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Schlaglichter eines Streiks in Pariser Luxushotel

Eingereicht on 10. Dezember 2018 – 9:40

Molot Serpina. Nicht nur die »gilets jaunes« führen aktuell Kämpfe gegen das Kapital in Frankreich. Auch im Pariser Luxushotel Hyatt Paris-Vendôme widersetzen sich Beschäftigte seit Jahren den Schikanen gegen ihre gewerkschaftliche Organisierung und fordern im aktuellen Streik weit mehr als nur reine Lohnerhöhungen. Eine Reportage über den anhaltenden Kampf einer Hotelbelegschaft und über die hier gelebte Solidarität zwischen fest angestellten Arbeiter*innen und Leiharbeiter*innen.

Am 25. September 2018 wurde in der prestigeträchtigen rue de la Paix im Zentrum von Paris der soziale Frieden bis auf Weiteres aufgekündigt. In der französischen Version des Spieleklassikers Monopoly ist sie die teuerste aller Straßen. Im realen Gesellschaftsspiel des kapitalistischen Alltags kostet hier, im nun bestreikten Luxushotel Hyatt Paris-Vendôme, das günstigste Zimmer 1200 Euro und die teuerste Suite 18.000 Euro pro Nacht. Doch ca. 50 Streikende, darunter ein nur geringer Teil der festangestellten Stammbelegschaft sowie ein größerer Teil von ausgelagerten Reinigungskräften, sind nun in den Ausstand getreten und spielen das Spiel vorerst nicht mehr mit.

Bereits seit Ende September errichten die Streikenden täglich von mindestens 9 bis15 Uhr einen Streikposten vor dem Hotel. In der Anfangsphase wurden die zahlreichen Eingänge bereits am frühen Morgen blockiert, um dem zusätzlich mobilisierten streikbrechenden Personal den Weg zu versperren. Die Streikende Nora arbeitet als Haushälterin und ist somit eine Art Vorarbeiterin von jeweils zwei bis vier Zimmermädchen. Sie berichtet über die Schwierigkeiten, den Streikbruch zu verhindern: „Um drei Uhr morgens zahlen sie den Zimmermädchen ein Uber und richten ihnen ein Bett in der Garderobe ein. Wir kommen dann gegen halb sechs und alle sind bereits drin!“ Die in der Reinigungsbranche angesiedelte Leiharbeitsfirma STN, die etwa 4500 Beschäftigte in Frankreich zählt, fügt allen Leiharbeitsverträgen eine sogenannte Mobilitätsklausel bei, die es ermöglicht, Arbeitskräfte aus Pariser Hotels kurzfristig in andere Einrichtungen wie dem bestreikten Hyatt abzubestellen. Da hier jedoch arbeitsrechtliche Ankündigungsfristen nicht eingehalten wurden und darüber hinaus die Bewegungsfreiheit der Personalvertrer*innen, denen der Eingang zum Hotel verwehrt blieb, verletzt wurde, sind die Streikenden juristisch vorgegangen. [Das französische Arbeitsrecht sieht eine „angemessene“ Frist vor, die gewohnheitsmäßig auf sieben Tage von den Gerichten festgesetzt wird, Anm. d. Red.]

Unter Androhung einer Geldstrafe von 500 Euro pro Person wurden die Blockaden der Eingänge nun verboten, im Gegenzug können sich jedoch die gewählten Interessenvertreter*innen wieder im Hotel frei bewegen. Nora beklagt zudem, dass den Nichtstreikenden seit Beginn des Streiks keine Ruhetage mehr gewährt werden: „Sie arbeiten non-stop ! Hier herrscht kein Gesetz mehr!“

Das Luxushotel Hyatt Paris-Vendôme, das insgesamt 300 Beschäftigte zählt und dabei als einziges Pariser Hotel die Reinigungstätigkeiten ausgelagert hat, wird empfindlich von der Streikwelle getroffen. „Mit der Fashion Week sind wir gerade in einer Periode, wo alles ausgebucht ist. […] Die müssen jetzt Rabatte bis 50% geben und für die Stammkunden wird es sogar kostenlos!“, berichtet ein Streikender. Dies erklärt auch, wieso nach einer Anfangsphase von täglichen Streikposten, Kundgebungen und Demonstrationen bald eine neue Qualität der Repression einsetzen sollte. Der Streik soll nun nicht mehr bloß indirekt mittels der Ersetzung des streikenden Personals gebrochen, sondern durch die Kapitalseite in Form von Selbstjustiz und der Polizei in Form von Klassenjustiz mit unmittelbarer Gewalt unterbunden werden: im Morgengrauen des 12. Oktobers wurden zwei der postierenden Streikenden von privatem Sicherheitspersonal krankenhausreif geschlagen, woraufhin die Bereitschaftspolizei die nachmittags anberaumte Kundgebung vor dem Hotel geräumt hat. [Hier ein Video der Räumung]

Kampferfahrung und Gewerkschaftsaufbau

Die Streikenden werden von der CGT-HPE (CGT Prestige- und Wirtschaftshotels) unterstützt, einer kleinen kämpferischen Gewerkschaft, die seit etwa zehn Jahren Arbeitskämpfe im Hotelwesen führt. Tiziri Kandi, die Gewerkschaftssekretärin der CGT-HPE, welche die Auseinandersetzungen bei Hyatt begleitet, berichtet von desaströsen Zuständen in der größeren CGT-Gewerkschaft für Gebäudereinigung (Syndicat Propreté CGT), deren Gewerkschaftssekretäre im Jahre 2013 versuchten, einen anderen Streik bei Hyatt zu brechen. Streikende wurden auf ihren Posten aufgesucht, um ihnen die Wiederaufnahme der Arbeit nahezulegen. Doch heute wie damals sind die Leiharbeiter*innen kampfentschlossen: „Ehrlich, wenn du mich fragst, dann werde ich lieber arbeitslos sein, als dort wieder mit gesenktem Kopf reinzugehen!“, so ein Streikender.

Damals sind die Streikenden den gewerkschaftlichen Einschüchterungsversuchen nicht nachgekommen und haben die Auseinandersetzung nach sechs Monaten Streik für sich gewinnen können. Doch die CGT-Reinigungsgewerkschaft reagierte darauf mit der Entmandatierung eines am Streik beteiligten gewählten Vertrauensmannes, woraufhin die damalige Leiharbeitsfirma ISOR diesen ohne Kündigungsschutz entlassen konnte. Dieser Gewerkschaft wird gemeinhin Nähe zur Unternehmensseite vorgeworfen, nicht zuletzt, weil sie durch Ausstellung falscher Dokumente den Bossen rechtlich gültige Kündigungsgründe in die Hände gespielt hat.

Bei Hyatt steht die Stammbelegschaft des Hotels in einem ungewöhnlichen Verhältnis zu den Leiharbeiter*innen. Die erste Gruppe erhält in der Regel den Tariflohn bei einem stabilen Normalarbeitsverhältnis. Letztere Gruppe arbeitet unter prekären Bedingungen bei instabiler bis nicht vorhandener Interessenvertretung. Doch bei Hyatt haben die erfolgreichen Streiks seit 2013 dazu geführt, dass die Leiharbeiter*innen mit einem Stundenlohn von 14 Euro bei Weitem das Lohnniveau der Stammbelegschaft überschritten haben, die den Mindestlohn erhält. Die Nichtstreikenden der Stammbelegschaft fürchten sich vor Repression durch die Hotelleitung, sympathisieren jedoch in Teilen mit dem Streik. [In Frankreich beträgt der gesetzliche Mindestlohn 9,88 Euro brutto Anm. d. Red.]. „Das ist jetzt mein vierter Streik. 2013 und 2017 haben wir große Lohnerhöhungen gehabt. 2013 haben wir den 13. Monat bekommen und 2014 eine Erhöhung um 2 Euro pro Stunde“, berichtet eine Leiharbeiterin. 2015 wurde nach nur einem Streiktrag eine Vereinbarung zugunsten der Leiharbeiter*innen unterschrieben und 2017 reichte gar die Streikandrohung, um eine monatliche Lohnerhöhung von 225 Euro zu erwirken. Dass auch in weiteren Pariser Hotels in letzter Zeit Konflikte ausgetragen wurden, wie in dem Holliday Inn, wo nach vier Monaten partielle Festanstellungen und Lohnerhöhungen errungen wurden, zeigt, wie sich die ausgelagerte Gebäudereinigung zunehmend zu einem strategischen Feld des Klassenkampfes in Frankreich entwickelt hat.

Im Hyatt ist eine der größten gewerkschaftlichen Betriebsgruppen der CGT-HPE angesiedelt. Achtzig Prozent der Leiharbeiter*innen, die im Hotel arbeiten, sind gewerkschaftlich organisiert. Dies liegt vor allem an den positiven Kampferfahrungen, den frühzeitigen Organisierungsbemühungen sowie der gewerkschaftlichen Transparenz. „Man kann sagen, dass wir die ersten waren, die sich für Leiharbeit interessiert haben. Damals war auch der Gewerkschaftsbund des Einzelhandels im Hyatt präsent, aber er interessierte sich nicht dafür“, so die Sekretärin Kandi der CGT-HPE. Sie hebt auch die transparente Organisation der Streikkasse hervor, in die alle Mitglieder satzungsgemäß ab dem zweiten Streiktag 42 Euro einzahlen: „Die Beschäftigen zahlen etwa ein Prozent ihres Gehalts als Mitgliedsbeitrag an die Gewerkschaft. Wenn ich 1200 Euro verdiene, dann zahle ich 12 Euro, was nix ist, da dir der Staat zwei Drittel zurückzahlt. Und dann weiß ich, dass ich im Streik trotzdem meine 1000 Euro pro Monat bekomme und das schafft ein Vertrauensverhältnis. Sie sagen sich: ‚Ich weiß, wo meine Beitragszahlungen hingehen!‘“ Hier kommt es nicht zur Verselbstständigung des gewerkschaftlichen Apparates, der entgegen der Interessen der lohnabhängig Beschäftigten eigene organisatorische Interessen verfolgt, wie es bei der CGT-Reinigungsgewerkschaft der Fall zu sein scheint.

Streikforderungen

Die zentrale Forderung des Streiks, die bereits während der ersten Auseinandersetzung im Jahre 2013 formuliert wurde, betrifft die Integration der outgesourcten Leiharbeiter*innen, also vor allem der femmes de chambre (Zimmerservice) und Haushälterinnen, in die Stammbelegschaft des Hotels. Die Hotelleitung forciert gezielt die Spaltungen zwischen Stamm- und Randbelegschaft: es gibt beispielsweise keine gemeinsamen Pausenräume und Mittagspausen. „Statt unsere Pausenräume mit den Beschäftigten von Hyatt zusammenzulegen, hat man uns ein Büro im zweiten Kellerstockwerk gegeben, weil wir größtenteils gewerkschaftlich organisiert sind. Sie wollen uns spalten!“, empört sich eine Leiharbeiterin. Die Beschäftigungsform der Leiharbeit bedeutet eine besondere Belastung aufgrund der regelmäßigen Unternehmenswechsel: eine Streikende bezeugt, dass sie in 15 Jahren fünf Firmenwechsel erlebt hat.

Die Leiharbeiter*innen erheben nicht ausschließlich monetäre Forderungen, sondern wollen sich vor allem gegen die Missachtung und den Ausschluss am Arbeitsplatz wehren. Die erfahrene symbolische Gewalt in diesem Luxushotel mit Palaststatus, wobei es sich um ein 2011 eingeführtes Exzellenzlabel handelt, das die fünf Sterne noch übersteigt, ist ein strukturierendes Element im Arbeitsalltag. Einer der Streikenden drückt es so aus: „Die kommen her um ihr Geld zu verprassen und man selbst hat am Ende des Monats 1500 Euro, also quasi so viel, wie ein Zimmer am Tag kostet!“ Neben diesem Gefühl von Ungerechtigkeit geht es auch um die im Beschäftigungsverhältnis angelegte Ausgrenzungserfahrung, die sich in alltäglicher Geringeschätzung der Leiharbeiter*innen durch die Stammbelegschaft ausdrückt, aber auch in der von der Unternehmensseite initiierten räumlichen Trennung der Belegschaften. Sie fordern Respekt, Würde und Anerkennung für ihre Arbeit. Aus der eigenen Erfahrung des Ausgegrenztseins entwickelt sich ein Wunsch nach Zugehörigkeit, der sich auch in einer konkreten Forderung bezüglich der Festangestellten artikuliert, deren Interesse sie sowohl stellvertretend für die anderen als auch für sich selbst durchsetzen: sie fordern eine Erhöhung des Stundenlohns um drei Euro für die Stammbelegschaft, die immer noch auf Mindestlohnniveau arbeitet. Im Inhalt der Forderungen spiegelt sich also die kämpferische Überwindung der betrieblichen Spaltungen innerhalb der Belegschaften. Das Gefühl des Ausgeschlossenseins kanalisiert sich somit vernünftigerweise auf die materielle Ursache seiner selbst, die im Beschäftigungsverhältnis als Leiharbeiter*in besteht. Zuallerletzt hat auch die rassistisch-sexistische Erniedrigung durch das Unternehmen den Wunsch nach Rückerlangung von Würde generiert. Hier lässt sich beispielhafte folgende erniedrigende Bemerkung eines Personalberaters der Leiharbeitsfirma STN zitieren; der nach den Angaben von Tiziri Kandi eines Tages über die Beschäftigten sagte: „Ja, meine Huren suche ich mir bei Barbès oder Château Rouge [populäre Stadtviertel von Paris mit hoher Migrationsrate, Anm. d. Autors], ich sammele sie im Körbchen ein!“

Neben diesen beiden zentralen Forderungen geht es um Arbeits- und Gesundheitsschutz. Das Reinigungsmaterial soll bessere Qualität haben und das Arbeitstempo gedrosselt werden. Die Arbeiterinnen im Zimmerservice beklagen Verletzungen an den Händen und Rückenbeschwerden. Durch die Anhebung der pro Zimmer verfügbaren Reinigungszeit von 45min auf 60min soll der Arbeitsprozess bei Lohnausgleich entschleunigt werden. Auch die betriebliche Einführung eines sogenannten Beschwerlichkeitskontos wurde gefordert, welches ab einer gewissen Anzahl von gesammelten Punkten aufgrund besonderer Arbeitsbedingungen wie Nachtarbeit oder repetitiver Tätigkeit einen vorzeitigen Ruhestand ermöglichen würde. Dieses Konto wurde unter Hollande bereits eingeführt und ein Jahr später vom Kabinett Macron wieder teilweise abgeschafft.

Eine letzte Forderung betrifft die neuen Bedingungen der betrieblichen Interessenvertretung und des Gewerkschaftskampfes in Folge der Reformagenda Macrons. Die insgesamt fünf Exekutivverordnungen (ordonnances) zur neoliberalen Umgestaltung des Arbeitsmarktes vom 22. September 2017 wurden schließlich am 23. November 2018 (?) vom Parlament ratifiziert.

Sie beinhalten drei Kernthemen:

  1. Die Neubestimmung des Verhältnisses von Gesetz-, Branchen- und Unternehmensvereinbarungen,
  2. Den „sozialen Dialog im Unternehmen“ und
  3. Die „Modernisierung des Arbeitsmarktes“ mit projektförmigen Arbeitsverträgen und der Deckelung von Abfindungszahlungen im Kündigungsfall.

Im Folgenden sollen zwei Aspekte, die vor dem Hintergrund des Streikes relevant erscheinen, kritisch betrachtet werden. Die in den Verordnungen geregelte Abschaffung des sogenannten Optionsrechts (droit d’option) wird die Möglichkeiten der betrieblichen Interessenvertretung für Leiharbeiter*innen extrem beschneiden. Zuvor konnten sie optional entscheiden, ob sie bei den Instanzen der Interessenvertretung des Auftraggebers (hier das Hotel Hyatt) oder bei der sie anstellenden Leiharbeitsfirma (hier STN) kandidieren und wählen möchten. Mit dem 31. Dezember 2019 laufen alle Vertretungsmandate der Leiharbeiter*innen bei Hyatt aus und von da an dürfen Beschäftigte in der Leiharbeit nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz für Personalvertretungsfunktionen kandidieren. Dann bleibt ihnen hier lediglich das Wahlrecht. Wenn sie dieses wiederum am Arbeitsplatz wahrnehmen, dürfen sie nicht mehr für Vertretungsfunktionen in der Leiharbeitsfirma kandidieren. Das würde dazu führen, dass ab 2020 keine betriebliche Interessenvertretung für und von den Leiharbeiter*innen im Hotel Hyatt mehr möglich wäre. Zweitens verschlechtern sich für alle Betriebe mit mindestens 11 Beschäftigten die Bedingungen der Interessenvertretung. Es soll nun bis zum 31.12.2019 zur Zusammenlegung von drei der vier betrieblichen Vertretungsinstanzen kommen: comité d’entreprise(Unternehmensausschuss), délégués du personnel (gewählte betriebliche Vertrauensleute) und CHSCT (Ausschuss für Gesundheitsschutz, Arbeitssicherheit und Arbeitsbedingungen) sollen nun zum comité social et économique CSE (Wirtschafts- und Sozialausschuss) fusionieren. Es handelt sich aber nicht bloß um eine Zusammenlegung, sondern gleichzeitig um eine Verringerung der absoluten Anzahl an betrieblichen Interessensvertreter*innen. Außerdem befürchten Kritiker*innen, dass durch die Fusion die Frage von Gesundheitsschutz in den Hintergrund gedrängt werden wird, da sie nun auf gleicher Ebene wie etwa die Frage von bevorstehenden Kündigungen diskutiert würde. Zudem konnten zuvor Untersuchungen des Gesundheitsauschusses der Unternehmensseite in Rechnung gestellt werden, welche jetzt von dem viel knapperen Jahresbudget der neuen Instanz getragen werden müssen. Angesichts der Abnutzungserscheinungen und Arbeitsunfälle in der Reinigungsbranche wird dies fatale Auswirkungen für die Beschäftigten haben.

Außerdem wird die Fusion zugleich die Präsenz von Interessenvertreter*innen im Arbeitsalltag schwächen, also die Rolle der vormaligen délégués du personnel. Dabei hat der Aufbau des Organisationsgrades der CGT-HPE im Hotelwesen ja gezeigt, wie zentral dieser alltägliche Bezug zu den Problemen der Beschäftigten ist. Die Grundtendenz der Reformen liegt in der Schwächung der Flächentarifverträge (conventions collectives) durch die Stärkung des gesetzlichen Aufgabenbereichs von Betriebsvereinbarungen. Die Verordnungen sehen hier vor, dass zusätzlich zu der fusionierten Instanz weitere betriebliche Vertrauensleute, sogenannte délégués de proximité, mit Mandaten und einer festgelegten Zahl an Delegationsstunden auf betrieblicher Ebene ausgehandelt werden können. Hier sehen die Streikenden von Hyatt auch ihre Chance: „Wenn wir uns das Gesetz anschauen, dann wird klar, dass es Betriebsvereinbarungen begünstigt. Wenn wir uns mit der Betriebsleitung einigen, dann kann das Gesetz nicht greifen. Das Gesetz öffnet also auch die Türen für kämpferische Betriebsvereinbarungen!“, bringt es ein Streikender auf den Punkt. Die Wahl genau dieser gesonderten Vertreter*innen bildet also die abschließende Forderung.

Gesamteinordnung und Ausblick

In diesem besonderen Arbeitskonflikt treten allgemeine Tendenzen der aktuellen kapitalistischen Organisation des Arbeitsprozesses und der Klassenzusammensetzung zutage.

Wenn der Chef der französischen Hyatt-Niederlassung davon spricht, dass die Forderung nach Festanstellung der Leiharbeiter*innen das gesamte modèle de business in Frage stellt, dann stimmt dies insofern, als der Mechanismus der Auslagerung von Beschäftigten ein Kernelement, der mit den 1980er Jahren einsetzenden Umstrukturierungen der Arbeitsverhältnisse im neoliberalen Kapitalismus ist. Solche Auslagerungen haben in der Regel der Verringerung der Lohnkosten sowie einer Erhöhung der Flexibilität für die Kapitalseite gedient. Der politische Gehalt solcher Auslagerungen besteht oft im Forcieren von Spaltungen in der Belegschaft, die langfristig zum Betriebsfrieden beitragen sollen. Auslagerungen sind oft mit Stellenkürzungen verbunden, wodurch das gleiche Arbeitsvolumen auf weniger Arbeitskraft umverteilt und somit die Ausbeutungsrate durch Intensivierung der Arbeit erhöht werden soll. Die Forderung der Streikenden nach mehr Arbeitszeit für die Reinigung eines Zimmers soll die Ausbeutungsrate verringern, indem die Intensität der Arbeit, die neben der Länge des Arbeitstages ein Faktor für den Grad der absoluten Mehrwertgenerierung ausmacht, verringert wird. Der Grad des absoluten Mehrwerts mittels Intensivierung der Arbeit stößt hier immer wieder auf die körperlichen Grenzen der Arbeiter*innen.

Weiterhin gehören die Beschäftigten bei Hyatt einem spezifischen Klassensegment im Pariser Raum an, welches sich entlang der Linien von geringer Qualifikation, Geschlecht (weiblich) und Rasse/Herkunft (meist nicht-weiß und/oder migrantisch) konstituiert. Bei dem Streik geht es also auch um Kritik und Sichtbarmachung der Feminisierung und Rassifizierung von repetitiven und schlecht entlohnten Reproduktionstätigkeiten wie Kloputzen und Bettbeziehen. Die antirassistische Dimension des Streiks wurde umso deutlicher als Mitglieder des Comité Adama bei einer Kundgebung vor dem Hotel ihre Solidarität zeigten. Diese Gruppe hat sich 2016 in der Pariser Vorstadt Beaumont-sur-Oise gegründet, nachdem der 24jährige Schwarze Adama Traoré bei einer gewaltsamen Festnahme durch die Polizei gestorben war. Bis heute kämpft sie gegen Polizeigewalt in den französischen Vorstädten.

Derzeit tritt der Streik auf der Stelle, was vor allem mit der Radikalität der Forderungen zusammenhängt. Streiks mit ausschließlich monetären Forderungen endeten in der Vergangenheit schneller. Die Streikenden stellen sich jetzt auf mehrere Monate des Kampfes ein. Die beiden Unternehmen Hyatt und STN haben bis jetzt nur schlechte Angebote gemacht, die vor allem als Spaltungsversuche unter den Streikenden zu verstehen sind: von Hyatt wurden 15 Festanstellungen, jedoch in einem anderen Hotel, angeboten und STN bietet ein auf drei Jahre garantiertes Arbeitsverhältnis an – mit den Streikforderungen hat dies nichts zu tun.

Spendenaufruf

Im ersten Monat haben die Streikenden 1000 Euro Streikgeld von der Gewerkschaft bekommen. Diese konnten über die gewerkschaftlichen Beitragszahlungen refinanziert werden. Nun schwinden die Mittel der Gewerkschaftskasse und Ziel bleibt es weiterhin, ca. 1000 Euro an jede streikende Person auszahlen zu können. Das erklärte Spendenziel bei etwa 50 Streikenden lautet nun 50.000 Euro!

Unter diesem Link kann per Kreditkarte gespendet werden

Oben rechts auf „participer“ klicken, dann Name, Email und Spendenbetrag angeben, unten rechts wieder auf „participer“ und dann abschließend die Kreditkarten- und Prüfnummer angeben.

Spenden via Überweisung bitte an folgendes Konto:

Name: SYNDICAT CGT DES SALARIES

IBAN: FR76 1027 8060 4700 0370 2884 166

BIC: CMCIFR2A

Nachtrag: Der Artikel geht aus einer von der „Plateforme d’Enquêtes Militantes“ (Plattform militanter Untersuchung) durchgeführten Streikuntersuchung sowie aus einem Interview mit der Gewerschaftssekretärin Tiziri Kandi hervor.

weiterführende Analysen von Bernhard Schmid

Auf Französisch (Original): http://www.platenqmil.com/blog/2018/10/11/entretiens-grevistes-park-hyatt-vendome

Auf Englisch: https://notesfrombelow.org/article/striking-palaces?fbclid=IwAR2LDcAIo-XfpnxD71c9IQxX11HRIevYBOGH_SVT709HuZ2V0LLSsmFGhio

Quelle: lowerclassmag.com… vom 10. Dezember 2018

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