann nicht auf unbestimmte Zeit aufrechterhalten werden. Entweder werden die Arbeiter ihre Kräfte bündeln, den bürgerlichen Staat zerschlagen und zur souveränen Macht der Gesellschaft werden. Oder die Initiative geht an die Konterrevolution über.
Im Sit-in war die Parole «Alle Macht den Widerstandskomitees» nie zu hören; der Gedanke, den kapitalistischen Staat zu stürzen und die Widerstandskomitees als Fundament eines Arbeiterstaates zu nutzen, kam keinem der beteiligten Parteien über die Lippen.
Erst im Jahr 2022 sollte es erste schwache und rückwärtsgerichtete Versuche geben, die Widerstandskomitees zu vereinen. Lange zuvor hatten die Konterrevolutionäre das Sit-in bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
Eine kleinbürgerliche Führung
Aufgrund der Zurückhaltung der politischen Opposition fand die brodelnde Wut der Massen keinen politischen Ausdruck. An der industriellen Front waren die traditionellen Gewerkschaften vollständig vom Militärregime kooptiert worden. Die militantesten Schichten mussten daher neue Kampforganisationen finden.
Die SPA war eine dieser kleinen, aber militanten Gruppen. Ihre Wurzeln reichen bis zur Bewegung von 2012 zurück; die SPA wurde im Sommer 2018 offiziell als Untergrundkoalition von sechs Gewerkschaften der Anwälte, Ärzte, Professoren, Ingenieure und Lehrer gegründet.
Als der Kampf 2018 ausbrach, bewies die SPA beachtliche Hartnäckigkeit und weigerte sich, angesichts der staatlichen Repression nachzugeben, was ihre politische Autorität in den Augen der Massen stärkte. Auf diese Weise wurde die SPA zur unbestrittenen de facto-Führung in den ersten Phasen der Revolution.
In den Reihen der SPA gab es viele entschlossene und aufopferungsvolle Aktivisten, doch je höher man in der Hierarchie stieg, desto mehr dominierten Angestellte und Angehörige der Mittelschicht. Dies spiegelte sich in der Gesinnung und den Methoden der Organisationsführung wider. Sie war bewusst auf Konsens ausgerichtet, mit einer «führerlosen» Struktur, was bedeutete, dass grössere Meinungsverschiedenheiten schlicht ungelöst blieben. Wie bei jeder «führerlosen» Organisation würden jene Schichten dominieren, die über die meiste Zeit und die meisten Ressourcen verfügten, d. h. vor allem die Mittelschicht.
Die kleinbürgerliche, reformistische Haltung der SPA-Führung sollte eine verhängnisvolle Rolle spielen. Da sie die Notwendigkeit des sudanesischen Kapitalismus voll und ganz akzeptierte, akzeptierte sie damit auch die Notwendigkeit des bürgerlichen Staates. Im Sudan bedeutete dies, die Macht des Militärs zu akzeptieren, das ein integraler Bestandteil sowohl des Staates als auch der herrschenden Klasse war.
Daher war die Führung der SPA im Gegensatz zu den Massen von Anfang an von Pessimismus geprägt. Sie war fest davon überzeugt, dass die Revolution scheitern würde, und sprach noch in Interviews im März 2019 davon, wie wenig Hoffnung sie hatte, dass die Proteste Al-Bashir stürzen würden.
Ihre Konsenspolitik bedeutete, dass eine Position erst dann eingenommen wurde, wenn sie für alle offensichtlich war. Das war keine Führung, die die Bewegung vorantrieb, sondern eine, die ihr hinterherlief.
Diese Konsensführung wurde mit der Verschärfung der Revolution immer schwieriger. Auf der linken Seite traten neue Kräfte, die durch die Revolution geweckt worden waren, in die Reihen der SPA ein. Unterdessen kehrte die alte Führung, die im Gefängnis oder im Exil gewesen war, nun mit dem Voranschreiten der Revolution zurück. Doch dies waren vor allem Schichten aus der Mittelschicht, die mit der Schattenführung aneinandergerieten, die die Revolution von Dezember bis April tatsächlich angeführt hatte.
Der rechte Flügel der SPA forderte sogar, dass sie jegliche führende Rolle in der Revolution aufgeben solle. Sie sagten: «Wir sind Gewerkschafter und keine Politiker», und es sei das Recht der politischen Parteien, über den weiteren Weg zu entscheiden. Diese Haltung lässt sich nur verstehen, wenn man bedenkt, dass viele, die dies vorbrachten, Mitglieder anderer politischer Parteien waren, die davon profitieren würden, wenn die SPA ihre führende politische Rolle aufgeben würde.
Das Problem war, dass die Kritik der Rechten einen Funken Wahrheit enthielt. Wenn die SPA eine führende politische Rolle spielte, dann konnte sie sich nicht darauf beschränken, blosse Gewerkschafter zu sein. Es bedurfte einer politischen Partei mit einem eigenen politischen Programm zur Umgestaltung der Gesellschaft.
Der Syndikalismus – die Vorstellung, dass die Arbeiterklasse keine politische Partei brauche – wurde immer wieder widerlegt. Die Zerschlagung der Staatsmacht ist politisch. Die Schaffung eines Arbeiterstaates und das Programm, das dieser umsetzen muss, sind die politischsten Handlungen überhaupt. Da es der SPA nicht gelang, vollständig mit diesen Methoden zu brechen, behinderte sie die Revolution öfter, als dass sie sie anführte.
Als Al-Bashir am 10. April gestürzt wurde, war die SPA überrumpelt und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Anstatt sofort zu fordern, dass die Widerstandskomitees die Macht übernehmen, dass die einfachen Soldaten der Armee mit den Generälen brechen und diese absetzen und dass Massen-Generalstreiks dies verwirklichen, zögerten die Führer und debattierten untereinander.
Die Generäle hingegen verloren keine Zeit. Die SAF und die RSF übernahmen die Macht direkt von der Strasse und führten das alte Regime fort, wobei sie lediglich zwei Galionsfiguren verloren. Anstatt deren Sturz zu fordern, erklärte die SPA, man müsse mit jenen verhandeln, die den Massen gerade die Macht geraubt hatten.
Die Logik, die Politik aus den Arbeiter- und Massenkämpfen herauszulösen und gleichzeitig einen breiten Konsens anzustreben, mündete direkt in die Fehler der «Volksfront»-Politik. Auch wenn dies nicht unbedingt bewusst verstanden wurde, war die Gründung der «Forces for Freedom and Change» (FFC) ein Echo der katastrophalen «Volksfront» der Spanischen Republik in den 1930er-Jahren.
Die Idee der Volksfront besteht darin, dass sich die Arbeiter mit der «progressiven» Bourgeoisie verbünden müssen, um liberaldemokratische Errungenschaften zu erreichen und zu verteidigen. Diese Taktik war in den 1930er Jahren ein völliger Misserfolg, sie war in den 1960er Jahren im Sudan ein Misserfolg, und sie würde es 2019 erneut sein.
Die FFC reichte von der SPA über die Kommunistische Partei bis hin zu den Liberalen und den dissidenten Islamisten. Der einzige verbindende Faktor war, dass Al-Bashir gestürzt werden musste; sobald dies erreicht war, begann sie sich in ihre einzelnen Bestandteile aufzulösen.
Die FFC verhandelte im Mai heimlich mit dem Militärischen Übergangsrat, hinter dem Rücken der Massen. Die Liberalen vertraten die Position einer gemeinsamen Militär- und Zivilregierung, während sie zuliessen, dass Themen wie die Unterdrückung der Frauen und das wirtschaftliche Elend der Bevölkerung ausser Acht gelassen wurden. Dies ergab sich aus der Klassenposition der Bourgeoisie, die nach Recht und Ordnung strebte, aus Angst, dass der Geist der Revolution nun aus der Flasche entweicht sei und nicht mehr zurückkehren würde.
Das Militär verstand die innewohnenden Spaltungen viel besser als die Arbeiterführer. Es spielte während der gesamten Revolution verschiedene Teile des FFC gegeneinander aus und sicherte sich auf diese Weise seine eigene Herrschaft. Das Fehlen eines entschlossenen und klaren politischen Programms auf der Linken führte schliesslich dazu, dass alle nach rechts blickten.
Die Massen wandten sich an die SPA, da im Vorfeld keine andere politische Alternative aufgebaut worden war. Die SPA wandte sich an die FFC und behauptete, dass diese, da sie keine Politiker seien, kein Recht hätten zu führen. Die kleinbürgerlichen Führer der FFC wandten sich an die Liberalen und deren Vision eines demokratischen, aber kapitalistischen Sudans. Die Liberalen wandten sich an die Konservativen, um sicherzustellen, dass die Revolution nicht zu weit ging und das Privateigentum nicht in Frage stellte. Und die Konservativen wandten sich an den Militärischen Übergangsrat, der vorhatte, die gesamte Revolution im Blut zu ertränken.
Die Armee beginnt zu zerfallen
Der Militärische Übergangsrat setzte sich aus zwei Teilen zusammen: den Sudanesischen Streitkräften (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF).
Die SAF waren die offizielle sudanesische Armee unter der Führung von General Al-Burhan. Al-Burhan fehlte jegliches natürliches Charisma, und er war eher zufällig zum de facto-Staatsoberhaupt nach dem Sturz von Al-Bashir geworden. Er war durch und durch General. Als er am 11. April die Militärherrschaft verkündete, war dies keine Rede eines Politikers, sondern das bellende Befehlsgebrüll eines Exerziermeisters.
Die grösste Schwäche der SAF lag in ihrer Zusammensetzung. Die Generäle waren ein wesentlicher Bestandteil der herrschenden Klasse, doch die einfachen Soldaten waren Arbeiter. Dieselbe Flut sozialer Kräfte, die die Massen zum Handeln bewegt hatte, musste zwangsläufig auch in den Reihen der SAF Widerhall finden.
Das Bewusstsein der Armee unterscheidet sich von dem der Polizei. Der Armee wird beigebracht, dass sie die Nation verteidigt und ihr Leben für die Menschen in der Heimat opfert. Sobald die Generäle ihnen also befehlen, ihre Waffen gegen das Volk zu richten, kann sich die Armee entlang der Klassengrenzen spalten und sogar vollständig auseinanderbrechen. Genau das war 1985 geschehen und hatte zum Sturz von Nimeiri geführt. Nun vollzog sich derselbe Prozess erneut.
Die Nachbarschafts-Widerstandskomitees riefen die Soldaten dazu auf, zu desertieren. Desertierte Soldaten fanden anschliessend in Privathäusern Zuflucht, um sich vor Offizieren zu verstecken, die Rache suchten. Die Widerstandskomitees hiessen die desertierten Soldaten als Helden willkommen, und als sich dies in den Reihen herumsprach, folgten immer mehr ihrem Beispiel.
Alle Schichten der Revolution übten Druck auf die Armee aus. Als ein General nach Hause kam, stellte er zu seinem Entsetzen fest, dass sich seine Tochter der Revolution angeschlossen hatte. Beim Nachtessen flehte sie ihn an: « Schiess nicht auf uns, Papa!“. [6]
Die spontanen Appelle der Massen erschütterten die Armee von Kopf bis Fuss. Soldaten verhafteten Aktivisten vor den Augen ihrer Kommandanten, führten sie in eine Gasse und liessen sie dann, sobald sie ausser Sichtweite waren, frei, wobei sie ihren Kommandanten mitteilten, dass die Revolutionäre fliehen konnten. Wenn sie aufgefordert wurden, ihre Positionen einzunehmen, zögerten sie und trödelten herum, in manchen Fällen weigerten sie sich sogar rundweg.
Die Generäle wussten, dass ein einziger klarer und entschiedener Befehl der Revolutionsführung ausreichen würde, um die gesamte SAF zum Einsturz zu bringen, da die Soldaten en masse überlaufen würden. Doch dieser Aufruf kam nie. Die Überläufe blieben eine lokale und spontane Angelegenheit. Die SPA und die FFC führten keine massenhafte und systematische Kampagne innerhalb der Truppe durch, um zum Überlaufen zu bewegen und das Militär entlang der Klassengrenzen zu spalten. Stattdessen versuchten sie, mit ihm zu verhandeln.
Dennoch bedeutete die Stimmung innerhalb der SAF, dass sie nicht vollständig als Waffe der Reaktion eingesetzt werden konnte. Aus diesem Grund stützte sich die herrschende Klasse auf die andere Hälfte des Militärischen Übergangsrats, die RSF.
Schwarze Reaktion
Die RSF war im Grunde eine Söldnerorganisation. Sie stützte sich auf arabische Nomaden, die das Gefühl hatten, ihre gesamte Lebensweise würde ausgelöscht, da der Klimawandel die Grenzen der Sahara ausdehnte. Durch den Beitritt zur RSF konnten sie gutes Geld verdienen, indem sie die brutale Ausbeutung der neu entdeckten Goldminen, die nun über den Darfur verstreut lagen, rücksichtslos durchsetzten.
Die Revolution veränderte die RSF in zweierlei Hinsicht. Erstens boten die Forderungen der Revolution – Frauenrechte, Arbeiterrechte und die Abschaffung der Scharia – einer grossen Zahl von Bauern und Hirten, die mit der sich im gesamten östlichen Sahelgebiet ausbreitenden Wirtschafts- und Umweltkatastrophe konfrontiert waren, keinerlei materielle Verbesserung. Ein mutiges sozialistisches Programm zur Linderung der Armut der ländlichen Massen wäre nötig gewesen, um sie für sich zu gewinnen, doch die Liberalen in Khartum propagierten «Demokratie» und «Menschenrechte» gegenüber Schichten, die der Staat selbst kaum erreichen konnte. Reaktionäre Stammesführer nutzten dieses Vakuum aus und hetzten ihre Anhängerschaft gegen die Revolution auf. Während sich die einfachen Soldaten der SAF mit den Revolutionären verbündeten, wurde die RSF zur hartgesottenen Stosstruppe der Konterrevolution.
Zweitens witterte ihr Anführer, Mohamed Hamdan Dagalo, alias «Hemedti», eine noch grössere Chance. Als einfacher Kamelhirte begonnen, hatte er die RSF genutzt, um zu einem der mächtigsten Männer des Landes aufzusteigen. Von der übrigen herrschenden Klasse in Khartum stets unterschätzt, sicherte sich Hemedti die Herrschaft über Darfur. Von dort aus gewann er durch die Brutalität der RSF die Unterstützung der herrschenden Klasse und ging bald darauf Bündnisse mit verschiedenen ausländischen Mächten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten ein, um seine Position noch weiter zu stärken.
Ab 2013 fand er in der EU einen unerwarteten Verbündeten. Die EU war verzweifelt bemüht, den Migrantenstrom aus Ostafrika zu stoppen, und der Sudan war eine wichtige Transitroute. Hemedti präsentierte sich als «Mr. Migration», die einzige Kraft, die die Westgrenze kontrollieren konnte, und die EU schluckte das bereitwillig. Im Rahmen dieses faustischen Pakts fliessen in den 2010er Jahren Hunderte Millionen Euro in die Taschen der RSF. Noch im Jahr 2022 wurde bekannt, dass italienische Militärausbilder RSF-Soldaten ausbildeten, um die Flüchtlinge aus Europa fernzuhalten.
Die Führer der SAF verabscheuten es, dass ihre Macht und ihr Ansehen nun durch diese Stammesnomaden bedroht waren. Doch trotz des brennenden Hasses zwischen den beiden Gruppen bildeten sie stets eine Einheitsfront, um die Revolution zu zerschlagen.
Es waren die RSF und die SAF, die sich verbündeten, um Al-Bashir zu stürzen. Sie sollten in verschiedenen Konstellationen gemeinsam regieren, bis sie im April 2023 schliesslich ihre Waffen gegeneinander richteten.
Der Generalstreik im Mai 2019
So sah die Lage im April 2019 aus: Die Massen gewannen an Selbstvertrauen und Macht; sie hatten Al-Bashir gestürzt, und die Nachbarschafts-Widerstandskomitees breiteten sich weit und breit aus. Und das trotz der kleinbürgerlichen Führung der SPA, die sich selbst mit der vollbrachten Revolution überrumpelt hatte. Von Schwindelgefühlen geplagt, hatte die SPA im Rahmen der FFC eine Volksfront gebildet, deren bürgerliche Führer bereits versuchten, einen Deal mit dem Militär auszuhandeln und die Revolution im Keim zu ersticken.
Die SAF und die RSF hatten nach dem Sturz von Al-Bashir rasch gehandelt. Sie richteten den Militärischen Übergangsrat ein und unterbreiteten verschiedenen Teilen der FFC unterschiedliche Vorschläge, um diese gegeneinander auszuspielen. Sie hofften, Zeit zu gewinnen, um die Herrschaft der Konterrevolution zu festigen.
Der Militärische Übergangsrat hatte für seine Verzögerungstaktik sogar einen Begriff geprägt: «Tagility». Sie hofften, alles hinauszuzögern, damit die Revolution an Schwung verlieren würde. Ihnen war klar, dass das Sit-in nicht unbegrenzt andauern konnte. Als der April in den Mai überging, sank die Zahl der Demonstranten von Hunderttausenden auf Zehntausende.
Unterdessen inszenierte die herrschende Klasse eine bösartige Verleumdungskampagne gegen das Zeltlager. Sie behaupteten, dort herrsche weitverbreitete Prostitution, es wimmle von Drogen- und Alkoholverkäufern, und Recht und Ordnung seien zusammengebrochen. Doch was zusammenbrach, waren das bürgerliche Recht und die bürgerliche Ordnung. Im Schutz der Nacht schikanierte die RSF das Lager, misshandelte und tötete Arbeiter, wann immer sich die Gelegenheit bot.
Am 14. Mai gab der Militärische Übergangsrat bekannt, dass die Verhandlungen mit der FFC zu einer Einigung geführt hätten. Es sollte eine dreijährige Übergangsphase mit gemeinsamer militärisch-ziviler Herrschaft geben, gefolgt von Wahlen, bei denen ein Drittel der Sitze im Voraus für konterrevolutionäre Kräfte reserviert werden sollte. Als Teil der Vereinbarung forderte der Militärrat die Auflösung des Sit-ins.
Die Arbeiter waren wütend. Man wies sie an, die Revolution vollständig aufzugeben. Unter enormem Druck der Massen verurteilte die SPA das Abkommen, dem der Rest der FFC nachgegeben hatte, und erklärte sich bereit, einen massiven zweitägigen Generalstreik als Demonstration der Stärke und Entschlossenheit zu organisieren.
Am 28. Mai stand der Sudan still.
Die SPA löste einen Streik aus, der als eine der mächtigsten Demonstrationen der Stärke der Arbeiterklasse in die Geschichte eingehen wird. In der Hauptstadt lag die Beteiligung bei fast 100 Prozent. Im ganzen Land spielte es keine Rolle, ob es sich um Spitäler oder Ölraffinerien, Banken oder Regierungsdepartemente, Flughäfen oder Getreidemühlen handelte; alle Sektoren waren betroffen, sobald die Arbeiter entschlossen handelten.
Der Streik genoss auch immense Unterstützung unter den Staatsangestellten, von der Zentralbank über die Steuerverwaltung bis hin zum Arbeitsdepartement. Dies wirft ganz konkret die Frage nach der Macht auf: Wenn die Menschen, die den Staatsapparat leiten, den Streikführern und nicht der Regierung Rechenschaft ablegen, wer ist dann die Regierung?
Ein Streikkomitee nach dem anderen veröffentlichte Resolutionen, in denen es seine Bereitschaft bekundete, bis zum Ende zu kämpfen.
Das Streikkomitee in Port Sudan erklärte:
«Wir bekräftigen unsere Bereitschaft und unsere Entschlossenheit, auf alle Beschlüsse der SPA im Zusammenhang mit der Wiederherstellung der vollen zivilen Autorität und Souveränität zu reagieren, und erklären unsere Bereitschaft zu zivilem Ungehorsam und einem offenen politischen Streik bis zur Übergabe der Macht an zivile Hände. Und wie wir bereits gesagt haben: Die Anweisungen liegen bei euch, und die [Tat] liegt bei uns.“ [7]
Die Streikposten am Morgen verwandelten sich am Nachmittag in Massenkundgebungen. Die Einschüchterungsversuche des Staates erwiesen sich als wirkungslos. Die Kraft der Arbeiterklasse schien unaufhaltsam.
Die RSF versuchte, durch Terror die Kontrolle über die Lage zurückzugewinnen. Sie stürmten das Elektrizitätswerk, um die streikenden Arbeiter zu zerschlagen und ihre Anführer zu verhaften. Doch die Arbeiter traten hervor und erklärten, sollten sie die Verhaftungen durchführen, würden sie die gesamte Stromversorgung der RSF-Gebäude und -Räumlichkeiten unterbrechen. Die Reaktionäre waren gezwungen, sich zurückzuziehen.
Die Lehre war klar: Kein Rad dreht sich, keine Glühbirne flackert, kein Telefon klingelt ohne die freundliche Erlaubnis der Arbeiterklasse. Sobald diese Kraft einmal voll entfesselt ist, kann nichts sie mehr aufhalten.
Doch diese Kraft wurde nicht vollständig entfesselt. Der Streik war nicht Teil einer Kampagne und einer Strategie zur gewaltsamen Absetzung der Militärführer und des gesamten bürgerlichen Staates, auf dem diese ruhten. Stattdessen war er Teil eines Appells, die Militärführer zum Rücktritt zu bewegen und durch eine liberaldemokratische Regierung zu ersetzen. Doch die Liberalen in der FFC hatten bereits eine Vereinbarung getroffen. Genau gegen diese Vereinbarung wandte sich die Arbeiterklasse.
Die Führung der SPA legte kein eigenständiges politisches Programm der Arbeiterklasse vor. Stattdessen hielt sie sich stets innerhalb der Grenzen der bürgerlichen Demokratie, was im Falle des Sudan eine Militärherrschaft bedeutete, bestenfalls mit einer zivilen Galionsfigur. Das Militär verstand dies; es fürchtete weder die FFC noch die Führer der SPA. Was es fürchtete, waren die Massen, die den Motor der gesamten Revolution bildeten. Der Generalstreik im Mai hatte sie nicht gestürzt, doch das Militär war bestrebt, der Arbeiterklasse keine weitere Chance zu geben.
Die Peitsche der Konterrevolution
Die Arbeiter*innen hatten es im Mai gewagt, ihre Stärke zu zeigen; nun kam das Militär zum Schluss, dass man ihnen durch Terror eine Lektion erteilen müsse. Das Sit-in musste weg.
Es war 5 Uhr morgens am 3. Juni 2019. Tausende von Polizisten und RSF-Soldaten versammelten sich vor dem Sit-in. Sie waren einerseits mit AK-47, andererseits mit Peitschen und Schlagstöcken bewaffnet. Das Signal wurde gegeben, und der Terror wurde entfesselt.
Im Laufe von zwei Stunden wütete die RSF durch den Sitzstreik. Männer, Frauen und Kinder wurden kaltblütig erschossen. Andere wurden als Zeichen der Demütigung zu Tode ausgepeitscht. Frauen wurden gnadenlos vergewaltigt. Denjenigen, die am Rande des Todes standen, wurden Steine umgebunden und sie wurden in den Nil geworfen. Andere wurden auf der Stelle mit Macheten erschlagen.
Bis 7 Uhr morgens waren über 200 Revolutionäre niedergemetzelt worden. Das Lager wurde mit Benzin übergossen und bis auf die Asche niedergebrannt. Rauch stieg hoch über Khartum auf – als klare Botschaft an alle, was dort geschehen war .
Nun verteilten sich die RSF auf Motorrädern und verbreiteten überall, wo sie hinkamen, Terror. Sie peitschten Demonstranten zu Tode, plünderten Läden und zündeten überall in der Stadt Feuer an und randalierten.
Trotz des Anscheins wird Terror nicht gedankenlos ausgeübt. Er ist eine politische Strategie der herrschenden Klasse, um die Arbeiterklasse durch Angst zur Unterwerfung zu zwingen. Die herrschende Klasse versucht, den Arbeitern zu verdeutlichen: Wir sind stark, ihr seid schwach, ihr habt keine andere Wahl, als euch zu unterwerfen.
Während die RSF in der einen Hand die Peitsche trug, hielt die SAF in der anderen die Karotte. Die SAF gab bekannt, dass sie die Verhandlungen mit der FFC abgebrochen habe. Sie behauptete, die FFC habe einen Fehler begangen, indem sie Wahlen in vier Jahren akzeptiert habe, und erklärte stattdessen dass es in neun Monaten Wahlen geben würde, für die sie mit den Vorbereitungen beginnen würden. Sie hofften, dass die Arbeiter nun ein scheinbares Zugeständnis akzeptieren würden, aus Angst vor noch grösserem Terror, der vor ihnen liege.
Doch die Arbeiter liessen sich nicht einschüchtern. Nach dem Freitagsgebet am 7. strömten sie auf die Strassen und forderten nichts Geringeres als den Sturz der Militärjunta, wobei viele die Parole eines Generalstreiks erhoben. Unter diesen Umständen lehnte die SPA das Abkommen ab und kündigte nun an, dass sie am 30. Juni, genau 30 Jahre nach Al-Bashirs Machtübernahme, den grössten Marsch organisieren werde, den der Sudan je gesehen hatte.
Da die sozialen Medien abgeschaltet waren, reisten die SPA-Führer durch das Land, um den Marsch bekannt zu machen. Da Demonstrationen unterdrückt wurden, trafen sie sich mit lokalen Nachbarschafts-Widerstandskomitees und arbeiteten mit diesen zusammen, um die Organisation voranzutreiben. Mahnwachen und Beerdigungen waren zentrale Orte der politischen Organisation.
Am 9. Juni wurde zu einem massiven Generalstreik aufgerufen, und erneut kam der Betrieb an Flughäfen, in Banken, Spitälern und Fabriken zum Erliegen. Es wurden Massenkundgebungen einberufen, und die Menschen streikten, trotz Tränengas und scharfer Munition, mit der sie konfrontiert waren.
Am 30. Juni marschierten 1 Million Menschen. Sie skandierten:
«Freiheit! Zivile Herrschaft! Die Revolution hat gerade erst begonnen!»
«Die Kugel tötet nicht – was tötet, ist das eigene Schweigen!» [8]
Die gewaltige Massenbewegung hatte trotz aller Unterdrückungsversuche die Konterrevolution im Keim erstickt. Macht und Initiative lagen wieder auf der Seite der Revolutionäre. Doch Initiative braucht Strategie und Führung. Diese fehlten noch immer.
Der Verrat im Juli
Es gab keinen Grund, warum der 30. Juni 2019 nicht der Tag hätte sein können, an dem das Militär gestürzt wurde. Erneut bot sich die Gelegenheit, die Macht in die Hände der Arbeiter zu legen.
Die SPA war jedoch fest davon überzeugt, dass eine breite Koalition mit den Liberalen notwendig sei, was in der Praxis eine Koalition mit der Armee bedeutete. Während der gesamten Revolution hatten die Führer der SPA panische Angst vor der Aussicht auf einen Bürgerkrieg. Sie klammerten sich stets an den Pazifismus und begrüssten und feierten die Tatsache, dass sich die Revolutionäre selbst angesichts brutalster Gewalt nicht bewaffneten.
Dieser Aufruf zum Pazifismus war keine Strategie für den Frieden, sondern ein Rezept für Niederlage und Tod in noch grösserem Ausmass. Wie wir damals warnten:
«Sollte die Revolution entgleisen, hätte die RSF keine Skrupel, den blutigsten aller Bürgerkriege zu entfesseln, wenn dies dem Zweck diente, die privilegierte Elite des Sudans an der Macht zu halten.»[9]
Diese Worte erwiesen sich als prophetisch. Das Scheitern beim Sturz des Militärs legte den Grundstein für den Dritten sudanesischen Bürgerkrieg, die bislang blutigste Katastrophe des Sudans. Gewalt ist keine Politik, sondern eine logische Folge des Klassenkampfs. Wer Gewalt jeglicher Art und zu jeder Zeit ablehnt, entwaffnet die Revolution und lässt zu, dass die Massen von der herrschenden Klasse mit Füssen getreten und ermordet werden. In der entscheidenden Phase, die im Sudan gerade erreicht wurde, war dies unverzeihlich.
Moralische Plattitüden reichten nicht aus. Was nötig gewesen wäre, war, das Gewaltmonopol des kapitalistischen Staates zu brechen – durch die Bildung von Arbeiterverteidigungsmilizen durch die Widerstandskomitees. Solche Milizen hätten die Grundlage für die vollständige Machtübergabe an die Arbeiterklasse gelegt.
Ironischerweise wäre das gesamte Blutvergiessen mit ziemlicher Sicherheit geringer ausgefallen, hätte die Führung weniger Illusionen in den Pazifismus gehegt. Stattdessen legte ihr ideologisches Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit Gewalt als die Grundlage für den Verrat im Juli und schliesslich für den aktuellen Bürgerkrieg.
Diese Fetischisierung des Pazifismus war nicht in einer langjährigen Tradition der sudanesischen Massen verwurzelt. Vielmehr wurde sie von westlichen Liberalen nach dem gescheiterten Aufstand von 2013 sorgfältig gepflegt. NGOs wie Freedom House und das United States Institute of Peace – zentrale Instrumente der US-amerikanischen Soft Power – versuchten, sich mit liberalen «Revolutionären» zu verbünden. Nachdem die USA nach ihrer Unterstützung für die Abspaltung des Südsudans einen Grossteil ihres Einflusses im Sudan verloren hatten, versuchten sie nun, sich bei den wahrscheinlichen Nachfolgern des Regimes in ein gutes Licht zu rücken.
Sechs Jahre lang arbeiteten Organisationen wie Freedom House daran, aufstrebende Führungspersönlichkeiten aus den Reihen der Massen zu identifizieren und auszubilden. Sie organisierten Workshops, die sich auf gewaltfreie Taktiken und liberale politische Ideale konzentrierten. Ausgewählte Teilnehmer wurden ins Ausland geflogen, umworben und auf ihre zukünftige Einflussnahme vorbereitet. Das Ziel war klar: eine neue Generation von Führungskräften heranzubilden, die dem Liberalismus und dem Westen treu ergeben waren. Und angesichts des völligen Mangels an Führung seitens der Linken gelang ihnen dies auch. Viele prominente Persönlichkeiten innerhalb der SPA und der FFC wurden vom US-Imperialismus bewusst zu liberalen Kadern geformt.
Zu Beginn der Revolution, als die SPA darüber debattierte, ob ein Regimewechsel oder einfach höhere Löhne gefordert werden sollten, waren es diese im Ausland ausgebildeten Agenten, die dafür sorgten, dass Letzteres durchgesetzt wurde. Sie wurden zu den leidenschaftlichsten Verfechtern des Pazifismus und zu den entschlossensten Gegnern der Selbstverteidigung der Arbeiter.
Unterdessen übten die Imperialisten auch über andere Wege Druck aus. Die USA, die VAE, Grossbritannien und Saudi-Arabien waren verzweifelt bemüht, die revolutionäre Welle zu beenden, da sie befürchteten, dass sie sich in der gesamten Region ausbreiten könnte. Die FFC argumentierte, dass nur eine Vereinbarung zur Machtteilung mit der Armee einen Bürgerkrieg verhindern könne. Die Führer der SPA warfen die Hände hoch und erklärten: «Wir haben keine andere Wahl [als das Abkommen zu akzeptieren]»[10], da sie ohne die Zustimmung zumindest eines Teils der Bourgeoisie keinen Weg nach vorne sahen.
So stimmte die FFC am 9. Juli 2019 der Bildung einer «technokratischen» Übergangsregierung zu. Diese sollte aus fünf zivilen Vertretern der FFC, fünf Militäroffizieren und einem angeblich «neutralen» Mitglied bestehen, die zusammen einen Souveränen Rat bilden sollten. Diese «neutrale» Person entpuppte sich später als pensionierter Armeegeneral. An der Spitze des Rates sollte ein vom Militär ernannter Vertreter stehen, wobei Wahlen in drei Jahren angesetzt waren.
Sechs Monate heldenhaften Kampfes der sudanesischen Arbeiterklasse führten zu nichts weiter als einer oberflächlichen Umbesetzung an der Spitze. Omar al-Bashir wurde durch Abdalla Hamdok ersetzt, einen liberalen Ökonomen, der früher bei den Vereinten Nationen beschäftigt war und bis zu diesem Zeitpunkt absolut keine Rolle in der Revolution gespielt hatte. Doch die Maschinerie des kapitalistischen Staates blieb völlig intakt.
Hamdok sollte zweieinhalb Jahre lang regieren. Er erreichte nichts.
Hamdok: der machtlose Liberale
Abdalla Hamdok war ausgewählt worden, weil er den Anschein erweckte, es allen recht zu machen. In seiner Jugend war er Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen. Doch schon vor langer Zeit hatte er seinen Parteiausweis gegen den Anzug und die Krawatte eines UNO-Kommissars eingetauscht. Das Militär erkannte, dass Hamdok keinerlei Bedrohung darstellte. Er galt sogar als so umgänglich, dass Al-Bashir 2018 erwogen hatte, ihn als Wirtschaftsberater einzustellen.
Die Massen feierten dies als grossen Sieg, doch das Militär wusste: Selbst wenn Hamdok radikalere Veränderungen anstreben sollte, hielt es alle Trümpfe in der Hand. Um dies zu unterstreichen, weigerte sich das Militär bei Hamdoks Ankunft in Khartum, ihm eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen. Als Premierminister war er gezwungen, in den ersten Monaten seiner Amtszeit von der Wohnung eines Freundes aus zu arbeiten.
In Wirtschaftsfragen unterschied sich Hamdok nicht von Al-Bashir. Er war bestrebt, die Subventionen für die Arbeiterklasse zu kürzen, die er als Belastung für die Wirtschaft ansah, während er nicht bereit war, auch nur einen Rappen von den enormen Militärausgaben abzuziehen. Er überliess die Wirtschaft den privaten und korrupten Händen der lokalen und internationalen Kapitalisten. So kam es, dass sich in Khartum lange Schlangen vor den Brotverteilstellen bildeten, da die Stromversorger die Stadt mit langen Stromausfällen belegen mussten, während im Brotkorb des Nils die Traktoren wegen Treibstoffmangels stillstanden.
Die Inflation stieg bald auf 363 Prozent, und die Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP überschritt die 200-Prozent-Marke.
In Sachen Bürgerrechte beugte sich Hamdok dem Militär. Er zensierte weiterhin die Presse, nutzte den Staatsapparat, um einige der prominentesten Aktivisten der Revolution auszuspionieren, und lehnte jegliche Untersuchungen zum Massaker vom 3. Juni ab.
Die Widerstandskomitees stellten zwar nach wie vor eine potenzielle Herausforderung dar, waren jedoch zunehmend demoralisiert – und Hamdok spielte sie geschickt gegeneinander aus. Die Vorstellung, dass die Widerstandskomitees in erster Linie als Organe der gegenseitigen Hilfe und nicht als Instrumente zum Aufbau eines neuen Arbeiterstaates fungieren sollten, gewann an Boden. Ihre Rolle, so hiess es, bestehe nicht darin, die Grundlagen der Arbeitermacht zu legen, sondern die Grundlagen eines neuen Sozialstaates.
Die Übergangsregierung förderte diesen Fokuswechsel aktiv. Sie legitimierte die Komitees als dem Staat unterstellte administrative Hilfsorgane. Sie forderte die Bevölkerung auf, sich an sie zu wenden, um lebenswichtige Güter – Treibstoff, Lebensmittel und Medikamente – zu erhalten, insbesondere während der Pandemie, die allein in Khartum 16’000 Menschenleben forderte.
Infolgedessen waren die Widerstandskomitees überfordert. Anstatt geduldig die wahre Rolle von Hamdok zu erklären und ein Programm vorzulegen, das ihn durch Arbeiterkontrolle ersetzte, wurden die engagiertesten Revolutionäre in die Rolle von Sozialhelfern hineingezogen. Was einst die Keimzellen eines Arbeiterstaates gewesen waren, versank im täglichen Kampf um die Deckung der Grundbedürfnisse einer zusammenbrechenden Gesellschaft. Ihr revolutionäres Potenzial wurde langsam erstickt, während sie versuchten, die Last einer sich ausbreitenden humanitären Katastrophe zu tragen.
Der sogenannte «Kompromiss» mit der SAF und der RSF war eine völlige Kapitulation gewesen, da die Generäle die gesamte Macht in ihren Händen hielten. Hamdok war eine machtlose Galionsfigur an der Spitze einer riesigen Staatsmaschinerie, über die er keine Kontrolle hatte. Im Wirtschaftskrise-Komitee musste Hamdok, der «Doktor der Wirtschaftswissenschaften», schweigen, während der als Kamelhirte getarnte Hemedti das Sagen hatte.
Diese Ohnmacht war weder ein Ergebnis von Hamdoks Persönlichkeit noch der immensen Stärke des Militärs, sondern ergab sich direkt aus seiner Klassenposition. Die Liberalen wussten, dass ein entschlossener Kampf zur Entmachtung des Militärs und zur Errichtung eines liberal-demokratischen Staates nur durch die Mobilisierung der Arbeiter und der Jugend gelingen konnte. Doch die Kraft der Massen würde nicht bei der Errichtung einer formalen Demokratie Halt machen.
Für die Massen wäre Demokratie in erster Linie ein Mittel zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Doch die Liberalen konnten die Arbeiterklasse nicht zufriedenstellen, gerade weil der Sudan im Griff einer kapitalistischen Krise war, der er nicht entkommen konnte. So würde die Revolution, sofern sie nicht verhindert würde, nicht bei der liberalen Demokratie Halt machen, sondern unter dem Druck der Massen zu Angriffen auf das Privateigentum und die Kapitalistenklasse selbst übergehen. Angriffe, die nur das Militär abwehren könnte.
Die Liberalen standen somit vor folgender Wahl: eine Demokratie errichten, aber bald Gefahr laufen, unter die Arbeiter zu geraten; oder weiterhin zulassen, dass das Militär auf ihre Schultern klettert, ihnen den Stiefelabsatz in den Nacken drückt und ihm zu gestatten, die Gesellschaft nach Belieben zu regieren und dabei Milliarden abzuzweigen.
Die Schwäche der Kapitalisten, ihre Unfähigkeit, die Gesellschaft auch nur einen Zentimeter voranzubringen, gepaart mit der enormen Stärke der Arbeiter, machte die Kapitalisten umso williger, ihre Rettung in einem militärischen «starken Mann» zu suchen.
Der Putsch von 2021
Zwei Jahre waren nun unter Hamdok vergangen, ohne dass irgendetwas gelöst worden wäre. Gemäss dem Ausverkauf im Juli 2019 sollten im Frühjahr 2022 Wahlen stattfinden. Doch das Militär war nicht bereit, das Risiko einzugehen, dass sich die Massen durch Wahlen durchsetzen könnten. Am Montag, dem 25. Oktober 2021, bat Al-Burhan von den SAF Hamdok, sich ihm als Premierminister einer neu gebildeten Regierung anzuschliessen, die die Wahlen abschaffen und den Sudan fest unter eine Militärdiktatur stellen sollte.
Zur Überraschung von Al-Burhan lehnte Hamdok ab. Er ging davon aus, dass Al-Burhan den Putsch ohne die Unterstützung der USA nicht durchziehen würde. Am Wochenende hatte der US-Botschafter Al-Burhan mitgeteilt, dass die USA im Falle eines Putsches 700’000’000 Dollar an Hilfsgeldern streichen und dem Sudan den Zugang zur Weltbank entziehen würden, zusammen mit mehreren weiteren Sanktionen.
Al-Burhan liess sich davon nicht beirren. Mit Rückendeckung von Al-Sisi in Ägypten, der acht Jahre zuvor dasselbe getan hatte, um die ägyptische Revolution niederzuschlagen, durchschaute er den Bluff der USA und ergriff die Macht.
Al-Burhan entführte Hamdok und verkündete anschliessend im nationalen Fernsehen, dass alle Flüge ausgesetzt seien; das Internet abgeschaltet worden sei; und dass bis Juli 2023, wenn Neuwahlen angesetzt würden, der Ausnahmezustand gelte.
Al-Burhan hatte dies als fait accompli darstellen wollen. Doch die Arbeiterklasse hatte andere Pläne.
Mit der Ankündigung des Staatsstreichs entfachte sich die Revolution erneut. Die Nachbarschafts-Widerstandskomitees erhielten neuen Auftrieb. Die SPA und die Kommunistische Partei riefen zu massiven Generalstreiks auf. Eine Million Menschen folgten dem Aufruf, als die Gewerkschaften zu massivem zivilem Ungehorsam aufriefen.
Al-Burhan verkündete, dass wegen ihres Widerstands alle Gewerkschaften aufgelöst würden. Die RSF wurde erneut mobilisiert, um in den Menschenmengen Angst und Schrecken zu verbreiten.
Doch die Massen waren entschlossen zu kämpfen. Sie antworteten mit den Parolen «Revolutionäre und freie Menschen werden den Weg fortsetzen!», «Die Revolutionäre fürchten keine Kugeln!», «Das Volk ist stärker!» und «Rückzug ist keine Option!»
Innerhalb von fünf Tagen nach der Ankündigung des Staatsstreichs befanden sich 4’000’000 Arbeiter im Streik, entschlossen, die Generäle aufzuhalten. Das Regime reagierte mit der Verhaftung von Tausenden, die unter Beschuss mit scharfer Munition auf die Strasse gingen.
Unter dem enormen Druck der Ereignisse nahm die SPA nun ihre bisher radikalste Position ein. Sie forderte den vollständigen Sturz des Militärs; eine vollumfängliche zivile Regierung als Ersatz, die sich ausschliesslich aus revolutionären Kräften zusammensetzte; sowie die Auflösung der SAF und der RSF und die Anklage ihrer Anführer wegen Verbrechen gegen die Revolution.
Doch schon damals zeigte sich ihr Mangel an politischer Klarheit. Die Frage, wie dies ohne einen Arbeiteraufstand, ohne Waffen und ohne einen neuen Staat, der den alten ablösen sollte, erreicht werden sollte, blieb völlig unbeantwortet. Stattdessen gratulierten sie Hamdok dafür, dass er sich geweigert hatte, den Putsch zu unterstützen, und verschafften ihm als potenziellen Führer eine linke Deckung. Dies sollte sich als verhängnisvoll erweisen.
Am 21. November, einen Monat nach seiner Entführung, trat ein wankender und desorientierter Hamdok gemeinsam mit Hemedti und Al-Burhan auf und erklärte, man habe eine Einigung erzielt. Er würde eine neue technokratische Regierung führen, wobei die Wahlen auf Juni 2023 verschoben würden, doch der Widerstand müsse eingestellt werden.
Sofort sprach sich der rechte Flügel der FFC für das Abkommen aus. Die Linke lehnte dies ab, gab jedoch keine Perspektive dafür, wie die Gesellschaft verändert werden könnte. Sie forderte weiterhin möglichst friedliche Methoden und weigerte sich, die Arbeiter zu bewaffnen.
Die Nachbarschafts-Widerstandskomitees von Khartum verkündeten: «Es ist unsere Pflicht, [den Generälen] Widerstand zu leisten, bis wir siegreich sind oder bis sie über ein leeres Land herrschen, nachdem sie uns alle getötet haben»[11]. Doch da nach wie vor keine Perspektive bestand, wie man sich wirksam wehren könnte, wurden die Massen wie Lämmer zur Schlachtbank geführt.
Da die Führung keinerlei Perspektive bot, liess die Resonanz auf die Streikmassnahmen nach. Menschen setzen ihr Leben nicht aus reinem guten Willen aufs Spiel; sie müssen an die Überzeugung glauben, dass ihr Handeln die Geschichte verändern kann. Drei Jahre pazifistischer Führung durch die Mittelschicht hatten diesen Glauben verspielt, und es gab keine revolutionäre Partei, die einen Ausweg aufzeigen konnte.
Am 3. Januar 2022, nachdem die Massen nach Hause gegangen waren, trat Hamdok offiziell zurück. Die SAF und die RSF erhielten die volle Kontrolle. Alle Forderungen und Kämpfe für eine zivile Regierung hatten zu nichts anderem geführt als zur gefestigten Herrschaft der Militärdiktatur. Die Illusionen vom Pazifismus würden direkt in den blutigsten Bürgerkrieg münden, den der Sudan je gesehen hat, da diese Tyrannen an der Macht blieben.
Die Arbeiter waren in eine Sackgasse geführt worden. Ohne eine Perspektive, wie sie entkommen könnten, führten all ihre Anstrengungen zu nichts anderem als weiterer Demoralisierung. Die RSF setzte ihre Terrorkampagne fort. Sie griff Arbeiter mit Tränengas, Schlagstöcken, scharfer Munition und Flugabwehrgeschützen an. Arbeiter, die an Beerdigungen um die Toten trauerten, galten als legitime Ziele, da gepanzerte Fahrzeuge die Menschen überfuhren und hin und her fuhren, um sie zu überrollen.
Das Ausmass des Terrors war nicht das entscheidende Element des Putsches im Oktober, sondern vielmehr das Fehlen einer entschlossenen Führung mit einer klaren Perspektive für den Gegenangriff. Das war es, was die Arbeiter schlussendlich zur Erschöpfung trieb.
Der Sieg der Konterrevolution
Der Januar 2022 war der Höhepunkt der Konterrevolution. Die Arbeiterklasse im Sudan war von den Generälen zwar nicht physisch zerschlagen worden, doch ihre Führer hatten sie wiederholt in eine Sackgasse geführt. Nach drei Jahren immensen Mutes und grosser Opfer war das Ergebnis ein weiterer Militärputsch.
Drei Jahre voller Anstrengungen hatten die Massen erschöpft und demoralisiert. Im frühen Frühling 2022 wurde eine ganze Reihe von Aktionen aufgerufen, doch es kamen immer weniger Menschen, da die Hoffnung aus ihren Herzen schwand. Niemand war in der Lage, die aktuellen Ereignisse klar zu erklären oder einen überzeugenden Weg nach vorne aufzuzeigen.
Den SAF und der RSF war es gelungen, Liberale und Revolutionäre gleichermassen zu unterdrücken. Sie hatten die Herrschaft des Schwertes gefestigt. Die einzige Frage war, welche Fraktion es schwingen würde. Nachdem die Arbeiterklasse ins Abseits gedrängt worden war, wandten sich die Generäle gegeneinander und drängelten um die blutbefleckte Beute des sudanesischen Volkes. Je mehr vollständiger die Niederlage der Massen war, desto heftiger wurden die internen Machtkämpfe unter den Siegern.
Al-Burhan streckte der RSF einen vergifteten Olivenzweig entgegen und schlug vor, sie unter seinem Kommando in die SAF zu integrieren. Trotz der Dienste, die die RSF der Konterrevolution geleistet hatte, betrachtete die Klicke in Khartum sie immer noch als rückständige Stammeshirten.
Doch Hemedti hatte nicht die Absicht, nachzugeben. Er hatte seine Basis in Darfur gefestigt und sich durch die riesigen Goldminen im Westen bereichert. Er hatte sich als Spürhund der Konterrevolution bewährt und war eifrig dabei, internationale Unterstützer zu umwerben, insbesondere die VAE, deren Ambitionen sich über das Horn von Afrika erstreckten. Bis Januar 2022 war Hemedti vom unbedeutenden Kamelhirten zum mächtigsten Mann im Sudan aufgestiegen. Er würde nicht zulassen, dass Al-Burhan seine Position bedrohte.
Der Kampf um den «obersten Bonaparte» des Sudans hatte begonnen. Die Grundlagen für den Bürgerkrieg waren nun festgelegt.
Am 16. April 2023 fühlte sich die RSF stark genug, um gegen die SAF vorzugehen. Mit Kampfflugzeugen und Panzern wurde die erste Salve des Dritten sudanesischen Bürgerkriegs abgefeuert. Innerhalb von zwei Wochen flohen 800’000 Flüchtlinge aus dem Sudan, während die Hungersnot das Land heimsuchte. Schwangere Frauen hungerten aufgrund von Nahrungsmittelknappheit. Die weltweit schlimmste Hungersnot seit 40 Jahren brach aus: 24’600’000 Menschen waren von «akutem Hunger» betroffen, und 2’000’000 waren von Hungersnot oder der Gefahr einer Hungersnot bedroht[12]. Bis Januar 2025 schätzte die sudanesische Ärztevereinigung, dass bereits über 522’000 Kinder an Unterernährung gestorben waren.
Seit über zwei Jahren überbieten sich beide Seiten gegenseitig, um die Grausamkeiten auf ein neues Niveau zu heben. Folter, Kastrationen, Enthauptungen und Sklaverei sind an der Tagesordnung. Selbst Babys im Alter von nur einem Jahr wurden vergewaltigt. Sexuelle Übergriffe wurden zu einer Kriegswaffe gemacht.
Im Westen hat die RSF ihre Herrschaft gefestigt. Sie hat ihre Völkermordkampagne in Darfur gegen das Volk der Masalit wieder aufgenommen, angeschürt durch die Spaltungen zwischen den arabischen Nomadenhirten und den schwarzafrikanischen Viehzüchtern. Im Jahr 2005 hatten sie eine systematische Politik der Massenvergewaltigungen betrieben, um die afrikanische Bevölkerung auszulöschen. Nun schlug die RSF einen direkteren Weg ein. Alle schwarzafrikanischen Männer sollten hingerichtet werden, unabhängig von ihrem Alter. Frauen flohen mit ihren kleinen Söhnen in den Tschad, die leblos auf ihrem Rücken lagen, weil Kugeln ihre Köpfe durchschlagen hatten.
Früher wäre ein Konflikt dieser Grössenordnung ebenso sehr in den Korridoren Washingtons wie auf dem Schlachtfeld geprägt worden. Schliesslich waren es die Vereinigten Staaten, die das Umfassende Friedensabkommen von 2005 vermittelt hatten, das den Zweiten sudanesischen Bürgerkrieg beendete und das Land schliesslich in zwei Teile spaltete. Doch der relative Niedergang des US-Imperialismus hat es einer Reihe kleinerer Mächte ermöglicht, ihre Interessen in der Region durchzusetzen, unabhängig von der US-Aussenpolitik. Im Sudan streben sie nach der Kontrolle über die Handelsrouten am Roten Meer im Osten, fruchtbares Land entlang des Nils und Gold im Westen – dessen Wert derzeit stark steigt, da die Dominanz des Dollars schwindet.
Eine schwindelerregende Vielzahl von Mächten hat sich eingemischt. Die Saudis haben die SAF konsequent unterstützt, während die VAE, ein aufstrebender imperialistischer Konkurrent, zum Hauptunterstützer der RSF geworden sind. Die Liste der ausländischen Akteure scheint endlos: Katar, Ägypten, die Türkei, Äthiopien, Eritrea und der Tschad haben alle ihre Rolle gespielt. Die Nachwirkungen drohen, den vierjährigen Frieden im Südsudan in einen weiteren Bürgerkrieg zu stürzen.
Zu dieser «Teeparty der verrückten Hutmacher» kam hinzu, dass Russland zunächst auf der Seite der RSF intervenierte, um sich Gold zu sichern und westliche Sanktionen zu umgehen. Um Russlands Versuch, die Sanktionen zu unterlaufen, entgegenzuwirken, hat die ukrainische Armee auf der Seite der SAF eingegriffen, was zu spektakulären Szenen führte, in denen russische Söldner in den Strassen von Khartum gegen ukrainische Spezialeinheiten kämpften.
Nun haben die russischen Imperialisten jedoch die Seiten gewechselt und legen den Schwerpunkt auf den Zugang zum Hafen von Sudan. So wurde die RSF fallen gelassen und die SAF sind Russlands neue Verbündete, was zu noch spektakuläreren Szenen geführt hat, in denen russische Söldner mit ukrainischen Spezialeinheiten zusammenarbeiten.
Eine umfassende Analyse des Dritten sudanesischen Bürgerkriegs würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Sicher ist jedoch, dass die sudanesische Arbeiterklasse eine katastrophale Niederlage erlitten hat. Es wird Jahre – vielleicht Jahrzehnte – und massive Entwicklungen nicht nur im Sudan, sondern auch international erfordern, bis sie ihre Stärke wiedererlangt hat.
In der Zwischenzeit hat die Barbarei Einzug gehalten – und sie breitet sich Tag für Tag über die Grenzen des Sudans hinaus aus.
Sozialismus oder Barbarei
Pazifisten und Feiglinge mögen behaupten: « Hätten wir nie für die Freiheit gekämpft, wären uns solche Schrecken erspart geblieben.“ Doch der Kapitalismus selbst ist ein Schrecken ohne Ende. Die Krise im Sudan war nicht das Ergebnis der Revolution – es war die tiefe Krise der sudanesischen Gesellschaft, die die Revolution hervorbrachte.
Hätten die Arbeiter nie die Strassen erobert, hätte das den wirtschaftlichen Zusammenbruch aufgehalten, als die Inflation bereits 2018 über 100 Prozent geschossen war? Hätte es die Spaltung der herrschenden Klasse verhindert, als der Diktator bereits zwei rivalisierende Armeen geschaffen hatte, um seinen Machtanspruch zu sichern? Hätte es die Regionalmächte davon abgehalten, einzugreifen – dieselben, die bereits die Zerstörung im Jemen, in Tigray, im Südsudan und in der DRK schüren?
All diese Entwicklungen sind auf die globale, systemische Krise zurückzuführen, mit der der Kapitalismus seit dem Crash von 2008 konfrontiert ist.
Diese Krise läutete eine historische Ära der Instabilität ein – eine Zeit, die durch den langwierigen Stillstand zwischen einer Kapitalistenklasse, die unfähig ist, die Produktivkräfte weiterzuentwickeln, und einer Arbeiterklasse, die wiederholt von ihrer eigenen Führung verraten wurde, geprägt ist. Die heutige Welt ist von organischer Instabilität geprägt, gekennzeichnet durch starke Schwankungen und abrupte Umwälzungen.
Der Sudan kam diesem Patt näher als jede andere Bewegung der jüngeren Vergangenheit – der Errichtung einer Arbeiterregierung. An Mut, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen hätte die sudanesische Arbeiterklasse nicht mehr tun können. Was fehlte, war eine genuin revolutionäre Führung. Immer wieder ergab sich die Bewegung bürgerlichen und kleinbürgerlichen Illusionen.
Dieses Scheitern war nicht auf persönliche Unzulänglichkeiten einzelner Führer zurückzuführen. Es war das unvermeidliche Ergebnis des Fehlens einer im Voraus aufgebauten revolutionären Partei – einer Partei, die gegen den Druck der bürgerlichen Gesellschaft gestählt ist, mit geschulten Kadern, die im ganzen Land verwurzelt sind und in der Lage sind, die arbeitenden Massen um ein schlüssiges revolutionäres Programm zu vereinen. Ohne eine solche Partei wird selbst der heldenhafteste Aufstand unter dem Gewicht der herrschenden Klasse zusammenbrechen.
Das Scheitern der sudanesischen Revolution öffnete den Schleusen für unvorstellbare Schrecken. Doch der Sudan ist keine Ausnahme – er ist eine Warnung. Die Parole «Sozialismus oder Barbarei» ist kein fernes theoretisches Postulat; sie war die reale, konkrete Wahl, vor der der Sudan 2019 stand. In Ermangelung einer revolutionären Führung war das Ergebnis Barbarei. Diese Frage wird sich immer wieder stellen.
Der alte Maulwurf der Revolution gräbt sich – nicht nur quer durch Afrika und den Nahen Osten, sondern auch nach Norden, in Richtung der Hochburgen des Imperialismus. Die Erschütterungen, die Khartum im Jahr 2019 erschütterten, werden mit der Zeit auch die Zentren des globalen Kapitalismus erschüttern.
Die einzige Frage ist: Werden die Kräfte der Revolution vorbereitet sein – oder werden sie zulassen, dass sich die Geschichte wiederholt?
Die sudanesische Revolution bietet eine Fülle von Lehren. Es wäre unverzeihlich, ihr Vermächtnis vergeblich verstreichen zu lassen. Der Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution wird immer wieder ausbrechen, in immer grösserem Ausmass. Es kann keinen Zweifel am endgültigen Sieger geben – wenn, und nur wenn, wir uns im Voraus vorbereiten.
Zeitleiste
- 1899: Der Sudan wird offiziell britische Kolonie
- 1955–1972: Erster sudanesischer Bürgerkrieg
- 1956: Unabhängigkeit des Sudans; erste parlamentarische Regierung
- 1958: Erster Militärputsch
- 1964: Die Oktoberrevolution beendet die Militärherrschaft; zweite parlamentarische Regierung
- 1965: Verbot der Kommunistischen Partei
- 1969: Militärputsch durch Nimeiri; Eingriffe in das Privateigentum, Legalisierung der Kommunistischen Partei
- 1971: Gescheiterter Aufstand der Kommunistischen Partei; Verhaftung von Mitgliedern der Kommunistischen Partei
- 1983: Nimeiri führt die Scharia ein; Beginn des Zweiten sudanesischen Bürgerkriegs
- 1983–2005: Zweiter sudanesischer Bürgerkrieg
- 1985: Eine Revolution beendet die Herrschaft von Nimeiri; dritte parlamentarische Regierung
- 1989: Omar al-Bashir übernimmt mit Unterstützung von Islamisten durch einen Militärputsch die Macht
- 2003–2005: al-Bashir verübt mit Hilfe der Janjaweed einen Völkermord in Darfur
- 2011: Der Südsudan erlangt die Unabhängigkeit
- 2013: Die Janjaweed werden als «Rapid Support Forces» (RSF) neu organisiert
- Dezember 2018: Es brechen Proteste gegen Al-Bashir aus
- 6. April 2019: Beginn des Sit-ins am Militärhauptquartier in Khartum
- 11. April 2019: Al-Bashir wird gestürzt
- 3. Juni 2019: Massaker am Sit-in durch den Militärischen Übergangsrat/RSF
- 30. Juni 2019: Millionenmarsch gegen die SAF und die RSF
- 3. Juli 2019: Einigung über die Machtteilung zwischen dem Militärischen Übergangsrat und der SPA
- 25. Oktober 2021: Die SAF setzt die zivile Übergangsregierung ab
- 27. Oktober 2021: Vier Millionen Arbeiter treten in den Streik
- Januar 2022: Die SAF vollendet den Staatsstreich
- 16. April 2023: Die RSF unternimmt einen Putschversuch gegen die SAF und löst damit den dritten sudanesischen Bürgerkrieg aus
Quellenangaben
[1] Zitiert in: W. Berridge et al., Sudan’s Unfinished Democracy, Oxford University Press, 2022, S. 46
[2] Zitiert in S. Zunes, «Sudan’s 2019 Revolution», ICNC Special Report Series, Bd. 5, April 2021, S. 7
[3] Zitiert in W. Berridge et al., Sudan’s Unfinished Democracy, Oxford University Press, 2022, S. 32
[4] ebenda, S. 112
[5] D. Pilling, «Sudans Proteste fühlen sich an wie eine Reise zurück ins revolutionäre Russland», Financial Times, 24. April 2019
[6] Zitiert in W. Berridge et al., Sudan’s Unfinished Democracy, Oxford University Press, 2022, S. 33
[7] H. Alizadeh, «Mächtiger Generalstreik im Sudan: Jetzt die Junta rauswerfen!», marxist.com, 31. Mai 2019
[8] H. Alizadeh, «Wie geht es weiter nach dem Millionenmarsch im Sudan?», marxist.com, 1. Juli 2019
[9] F. Weston, «Sudan: Die Peitsche der Konterrevolution spornt die Revolution an», marxist.com, 10. Juni 2019
[10] Zitiert in W. Berridge et al., Sudans unvollendete Demokratie, Oxford University Press, 2022, S. 67
[11] J. Attard, «Die sudanesische Revolution ist in Gefahr», marxist.com, 19. Januar 2022
[12] Welternährungsprogramm, «Hungersnot im Sudan», wfp.org
Quelle: marxist.com… vom 30. August 2026; Übersetzung durch die Redaktion maulwuerfe.ch mithilfe von DeepL
Tags: Aegypten, Frankreich, Grossbritannien, Imperialismus, Neoliberalismus, Politische Ökonomie, Russland, Saudi-Arabien, Stalinismus, Strategie, Sudan, Trotzki, Ukraine, USA, VAE, Widerstand










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