Narco-Mythen in der Geschichte des bewaffneten Konflikts in Kolumbien
Oliver Dodd. Das Narrativ des moralischen Versagens der Farc-Guerilla. Eine kritische Analyse.
Für Jahrzehnte haben Politiker und Journalisten den Bürgerkrieg in Kolumbien (1964–2016) als Problem des Drogenhandels dargestellt. Dabei reduzierten sie dessen politische und soziale Dynamiken auf das Narrativ, dass die Farc nicht mehr sei als ein Drogenkartell, eine narkoterroristische Organisation, verkleidet als politische Bewegung. Dieses Erklärungsmuster des „Kriegs gegen die Drogen“ diente als primärer Vorwand für die weitgreifende Intervention der USA in den späten 1990er Jahren, aufgrund derer Kolumbien zu einem der Hauptempfänger von US-amerikanischer Militärhilfe weltweit wurde.
Auf der Grundlage meines Artikels, War of Movement, kürzlich im Review of International Studies veröffentlicht, soll im vorliegenden Text erklärt werden, warum der obige Ansatz den Konflikt fehlinterpretiert und aus welchen Gründen sowie auf welche Weise er sich verschärft hat.
Der Artikel widerspricht der Idee, dass der Krieg in Kolumbien als „interner Konflikt“ verstanden werden soll, eine Kategorie, die in der Sicherheits-, Konflikt- und Friedensforschung vorherrscht. Stattdessen wird die Eskalation des Konfliktes darin als grundlegend internationalisierter Prozess interpretiert, der von der Dynamik der ungleichen und kombinierten Entwicklung des globalen Kapitalismus und dem gewaltvollen Prozess der neoliberalen Wiedereingliederung Kolumbiens in den 1990er Jahren geprägt ist. Diese Neuinterpretation verschiebt die Aufmerksamkeit von der zweifelhaften Moralgeschichte, nach der die Farc zu einem Drogenkartell „verkommen“ ist, auf eine tiefgreifendere, den Konflikt bestimmende wirtschaftspolitische Dynamik.
Die rasche Eskalation des Konfliktes in den 1990er Jahren wurde durch ein passives revolutionäres Projekt1 der strukturellen Anpassung angestoßen, das von der Elite entworfen wurde, die die Lebensgrundlagen auf dem Land zerstörte, die Staatsautorität fragmentierte und den ländlichen Raum Kolumbiens in ein Schlachtfeld des globalen Kapitalismus verwandelte. Nur unter diesen wirtschaftspolitischen Umbruchbedingungen wurde es für die Farc strategisch umsetzbar, zu einem Bewegungskrieg2 überzugehen, der 1998 schließlich zu einer existenziellen Bedrohung für den Staat werden sollte.
Als Antwort auf die Zwänge und Möglichkeiten, die durch die beschleunigte Transnationalisierung der Produktion seit den 1970er Jahren hervorgerufen wurden, ließen sich die kolumbianischen Eliten Anfang der 1990er Jahre – vor allem unter der liberalen Regierung von César Gaviria (1990–1994) – auf ein Projekt der strukturellen Anpassung des Staates ein. Dieses Projekt folgte der Logik einer passiven Revolution, die begrenzte Reformen zur Einbindung der subalternen Gruppen in die Wiederherstellung der kapitalistischen Entwicklung durch die wirtschaftspolitische Öffnung des Landes und eine stärkere Eingliederung in die internationalen Zyklen der Akkumulation verband. Während dieses Projekt von den politischen Eliten als Initiative der „Modernisierung“ gefeiert wurde, war das wirkliche Ziel, den kolumbianischen Staat an die Entwicklungsdynamik des globalen Kapitalismus anzupassen.
Wenngleich diese passive Revolution zum Ziel hatte, die Autorität der herrschenden Klasse unter sich wandelnden politisch-ökonomischen internationalen Bedingungen wiederherzustellen, veränderte sie das Konfliktfeld auf eine Weise, die die Spannungen letztlich nur zuspitzte. Die „wirtschaftliche Öffnung“ führte zu einer grundlegenden Umwälzung des kolumbianischen Entwicklungsmodells, die die Landbevölkerung zunehmend verwundbar gegenüber der ausländischen Konkurrenz machte. Mit dem Abbau von Sicherheiten und grundlegenden Subventionen sahen sich die subalternen Gesellschaftsgruppen den Zwängen eines aggressiven Marktes gegenüber, die Raub, Armut und Vertreibung nach sich zogen. Dies implizierte eine inoffizielle Kriegserklärung an die Kleinbauern als Klasse, die von einer machtvollen Narco-Bourgeoisie ausgenutzt und intensiviert wurde, indem die wirtschaftliche Deregulierung dazu diente, Kapital mittels eines gewaltsamen Prozesses der „Gegenlandreform“ durch massiven Landraub reinzuwaschen.
Vor dem Hintergrund dieser zerstörerischen Effekte der wirtschaftlichen Öffnung und der Gegenlandreform stellten sich die Landarbeiter vermehrt auf den kommerziellen Anbau von Koka ein, der gegenüber traditionellen Einnahmequellen wie Kaffee, Kartoffeln, Mais oder Bananen ein nachhaltigeres Einkommen sichern konnte. Weder „Gier“ noch „Ressentiment“ trieben diesen Wandel voran: Es handelte sich um eine klassenbezogene Strategie des Widerstands und des Überlebens.
Die Kleinbauern passten sich aus eigener Initiative an die wandelnden strukturellen Umstände an und schufen so in den 1990er Jahren eine wirkmächtige Dynamik der sozialen Mobilisierung. In marginalisierten ländlichen Gebieten entstanden so neue Kämpfe und Gemeinschaften, da die Verschlechterung der Lebensbedingungen in den Städten Arbeitslose und informell Beschäftigte dazu bewegte, sich den Reihen der Koka-Bauern auf dem Land anzuschließen.
Der „Krieg gegen die Drogen“ – am sichtbarsten anhand des Sprühens von pflanzenvernichtenden Chemikalien aus der Luft – verstärkte die strukturelle Gewalt der neoliberalen Neuordnung. Dieses Sprühen betraf jedoch nicht nur die Koka-Felder, sondern auch die Trinkwasserversorgung, die Böden und die landwirtschaftliche Selbstversorgung und wurde somit zu einem de-facto chemischen Krieg gegen die ländlichen Gemeinschaften. Insgesamt führte diese Dynamik zu einer Neoformierung der Identitäten von sozialen Klassenzugehörigkeiten und bewegte viele Kleinbauern dazu, sich stärker mit der Rebellion der Farc zu identifizieren.
Die Farc interpretierte diese Konjunktur aus einer marxistischen Perspektive heraus, indem sie die Neuausrichtung der Kleinbauern auf den Koka-Anbau als Symptom einer allgemeineren und globalen Krise des Kapitalismus betrachtete, die in der extremen Ungleichheit der Landverteilung und Klassenausbeutung wurzelte. Statt die Kokapflanze zu kriminalisieren, behandelte sie den Drogenhandel wie jeden anderen Sektor der kapitalistischen Produktion und unterzog diesen somit der Besteuerung und der Regulierung. Damit sicherte sich die Farc nicht nur eine neue Einkommensquelle für die Finanzierung ihres politisch-militärischen Projekts, sondern auch eine neue soziale Basis der unterjochten Kleinbauern, die unter der strukturellen und direkten Gewalt kontinuierlich anwuchs.
Trotzdem kann das rasante Wachstum der Farc in den 1990er Jahren nicht nur durch die neuen Einkommensquellen und die wachsende Unterstützung durch die Kleinbauern erklärt werden. Die strukturelle neoliberale Neuordnung hatte auch breitere Auswirkungen. Innerhalb dieses Projektes der passiven Revolution entstanden neue Spannungen zwischen den verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klasse, was die bereits steigende Autoritätskrise nur verschärfte. Während sich einige mit einer modernisierenden, technokratischen und global orientierten Elite verbündeten, die den liberal-demokratischen Institutionen und der Integration in die von den USA geführte Weltordnung verpflichtet war, waren andere – vor allem die Kreise der Großgrundbesitzer – tief in illegale Wirtschaftssektoren verwickelt und von den Vorstößen der Guerilla zusehends alarmiert. Das neoliberale Projekt vermochte es also weder, die Machtverhältnisse zu stabilisieren, noch die Legitimität des herrschenden Machtblocks sicherzustellen. Diese internen Brüche des Staatsprojekts bewegten Teile der herrschenden Klasse dazu, vermehrt zu Zwangsmitteln zu greifen, was sich letztendlich auch in der Unterstützung der politischen Klasse und der Zivilbevölkerung für den paramilitärischen Terror äußerte.
In dieser wechselhaften Konjunktur erweist sich das Konzept des Bewegungskrieges von Antonio Gramsci als wegweisend, um das Vorstoßen der Farc zu erklären. Gramsci verstand den Bewegungskrieg als eine direkte Konfrontation mit der staatlichen Macht, ermöglicht durch die Krise der Autorität, in der der Staat immer mehr durch Zwang anstatt durch Hegemonie regiert. Er unterschied diesen vom Stellungskrieg, der sich durch eine langfristige Strategie zum Aufbau einer Gegenhegemonie in Politik und Zivilbevölkerung auszeichnete und mehr auf Zustimmung als auf Gewalt aufbaute.
Mit dem Zusammenbruch der Legitimität und der Zersplitterung des Staates öffneten sich neue strategische Möglichkeiten für die Farc. Die Organisation ging daraufhin in die strategische Offensive über, mit Fokus auf umfangreiche Rekrutierung, territoriale Expansion und zunehmend konventionelle Militäroperationen gegen den kolumbianischen Staat. Dabei schuf sie operative Korridore, um Bogotá einzunehmen.
Demnach war die Eskalation des Konfliktes eben kein Resultat einer „Kartellisierung“, was eine entpolitisierende Fiktion ist. Sie blendet die politischen und internationalisierten wirtschaftlichen Fundamente des Konflikts aus und befreit die herrschenden Klassen von ihrer Verantwortung. Der Krieg intensivierte sich aufgrund des von den Eliten entworfenen passiven revolutionären Projekts. Dieses griff subalterne Gesellschaftsgruppen an, zersplitterte die soziale Ordnung und entfachte eine Autoritätskrise im integralen Staat, die die rapide Expansion der Farc überhaupt erst möglich machte. In seinem wirtschaftspolitischen Kontext gedacht, offenbart der Krieg, was die offiziellen Erzählungen zu verstecken versucht haben: Die politische Gewalt war keine Abweichung von der kapitalistischen Modernisierung, sondern ein wesentliches Element des Projekts der passiven Revolution, durch das die kapitalistische Modernisierung durchgesetzt wurde.
Fussnoten:
1. Die „passive Revolution“ ist ein Begriff von Gramsci. Sie bezeichnet eine von der Elite gesteuerte radikale Umstrukturierung, die die Gesellschaft tiefgreifend verändert, ohne dass die Bevölkerung selbst die treibende Kraft ist (Anmerkung der Redaktion).
2. Der „Bewegungskrieg“ ist ein Begriff der Militärtheorie, ursprünglich für klassische Armeen gedacht. Im Fall der Farc beschreibt er die Mobilisierung und großräumliche Koordination von Guerillaeinheiten. Diese agieren nun nicht mehr nur lokal oder defensiv, sondern strategisch beweglich, mit der Fähigkeit, sich schnell zwischen mehreren Regionen zu verschieben und mehrere Fronten gleichzeitig zu bedienen. Weiter unten wird der Begriff auch aus einer gramscianischen Perspektive erklärt (A. d. R.).
#Titelbild: In den 1990er Jahren verzeichnete die Farc ein rasantes Wachstum
Quelle: amerika21.de… vom 3. April 2026
Tags: Arbeitswelt, Imperialismus, Kolumbien, Lateinamerika, Politische Ökonomie, Strategie, USA, Widerstand









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