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Was passiert in Gaza? Ein Überblick

Eingereicht on 5. April 2025 – 11:34

Livio Berio. Am Freitagmorgen gab das Büro des Premierministers bekannt, dass die israelischen Streitkräfte die „Morag-Achse“, die Gaza von Ost nach West durchschneidet, eingenommen hätten, während Rafah völlig umzingelt ist.

Seit Mittwoch, dem 2. April, hat die israelische Armee eine neue großangelegte Operation gestartet und die Invasion des Gazastreifens wieder aufgenommen. Die Invasion war während der ersten Phase des Waffenstillstands ausgesetzt worden, bis dieser von Israel am 18. März gebrochen wurde. Am Mittwochmorgen marschierten israelische Truppen in Rafah ein. Am Freitagmorgen gab das Büro des Premierministers bekannt, dass die israelischen Streitkräfte die „Morag-Achse eingenommen hätten, eine Art Straße, die durch zahlreiche arabische Gebiete führt und die Enklave von Ost nach West zwischen Rafah und Chan Yunis durchschneidet. Der Name „Morag“ bezieht sich auf die zahlreichen israelischen Siedlungen, die sich zwischen 1972 und 2005 in diesem Gebiet befanden.

In einer Rede wies Premierminister Benjamin Netanjahu darauf hin, dass diese „Achse“ eine Art „zweiter Philadelphia-Korridor“ sei in Anlehnung an den schmalen befestigten Landstreifen, der Ägypten von Gaza trennt und vollständig unter israelischer Kontrolle steht. So ist die Stadt Rafah vollständig von israelischen Streitkräften im Norden, Süden und Osten umzingelt, wie Brigadegeneral Effie Defrin betonte:

In den letzten Tagen sind wir zu einer neuen Phase der Operation übergegangen. […] Wir haben unsere Operationen im Süden von Gaza ausgeweitet, um Rafah zu umzingeln und vom Rest des Streifens abzutrennen. Darüber hinaus halten wir unsere Pläne verdeckt, damit wir den Feind überraschen und unsere Ziele erreichen können.

Die Kontrolle über die Morag-Achse scheint Teil derselben Strategie zu sein, die Israel im Norden von Gaza bei der Umsetzung des Plans zur Aushungerung und Auslöschung im Herbst 2024 anwandte. Durch die Kontrolle des Netzarim-Korridors, der den Gazastreifen südlich von Gaza-Stadt durchschneidet, hatten die israelischen Streitkräfte den Norden der Enklave isoliert, um seine Bewohner:innen zu vertreiben, und die Palästinenser:innen, die sich weigerten zu gehen, in die Falle gelockt, um sie Hunger und Tod überlassen. Nun scheint Israel dieselbe Strategie im Süden des Streifens anzuwenden: Indem sie Rafah vom Rest des Gebiets isolieren, könnten die israelischen Streitkräfte eine vollständige Blockade verhängen, um die Bewohner:innen auszuhungern und sie zur Flucht in die enge humanitäre Zone nördlich der Achse zu zwingen, die die Armee bald befestigen müsste.

In einer Erklärung gab die Armee außerdem bekannt, dass sie ihre Operationen auf den Norden des Gazastreifens in der Region Shujaiyya ausdehnt, „um ihre Kontrolle und die Sicherheitszone zu erweitern“. Die Armee verkündete, dass ihre „Streitkräfte bisher mehrere Terroristen eliminiert und Infrastrukturen zerstört haben“. Die Art der laufenden Operationen ist noch unbekannt.

Gleichzeitig gab der neue Sprecher der israelischen Streitkräfte bekannt, dass Israel seit der Wiederaufnahme der Kämpfe am 18. März mehr als 600 Ziele im Gazastreifen angegriffen habe. Die Bombardierungen gehen derzeit weiter. Während die israelischen Bomben den Truppen im Süden den Weg ebnen, verstärkt die Armee die verheerenden Angriffe im Norden, wie gegen die Schule Dar al-Arqam im Stadtteil al-Tuffah in Gaza, wo 31 Menschen hingerichtet und etwa hundert Zivilist:innen verletzt wurden.

Diese neuen militärischen Entwicklungen sind Teil der von der Netanjahu-Regierung verfolgten Strategie der ethnischen Säuberung, die nun darauf abzielt, die vollständige Kontrolle über den gesamten Gazastreifen zu erlangen. Dazu sollen die Millionen von Palästinenser:innen, die während der ersten Phase des Völkermords vertrieben wurden, in einem verkleinerten humanitären Gebiet konzentriert werden, bevor sie wahrscheinlich deportiert oder sogar ganz und gar beseitigt werden – ganz im Sinne des von Trump vorgeschlagenen Plans zur ethnischen Säuberung. Der westliche Imperialismus ist zwar seit der Trump’schen Wende in der Ukrainepolitik und der Ausweitung des Handelskrieges innerlich gespalten. Doch wenn es darum geht, den Völkermord in Gaza zu unterstützen, sprechen Macron, Merz und Trump mit einer Stimme. Angesichts der imperialistischen Mächte, die die israelische Armee auf Abruf bewaffnen, spielen Solidaritätsaktionen mit Palästina in den westlichen Ländern eine entscheidende Rolle und müssen sich gegen ihre jeweiligen Imperialismen stellen, um Israel die Waffenlieferungen zu entziehen, die es ihm ermöglichen, den Völkermord fortzusetzen.

Quelle: klassegegenklasse.org… vom 5. April 2025

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