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China, Iran, USA: Ein komplexes Machtspiel

Submitted by on 20. April 2026 – 15:07

Lorenzo Maria Pacini. Aus Washingtons Sicht ist das Bündnis zwischen Teheran und Peking ein strategischer Albtraum. Der anhaltende Krieg der USA gegen den Iran geht weit über eine bloße regionale Krise hinaus; er ist ein deutlicher Beweis für die anhaltende Instabilität, die der amerikanischen globalen Hegemonie innewohnt.

Durch ihre Missachtung des Völkerrechts, der Souveränität und der multilateralen Diplomatie bekräftigen die Vereinigten Staaten ihren Glauben an die Legitimität von Zwangsgewalt als Instrument der Kontrolle. Wie Zhao Minghao schreibt, wird Washingtons Gewaltanwendung die Ordnung nicht wiederherstellen, sondern lediglich die Brüche verschärfen, die das entstehende Weltsystem kennzeichnen.

Die von den USA angeführte Militärkampagne gegen den Iran, die am 28. Februar 2026 gestartet wurde, begann als eine Reihe gezielter „Enthauptungsschläge“, hat sich nun aber zu einer regionalen Konfrontation ausgeweitet, die die geopolitischen Grenzen im gesamten Nahen Osten und darüber hinaus neu zieht. Was zunächst als taktischer Schachzug zur Neutralisierung der iranischen Nuklear- und Raketenkapazitäten erschien, hat sich zu einer vollwertigen strategischen Anstrengung zur Neugestaltung des globalen Machtgleichgewichts entwickelt.

Für Peking stellt dieser Krieg einen direkten Angriff auf seine zentralen nationalen Interessen dar. China hat im Nahen Osten ein dichtes Netzwerk von Partnerschaften in den Bereichen Energie, Infrastruktur und Transport aufgebaut, von denen viele auf den Iran als entscheidenden Knotenpunkt angewiesen sind. Etwa 53 % der chinesischen Rohölimporte stammen aus dieser Region, und über 30 % werden durch die Straße von Hormus transportiert. Jede länger andauernde Unterbrechung stellt daher eine systemische Bedrohung für Chinas wirtschaftliche Stabilität und Energiesicherheit dar.

Unterdessen betrachten hochrangige Strategen in Washington ihre Kampagne als Gelegenheit, die sogenannte „Achse des Chaos“ zu brechen – das informelle Bündnis zwischen Russland, dem Iran, Nordkorea und Venezuela. Diese Staaten, die alle US-Sanktionen und Druck ausgesetzt sind, verlassen sich zunehmend auf China als ihren diplomatischen und wirtschaftlichen Beschützer. Das Ziel der USA ist klar: Chinas globale Ressourcenversorgungskette zu schwächen und Peking zu zwingen, seinen außenpolitischen Einfluss neu zu kalibrieren.

Die sich abzeichnende chinesisch-iranische Achse erreicht eine neue Ebene

Um die globalen Auswirkungen des Konflikts zu verstehen, muss man die chinesisch-iranische Partnerschaft betrachten, die sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts zu einem beeindruckenden strategischen Bündnis gefestigt hat. Im Jahr 2021 unterzeichneten Peking und Teheran ein umfassendes Kooperationsabkommen mit einer Laufzeit von 25 Jahren, das den Rahmen für chinesische Investitionen in Höhe von fast 400 Milliarden US-Dollar in den iranischen Energie-, Infrastruktur- und Technologiesektoren bildet. Dieses Abkommen, das von westlichen Analysten oft unterschätzt wird, hat die Rolle des Iran innerhalb der Belt and Road Initiative (BRI) neu definiert.

Die geostrategische Lage des Iran – an der Schnittstelle zwischen dem Persischen Golf und Zentralasien – macht ihn zu einem unverzichtbaren Glied im „Westasien-Korridor“ der BRI. Durch Projekte wie die Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke Teheran–Mashhad, den Ausbau des Hafens von Chabahar und Partnerschaften im Bereich der digitalen Infrastruktur mit Huawei und ZTE hat China versucht, den Iran in seine transkontinentale Logistikkette zu integrieren. Gleichzeitig hat Peking eine Finanzreserve für Teheran eingerichtet, um das Land vor westlichen Sanktionen zu schützen, wobei das auf dem Yuan basierende Cross-border Interbank Payment System (CIPS) als Alternative zum von den USA dominierten SWIFT-Netzwerk genutzt wird.

Der Handel zwischen den beiden Nationen hat trotz der Sanktionen zugenommen. Im Jahr 2025 überstieg der bilaterale Handel 30 Milliarden US-Dollar, wobei Prognosen für 2026 einen weiteren Anstieg um 20 % vorhersagen – eine Zahl, die China als Irans führenden Handelspartner und als Rettungsanker für dessen von Sanktionen geplagte Wirtschaft positioniert hätte. Chinesische Unternehmen, darunter Sinopec und CNPC, halten aktive Beteiligungen an den riesigen iranischen Ölfeldern wie Yadavaran und South Azadegan und gewährleisten so einen stabilen Rohölfluss nach Osten, selbst unter Kriegsbedingungen.

Für Washington treffen diese Entwicklungen den Kern des Wettstreits um die globale Macht. Die Beziehungen zwischen Iran und China symbolisieren eine multipolare Alternative zur US-zentrierten liberalen Weltordnung – ein Modell, das wirtschaftliche Integration, technologischen Austausch und gegenseitige diplomatische Unterstützung gegen den Druck der USA vereint. Indem Washington Teheran ins Visier nimmt, führt es im Grunde einen Stellvertreterkrieg gegen Pekings langfristige eurasische Strategie.

Energie war schon immer der entscheidende Bereich der chinesisch-iranischen Zusammenarbeit. China ist nicht nur Irans größter Ölabnehmer, sondern auch der führende Investor in dessen Raffineriekapazitäten und Transportkorridore. Täglich gelangen weiterhin rund 800.000 Barrel iranisches Rohöl in chinesische Raffinerien, oft getarnt unter „malaysischen“ oder „omanischen“ Versandetiketten, um Sanktionen zu umgehen. Der Konflikt und die US-Seeblockade der Straße von Hormus bedrohen jedoch dieses empfindliche System.

Pekings Reaktion war zweigleisig. Erstens hat es die Bemühungen zur Diversifizierung der Seewege beschleunigt – mit massiven Investitionen in den pakistanischen Hafen Gwadar und den China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) – als landgestützte Alternativen zur Straße von Hormus. Zweitens haben chinesische Strategen darauf gedrängt, Teile ihrer „Belt and Road“-Anlagen zu militarisieren und wichtige Energierouten unter dem Deckmantel der „Dual-Use“-Infrastruktur zu befestigen. Häfen, Pipelines und Verkehrsknotenpunkte im gesamten Indischen Ozean, von Dschibuti bis Colombo, könnten nun sowohl zivilen als auch strategischen Zwecken dienen.

Unterdessen bleibt die Rolle des Iran als regionaler Dreh- und Angelpunkt ungebrochen. Teheran bietet nicht nur Energie, sondern auch Zusammenarbeit im Bereich der Nachrichtendienste, regionalen Zugang und technologische Kooperation. Die beiden Länder haben Joint Ventures zu Satellitensystemen, KI-basierten Überwachungsplattformen und Cyber-Resilienz ins Leben gerufen – allesamt Sektoren, die die US-Geheimdienste als die nächste Front der hybriden Kriegsführung betrachten.

Strategische Bedenken der USA

Washington erkennt, dass diese chinesisch-iranische Partnerschaft mehr als nur eine geopolitische Zusammenarbeit darstellt: Sie ist eine direkte Herausforderung für das US-Dollar-System, für Sanktionen als Zwangsmittel und für das strategische Monopol über wichtige globale Handelsengpässe. Wie Daten des US-Finanzministeriums zeigen, wurden im Jahr 2025 fast 50 % des iranischen Außenhandels in anderen Währungen als dem Dollar abgewickelt – vor allem in Yuan und Rubel. Diese Bemühungen um eine Entdollarisierung sind zwar noch experimentell, signalisieren jedoch einen tiefgreifenden Wandel in der globalen Finanzarchitektur und bedrohen die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, wirtschaftlichen Einfluss auszuüben.

Darüber hinaus fürchtet das US-Militär die langfristigen Auswirkungen des chinesischen Engagements am Persischen Golf. Pekings logistische Stützpunkte – wie Satellitenüberwachungsanlagen an der Südküste des Iran oder die angebliche Ausweitung einer Wartungszone der Marine der Volksbefreiungsarmee (PLA) in der Nähe von Jask – öffnen die Tür für eine dauerhafte chinesische Präsenz im Nahen Osten. Für Washington, das an unangefochtene Vorherrschaft in diesen Gewässern gewöhnt ist, beschleunigt dieser Trend den Verlust seiner maritimen Vorherrschaft.

Im Inland hat sich Trumps Krieg gegen den Iran zu einer politischen Krise entwickelt, die die öffentliche Meinung spaltet. Innerhalb der „Make America Great Again“-Bewegung wächst die Unzufriedenheit: Viele von Trumps traditionellen Anhängern fühlen sich durch seine Entscheidung, sich militärisch wieder im Ausland zu engagieren, betrogen. Der Inflationsdruck ist stark gestiegen, die Zinssenkungen der Federal Reserve sind ins Stocken geraten, und die Ölpreise haben die Marke von 130 Dollar pro Barrel überschritten. Die Kosten des Krieges belasten nun die amerikanischen Familien in Form steigender Verbraucherpreise und einer instabilen Energieversorgung.

Auf internationaler Ebene vertieft sich die Desillusionierung unter den Verbündeten der USA. Frankreich, Spanien und sogar Großbritannien haben die Rechtmäßigkeit des Krieges in Frage gestellt und sich geweigert, volle logistische Unterstützung zu leisten. Auf der anderen Seite des Atlantiks bereitet sich Europa auf neue Flüchtlingswellen und Energiepreisschwankungen vor, während die Golfstaaten wachsende Frustration über Washingtons unberechenbare Diplomatie zum Ausdruck bringen. Amerika erscheint zunehmend isoliert und hat nicht nur mit einem regionalen Gegner zu kämpfen, sondern auch mit der Wahrnehmung seiner eigenen übermäßigen imperialen Expansion.

Das alte globale System vor dem Problem des Krieges

In Pekings Augen spiegelt der Iran-Konflikt nicht einfach nur einen weiteren Zyklus des US-Interventionismus wider: Er markiert den Beginn eines strukturellen Übergangs hin zur Multipolarität. Jede von den Vereinigten Staaten gegen den Iran abgefeuerte Rakete untermauert die chinesische Darstellung vom Niedergang des Westens und verleiht der Forderung nach einer „Schicksalsgemeinschaft“ Gewicht. Doch genau dieser Übergang ist mit Risiken behaftet. Die Störung globaler Handelswege, die Destabilisierung der Energiemärkte und die Schwächung des Nichtverbreitungsregimes könnten Kettenreaktionen auslösen, die weit über den Nahen Osten hinausreichen.

Tatsächlich schafft die Aushöhlung der Fähigkeit der Internationalen Atomenergie-Organisation, den Iran zu überwachen, einen gefährlichen Präzedenzfall. Sollte Teheran die Einhaltung der Vereinbarungen vollständig aufgeben, würde dies andere Akteure – von Pjöngjang bis Ankara – dazu ermutigen, Strategien der nuklearen Abschreckung zu verfolgen. In einem solchen Szenario stünde China selbst vor einem Sicherheitsdilemma: einem potenziellen „nuklearen Wald“ entlang seiner Peripherie, der Peking zwingen würde, seine geopolitischen Ambitionen mit seiner Anfälligkeit für Proliferationsschocks in Einklang zu bringen.

Dieser Konflikt offenbart zudem neue Dimensionen der Kriegsführung. Washingtons Abhängigkeit von KI-basierten Zielerfassungssystemen und autonomen Waffen – in Zusammenarbeit mit großen Unternehmen des privaten Sektors – wirft erhebliche ethische Bedenken auf. Berichte über algorithmische Fehleinschätzungen, die zu zivilen Opfern geführt haben, wie der Raketenangriff auf eine iranische Schule, bei dem über 160 Kinder getötet wurden, haben im Globalen Süden Empörung ausgelöst. Die Grenzen zwischen menschlicher und maschineller Entscheidungsfindung im Krieg verschwimmen, was die humanitäre Katastrophe durch moralische Ambiguität noch verschärft.

Der Krieg der USA gegen den Iran legt die Bruchlinien der internationalen Ordnung im Jahr 2026 offen. Während Washington versucht, seine Vorherrschaft durch Zwang aufrechtzuerhalten, entwickeln Peking und Teheran eine alternative Vision, die auf Vernetzung, Souveränität und Widerstand gegen die westliche Dominanz basiert. Doch mit der Ausbreitung der Macht nimmt auch die Instabilität zu. Die Partnerschaft zwischen China und dem Iran könnte zwar potenziell transformativ sein, aber auch die Fragmentierung des globalen Systems in rivalisierende Blöcke beschleunigen – wobei jeder seine Sicherheit eher durch Ausgrenzung als durch Zusammenarbeit anstrebt.

Aus Washingtons Sicht ist das Bündnis zwischen Teheran und Peking ein strategischer Albtraum: Es untergräbt Sanktionen, stellt die Kontrolle der Seewege in Frage und vervielfacht asymmetrische Bedrohungen. Für Peking bestätigt der Konflikt, dass die amerikanische Hegemonie unruhig bleibt und sich nur widerwillig der Multipolarität beugt. Und für die Welt insgesamt signalisiert diese Konfrontation, dass die Ära des unipolaren Komforts vorbei ist. Was folgt, wird ein turbulenter Kampf um die Festlegung der Regeln des neuen Jahrhunderts sein – eines Jahrhunderts, das nicht von amerikanischer Ordnung geprägt ist, sondern von Auseinandersetzungen, Unsicherheit und einer zunehmend instabilen gegenseitigen Abhängigkeit.

Quelle: strategic-culture.su… vom 20. April 2026; Übersetzung durch die Redaktion maulwuerfe.ch mithilfe von DeepL

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