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Europa: Die Wut der Jugend auf einen verrottenden Kapitalismus wächst

Submitted by on 13. Oktober 2026 – 12:24

Youri Kibal & Julien Anchaing. Die Lage in Frankreich findet in mehreren anderen Ländern des Kontinents Widerhall, die von aufkeimenden Mobilisierungen der Jugend erschüttert werden, die in die Fußstapfen der französischen Oberschulen treten. Verschuldung, Abbau öffentlicher Dienstleistungen, Militarisierung und Unterdrückung der Jugend: Gegen die Pläne der europäischen Bourgeoisie formiert sich erster, vielversprechender Widerstand.

Seit mehreren Wochen versammeln sich in Frankreich Hunderttausende von Schüler:innen gegen die Verschlechterung ihrer Bildungs- und Lebensbedingungen, aber auch gegen die Perspektivlosigkeit, die ihnen die Bourgeoisie zwischen Elend und Militarisierung aufzwingt. Weit davon entfernt, ein Einzelfall zu sein, ist dieses massive, radikale und an den „Grand Refus“ [Große Verweigerung (Marcuse), Anm. d. Ü.] erinnernde Phänomen, das die Jugend des Landes erfasst hat, als Teil einer europaweiten Dynamik.

Der alte Kontinent beginnt im Rhythmus der Jugendrevolten zu beben – in deutschen, belgischen, italienischen, französischen und spanischen Oberschulen [bzw. an den weiterführenden Schulen, Anm. d. Ü.]. Und obwohl diese Bewegungen nicht das gleiche Ausmaß haben, spiegeln sie doch das tiefere Unbehagen wider, das ganze Schichten der Arbeiter:innenklasse in ihren Ländern betrifft. Ob bewusst oder unbewusst – diese internationalistische Konvergenz der Jugend weist den Weg im Kampf gegen die schreckliche Zukunft, die der Kapitalismus ihr in den kommenden Jahren bereithält.

In Belgien: Die Schüler:innenbewegung gegen Haushaltskürzungen und Sparmaßnahmen im Bildungswesen

In Belgien wurden seit dem 1. Oktober Sekundarschulen in mehreren Städten blockiert, und Hunderte junger Menschen haben sich von ihren französischen Nachbar:innen inspirieren lassen, um aus denselben Gründen zu mobilisieren. In Lüttich war die Schüler:innenbewegung besonders dynamisch: Bei einer Demonstration am Mittwoch, dem 7. Oktober, versammelten sich mehr als 1.000 Menschen.

Die Jugend prangert die Reformen der Regierung der Föderation Wallonie-Brüssel an, insbesondere die bis 2029 geplanten Einsparungen in Höhe von 500 Millionen Euro im Bildungsbereich, mit denen das Haushaltsdefizit gesenkt werden soll. Dieser Angriff erfolgt zudem vor dem Hintergrund einer Aufstockung des föderalen Haushalts für Rüstung und Militarisierung. Zu den von den Schüler:innen angeprangerten Maßnahmen gehören die Erhöhung der Studiengebühren im Hochschulbereich sowie die aufgezwungene Verlängerungen der Unterrichtszeit für bestimmte Lehrkräfte von 20 auf 22 Stunden pro Woche ohne Gehaltserhöhung, was für Empörung sorgt. Wie die 17-jährige Schülerin Olivia Naime aus Lüttich gegenüber der AFP erklärt: 

Wir sind hier, um die Lehrkräfte zu unterstützen, denn wir sehen, dass sie eine Überlastung haben, die sich direkt auf uns auswirkt. Wir sind hier, um zu zeigen, dass wir hinter ihnen stehen.

Diese Angriffe auf die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte werden durch die Haushaltspolitik der Föderation und des Föderalstaates verschleiert. In diesem Zusammenhang ist der Militärhaushalt des belgischen Föderalstaates von 0,9 % des BIP im Jahr 2023 auf 2 % des BIP im Jahr 2025 gestiegen und soll bis 2034 auf 2,5 % ansteigen. Kolossale Summen, die für den Kauf von F-35 und anderen schweren Waffen sowie zur Finanzierung einer allgemeinen Aufstockung des Militärpersonals bestimmt sind. Eine Perspektive, die die Koalitionsregierung von Arizona durch die Schaffung eines freiwilligen Militärdienstes umgesetzt hat, der im Jahr 2026 bereits 500 junge Menschen rekrutiert hat. Eine Situation, die belgische Schüler:innen anprangern, wie Eliana, eine Schülerin, die der Regierung vorwirft, bei den öffentlichen Dienstleistungen zu kürzen, um „in den Krieg zu investieren“.

Am Freitag, dem 9. Oktober, weitete sich die Mobilisierung auf Brüssel aus, wo mehr als 50.000 Menschen in der Innenstadt demonstrierten. Wie in Frankreich war die Repression brutal: Zahlreiche Bilder und Berichte über Polizeigewalt gegen Minderjährige kursieren, von Schlagstockschlägen bis hin zu gewaltsamen Festnahmen zu Dutzenden.

In Italien: Die Schüler:innen gegen Meloni

Südlich der Alpen hat die italienische Jugend die französischen Revolten mit Begeisterung aufgenommen. Nur wenige Stunden von der Grenze entfernt besetzten die Schüler:innen in Turin am Montagabend zwei ihrer Schulen, bevor sich die Mobilisierung auf weitere Schulen und dann auf andere Städte ausweitete. In der Hauptstadt des Landes wurden mehrere Oberschulen in Rom besetzt, darunter das “Liceo” Cavour [Italienische Oberschule, Anm. d. Ü.], um die verschlechterten Studienbedingungen und die Militarisierung anzuprangern. Überall taucht derselbe Slogan auf: „Wie in Frankreich“, um gegen die Spar- und reaktionäre Politik von Meloni zu kämpfen.

Teile der italienischen Studierenden- und Arbeiter:innenjugend rufen zudem dazu auf, sich am 17. Oktober zu mobilisieren, in Anlehnung an die Aufrufe für denselben Tag in Frankreich. Doch die Bewegung wird vor allem durch ihre eigenen Merkmale innerhalb der politischen Lage in Italien angetrieben. Tatsächlich versucht die Regierung, ein Gesetz zur „Bekämpfung des Antisemitismus“ durchzusetzen, das darauf abzielt, Kritik an der israelischen Regierung mit Antisemitismus gleichzusetzen. Ein Gesetz, das von Amnesty International als „Maulkorbgesetz“ bezeichnet wird und das das Liceo Cavour in Bewegung gesetzt hat, womit es direkt an die massiven Mobilisierungen anknüpft, die zwischen September und Oktober 2025 gegen den Völkermord in Palästina stattgefunden hatten. Die laufenden Besetzungen bereiten zudem eine direkte Koordination mit den italienischen Arbeiter:innen vor und rufen gemeinsam mit der Gewerkschaft USB zu einem nationalen Streiktag am 30. Oktober gegen den Krieg und die hohen Lebenshaltungskosten auf.

Im spanischen Staat: Die Wut der Jugend gegen die „Geierfonds“ der Immobilienbranche

Weiter westlich auf dem Kontinent führt die Jugend des spanischen Staates bereits seit mehreren Wochen einen erbitterten Kampf gegen eine weitere Erscheinung des Verfalls des Kapitalismus: den „Parasitismus“ der großen Immobilienkonzerne und Pensionsfonds, die die unteren Schichten zu Tausenden aus ihren Wohnungen vertreibt und jungen Menschen den Zugang zu menschenwürdigen Lebensbedingungen verwehren. Die Zwangsräumung einer 87-jährigen Frau aus der Wohnung, in der sie seit 1956 lebte, nachdem ihr Wohnraum von einem „Geierfonds“ aufgekauft worden war, löste die Bewegung aus. Maricarmen, die leider am Donnerstag, dem 8. Oktober, verstorben ist, wird von einem Großteil der spanischen Jugend als Opfer eines zutiefst ungerechten Systems angesehen, in dem große Immobilienkonzerne über das Leben von Millionen von Menschen entscheiden.

Seitdem besetzen Tausende von Arbeiter:innen und Jugendlichen den Platz Puerta del Sol. In Madrid demonstrierten am 26. September 300.000 Menschen. In Barcelona waren es am 5. Oktober 120.000. Die Regierung von Sánchez versucht nun, die Mobilisierung in geordnete Bahnen zu lenken, indem sie die Auflösung des Parlaments verkündet und für November Wahlen einberuft, doch der gewerkschaftsübergreifende Aufruf zu einem nationalen Streiktag am kommenden 11. November und der Schock über den Tod von Maricarmen könnten auf eine weitere Ausweitung der Mobilisierung hindeuten.

In Deutschland: Der Kampf der Schüler:innenbewegung gegen die Militarisierung

In Deutschland, wo sich die Schüler:innenbewegung seit mehreren Monaten im Kampf gegen die Militarisierung formiert, demonstrierten am 25. September 50.000 Schüler:innen landesweit gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht und die von den herrschenden Klassen angestrebten Tendenzen zur Remilitarisierung des Landes. Aus dieser Dynamik heraus und im Zusammenhang mit den Tendenzen auf dem gesamten Kontinent wurde für den kommenden 20. November ein Aufruf zu einem internationalen Jugendstreik gegen Militarisierung, den Aufstieg der extremen Rechten und den Völkermord gestartet.

Ein internationalistischer Zusammenschluss der Jugend gegen die Pläne der europäischen Bourgeoisie

Diese Welle, die die wichtigsten kapitalistischen Länder Kontinentaleuropas erfasst, drückt etwas sehr Tiefgreifendes aus. Sie geht über den Rahmen einer bloßen konjunkturellen Reaktion auf eine Offensive einer Regierung hinaus, sondern spiegelt einen starken Trend zur Mobilisierung der Jugend gegen die gesamte Gesellschaft und die Zukunft wider, die ihr von den herrschenden Klassen vorgesetzt wird. Ob in Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich oder Belgien: Auch wenn sich die Mobilisierungen der europäischen Jugend auf unterschiedliche Forderungen stützen, prangern sie doch ein und dasselbe kapitalistische System an, das am Ende seiner Kräfte ist und unfähig ist, der Jugend des Kontinents auch nur die geringste Perspektive auf Emanzipation zu bieten.

Angesichts von Militarisierung, Krieg, Völkermorden und der Komplizenschaft der imperialistischen Staaten – wie soll man auch nur eine Sekunde lang an Aussagen glauben, die die aktuelle Situation als ideal darstellen wollen, wo sie doch das Ergebnis des politischen, wirtschaftlichen und moralischen Verfalls der neoliberalen bürgerlichen Gesellschaft ist? Die laufenden Mobilisierungen der europäischen Jugend müssen nun den Weg zu einem Bündnis mit der Arbeiter:innenklasse des Kontinents finden, um ihre Bestrebungen und ihre eigenen Forderungen voranzutreiben, indem sie durch Streiks, Selbstorganisation und die Methoden des Klassenkampfes ein entscheidendes Kräfteverhältnis aufbauen.

Während die „Intersyndicale“ [ Gewerkschaftsverband , Anm. d. Ü.] in Frankreich den 17. Oktober überspringt und zum 5. November aufruft, wodurch sie die Schüler:innen in der Zwischenzeit der Repression aussetzt – trotz eines erneuten Aufrufs der CGT zur Mobilisierung am 13. Oktober –, weisen die bevorstehenden Streiks in Italien und Spanien den Weg. Derweil zeigt die Konvergenz zwischen Arbeiter:innen und Studierenden im Zuge der antikolonialen Mobilisierungen im September und Oktober 2025 in Italien, dass es nicht nur möglich ist, Melonis genozidbefürwortende extreme Rechte zurückzudrängen – deren Außenpolitik nun unter der Beobachtung der Massen steht –, sondern dass das Bündnis von Schüler:innen, Student:innen und Arbeiter:innen enorme Möglichkeiten eröffnet.

Quelle: klassegegenklasse.org… vom 13. Oktober 2026

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