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Wie der Besuch des Schahs 1967 in Berlin den Tod eines Studenten auslöste

Submitted by on 30. April 2026 – 17:44

Hassan Al Khalaf. Der Besuch des iranischen oppositionellen Reza Pahlavi nach Berlin ist Anlass zum Gedenken: Als sein Vater das letzte Mal die Metropole an der Spree (damals Westberlin) besuchte, kam es auf einer Studentendemo gegen diesen Besuch zur Polizeigewalt.

Iraner, die vom damaligen iranischen Geheimdienst SAVAK eingeflogen wurden, beteiligten sich an der Gewalt gegen Demonstranten. Ein junger Student wurde infolge der gewalttätigen Ausschreitungen erschossen. Der anstrebende Monarch thematisierte diesen Vorfall nie öffentlich und positionierte sich ebenfalls nicht gegen die Gewalt, die vom Staatsbesuch seines Vaters ausgelöst wurde.

Bei seiner Ankunft in Westberlin wunderte sich der Prinz, wieso er von keinem Repräsentanten der Bundesregierung offiziell empfangen wurde. So sehr er auch versucht, sich als Repräsentant des Irans aufzuspielen, bleibt er in absehbarer Zeit nicht das Staatsoberhaupt des Irans. Seit Beginn des Iran-Krieges ruft er immer wieder zum verheißenen Regimewechsel auf, der bislang noch auf sich warten lässt. Selbst die Tatsache, dass Donald Trump jüngst äußerte, nicht überzeugt zu sein, dass Pahlavi fähig ist, den Iran zu regieren, hält den Kronprinzen nicht davon ab, sich darüber zu echauffieren, wieso er nicht wie andere Staatsoberhäupter einen offiziellen Empfang erhält.

Statt mit rotem Teppich wurde er mit einer Tomate, laut anderen Quellen auch Tomatensauce, begrüßt. Auf dem Weg zur Bundespressekonferenz wurde er von einem übereifrigen Aktivisten mit einer roten Flüssigkeit beworfen. Das genaue Motiv des Werfers bleibt unbekannt, denn die Pahlavi-Dynastie hat sich auch in den Reihen der Oppositionellen Gegner geschaffen. Im kollektiven Bewusstsein Berlins erinnert der Name Pahlavi nicht an Hoffnung und eine neue Zukunft, sondern an Polizeigewalt und Staatsversagen. Diese eine Tomate könnte auf die Frustration aus der Zeit zurückzuführen sein, als sein Vater, der letzte König des Iran, Berlin besuchte. Es war ein Staatsbesuch, der einem jungen Mann das Leben kostete.

Ein Blick zurück in die Vergangenheit

Der Vorfall nahm am Abend des 1. Juni 1967 in Westberlin seinen Lauf. Als angekündigt wurde, dass der Schah und seine Frau auf ihrer Europareise auch Westdeutschland besuchen kommen, bemühten sich Intellektuelle, Aufklärungsarbeit über sein Regime zu leisten. Der iranische Autor Bahman Nirumand hielt an der Freien Universität Berlin einen Vortrag über die sozialen Missstände in seinem Land und über repressive Gewalt sowie Folter, welche SAVAK, der Geheimdienst des Schahs, gegen jede Form von Opposition einsetzt. Der 26-jährige Germanistik-Student Benno Ohnesorg, der am Tag darauf durch Polizeigewalt sterben würde, befand sich auch unter den Zuhörern des Vortrags. Er war Pazifist, wollte Lehrer werden und würde bald Vater sein. Die Geburt seines Kindes erlebte er nicht mehr, denn es kam vorher zu seiner ersten und letzten Demonstration.

Die Veranschaulichung, wie brutal SAVAK gegen politisch Andersdenkende und kritische Stimmen vorging, erinnerte die jungen Studenten an das NS-Regime, welches noch nicht lange zurücklag. Für den nächsten Tag meldete der allgemeine Studentenausschuss eine Demonstration gegen die Folter und Tötung politischer Gefangener im Iran bei der Polizei an. Dieser Protest reiht sich in die Mobilisierung der Studentenproteste ein, welche auch durch den Vietnamkrieg in Gang gesetzt wurden. Vor dem Schöneberger Rathaus, wo der Monarch seinen Namen ins goldene Buch der Stadt eintragen sollte, hatten sich bis zu 2.000 Demonstranten mit Plakaten versammelt.

Das groteske Auftreten der „Jubelperser“

Auf der Gegenseite wurden am Tag zuvor 150 Anhänger des Schahs mit Sonderflügen von der iranischen Botschaft nach Westberlin eingeflogen, um ihn jubelnd und klatschend willkommen zu heißen. Sie hielten Bilder und Portraits mit seinem Gesicht auf Holzlatten hoch, die in wenigen Sekunden als Waffen ihren Einsatz finden würden. Kaum war ihr Idol im Rathaus verschwunden, durchbrachen die Gäste die Absperrungen, welche sie von den Demonstranten trennten und als einziger Schutz vor dem dienten, was den Studenten angetan wurde. Als wäre es vorher einstudiert, entfernten sie die Bilder von den Holzlatten und schlugen koordiniert auf die unbewaffneten Demonstranten an. Bei Majestätsbeleidigung zeigten diese Fanatiker keine Nachsicht, auch nicht bei Menschen, die keine Untertanen ihres Schahs sind. Sie gingen als „Jubelperser“ in die Geschichte Deutschlands ein, weil sie von den iranischen Behörden maßgeblich dafür angeheuert wurden. Die Brutalität, die sie an den Tag legten, brachte ihnen medial die Bezeichnung „Knüppelperser“ oder auch „Prügelperser“ ein. Einige wenige aus den eigenen Reihen versuchten anfänglich noch, die Gewaltbereiten aufzuhalten, doch die Wut, mit der sie um sich schlugen, konnte an jenem Tag nur noch von der Polizei übertroffen werden.

Von den 5.000 Polizisten, die an jenem Tag für den Schutz des Kaiserpaars eingesetzt wurden, fehlte zunächst jede Spur, als die deutschen Demonstranten angegriffen wurden. Als die Einheiten dann endlich eintrafen, gingen sie ebenso gewalttätig mit ihren Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor, die zuvor von ihren Angreifern eingekesselt wurden. Die Schah-Anhänger, welche die Gewalt losgetreten hatten, erfuhren weder in Deutschland noch in ihrem Ursprungsland polizeiliche Konsequenzen. Während dieser Prozedur riefen sie ständig „Javid Schah“ (persisch: lang lebe der König), ein Ausruf, den man heute noch von begeisterten Pahlavi-Anhängern auf Kundgebungen für den ersehnten Regime Change hört.

Dieses Schauspiel an Gewalt wirft die Frage auf, wieso die Regierung des Schahs unbedingt so interessiert daran war, diese Menschen mit Sonderflügen nach Deutschland zu bringen. War es die Priorität der Diktatur, den Eindruck nach außen zu erwecken, dass der Monarch sich großer Beliebtheit erfreut? Für den damaligen Bürgermeister Westberlins, Heinrich Albertz, bestand kein Zweifel, dass diese Gäste vom SAVAK für ihr Jubeln bezahlt wurden. Nach seinem Rücktritt setzte er parlamentarische Untersuchungen in Gang und war der festen Überzeugung, dass die Gewalttäter entweder selbst SAVAK-Agenten waren oder von dem Geheimdienst angeheuert wurden, um auch kritische Stimmen in Deutschland zum Schweigen zu bringen. Sowohl das Auswärtige Amt als auch der Bundesnachrichtendienst hätten von der Einreise des SAVAKS gewusst, aber ihn nicht benachrichtigt, wie er in seinem Buch „Am Ende des Weges“ schreibt. Auch äußerte er Reue dafür, dass er zum Zeitpunkt der Gewalt den Demonstrierenden die Schuld an der Eskalation gab.

Anstatt die Protestaktionen zu verstummen, löste die Gewalt der Polizei und der Schah-Anhänger das Gegenteil aus. Bilder von Studenten, die auf dem Boden lagen und trotzdem weiter geschlagen wurden, verbreiteten sich schnell. So kamen noch mehr Leute zum nächsten Protest am Abend desselben Tages.

Der Tathergang

Der Schah selbst wurde nicht mit diesem Vorfall, der in seinem Namen verübt wurde, konfrontiert. Als wäre nichts vorgefallen, hatten der Bundespräsident Heinrich Lübke und der Bürgermeister ihn und seine Frau abends in die Deutsche Oper eingeladen. Genau diese Oper wurde zum Ausgangspunkt, der fliehende Demonstranten zum Tatort führte.

Vor der Oper hatten sich Demonstranten versammelt und hielten regierungskritische Plakate und Transparente hoch, als die Kolonne des Schahs vorbeifuhr. Unter anderem konnte man auch den Namen Mossadegh, Irans ehemaliger Premierminister, auf den Schildern lesen. Er wurde von MI6 und CIA gestürzt, damit der letzte Schah zurückkehren konnte, um mithilfe des SAVAKS seine absolute Monarchie zu gründen.

Die Demonstration wurde gewaltsam aufgelöst, als über Polizeilautsprecher das Gerücht verbreitet wurde, die Demonstranten hätten einen Polizisten erstochen. Daraufhin setzten sie Reizgas und Wasserwerfer ein, was die Demonstranten dazu veranlasste, in alle Richtungen zu fliehen. Polizisten in Zivilkleidung rannten ihnen nach, darunter Ohnesorgs Mörder, der Polizist Karl-Heinz Kurras.

Benno Ohnesorg hatte sich versteckt und wurde Zeuge, wie Polizisten weitere Demonstranten in einen Innenhof zerrten und auf sie einschlugen. Als er zum Hofausgang eilte, schnitten ihm die PKW der Polizeibeamten den Weg ab. Auch er wurde von ihnen festgehalten und geschlagen, bis Karl-Heinz Kurras ihm um 20:30 Uhr in den Hinterkopf schoss. Die Polizisten weigerten sich zunächst, einen Krankenwagen zu rufen, und sogar einem Medizinalassistenten wurde verboten, dem Schwerverletzten Erste Hilfe zu leisten, obwohl er sich ausweisen konnte. Als Ohnesorg dann schließlich in einem Krankenwagen untergebracht wurde, verstarb er auf dem Weg ins Krankenhaus Moabit. Dort wurde an seinem Leichnam operiert und der Kopf wieder zugenäht.

Mangelnde Konsequenzen und Aufarbeitung

Die Obduktion am Tag nach seinem Tod brachte mehr Fragen als Antworten mit sich. Ihm fehlte genau der Teil der Schädeldecke, wo sich das Einschussloch befand. Die Polizei, die ihm das Leben nahm, fahndete erfolglos nach seinem fehlenden Knochen. Zusammen mit anderen Kollegen durfte Kurras selbst sein Werk in der Nacht zum 3. Juni besichtigen.

Der junge persische Assistenzarzt Homayoun T., dessen Familie mit dem Schah befreundet sei, war zum Zeitpunkt der Operation anwesend, als ein Teil von Ohnesorgs Schädel entfernt wurde, schrieb der Journalist Uwe Soukup 2012 für den Tagesspiegel. Demnach soll der persischstämmige Arzt an der mutmaßlichen Vertuschungsaktion beteiligt gewesen sein.

Dadurch fehlte das Indiz, welches hätte beweisen können, dass Karl-Heinz Kurras das Opfer erschossen hatte. Statt Mordes wurde lediglich ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. Trotz zahlreicher Zeugenaussagen wurde er freigesprochen, da ein Gutachten seine eingeschränkte Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit zum Zeitpunkt der Tat feststellte. Wieso er trotzdem im Dienst war und eine Waffe führen durfte, schien keine Fragen an der Authentizität des Gutachtens aufzuwerfen. Nach der Tat war er kurzzeitig vom Dienst beurlaubt, wurde aber 1971 in den Innendienst einberufen und später sogar Kriminaloberkomissar.

Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss stellte schwere Fehler bei der Polizei und der Senatsverwaltung fest. Innensenator Wolfgang Büsch musste aufgrund dessen zurücktreten. Polizeipräsident Erich Duensing hingegen durfte seine vorzeitige Pensionierung beantragen. Er gab den Befehl, die Demonstration mit der „Leberwursttaktik“ gewaltsam aufzulösen. Hinter diesem seltsamen Begriff steckt die Vorgehensweise, in die Mitte einer Demo vorzudringen, damit sie sich an beiden Enden auflöst. Auch Bürgermeister Heinrich Albertz, der zuvor immer wieder betonte, der Tote gehe auf die Demonstranten zurück und dass die Polizei sich bis zur Grenze des Zumutbaren zurückgehalten habe, musste zurücktreten.

Statt Ohnesorgs Familie erhielt der Schah persönlich eine offizielle Entschuldigung für den Vorfall: Im September desselben Jahres entschuldigte sich Bundesinnenminister Paul Lücke im Namen der Bundesregierung bei Schah Mohammed Reza persönlich für die Proteste. Belege, dass Lücke die Verletzten oder den Toten vor dem Monarchen erwähnte, gibt es nicht. Ihr Leid ist nicht von Belang, wenn der absolute Herrscher dem Bundesinnenminister mitteilt, dass er sich persönlich verletzt fühlte, als die Demonstranten von ihrem Recht auf Meinungsäußerung Gebrauch machten. Der Schah plante sogar, die Demonstranten bei deutschen Gerichten zu verklagen, wovon ihn der Innenminister immerhin abhalten konnte. Sollte er in der Tat ein Repräsentant Deutschlands sein, so drängt sich die Frage auf, wieso er einen ausländischen Diktator um Vergebung bittet, weil deutsche Studenten es wagten, ihr Recht auf Versammlungsfreiheit auszuüben. Dass iranische Staatsangehörige auf deutsche Demonstranten losgingen, schien beim diplomatischen Besuch ebenfalls nicht nennenswert zu sein.

Doch in Deutschland blieb dieser tragische Vorfall nicht unbeachtet. Sogar bei Bürgern, die der Studentenbewegung kritisch gegenüberstanden, löste er Empörung aus. Es folgten Protestwellen und Solidaritätsbekundungen. Laut eigenen Angaben trug diese Tat nachhaltig zur Radikalisierung zahlreicher Bürger bei: die „Bewegung 2. Juni“, eine Gruppierung, die später in die RAF überging, beruft sich auf die unverhältnismäßige Gewalt jenes Tages.

Offene Fragen

Was kann man nun von einem Mann [Reza Pahlavi – Anm. d. Red.], der zu diesem Vorfall schweigt, in der Stadt, in der es sich zutrug, erwarten? Wenn man ihm glauben mag, will er Rechtsstaatlichkeit und Demokratie im Iran herstellen, aber eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Familiengeschichte bleibt dabei unverzichtbar. Für Taten, die sein Vater zu verantworten hätte, als er noch ein Kind war, kann er selbstverständlich nichts. Klare Distanzierung und Aufarbeitung muss er beweisen, wenn er das ohnehin schon bröckelnde Vertrauen der Iraner in ihn wiederherstellen will. Seine Billigung und Verteidigung des US-israelischen Angriffskriegs auf den Iran hat ihm bisher Entfremdung bei Iranern sowohl im Land als auch in der Diaspora eingebracht. Er benutzt die im Iran getöteten Demonstranten gerne als Rechtfertigung für einen Regimewechsel mit ihm an der Spitze. Doch wie viel davon ist glaubhaft, wenn er zu anderen getöteten Demonstranten, die auf sein Familienvermächtnis zurückgehen, schweigt?

#Titelbild: Achim Wagner / Shutterstock

Quelle: nachdenkseiten.de… vom 30. April 2026

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