Erdbeben in Venezuela: Der Imperialismus verschärft die Katastrophe
Jannika Ferner. Der Nordwesten Venezuelas wurde von zwei heftigen Erdbeben erschüttert. Während insbesondere die Arbeiterklasse und Arme von den Auswirkungen der Naturkatastrophe betroffen sind, nutzt der US-Imperialismus die Gelegenheit, um seinen Einfluss weiter auszudehnen.
Am Mittwoch wurde der Nordwesten Venezuelas von zwei heftigen Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 sowie über 20 Nachbeben erschüttert. Die Auswirkungen der Beben, wovon eines das stärkste im Land seit über einem Jahrhundert war, sind bereits jetzt verheerend, obwohl das ganze Ausmaß noch nicht erfassbar ist. Selbst über Hundert Kilometer von den Epizentren der Erdbeben entfernt, kam es zu Gebäudeeinstürzen, wie in der Hauptstadt Caracas. Der Zugverkehr wurde landesweit eingestellt und die derzeitige Präsidentin Delcy Rodríguez verhängte den Ausnahmezustand. Bislang liegt die Zahl der Todesopfer bei mindestens 589, unzählige Menschen sind aber noch vermisst und unter Trümmern begraben. Mit einem Modell prognostizieren Expert:innen für eine Erschütterung dieser Stärke mehrere Tausend Todesopfer.
Dass die Auswirkungen der Erdbeben das Land in solcher Härte treffen, hat auch mit mangelndem Katastrophenschutz zu tun. Das wirtschaftlich durch den Imperialismus ausgebeutete Venezuela hat insbesondere in den ländlichen Regionen kaum Kapazitäten, was Katastrophenschutz angeht. Zudem mangelt es an medizinischer Versorgung sowie Möglichkeiten zur schnellen Koordinierung und Transport von Hilfsgütern. Doch während das Erdbeben als Naturkatastrophe nicht zwischen arm und reich unterscheidet, trifft es sie nicht mit den gleichen Auswirkungen: ein Großteil der Zerstörung konzentriert sich in Arbeiter – und Armenvierteln, wo sich der Verfall der Infrastruktur, die Krise der öffentlichen Versorgung und die Verschlechterung der Lebensbedingungen über Jahre hinweg zugespitzt haben. Mangelnde Instandhaltung und fehlende Investitionen in eine erdbebensichere Infrastruktur haben dazu geführt, dass diese Viertel viel stärker zerstört wurden.
In Venezuela leben laut ENCOVI 2025 68,5 Prozent der Haushalte in Armut und fast ein Drittel in extremer Armut. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist dabei von mehrdimensionaler Armut betroffen, also Armut, die nicht nur mit dem Einkommen zusammenhängt, sondern auch mit Unzulänglichkeiten in den Bereichen Wohnen, Gesundheit, Bildung, Arbeit und Grundversorgung. Beispielsweise verfügt nur eine Minderheit der Haushalte über eine kontinuierliche Wasserversorgung. Für Arbeiterfamilien, die ohnehin schon mit unzureichenden Löhnen, zusammengebrochenen Versorgungssystemen und kaum Zugang zu sicherem Wohnraum zu kämpfen hatten, verschärft die Zerstörung durch das Beben ihre ohnehin schon schwierige Lage. Wer bereits in prekären Verhältnissen lebt, ist größeren Risiken ausgesetzt, hat schlechtere Evakuierungsmöglichkeiten und steht vor größeren Hindernissen beim Wiederaufbau seines Lebens.
Venezuela steckt seit Jahren in einer Wirtschaftskrise, die von den Auswirkungen der von den Vereinigten Staaten verhängten Blockade und Sanktionen geprägt ist. Dadurch ist die Reaktionsfähigkeit auf Notfälle dieser Größenordnung stark eingeschränkt. Doch es stellt sich nicht nur die Frage nach der unmittelbaren Hilfe, sondern auch danach, wer den Wiederaufbau finanzieren wird und unter welchen Bedingungen. Zahlreiche Länder, darunter auch die Vereinigten Staaten unter Donald Trump, haben Venezuela bereits Hilfe zugesagt. Dies geschieht jedoch nicht aus altruistischem Humanitarismus. Der selbe US-Imperialismus, der Venezuela nun sofortige Hilfsmaßnahmen anbietet, hat zu Beginn des Jahres den venezolanischen Präsidenten entführt, zivile venezolanische Boote angegriffen und Venezuela durch Wirtschaftsblockaden und imperialistische Ausbeutung erst in die prekäre Lage gebracht, nicht aus eigenen Mitteln in der Lage zu sein, die jetzige Katastrophe zu bewältigen. Die angebotene Unterstützung der Vereinigten Staaten muss klar als ein weiterer Versuch, den Einfluss auf Venezuela auszuweiten, benannt werden. Die humanitäre Hilfe im Rahmen der Blockade und der Sanktionen ist ein Instrument zur Druckausübung und zur Konditionierung.
Quelle: klassegegenklasse.org… vom 27. Juni 2026
Tags: Imperialismus, Naturkatastrophen, Neoliberalismus, Politische Ökonomie, USA, Venezuela











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