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Jedem Betrieb seine (Frauen)Streikform

Eingereicht on 17. Mai 2019 – 18:52

sah. Betrieblicher Streik mit feministischen Forderungen: wie geht das? In einem Workshop wurden nicht nur Streikformen und rechtliche Grundlagen aufgezeigt, sondern auch Mut gemacht, den Streik in den Betrieb zu bringen, auch wenn Sanktionen drohen könnten bei einem politischen Streik, wie der feministische Streik rechtlich eingestuft wird.

«Von 1991 gibt es Fotos und Berichte von Aktionen, die im öffentlichen Raum stattgefunden haben. Weniger gut dokumentiert aber ist, was Frauen* während des Frauenstreiks in den Betrieben gemacht haben», so Stefanie von der AG Mobilisierung der Frauen*streik-Koordinationsgruppe Bern. Im Sitzungsraum der Unia Bern findet der Workshop «betriebliches Streiken» statt, der Frauen* für ihre Aktionen hinsichtlich des Frauen*streiks 2019 stärken und vorbereiten soll. Viele Frauen* gehen für ihre Anliegen zwar auf die Strasse, doch zögern sie, den eigenen Arbeitsplatz zu einem Streikort zu machen. Angst haben sie, sich gegen ihre Arbeitgeber*innen zu wenden, weil sie sich beispielsweise fürchten, ihren Arbeitsplatz dadurch zu verlieren.

Eine erfolgreiche Streikstrategie wäre, wenn der Betrieb als Mitstreiter im feministischen Streik gewonnen werden könnte. Firmen sollten eigentlich interessiert sein, Gleichstellung der Geschlechter zu gewährleisten. Hier kann eine gut gewählte und auf den Arbeitsort abgestimmte Argumentation helfen. In vielen Fällen ist diese Mühe leider vergebens, weil der Betrieb Diskussionen von Beginn an verweigert, ebenso wie «Zugeständnisse» bezüglich Lohn und überhaupt die Umsetzung des Gleichstellungsartikels. Es kann nicht sein, dass in solchen Situationen der feministische Kampf bereits beendet ist. Stefanie, die zugleich Unia-Gewerkschafterin ist, macht den Teilnehmer*innen Mut, hier nicht aufzugeben. Sie erzählt von verschiedenen betrieblichen Streikformen und -strategien, die im Frauen*streikjahr eingesetzt werden können.

Forderungen und den Streik sichtbar machen

An Arbeitsorten, wo eine strenge Reglementierung vorherrscht, Dialog und Diskussion kein Thema sind, eignen sich symbolische Identifikationen mit den Streikanliegen wie etwa das Tragen von violetten Armbändern, Buttons oder Halstüchern. Auch möglich ist das Bekleben der Toiletten mit Streikklebern – dies geschieht anonym und kann kaum geahndet werden. Wer weiter gehen will, kann Plakate mit Forderungen aufhängen, in den Pausen Manifeste oder Flyer verteilen und Diskussionen rund um Forderungsthemen initiieren. Möglich sind auch bezahlte und unbezahlte Streikpausen, wobei für Mitarbeiter*innen ein Znüni bereitgestellt wird. Am 14. Juni wird um 11.00 Uhr schweizweit eine Aktionsminute stattfinden, in der Aktivist*innen ein Lied singen oder auch viel Lärm gemacht werden kann. Wichtig ist bei all diesen Streikhandlungen, dass sie niemals alleine, sondern als Gruppe organisiert und ausgeführt werden. Was bringen diese kleinen Aktionen, die nur innerhalb der Mauern des Betriebs passieren? «Es sind Denkanstösse», meint Stefanie. Gegen innen entsteht «ein Wir-Gefühl» mit dem Wissen, dass man sich als Gruppe feministisch solidarisiert und auch gegen einen Betrieb zur Wehr setzen kann. Wichtig ist, Forderungen und Streik sichtbar zu machen.

Es gibt auch betriebliche Streikformen, die vor allem zu spezifischen Berufen passen. In Pflegeberufen oder pädagogischen Berufen ist es oft unmöglich, seine Arbeit niederzulegen und herkömmlich zu streiken. «Dienst nach Vorschrift» ist eine Möglichkeit, um hier ein Zeichen zu setzen. Bei dieser «Streikform» machen die Aktivist*innen alle Arbeiten so, wie man sie nach den betrieblichen Vorgaben machen müsste, was jedoch im Alltag u.a. wegen Zeitknappheit niemals passiert. So desinfiziert sich das Pflegepersonal die Finger nach jedem Handgriff. «Diese unerfüllbaren Vorgaben haben noch eine andere Wirkung», ergänzt Stefanie, «weil man sie im Alltag kaum erfüllen kann, macht man sich immer angreifbar durch den Arbeitgeber. Es droht theoretisch eine Verwarnung oder Kündigung».

Kreative Ideen kommen gut an

Wo Aktionen im Betrieb nicht möglich sind, ist «frei nehmen» auch eine Variante im feministischen Streik, so dass keine Frauen* am Arbeitsplatz anzutreffen sind. Wo Streik praktisch unmöglich ist und schwere Sanktionen für klassische Aktionen blühen, kann am Frauen*streiktag ein spezielles Meeting am Arbeitsplatz oder eine Weiterbildung für alle Frauen* angeboten werden. Kreative Ideen bezüglich Arbeitskampf kommen immer gut an: so kann 20 Prozent des Pensums weggelassen werden, weil dieser Anteil bei bestimmten Frauen*löhnen nicht bezahlt wird. Das heisst, das Verkaufspersonal räumt jedes fünfte Regal nicht ein oder eine Köchin schält jede fünfte Kartoffel in der Küche nicht. Auch möglich ist das Arbeitstempo so stark zu verlangsamen und dabei das Gegenüber zu informieren, dass Frauen* ja auch schon viele Jahrhunderte auf ihre rechtliche Gleichstellung warten, so muss bei diesem Auftrag auch nicht «pressiert» werden.

«Jedem Betrieb seine passende Aktionsform», schliesst Stefanie ihren Vortrag, «die Gruppe soll eine Streikform suchen, hinter der alle stehen können.» Theoretisch können die Folgen für Streikaktivitäten scharf ausfallen. Denn der Frauen*streik ist ein politischer Streik, für den kein Streikrecht gilt. In der Schweiz ist der Kündigungsschutz generell schlecht. Jederzeit ist eine Kündigung möglich – ohne triftige Begründung aber nicht fristlos. Es braucht viel Mut hier aufzustehen, obwohl beim Frauenstreik 1991 wohl keine Kündigungen ausgesprochen wurden.

In der Gruppe zum Streik

Auf die Frage, wie man eine Gruppe für den Betriebsstreik zusammenstellen kann, weiss Stefanie passende Kommunikationsstrategien. Um Mit-streiter*innen für den feministischen Kampf gewinnen zu können, beginnt man mit dem «Mapping» und schreibt auf, welche Mitarbeitende man im Betrieb kennt, welche politische Einstellung diese haben. Man sucht bei der nächsten Gelegenheit näheren Kontakt mit passenden Personen, um Einzelgespräche zum Streik zu führen. Hier kann das WHA-Konzept (Wut, Hoffnung, Aktion) helfen. Im Gespräch bei Missständen angefangen, welche die Gesprächspartner*innen wütend machen, gibt es viele Möglichkeiten, um Verhältnisse zu ändern. Diese gilt es zu suchen und einander Hoffnung zu machen und aus der Defensive zu kommen. Beim Schritt rund um die Aktion können konkretere Ideen und Pläne geschmiedet werden, respektive Sitzungen initiiert werden. Eine erste Sitzung mit den neu gewonnen Mitstreiter*innen muss gut vorbereitet sein, rechtliche Hinweise bezüglich Rechten der Streikenden sind Pflicht, die Betriebsleitung über die Vorbereitung zu informieren ist jedoch eine Ermessensfrage. Pläne haben die Aktivist*innen des Workshops schon einige. Nun geht es darum, sie in die Tat umzusetzen!

Quelle: vorwaerts.ch… vom 17. Mai 2019

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