40 Jahre US-amerikanischer Desinformation über den Iran
Interview mit Jacques Baud. Zeitgeschehen im Fokus: Die Gründe für den Angriff Israels und der USA auf den Iran reichen von «den Bau der Atombombe verhindern», bis zu einem «Regime Change». Was wollen Israel und die USA tatsächlich erreichen?
Jacques Baud: Es gibt viele Gründe, die auf komplexe Weise miteinander verbunden sind. Um dies zu verstehen, muss man wahrscheinlich zwischen den tieferen Gründen und den Vorwänden unterscheiden.
In den USA gibt es eindeutig eine Obsession gegenüber dem Iran, die sowohl bei den Republikanern als auch bei den Demokraten zu finden ist und die mit der islamischen Revolution von Ayatollah Khomeini im Jahr 1979 begann. Die Amerikaner haben den Sturz des Schahs und – vor allem – die Besetzung ihrer Botschaft in Teheran durch iranische Studenten und den darauf folgenden katastrophalen Rettungsversuch durch Spezialeinheiten im April 1980 (Operation EAGLE CLAW) nicht verziehen.
Bei Israel ist dieses Phänomen jüngeren Datums und geht auf die frühen 2000er Jahre zurück, als die USA 2003 in den Irak einmarschierten. Die israelische Sicherheitspolitik wird von dem 1982 von Oded Yinon ausgearbeiteten Plan beeinflusst, der darauf abzielte, die grossen sunnitischen Nachbarländer Israels zu spalten, damit sie durch interne Konflikte gelähmt würden.
In den 1980er- und 1990er-Jahren war der Feind Israels der Irak, der enge Beziehungen zur PLO von Yassir Arafat unterhielt. Zu dieser Zeit war der Iran nicht Teil dieses Plans, da Israel ihn eher als Verbündeten betrachtete. Der Iran ist das grosse schiitische Land der Region, und Israel betrachtete ihn daher eher als Verbündeten, der geografisch gesehen im «Rücken» seiner sunnitischen Gegner liegt.
Israel ist für sein Überleben stark vom Westen abhängig. Es ist ihm nie wirklich gelungen, sich in sein regionales Umfeld zu integrieren. Seine wiederholten Militäroperationen gegen alle seine Nachbarn sowie seine illegalen Gebietserwerbungen im Libanon, in Syrien und Jordanien haben zusammen mit der Missachtung internationaler Konventionen in Bezug auf das palästinensische Volk dazu geführt, dass Israel von seinem natürlichen Umfeld abgekoppelt ist.
Andererseits braucht Israel Feinde, um seine sehr vielfältige nationale Einheit und die internationale Finanzhilfe aufrechtzuerhalten. Nachdem der Irak zerstört worden war, wählte Israel denselben «besten Feind» wie die USA: den Iran.
Seitdem spricht Israel von der nuklearen Bedrohung durch den Iran. Historisch gesehen gibt es jedoch keine Streitigkeiten zwischen dem Iran und Israel: Es gibt keine territorialen Ansprüche, keine wirtschaftlichen Rivalitäten und die jüdische Minderheit wird im Iran gut behandelt. Es gibt also keinen objektiven Konflikt zwischen den beiden Ländern.
In Europa begann man ebenfalls Anfang der 2000er Jahre unter dem Einfluss der USA, den Iran als Gegner zu betrachten, insbesondere aufgrund der Gerüchte über Atomwaffen.
Unabhängig davon, welche Entscheidungen der Iran trifft, werden die USA und Israel immer einen Vorwand finden, um dieses Land anzugreifen. Die Israelis sind überzeugt, dass der Iran ihr Land zerstören will. Dafür gibt es keine rationale Erklärung, denn der Iran hat nie etwas Derartiges gesagt.
Zwischen den beiden Ländern gibt es weder Konflikte noch politische oder territoriale Ansprüche noch Probleme im Zusammenhang mit der Versorgung oder Förderung von Öl oder bezüglich der jüdischen Minderheit im Iran. Der einzige Streitpunkt könnte das Schicksal der Palästinenser sein, doch man muss bedenken, dass diese Araber und Sunniten sind, während der Iran persisch und schiitisch ist.
Gehörte der arabische Frühling in den Oded Yinon-Plan ?
Jawohl, besonders in Libyen und Syrien. Und die Idee war, das Gleiche im Iran zu erreichen. Das stimmte mit der Absicht der USA überein. Beide Regierungen haben direkt nach dem Irak-Krieg 2003 begonnen, in die Innenpolitik des Iran einzugreifen. Es gab Bewegungen im Iran wie die Mojahedin-e-Khalq (MeK), die bis 2012 als terroristische Bewegung geführt wurde.
Nach 2012 nahmen die USA sie von der Liste der terroristischen Organisationen. So konnten die USA diese Organisation für den Kampf gegen die Regierung im Iran bewaffnen. Das Gleiche geschah auch mit dem Volksstamm der Belutschen im Süden des Iran an der Grenze zu Pakistan. Die USA haben dort Stämme unterstützt, um im Iran gewalttätige Auseinandersetzungen zu provozieren, um letztlich die Regierung zu stürzen.
Hat sich dieses Vorgehen in der letzten Zeit verstärkt?
Wenn man betrachtet, was in den letzten drei Jahren im Iran geschehen ist, kann man sehen, dass USA und Israel mehrmals Unruhe stifteten, aber auch konkret ranghohe Politiker und Militärs beseitigten. Letztes Jahr gab es vor dem 12 Tage-Krieg bereits militärische Angriffe der Israelis, bei denen sie neben Iranern auch Vertreter der Hamas töteten.
Als Resultat dieses Vorgehens muss man den aktuellen Angriff Israels und der USA verstehen. Erst haben sie die Demonstrationen und die Proteste im Januar provoziert und nachher das Regime beschuldigt, es sei mit Gewalt vorgegangen. Trump drohte sogar mit militärischer Intervention. Beide Staaten infiltrierten gewalttätige Gruppen und lieferten Waffen. Auch hatten sie zuvor wirtschaftlich – das wurde von Scott Bessent bestätigt – den Iran «attackiert».
Im Dezember manipulierte man die iranische Währung, was einen grossen Wertverlust des Rial nach sich zog. Damit wollten die USA eine Inflation auslösen. Gleichzeitig schmuggelten sie und Israel Tausende von Starlinks-Empfängern in das Land, um die Proteste zu koordinieren. Alle diese Proteste, die wir im Januar gesehen haben, waren vollständig von den USA gesteuert worden. Es ist gut möglich, dass Frankreich und Grossbritannien auch daran teilgenommen haben.
Diese Proteste sahen wir im Januar, und natürlich gab es vom iranischen Staat Repressionen gegen die Aufständischen. Bezüglich der Anzahl Opfer, über die unsere Medien berichtet haben, muss man gewisse Fragezeichen setzen. Man darf nicht vergessen: Es war nicht an allen Orten ein bewaffneter Aufstand, aber dort, wo die Gewalt eskalierte, waren immer Waffen im Spiel. Dass 30 000 gestorben sein sollen, ist zu hoch gegriffen. Offiziell spricht man von 3000 Toten, und das scheint eine realistische Angabe zu sein.
Wenn man von friedlichen Demonstrationen spricht, sind 3000 Tote sehr viel. Aber wenn man weiss, dass es bewaffnete Aufstände gewesen sind, kann man sich so eine Zahl vorstellen. Um das Ganze zu beurteilen, muss man die grösseren Umstände betrachten. Bekannt ist: Die ganze Aktion war sorgfältig vorbereitet, und unsere Medien berichten nur über das, was die bestehenden Vorurteile und Fehleinschätzungen zementiert. Letztlich ist es wie in der Ukraine: Man opfert Menschen für den eigenen Plan.
Welche Rolle spielt die Hisbollah im aktuellen Konflikt? Ist sie, wie so oft behauptet, eine Kreation des Iran?
Hisbollah ist eine Organisation, die nach der israelischen Invasion im Libanon 1982 entstanden ist. Israel marschierte in den Libanon ein, um die Palästinenser, die PLO, zu zerschlagen. Die PLO war in Beirut stationiert. Zu diesem Zeitpunkt lebten 1,5 Millionen palästinensische Flüchtlinge im Süd-Libanon.
Libanon ist ein kleines Land, und die Palästinenser haben das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben herausgefordert. Es war ein Problem für die libanesische Bevölkerung. Aus diesen Gründen waren die Palästinenser im Libanon nicht wirklich willkommen. Sie wurden zwar als Flüchtlinge aufgenommen, doch ihre Sache war nicht die des libanesischen Volkes. Hinzu kam, dass die Bewohner des Süd-Libanon Schiiten waren. Als die Israelis 1982 einmarschierten, wurden sie daher von der libanesischen Bevölkerung eher positiv empfangen.
Doch die Israelis haben das nicht verstanden und begannen, auch gegen die Schiiten zu kämpfen, anstatt sich mit ihnen zu verbünden. Damit schufen sich die Israelis einen zweiten Feind.
Auf der einen Seite standen die Palästinenser mit der PLO und ihren verschiedenen Gruppen, auf der anderen Seite schlecht organisierte schiitische Milizen, die den Israelis Widerstand leisteten. Erst 1985 (und nicht 1982, wie oft behauptet wird) wurde die Hisbollah aus diesen Widerstandsgruppen gegründet. Die Hisbollah ist vor allem eine politische Partei. Hisbollah heisst auf Deutsch übersetzt «Partei Gottes».
Heute ist die Hisbollah im libanesischen Parlament vertreten. Sie besteht aus einem zivilen Zweig, der Dienstleistungen für die Bevölkerung erbringt, und einem bewaffneten Zweig. Gemäss den Vereinbarungen von Taif aus dem Jahr 1979, die die Auflösung der libanesischen bewaffneten Gruppen vorschrieben, wurde der bewaffnete Zweig der Hisbollah beibehalten, da seine Aufgabe darin besteht, die Bevölkerung vor einer Bedrohung von aussen (Israel) zu schützen.
Die Hisbollah strebt nicht die Eroberung Israels an, sondern lediglich die Rückeroberung der libanesischen Gebiete, die seit 1985 illegal von Israel besetzt sind. Entgegen den Behauptungen der Israelis haben sie sich 1985 und dann im Jahr 2000 nie vollständig aus dem Libanon zurückgezogen. Das Ziel der Hisbollah besteht darin, jeden Quadratmeter, den die Israelis im Libanon besetzt halten, zurückzuholen. Die Israelis halten immer noch ein Gebiet im Süd-Libanon besetzt. Das bekannteste sind die Shebaa-Farmen, die an Syrien, Golan und Libanon angrenzen. Israel betrachtet dieses Gebiet als strategisch wichtig für nachrichtendienstliche Aufgaben.
Aber das Territorium gehört zum Libanon. Insgesamt sind es etwa 13 Orte, die zum Teil ganz kleine Gebiete umfassen, die sie besetzt halten. Für die Hisbollah ist es einerlei, ob das Gebiet gross oder klein ist, die Israelis haben dort nichts zu suchen. Sie wird so lange bestehen und Widerstand leisten, bis die Israelis verschwunden sind.
Wenn das erreicht ist, wird sie sich als militärische Organisation auflösen. Die USA behaupteten, dass die Hisbollah für den Bombenanschlag in Beirut im Oktober 1983 auf das Hauptquartier der US- amerikanischen und französischen Streitkräfte im Libanon verantwortlich gewesen sei. In Wirklichkeit ist bis heute nicht bekannt, wer für diesen Anschlag verantwortlich ist.
Man weiss, dass mehrere Organisationen, die nie identifiziert wurden, die Verantwortung für die Anschläge von 1983 übernommen haben. Ausserdem gab es den Namen «Hisbollah» damals im Libanon noch nicht. Auch die Klassifizierung der Hisbollah als terroristische Organisation ist völlig falsch. Eine Konsequenz daraus ist, dass man mit der Hisbollah nicht mehr spricht. Das gleiche Schicksal ereilte die Hamas, und dadurch bleibt der Gesprächskanal geschlossen. Man verliert eine diplomatische Möglichkeit, um einen Konflikt mit Verhandlungen zu lösen.
Es ist tragisch, dass die Schweiz in Bezug auf die Hamas ohne Not diesen Schritt vollzogen hat. Das ist ein strategischer Fehler, dadurch ist eine Verhandlungslösung nicht mehr möglich. Die Schweiz beraubt sich hiermit ihrer traditionellen Rolle als Vermittlerin.
Im Oktober 2023 unterstützte die Hisbollah die Palästinenser, indem sie einen Teil der israelischen Armee an die libanesische Grenze lockte und so den Druck auf den Gaza-Streifen verringerte. Diese Aktion erfolgte im Sinne des Prinzips der Schutzverantwortung (R2P).
Man sagt, die Hisbollah sei vom Iran unterstützt und unterstütze jetzt ihrerseits den Iran gegen Israel. Was leistet sie im Libanon?
Die Hisbollah wird vom Iran unterstützt. Dem hat der Iran auch nie widersprochen. Es gibt zwei Bereiche, in denen die Hisbollah wie auch die Hamas tätig sind. Zum einen hat sie einen militärischen und zum andern einen zivilen Arm. Sie betreibt die besten Spitäler im Libanon, unterhält das Strassennetz, kümmert sich um die Wasser- und Stromversorgung.
Im Süd-Libanon wird die gesamte Infrastruktur und die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln von der Hisbollah organisiert. Dabei werden sie auch vom Iran unterstützt. Der Iran unterstützt die schiitischen Minderheiten im Nahen Osten, um zu verhindern, dass sie in interethnischen Konflikten oder durch Israel ausgerottet werden.
Begann die Hisbollah nicht direkt nach dem Krieg 2006, als Israel den Libanon angegriffen hatte, die zerstörten Strassen, Brücken und Häuser wieder aufzubauen?
Ja, das war so. Während des Kriegs 2006 wurde ein grosser Teil der Infrastruktur, die von der Hisbollah aufgebaut worden war, zerstört. Es gab fünf Spitäler im Süd-Libanon, die alle von der Hisbollah betrieben wurden. Es waren die besten Spitäler, die alle von Israel zerstört wurden. Nach dem Krieg baute sie alles wieder auf.
Wenn man von Hisbollah spricht, muss man sich bewusst sein, dass es nicht nur ein paar Leute mit einer Kalaschnikow sind. Es ist eine Widerstandsorganisation zu Gunsten der lokalen Bevölkerung. Sie haben auch ein Netz von Bunkern und Tunneln als Verteidigungsstruktur aufgebaut. Die Vorstellung im Westen, die Hisbollah träume von einer Invasion in Israel, ist völliger Unsinn.
Was hat es mit dem seit Jahren vom Westen beschworenen Atomprogramm des Iran auf sich? Wenn man nach den Erklärungen Israels geht, dann steht der Iran seit 20 Jahren kurz vor der Produktion der ersten Atombombe. Gab und gibt es irgendwelche Anzeichen dafür?
Das ist Desinformation aus unseren Medien, die ihren Ursprung in Israel hat. Dazu muss man Folgendes beachten. Im Jahr 1988 beschloss der Iran vor dem Hintergrund des Kriegs, den der Irak mit Unterstützung Frankreichs und der USA gegen das Land führte, die Machbarkeit einer Atombombe als Abschreckungsmittel zu prüfen.
Es handelte sich um das AMAD-Projekt. Im Jahr 2003 hat der Iran den Schluss gezogen, dass der Nutzen einer Atombombe kleiner wäre als die Probleme, die daraus entstehen könnten. Sie gaben das Projekt also auf.
Eine Einschätzung des Nationalen Nachrichtendienstes (National Intelligence Estimates) der CIA aus dem Jahr 2007 bestätigt, dass der Iran sein Atomwaffenprogramm aufgegeben hat. In den Jahren 2024 und 2025 haben die amerikanischen Nachrichtendienste erneut bestätigt, dass der Iran seit der Einstellung des Programms im Jahr 2003 kein neues Atomwaffenprogramm gestartet hat. Es gab sogar eine Information des Mossad, die geleakt wurde, die besagte, dass der Iran kein Atomwaffenprogramm führe.
Die Politiker in Israel wie diejenigen in den USA behaupten nach wie vor, der Iran besitze ein Atomwaffenprogramm, obwohl die eigenen Geheimdienste das Gegenteil herausgefunden haben. Daran sieht man, was ich anfangs gesagt habe: Es ist eine Obsession, eine Zwangsvorstellung.
Im Oktober 2003 erliess Ayatollah Khamenei, der jetzt gleich zu Beginn des Kriegs getötet wurde, eine mündliche Fatwa, die die Herstellung und den Einsatz jeglicher Art von Massenvernichtungswaffen untersagte.
Es gab auch Inspektionen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), die gezeigt hatten, dass die Iraner über kein Atomprogramm verfügen. Man hat verlässliche Quellen, aber die US-amerikanischen und israelischen Politiker lassen das Ganze immer am Kochen. Das ist ein reines obsessives Vorgehen. Das alles hat mit der Realität nichts zu tun, es ist ein Wahn.
Wie sehen Sie das Kräfteverhältnis der beiden Kriegsparteien?
Die USA haben eine Überlegenheit, aber nur für eine begrenzte Zeit. Sie sind nicht in der Lage, auf Dauer zu kämpfen. Sie müssen einen raschen Erfolg haben. Die Frage ist, wie man den Feind betrachtet. Das ist genau die gleiche Situation wie mit Russland. Die USA und die Mehrheit der Europäer hassen Putin, die Israelis Khamenei und andere.
Ein Schweizer Journalist hatte letztes Jahr behauptet, 80 Prozent der iranischen Bevölkerung im Iran seien gegen das Regime. Das ist das gleiche Narrativ wie bei Russland. Es bräuchte nur einen kurzen Impuls, zum Beispiel massive Luftschläge, und die jeweilige Regierung werde kollabieren. Bei Russland ist das nicht der Fall gewesen, und beim Iran wird das auch nicht geschehen. Die Demonstrationen im Januar haben zwar die Regierung in Frage gestellt, aber nach den ersten Tagen des Angriffs auf den Iran sieht man, dass die Bevölkerung die Regierung deutlich unterstützt, und zwar mit grosser Mehrheit.
Unsere Wahrnehmung dieser Länder ist völlig falsch und öffnet die Tür zu solchen unreflektierten militärischen Aktionen. Es ist immer das Gleiche. Aber die US-amerikanischen Geheimdienste und wahrscheinlich auch der Mossad wissen, dass die Lage im Iran nicht so instabil ist und dass die Bevölkerung trotz der Opposition und der Unzufriedenheit gewisser Gesellschaftsgruppen die Regierung unterstützt. Das hängt auch damit zusammen, dass das Land ständig unter israelischer oder US-amerikanischer Bedrohung steht.
Es ist ein Paradoxon, weil die Israelis glauben, dass der Iran eine so grosse Bedrohung darstelle, und sie deshalb immer wieder gewalttätige Aktionen lancieren. Das führt dazu, dass die Iraner grosse Antipathien gegenüber Israel und den USA hegen, obwohl die iranische Kultur gegenüber dem Westen sehr offen ist. Der Westen hat die Tür zugeschlagen, nicht die Iraner. Der Westen macht immer die gleichen Fehler, immer wieder.
Das ist vergleichbar mit dem Verhalten gegenüber Russland.
Es ist genau dasselbe Prinzip. Wir haben völlig falsche Vorstellungen. Wir verstehen diese Länder schlecht, oder genauer gesagt, wir wollen sie nicht verstehen. Auf dieser Grundlage sowie auf Vorurteilen beruhen unsere Entscheidungen. All das hat nichts mit der Realität zu tun. Der Iran ist ein Land mit hochgebildeten Menschen und Intellektuellen von grossem Wert. Es gibt dort eine beträchtliche Anzahl hochqualifizierter Ingenieure.
Es ist ein Land, das von einer bemerkenswerten, jahrtausendealten Kultur geprägt ist. Unser Bild vom Iran ist das Ergebnis von über 40 Jahren amerikanischer Desinformation, um einen Krieg zu rechtfertigen. Ich kann nicht beurteilen, ob das Regime wirklich so brutal ist, wie es bei uns dargestellt wird. Ich stehe in Kontakt mit Iranern, die in Brüssel leben und regelmässig in ihr Land reisen. Sie sagen, dass die Realität anders aussieht als das, was unsere Medien vermitteln. Diese Iraner sind weder für noch gegen die Regierung, aber was bei uns über das Regime gesagt wird, erscheint mir übertrieben.
Doch häufig werden Zahlen angeführt, um die anti-iranische Stimmung weiter anzuheizen. Unsere Wahrnehmung wird dadurch beeinflusst, dass wir in unseren Fernsehsendungen nur Mitglieder der gewalttätigen Opposition sehen. Kürzlich erklärte eine iranische Aktivistin im Westschweizer Sender RTS, die iranische Bevölkerung leide so sehr, dass sie «darum bäte, bombardiert zu werden»!
Die Bilder von Präsident Peseschkian und dem nationalen Sicherheitsberater Ali Larijani, wie sie mit nur drei oder vier Leibwächtern durch die Strassen von Teheran spazieren und Selfies mit den Menschen machen, denen sie auf dem Bürgersteig begegnen, sowie die massiven Demonstrationen zugunsten der Regierung, an denen auch Gegnerinnen des «Regimes» teilnehmen, zeigen, dass unsere Aktivisten hier versuchen, uns zu manipulieren und zum Hass anzustacheln. Die Medien, die dies zulassen, sollten als kriminell angesehen werden.
Ich möchte nochmals auf die militärische Lage zurückkommen. Bis jetzt scheint sich der Iran weiterhin wehren zu können. Wie kann sich das iranische Militär behaupten?
Der Iran hat auch aus den Erfahrungen der letzten Jahre gelernt und alle Führungsstrukturen verdoppelt. Jede Person hat ein «Doppel» mit der gleichen militärischen Funktion. Wenn einer getötet wird, kann der andere mit gleichem Know-how den Platz übernehmen. Man hat die Organisation der Verteidigung umstrukturiert.
Die militärische Abwehr besteht aus einer «Mosaikverteidigung». Diese mosaikartige Struktur bedeutet, dass die Führung nicht pyramidenförmig aufgebaut ist, sondern aus einer dezentralen Führungsstruktur besteht. Jeder Baustein des Mosaiks funktioniert mehr oder weniger autonom. Man könnte das als eine High-Tech-Guerilla-Armee bezeichnen, wenn man das mit der Kommandostruktur im Westen vergleicht. Hier besteht ein Rückgrat, und das ist mit allen Untereinheiten vernetzt.
Bei der iranischen Armee besteht auch eine Art Zentralstruktur, aber wenn sie kollabiert, können die «Mosaiksteine» die Sache übernehmen. Die «dezentralisierte Kommandostruktur» ist flexibel. Wenn grosse Anschläge von Israel oder den USA kämen, würde das die Verteidigung des Landes nicht wesentlich schwächen. Die USA haben zu wenig Luftabwehrraketen, sie haben sehr limitierte offensive Kapazitäten. Die Iraner können viel länger kämpfen. Das ist für die USA jetzt ein Problem. In den USA ist der Krieg sehr unpopulär. Deshalb war der Plan, dass Israel zuerst angreift.
Man wusste, dass der Iran darauf reagieren wird, und zwar nicht nur gegen Israel, sondern auch gegen Militärbasen der USA in der Region, und das würde rechtfertigen, dass sie den Iran angreifen dürften, es wäre dann ein Akt der Selbstverteidigung. So geschah es auch. Die ersten Angriffe am Samstag kamen von den Israelis. Dabei haben sie Khamenei getötet, und die Amerikaner trafen eine Schule, in der sich rund 160 Kinder befanden. Das ist für die Israelis und die Amerikaner nichts Ungewöhnliches: Seit Beginn ihrer Offensive wurden 13 Krankenhäuser und fast 65 Schulen bombardiert.
Warum gelingt es Israel häufig, die Führungspersonen bei der Hisbollah, dem Iran oder bei der Hamas zu finden und zu eliminieren?
Das ist die Stärke der Israelis. Sie haben ausgezeichnete Spionagenetzwerke. Als ich im Nachrichtendienst gearbeitet habe, und ich gehe davon aus, dass es heute sicher immer noch so ist, hat man gesagt, dass der Mossad ein riesiges Netzwerk auch über zivile Organisation mit jüdischen Bürgern hat.
Man muss das genau verstehen. Das heisst nicht, dass die Leute für den Mossad arbeiten, sie werden auch nicht von ihm bezahlt, aber sie gehören zu anderen Netzwerken, die dann den Mossad oder andere israelische Nachrichtendienste mit Informationen versorgen. Das Spionagenetzwerk der Israelis ist sehr umfangreich.
Aber der Iran hat daraus gelernt. Seit letztem Jahr wurden durch Gegenspionage sehr viele Agenten von den Iranern entlarvt. Das gilt auch für US-amerikanische, französische und britische Agenten. Vor allem Engländer, Franzosen, US-Amerikaner und Israelis arbeiten seit Jahrzehnten auf die Destabilisierung des Iran hin. Es ist die «Tradition» der westlichen Alliierten des Zweiten Weltkriegs.
Ist der Krieg eine Etappe auf dem Weg, ein Gross-Israel zu errichten, indem man einen Gegner ausschaltet?
Das gehört wahrscheinlich zu Netanjahus Mentalität. Israel hat seine Grenzen nicht definiert und das wohl aufgrund dieser Option. Ob tatsächlich Gross-Israel entstehen wird, ist offen, aber es ist klar, dass Leute wie Ben-Gvir und Smotrich, die in der Regierung sitzen, dafür sind, dass es ein Gross-Israel gibt. Die Vorstellungen sind unterschiedlich.
Es gibt diejenigen, die sehr religiös sind, die meinen, Israel sollte vom Nil bis zum Euphrat reichen, den ganzen Nahen Osten umfassen. Andere Leute, die zur ideologischen Ausrichtung von Netanjahu gehören, haben eine andere Vorstellung von Gross-Israel: Israel und Süd-Libanon, Teile von Syrien und Jordanien. Das ist eine kleinere Variante von Gross-Israel. Sie werden jedoch feststellen, dass der Begriff «Gross-Israel» (Eretz Israel) den Iran nicht umfasst.
Die BRICS-Gruppe, zu denen auch der Iran gehört, will das Öl nicht mehr in Dollar abrechnen. Der Iran ist ein grosser Erdöllieferant zum Beispiel an China. Sehen Sie hier einen Zusammenhang zum aktuellen Konflikt?
Das spielt höchstwahrscheinlich eine Rolle, aber ich glaube nicht, dass es entscheidend ist. Alles deutet darauf hin, dass das Vorgehen Israels und der USA eher das Ergebnis einer impulsiven Entscheidung mit einem kurzfristigen Ziel ist als eine sorgfältig kalkulierte Aktion. Man sieht, dass sich die Amerikaner heute in einer Situation befinden, die vorhersehbar gewesen ist, die sie aber nicht vorhergesehen haben.
Selbst die Israelis haben diese Operation gestartet, ohne ihren Bestand an Abwehrraketen, der 2025 aufgebraucht wurde, vollständig wieder aufgefüllt zu haben. Allein die Tatsache, dass Donald Trump am 9. März Wladimir Putin anruft, um ihn zu bitten, einzugreifen und den Iran zu bremsen, zeigt, dass der US-Präsident von seinen eigenen Entscheidungen überfordert ist.
China ist für seinen Energiebedarf nur zu 2 bis 3 Prozent vom Iran abhängig. Die Ölfrage steht eindeutig nicht im Mittelpunkt des amerikanischen Vorhabens, den Iran anzugreifen. Wie immer glauben die Kommentatoren, dass unsere Staats- und Regierungschefs strategische Denker sind. Das ist falsch. Es sind impulsive Menschen, die mehr ihrem Bauchgefühl als ihrem Verstand folgen.
Der israelisch-amerikanische Angriff wurde sowohl von künstlicher Intelligenz als auch von natürlicher Dummheit geleitet.
Herr Baud, vielen Dank für das Gespräch.
Interview Thomas Kaiser
* Jacques Baud hat einen Master in Ökonometrie und ein Nachdiplomstudium in internationaler Sicherheit am Hochschulinstitut für internationale Beziehungen in Genf absolviert und war Oberst der Schweizer Armee. Er arbeitete für den Schweizerischen Strategischen Nachrichtendienst und war Berater für die Sicherheit der Flüchtlingslager in Ost-Zaire während des Ruanda-Krieges, arbeitete unter anderem für die Nato in der Ukraine und ist Autor mehrerer Bücher über Nachrichtendienste, asymmetrische Kriegsführung, Terrorismus und Desinformation.
Quelle: gif.ch… vom 30. März 2026
Tags: Europa, Imperialismus, Iran, Kultur, Politische Ökonomie, USA, Zionismus











Neueste Kommentare