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Ernest Mandel: Die Strategie der Übergangsforderungen

Eingereicht on 20. Juli 2020 – 11:52

Dieser Aufsatz von Ernest Mandel wurde erstmals im Buch «Wege zur veränderten Gesellschaft – Politische Strategien», herausgegeben und eingeleitet von Hendrick Bussieck, S. Fischer-Taschenbuchverlag, 1971 publiziert und dann im Sammelband Ernest Mandel: Revolutionäre Strategien im 20. Jahrhundert. Europaverlag, Wien, München, Zürich, 1978.

Durch die ganze Geschichte der modernen Arbeiterbewegung Westeuropas zieht sich wie ein roter Faden ein praktischer Bruch zwischen Tagesforderungen und Tageskämpfen einerseits und dem Kampf um das Endziel (oder um die Eroberung der politischen Macht als Vermittlung zum Endziel) andererseits. Nur in seltenen Augenblicken, wie etwa in den Tagen der November-Revolution, der schweren Krise im Jahre 1923 in Deutschland oder den ersten Tagen und Wochen der Reaktion der spanischen Arbeiterklasse auf den faschistischen Militärputsch im Jahre 1936, fand eine bestimmte Verschmelzung zwischen beiden statt.

Gewiss waren die Tagesforderungen nicht immer rein ökonomischer Natur. Es gab grosse Kämpfe für das allgemeine Wahlrecht (inklusive Generalstreiks z. B. in Belgien und Österreich); bedeutsame Kämpfe zur Abwehr reaktionärer Angriffe auf die demokratischen Freiheiten (Generalstreik gegen den Kapp­Putsch in Deutschland, gegen die Rückkehr von Leopold III. in Belgien), ja sogar Massenbewegungen gegen Kriege oder Kriegsgefahr (man hat es heute schon vergessen: Beispiel Italien 1911 und 1912). Oder man denke an die politischen Massenstreiks in Grossbritannien gegen das geplante Antistreikgesetz der Heath­Regierung.

Aber kennzeichnend für all diese Kämpfe um Sofortforderungen ist, dass ihre Verwirklichung das Bestehen der kapitalistischen Produktionsweise nicht unmittelbar in Frage stellt. Wie stark auch der Widerstand der bürgerlichen Klasse gegen die Gewährung jener Forderungen sein möge, wie sehr die Kapitalisten auch jammern mögen, soundso viel Prozent Lohnerhöhungen bringe sie an den Rand des Bankrotts: letzten Endes hat der Kapitalismus alle diese Kampfe überstanden und wird sie auch weiter überstehen, weil sie nicht die beiden entscheidenden Nervenzentren der bürgerlichen Gesellschaf t angreifen : die Verfügungsgewalt des Kapitals über Produktionsmittel und Arbeitskraft einerseits und den bürgerlichen Staatsapparat, die politische Macht des Kapitals andererseits.

Eine Illusion, die in der Geschichte der Klassenkämpfe der modernen Gesellschaft immer wiederkehrt, liegt darin, zu glauben, nun sei der Punkt gekommen, an dem der Kapitalismus so morsch geworden sei, dass er 10 (oder 15 oder 20) Prozent Lohnerhöhung oder eine Kürzung des Normalarbeitstages um eine weitere Stunde einfach nicht verdauen kann, und an dem deshalb der Kampf für diese Forderungen zwangsläufig zum Sturz des Kapitalismus führen muss. Die Geschichte hat immer wieder die Irrigkeit dieser Argumentation aufgedeckt. Nicht etwa, dass es keine durch Konjunktur- oder Strukturkrisen bedingte Situationen gäbe, in der tatsächlich eine bedeutsame Lohnerhöhung die letzte Substanz des Mehrwerts antasten würde (z. B. in der Zeit der grossen Weltwirtschaftskrise 1929-1932). In solchen Situationen wird die Kapitalistenklasse normalerweise jene Sofortforderung in keinem Fall zugestehen – auch bei hartem Kampf nicht (eine andere Frage ist allerdings, ob solche Situationen für den Kampf um ökonomische Sofortforderungen überhaupt günstige Bedingungen schaffen).

Den ganzen Aufsatz lesen: Ernest Mandel Übergangsforderungen

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